Industrie und Präsentation

To bass or not to bass?

Ein kraftvolles Low-End ist bei Rock-Konzerten selbstverständlich. Aber wie sieht es bei Präsentationen oder Industrie-Events aus?

Soundinstallation des Musikproduzenten Jens Eckhoff
Soundinstallation des Musikproduzenten Jens Eckhoff: Subwoofer verbesserten den emotionalen Eindruck (Bild: Ingmar Vater)

Worin unterscheiden sich Beschallungskonzepte von Konzert- und Industrieveranstaltungen? Bei Konzerten steht sicherlich die Performance im Vordergrund. Und es ist relativ egal, ob da lange „Bananen“ hängen oder überall „schwarze Kisten“ herumstehen. Außerdem bieten die bespielten Hallen oft die Möglichkeit, Tonnen von Gewicht zu fliegen: Wichtig ist, dass es funktioniert und die Band gut rüberkommt. In aller Regel gibt es bei Konzerten nach wie vor ein klassisches Links/Rechts-Setup mit Subwoofern in unterschiedlichen Aufstellungsvariationen vor oder neben der Bühne. Die heutige Systemabstimmung aber wurde erst im Zeitalter der nahezu unbegrenzt zur Verfügung stehenden DSP-Power möglich. Früher war man noch froh, wenn man überhaupt die am Boden stehenden Subwoofer im Verhältnis zur geflogenen PA timealignen konnte. Heutzutage ist es leicht, in einem Cardioid- oder Endfire-Array jedem Bass einen Controller-Kanal zuzuweisen. Nicht zu unterschätzen ist natürlich der Aufwand, bis hin zur Verkabelung: Für jeden Lautsprecherweg ein Kupferkabel mit XLR oder Multipin-Stecker und Peitschen bedeutet einen anderen Aufwand als ein Netzwerkkabel mit Dante für ein gesamtes Rack.

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Sub-Konzepte: auf die Situation kommt es an

Schon zur Rocksound-Philosophie gehörte, ein in sich stimmiges Fullrange-System mit einem Stereomix zu füttern. Davon abweichend findet man die Subwoofer häufig auf einem Aux-Weg: Die Subwoofer werden nur mit den Instrumenten angesteuert, die auch Tiefbass-Anteile haben (Kickdrum, Bass, Synths). Vocals, Gitarren und Bläser werden ohne Sub gefahren. Für einen Bandmix finde ich das persönlich nicht so gut (setze aber ein solches AUX-Konzept gerne bei TV-Shows ein). Aber nicht nur Bässe werden über Aux-Wege angefahren. Gerd Knüttel nutzte schon bei Westernhagen gerne einen Centercluster, über den nur Marius’ Stimme lief, um dem so wichtigen Gesang mehr Durchsetzungskraft zu geben: Er meinte, dass dafür selbst bei einem Stadion-Openair eine einzige 2-Weg-Box wie die VT112 ausreiche… letztlich war die berühmte Wall of sound von Greatful Death ja auch so ein Aux-Konzept in Extremform. Ungewöhnliche Wege findet man auch bei Ausstellungen, wie der Pink Floyd Exhibition in London: Dort werden in einer 3D-Beschallung die Subbässe mit den Lauptlautsprechern zu Fullrange-Einheiten kombiniert. Zusätzlich werden alle Bässe aber mit einem Mono-Subbass gefüttert. Solche Ansätze sind natürlich aufwändig umzusetzen, im Tournee-Betrieb ist ja oft wichtiger, beim Load In und Load Out schnell zu sein. Ein Links/Rechts-Setup bekommt man dagegen immer hin, die erfahrenen System-Engineers kennen die üblichen Hallen und Clubs und wissen, worauf es ankommt. Bei Spezial-Events, bei denen mit relativ viel Aufwand ein exklusives Konzert in einer einzigen Location veranstaltet wird, verwischt dann die Grenze zwischen Industrie und Rock’n’Roll.


