Equipment und Konzept der Tour von Annett Louisan

Annett Louisan auf der Bühne
Annett Louisan mit ihrer Band auf der Bühne (Bild: Jörg Küster)

Mit eindrücklichen Songs und außergewöhnlich gutem Sound begeisterten Annett Louisan und ihre Band im Frühjahr 2017 in der Bochumer Jahrhunderthalle: „Man kann auch sitzend in Ekstase geraten“, ließ die schwangere Sängerin zu Beginn der Show verlauten und hatte damit unversehens das den Abend perfekt charakterisierende Bonmot kreiert – beschallt über ein Nexo STM von Sound Linear.

Mit einer charmanten Melange aus Pop und Chanson sowie einer eigenwilligen Stimme hat sich Annett Louisan eine eingeschworene Fangemeinde erarbeitet. Die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Sängerin nahm 2016 an der dritten Staffel der Fernsehsendung „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ teil und veröffentlichte passend dazu ein Album („Berlin, Kapstadt, Prag“) mit Coverversionen bekannter deutschsprachiger Pop-/Rocksongs. Im Frühjahr 2017 begab sich Annett Louisan trotz Sechsmonats-Babybauch („Mein kleiner Passagier ist mit dabei …“) auf eine ausgedehnte Deutschlandtournee – wir hörten uns ein Konzert in der bestuhlten Bochumer Jahrhunderthalle an.

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„Ehrlich ist ehrlich!“

Mit der technischen Ausstattung der Tournee war die Sound Linear GmbH aus Paderborn beauftragt, die bei den Konzerten durch Guido Sehrbrock (Monitor) und Sarah Fuhr (System) vertreten wurde. Für die FOH-Mischung trug Hubertus Mohr Verantwortung. Guido Sehrbrock (58) ist seit rund 40 Jahren in der Branche tätig, und die Spanne der Künstler, die er bereits am FOH oder als Monitormischer betreut hat, reicht von Bo Diddley bis zu MC Fitti. Privat ist Sehrbrock eher Klängen der härteren Gangart zugeneigt – auf die Frage, wie sich das Faible für harten Rock mit Chansons à la Annett Louisan verträgt, gab der Monitormischer eine überraschende Antwort: „Das ist für mich dasselbe – ehrlich ist ehrlich!“

» Auf der aktuellen Tournee sind 96 kHz kein Thema, und ich frage mich auch immer, wer den Unterschied zur normalen Abtastrate bei einem Live-Konzert wirklich hört?«

Digitaler Signalfluss am Monitorplatz

Bühne mit Instromenten
Bei den Musikern handelte es sich vielfach um Multiinstrumentalisten – entsprechend viele Kanäle kamen am Pult zusammen (Bild: Jörg Küster)

 

Für Annett Louisan arbeitet Guido Sehrbrock seit dem Jahr 2005 – auf der aktuellen Tournee saß er seitlich der Bühne am Monitorpult, bei dem es um ein von Sound Linear un – mittelbar vor Beginn der Konzertreihe angeschafftes Digico SD12 handelte. Zu mischen waren eine fünfköpfige Band und die Sängerin, wobei es sich bei den Musikern vielfach um Multiinstrumentalisten handelte und entsprechend viele Kanäle zusammenkamen. Überraschenderweise wird der Lead-Gesang von einer dynamischen Kapsel übertragen: Zum Einsatz kommt eine
Sennheiser MD 5235 NI mit nierenfömiger Richtcharakteristik an einem Handsender SKM 5000 – die Kombination ist landläufig als „Rockheiser“ bekannt und wurde auf der Tournee mit einem Empfänger EM 3732 betrieben. Die Überlegung, dass sich für Louisans Stimme tendenziell eine Kondensatorkapsel anbieten würde, bedenkt der Monitormischer mit den Worten „totaler Bullshit“: „Sie klebt am Mikrofon und klingt mit der dynamischen Kapsel super!“, so Sehrbrock. Anzumerken wäre in diesem Zusammenhang, dass die Band am Abend absolut diszipliniert und vergleichsweise leise spielte.

Simens Wireless System
Wireless-Technik von Sennheiser (Bild: Jörg Küster)

 

