Praktische Veranstaltungskunde: Richtig Flächen einleuchten!

Bühnenbeleuchtung: Die Fläche richtig einleuchten!

Die Scheinwerfer hängen und sind einsatzbereit. Das Bühnenbild steht und nun sollen die Scheinwerfer ausgerichtet werden. Stellt sich die Frage: Wohin und wie sollen die jetzt idealerweise leuchten? Wir zeigen anhand eines Beispiels, wie man sich der Lösung nähert.

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Die Arbeitsweisen bei einer Show, im Studio oder im Theater unterscheiden sich selbstverständlich. Auch ist das Bedienen von Encodern bei motorischen Scheinwerfern eine andere Tätigkeit, als das Einschieben eines Blendenschiebers an einem Profilscheinwerfer. Dennoch gibt es grundlegende Techniken, die man zum Einleuchten einsetzt. Wir gehen hier von der altbewährten Handarbeit aus, welche dann im automatisierten Betrieb auf elektrische Stellgrößen adaptiert werden kann. Als Umfeld wählen wir das Theater.

Fläche zuerst

Zwingend notwendig ist das Wissen, welche und wie viele Scheinwerfer man hat und wo diese positioniert sind. Im günstigsten Fall hat man sowohl einen Beleuchtungsplan als auch einen Regisseur oder Lichtdesigner, der sich schon im Vorfeld Gedanken gemacht hat, mit welchem Scheinwerfer man die benötigten Aufgaben erledigen kann. Manchmal hat man jedoch nur den Plan mit den Scheinwerfern und eine Excel-Liste mit den Angaben, was der Scheinwerfer ausleuchten soll – dort steht dann z. B. einfach notiert „Fläche“. Im schlechtesten Fall hat man all dies nicht und muss sich selbst weiterhelfen. Man fängt an und sucht sich Gruppen von Scheinwerfern her – aus, die zur gleichen Aufgabe genutzt bzw. definiert werden können oder wurden, wie z. B. die Fläche der Vorbühne auszuleuchten. Fangen wir also mit der „Fläche“ an – diese ist am besten einzuleuchten, wenn man zu viert ist: Einer bedient das Stellwerk, der Zweite ist im Zuschauerraum und gibt die Anweisungen bzw. korrigiert den Lichtwurf, der Dritte steht auf der Bühne bzw. Szenenfläche und dient als „Projektionsfläche“, wie das Licht auf einer Person erscheint, während der Vierte direkt am einzuleuchtenden Scheinwerfer einrichtet. Natürlich hat man einen solchen „Einleucht-Luxus“ nicht oft, sodass man sich mit einem Nebenpult oder einer Fernbedienung aushelfen muss / kann. Für den Kollegen, welcher als Projektionsfläche auf der Bühne dient, kann man sich auch mit einem vergleichbar großen Gegenstand aushelfen, wie einer Schaufensterpuppe. Das Licht selbst sollte man aus dem Zuschauerraum beurteilen, da dort nachher das Ergebnis stimmen muss.