„Ob ich eine SD8 oder eine SD12 am Monitorplatz stehen habe, interessiert mich letztlich nicht“, so Guido Sehrbrock zum Monitorplatz. „Persönlichbesitze ich eine gewisse Vorliebe für Digico-Pulte, da sie bezüglich des Handlings sehr angenehm sind. Auf der aktuellen Tournee sind 96 kHz kein Thema, und ich frage mich auch immer, wer den Unterschied zur normalen Abtastrate bei einem Live-Konzert wirklich hört? Die schnelleren Durchlaufzeiten fallen für mich eben- falls nicht wirklich ins Gewicht – das Pult muss funktionieren, der Rest interessiert mich nicht!“ Die Szenenautomation bemühte Guido Sehrbrock während der Show nicht, sondern fuhr das gesamte Konzert händisch ausgehend von einer Grundeinstellung. In die Digico SD12 wurde während der laufenden Tournee ein Firmware-Update eingespielt, das kleinere Probleme mit der eingebauten Dante-Karte behob: Letztere versorgte die Systemverstärker der Nexo-Monitoranlage, so dass ein vollständig digitaler Signalfluss von der initialen A/D-Wandlung bis in die Endstufen realisiert werden konnte. Platz in den Ampracks fanden Nexo NXAMP4X1-Verstärker mit DMU Digital Meter Units und DPU Digital Patching Units sowie Netgear Gigabit-Switches.Ampracks mit Nexo NXAMP4X1-Verstärker mit DMU Digital Meter Units und DPU Digital Patching Units sowie Netgear Gigabit-Switches°

 Nexo NXAMP4X1-Verstärker

Ampracks mit Nexo NXAMP4X1-Verstärker mit DMU Digital Meter Units und DPU Digital Patching Units sowie Netgear Gigabit-Switches°

Beschallung mit Nexo

Die Links/Rechts-Beschallung setzte auf Line-Arrays von Nexo, die aus Beständen von Sound Linear stammten. Pro Seite kamen in Bochum drei geflogene Bässe STM B112 zum Einsatz, unter denen neun STM M28 Omni-Purpose-Module waren. Auf dem Boden sorgten 2 × 4 STM S118 Sub für eine tieffrequente Ergänzung, welche in Bochum aufgrund der örtlichen Gegebenheiten mit einem omnidirektionalen Pattern gefahren wurden. Die vorderen Publikums – reihen wurden mit sechs Nexo GEO S8 versorgt.

»Gute Musiker sind die halbe Miete«.

Auf der Bühne fanden die in der Szene gerne als „Käseecken“ bezeichneten Nexo 45N-12 Verwendung, und auch zwei Sidefills (Nexo PS15 Bass & PS15 Topteil) kamen für das Monitoring zum Einsatz. Drei der beteiligten Musiker bestanden auf Wedges, was letztlich dazu führte, dass auch ihre Kollegen mit konventionellen Monitoren beschallt wurden. Annett Louisan wurde ebenfalls mit zwei Wedges versorgt, nutzte zusätzlich aber eine drahtlose In-Ear-Lösung auf Basis der 2000er-Serie (Stereo-Transmitter SR 2050 IEM) von Sennheiser. Das Akkordeon wurde mit einem angeklebten Miniaturmikrofon DPA 4061 samt Sennheiser-Taschensender abgenommen.

Sound-System
Pro Seite kamen in Bochum drei geflogene Bässe STM B112 zum Einsatz, darunter neun STM M28 Omni-Purpose-Module (Bild: Jörg Küster)

 

Die Nexo-PA konnte nicht bei allen Konzerten der Tournee eingesetzt werden: „In der Düsseldorfer Tonhalle beispielsweise ist die Beschallung gesetzt“, erläuterte Guido Sehrbrock. „Wenn unsere Nexo-Anlage bei einzelnen Konzerten der Tournee nicht zum Einsatz kam, gab es dafür ausschließlich logistische Beweggründe.“ Sofern möglich, wurden bei den betreffenden Shows vier Signale (links/rechts/Sub/Nearfill) an die Hausanlage übergeben, wobei zusätzliche langeinstellungen über die mitgeführte FOH-Konsole vorgenommen wurden. Häufig wurden bei derlei Gelegenheiten die eigenen Nexo-Subbässe hinzugestellt, um die gewohnte Bassstruktur unabhängig von der Location erhalten zu können. Guido Sehrbrock betonte, dass sich angesichts der Qualität der heute verfügbaren Beschallungssysteme Diskussionen über den Sound einzelner Komponenten oft in einem philosophischen Rahmen bewegen und viel mit persönlichen Vorlieben zu tun haben: „Habe ich einen guten Techniker, habe ich eine gute PA – habe ich einen Idioten als Systemer,
klingt die PA scheiße!“, fasste der erfahrene Mischer prägnant zusammen.