Die 15, bitte

Auch wenn wir von „Flächen“ sprechen, meinen wir nicht, dass wir den Boden beleuchten wollen. Sicher gibt es auch das Anliegen den Boden zu beleuchten oder sogar mit Hilfe von Gobos zu gestalten, indem man z. B. Breakup-Gobos für einen Blätterwald einsetzt. Das zählen wir aber zu den Effekten. Wenn wir von Flächen reden, dann meinen wir die Spielflächen, auf denen sich letztendlich der Künstler bewegen wird. Wir fangen in der Mitte an, indem wir den auszuleuchtenden Kollegen bitten sich in die Mitte zu stellen. Dann rufen wir die Nummer des dazu vorgesehenen Scheinwerfers auf und ziehen diesen auf 80 %. In der Regel sollte man Scheinwerfer mit Halogenleuchtmittel nur mit 80 % Intensität nutzen, da im leicht gedimmten Zustand die Wendel des Leuchtmittels ein wenig robuster gegen mechanische Erschütterungen ist. Diese geschehen gerade bei ruckelnder Linsenführung oder klemmenden Blendenschieber immer wieder; so versucht man die Gefahr des Wendelbruches ein wenig zu minimieren. Nun richten wir diesen Scheinwerfer, der sich – wie wir aus der letzten Serie wissen – im 45°-Winkel seitlich wie oberhalb der Position befinden sollte, auf den auszuleuchtenden Kollegen aus. Dabei zielt man mit dem Lichtzentrum auf den Kopf des auszuleuchtenden Kollegen. Das hat den Grund, dass das meiste Licht bei einem gut justierten Scheinwerfer mittig ist. Wenn die Probeperson eine Hand über den Kopf bewegt und diese Hand auch gut beleuchtet ist, kann auch ein vielleicht etwas größerer Schauspieler gut im Lichtkegel stehen. Damit hätten wir digital gesprochen Pan und Tilt eingerichtet. Aber mit welchem Abstrahlwinkel ist nun der Scheinwerfer einzustellen? Wenn man den Scheinwerfer z. B. sehr eng zieht, erhält man eine sehr hohe Lichtintensität. Das wird oft benötigt, um eine Person an einer bestimmten Position (z. B. im Sitzen) deutlich gegenüber dem Umgebungslicht hervorzuheben. Wir sprechen dann aber auch vom Personen- oder im entfernten Sinn auch Führungslicht. Für unsere Aufgabe, die Spielfläche zu beleuchten, wollen wir aber dem Schauspieler ermöglichen, frei durch den Raum zu gehen. Folglich werden wir den Beam zwar größer gestalten, aber jedoch nicht zu groß, damit der Scheinwerfer nicht gleich alles beleuchtet.

Nahtloses Ausleuchten

Es gilt nun, einen möglichst nahtlosen Übergang von dem einen Lichtkegel zum nächsten zu schaffen. Aber zuvor stellt sich der auszuleuchtende Kollege auf die nebenliegende Flächenposition. Auch hier wird das Zentrum auf den Kopf ausgerichtet. Die Lichtkegelgröße soll nun ähnlich wie beim vorigen Scheinwerfer eingestellt sein. Jedoch noch wichtiger ist, dass der Übergang von einem Scheinwerfer zum anderen möglichst nahtlos ist. Dazu bewegt sich der auszuleuchtende Kollege von der einen Flächenposition zur anderen. Verwendet man für diese Aufgabe Fresnel-Linsenscheinwerfer, hat man keine harten Kanten vom Lichtkegel zu erwarten. Deshalb wird dieser Scheinwerfertyp auch gerne in Mehrzweckhallen, Fernsehstudios oder Industriepräsentationen eingesetzt. Hat man es dagegen mit einem Profilscheinwerfer zu tun, dann hilft es oft einfach den Zoom so zu verstellen, dass die Lichtkegel-Kanten unscharf gezogen sind.Damit verhindert man wirkungsvoll, dass der Schauspieler einen blauen oder gelben Bogen im Gesicht bekommt, wenn er von einem Lichtkegel in den anderen läuft. Sehr oft wird auch ein Hamburger Frost in den Profiler eingesetzt, um den Übergang weicher zu gestalten. So wird nun ein Scheinwerfer neben den anderen gelegt, und der auszuleuchtende Kollege sollte zum Schluss den ganzen Weg vonlinks nach rechts ablaufen, damit man vom Zuschauerraum aus beurteilen kann, ob die Übergänge von einem Lichtkegel zum anderen akzeptabel sind. Hilfreich kann es auch sein, wenn der Kollege auf der Bühne – mit einer Sonnenbrille gewappnet – in die Scheinwerfer guckt, während er die Positionen abläuft. Denn so kann er sofort erkennen, wo noch Lücken in den Übergängen sind. Nach diesem Schema gehen wir jetzt auch vor, um in der Tiefe die Fläche lückenlos auszuleuchten.

Aufreißen

Gerade wenn man in Spielstätten leuchten muss, die keine Gassen in den Seitenbühnen aufweisen, sondern wo direkt die Bausubstanz oder das Bühnenbild mit Aufbauten die Szenenfläche begrenzen, muss man auspassen, dass man nicht die Wände mit beleuchtet. Der Grund ist einfach: Die Aufmerksamkeit soll auf den Schauspieler gelenkt werden. Hier kommen dann die Torklappen oder Blendenschieber zum Einsatz, wenn man den Lichtkegel in seinen Dimensionen nicht entsprechend klein setzen kann, um den Aktionsbereichs des Schauspielers noch zu beleuchten – aber eben nicht auf die Seitenwand treffen darf. Auch dieBühnenvorderkante bzw. Frontseite sollte nicht mit Lichtkegelausläufern beleuchtet werden. Hier findet man auch den Grund, weshalb auf den Z-Brücken gerne Profilscheinwerfereingesetzt werden, da die Bühnenkante mit ihnen sehr scharf ausgeblendet werden kann. In der Regel entscheidet man sich für die weichere Einstellung, wenn man einmal einen weichen Übergang zwischen den Profilscheinwerfern auf der Bühne selbst haben möchte, aber eine scharfe abgegrenzte Ausblendung der Bühnenvorderkante bzw. der Dekorationen oder Seitenbereiche. Ein Lichtsprung – oder noch viel störender: ein Farbrand im Gesicht des Schauspielers – sind nicht akzeptabel, wenn er sich auf der Bühne von Punkt A nach B bewegt.

Streulicht

Unter Streulicht verstehen wir ungewolltes Licht, das den Scheinwerfer weit außerhalb des Lichtkegels verlässt. Es werden durchaus Scheinwerfer nach ihrem Streulichtverhalten ausgesucht: Wenn man z. B. aus der Rinne heraus auf die Bühne leuchtet und der Zuschauer auf einmal ein mit Streulicht beleuchtetes Bühnenportal sehen kann, ist ihm wieder ein wenig Illusion oder Konzentration auf das Wesentliche genommen worden. Hier helfen nur gute Scheinwerfer mit geringem Streulichtverhalten oder zur Not ein langes Tophead.

Korrekturen notieren

Sehr oft merkt man erst beim Einleuchten: Was man sich vorher am grünen Tisch ausgedacht hat, lässt sich in der Realität nicht umsetzen. So wird z. B. ein weiterer Scheinwerfer benötigt, um Lücken in der Fläche zu schließen, weil man mit den vorhandenen Scheinwerfern durch Größerziehen zu viel ausgerissen hätte (also zu viel Umgebung mit angeleuchtet hätte, die z. B. in manchen Szenen nicht sichtbar sein soll) oder die Lichtintensität durch das Öffnen des Abstrahlwinkels zu stark nachgelassen hat. Diese Maß- nahmen, wie das nachträgliche Einbringen eines weiteren Scheinwerfers kosten natürlich viel Zeit, da dieser erst aus dem Lager geholt, auf einen Versatz angeschlossen und dann noch in das Pult gepatcht werden muss. Jedoch ist dies manchmal nicht zu um – gehen, weil sich die Dekoration geändert oder man einfach nicht an die hängenden Lautsprecher gedacht hat, die nun einen Teil abschatten. Wird das Stück öfter aufgeführt, sind die gewonnen Erfahrungen bzw. Einstellungen der Scheinwerfer zu notieren. Hier sind die Werte von den Skalen an Pan und Tilt-Achse sowie Linsen-Stellungen für den Abstrahlwinkel sehr vorteilhaft. Aber auch Notizen wie „20 cm vor dem linken Podest auftreffen“ können beim erneuten Einrichten sehr hilfreich sein. Bei einem festen Set, bei dem die Abmessungen nicht von Bühne zu Bühne variieren, kann man auch die Auftreffpunkte notieren, wenn man die Bühnenfläche mit einem Abmessungsraster überzieht. Es ist immer vorteilhaft bei wechselnden Abmessungen, die Standorte und Laufwege der Schauspieler im Plan bzw. auf die Bühne zu übertragen bzw. im Plan zu notieren, damit sich unser auszuleuchtender Kollege beim Einleuchten dort genau positionieren kann und wir unseren Scheinwerfer darauf hin ausrichten können.

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  1. Wie kommt der Plan aufs Papier? › Production Partner

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