Sound-System auf dem Boden
Nexo STM S118 Sub auf dem Boden sorgten für eine tieffrequente Ergänzung (Bild: Jörg Küster)

 

Beim Konzert in Bochum konnte man klanglich von einer sehr angenehmen Präsenz sprechen, die im Kontext mit fein gezeichneten Höhen und einer exzellenten Dynamikreproduktion auf ganzer Linie zu gefallen wusste: Das Spiel des Drummers mit dem Besen war in allen Nuancen ein akustischer Genuss, und auch silbrig tönende Becken mit klarer Differenzierung zwischen Spiel auf der Kuppe oder am Rand konnten überzeugen. Ähnliches galt für die Stahlsaiten der Westerngitarre sowie diverse andere Zupfinstrumente. Annett
Louisans durchaus spezielle Stimme trifft auch im Live- Kontext zwar nicht den persönlichen Geschmack des Autors trat beim Konzert jedoch rein klangbezogen nicht unangenehm auf, sondern war präsent, die Sprachverständlichkeit exzellent. Auch auf weiter hinten gelegenen Tribünenplätzen waren die Lead-Vocals „da“, und lediglich in den hintersten Reihen der steil ansteigenden Tribüne war allgemein ein leichter Abfall der wahrgenommenen Direktheit zu verzeichnen. Übergreifend gefiel beim Sound die Tiefenstaffelung, welche durch den Einsatz unterschiedlicher Hallraumprogramme erzielt wurde. Der Klang wirkte an unterschiedlichen Positionen der Halle in einem positiven Sinn gleichförmig – ein großes Lob an das Audioteam, das von den versierten Musikern allerdings auch wirklich brauchbare Signale mit fein abgestufter Spieldynamik und perfekt an die Lead-Stimme angepassten Arrangements erhielt. „Gute Musiker sind die halbe Miete“, räumte FOH-Mischer Hubertus Mohr bescheiden ein.

FOH-Mischung

Hubertus Mohr mischte das Konzert auf einer Digico SD8- Konsole und nutzte im Gegensatz zu seinem Monitorkollegen Outboard-Equipment, um den Sound nach seinen Wünschen zu formen. Für die Stimme von Annett Louisan kam ein SPL Channel One mit Lundahl-Übertragern zum Einsatz, der in den Gesangskanalzug über einen Insert eingeschleift war: „Das ist seit fast zwei Jahrzehnten mein Tool der Wahl für jede Stimme“, kommentierte Hubertus Mohr. „Das Gerät bringt den Gesang richtig nach vorne und verstärkt den Eindruck von Nähe, der bei Annett Louisan absolut erwünscht ist. Annett verfügt über eine unheimlich facettenreiche Stimme und variiert stark mit den Mikrofonabständen, so dass ich während der Show mit dem Gesang durchaus gut  beschäftigt bin. Vom Channel One nutze ich sowohl den
Kompressor als auch den eingebauten De-Esser, der mir immer schon besonders gut gefallen hat – die Regelung wirkt sehr natürlich und angenehm, ohne das Signal übermäßig zu beeinträchtigen. Nicht zu vernachlässigen ist derUmstand, dass ich dank der Geräteoberfläche einfach mit der rechten Hand auf die Regelung zugreifen kann und mich nicht durch irgendwelche Menüs hangeln muss. Es geht aber nicht nur um den direkten Zugriff, sondern auch klanglich ist der De-Esser im Channel One konkurrierenden Digitalprodukten für meinen Geschmack klar überlegen.“

 Nexo NXAMP4X1-Verstärker
Ampracks mit Nexo NXAMP4X1-Verstärker mit DMU Digital Meter Units und DPU Digital Patching Units sowie Netgear Gigabit-Switches (Bild: Jörg Küster)

 

Trotz des Lobs für das analoge Gerät setzt Hubertus Mohr ansonsten in puncto Outboard auf moderne Digitaltechnologie, wie ein Universal Audio „Apollo Firewire“-Interface mit UAD-2 QUAD DSP Accelerator Package beweist. Bis zu sechs unterschiedliche Halleffekte (u. a. Lexicon 224, AMS RMX 16, EMT 140) wurden beim Konzert mithilfe des Prozessors erzeugt, und auch Insert-Effekte wurden via MADI-Verbindung (MotU M64 Interface) in Anspruch genommen. „Ich bin ein großer Fan der UAD-Emulationen und habe bislang noch bei keinem digitalen Mischpult Halleffekte entdeckt, die an diese Qualität heranreichen“, erklärte Mohr. „Auch die Kompressoren sind sehr hochwertig: Für den Bass etwa verwende ich die Emulation eines dbx 160, welcher eine schnelle Regelcharakteristik aufweist und dem Klang einen ganz eigenen Charakter verleiht. Insgesamt ist es natürlich auch sehr praktisch, für die verschiedenen von mir betreuten Musikformationen unterschiedliche Settings abrufen zu können und alle Geräte beziehungsweise deren Emulationen in einem gut transportablen Rack zur Verfügung zu haben.

Eine besondere Herausforderung bei der Mischung dürfte  der enorme Dynamikumfang der musikalischen Darbietung gewesen sein – von flüsterleisen Passagen, bei denen man quasi eine Stecknadel in der Halle hätte fallen hören, bis zu kurzzeitigen Spitzen „mit Vollgas“ war beim Konzert die gesamte Bandbreite vertreten.

 

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