»Zusätzliche Subwoofer gehen auf Kosten der Unauffälligkeit. Aber sie verbessern den emotionalen Klangeindruck um ein Vielfaches.«

Ingmar Vater | Vater Tontechnik GmbH, Hannover


 

In den Industrie-Anwendungen sind alternative Beschallungsansätze oft anzutreffen. Man hat dort mehr Zeit, manchmal mehr Budget, hat mit kreativen Agenturen zu tun und immer wieder den Anspruch, etwas „Neues“ zu erfinden. Allerdings sind die Voraussetzungen auch schwieriger, weil alternative Locations wie Kirchen, historische Räume usw. zu Versammlungsräumen umgenutzt werden, die eigentlich gar keine Infrastruktur für unsere Veranstaltungstechnik mitbringen. Aber braucht man dafür überhaupt Bass? Die Antwort ist ganz klar: Ja und nein!

Wir arbeiteten zum Beispiel gerade mit dem Musikproduzenten Jens Eckhoff an einer Soundinstallation, bei der die Besucher in einem Treppenhaus akustisch durch verschiedene urbane Landschaften geführt werden. Eigentlich kommt es darauf an, die Lautsprecher möglichst unauffällig zu verstecken. Das ist ja bei Industrieanwendungen immer wieder ein wesentlicher Planungsaspekt: Alle eingesetzten Lautsprecher sollen möglichst dezent sein und nicht auffallen. Da passen klobige W-Bins nicht optimal ins Bild! Für eine solche Geräuschkulisse braucht man an sich keinen Bass. Insofern hatten wir an etwas wie JBL Control 1 oder K&F Passio gedacht. Solche Lautsprecher bieten eine gute Performance bei kompakten Ausmaßen. Allerdings hat Jens Eckhoff die Geräusche mit Beats und musikalischen Kompositionen unterlegt. Bei einem Test in unseren Räumlichkeiten haben wir schnell festgestellt, dass das angedachte Lautsprecherformat (2 × 5″/1″) alleine nicht den Klangeindruck liefern kann, den sich der Komponist vorstellt: Die Basswiedergabe ist einfach nicht ausreichend. Und so kommt es, dass wir nicht nur ein größeres Lautsprechermodell einsetzen müssen, sondern dass wir auch ergänzend Subwoofer aufstellen. Das geht auf Kosten der Unauffälligkeit. Aber es verbessert den emotionalen Klangeindruck um ein Vielfaches. Eine ähnliche Lösung ist mit alternativer Technik denkbar: So baut Peter Goldt, der früher in Hannover Lautsprecher entwickelte, Bassvibratoren in Fußböden von Diskotheken ein – ähnlich den Buttshakern im Hocker des Drummers.

Pointsource, Bass-Array mit 8 x Doppel-18er
Gala mit Liveband: Pointsource, Bass-Array mit 8 x Doppel-18er unter der Bühne muss sein – andere Bass-Konfigurationen haben hier nicht funktioniert (Bild: Ingmar Vater)

Bei einem anderen Projekt sollten wir einen passenden Sound in einen historischen Wasserturm „einbauen”. Das Innere des Turms: Eine Betonröhre von etwa 6 m Durchmesser, vielleicht 20–30 m Höhe und mit der Atmosphäre eines Kanalisationsrohrs. Aus Sounds wurde eine zweikanalige Klang-Collage gebastelt, die über nur zwei kleine Lautsprecher abgespielt wurden, irgendwo im Turm versteckt. Durch die hallige Akustik des Turms und die schwierige Ortung gab das einen irren Effekt. Subbass brauchte man in diesem Fall überhaupt nicht. Umgekehrt sieht es aus, wenn ein kinoartiger Soundtrack gefragt ist. Bei einem Messestand für MCI Worldcom war genau das gefragt, und die amerikanischen Techniker waren Freaks, die dazu einen 5.1-Sound mitbrachten. Zusätzlich gab es eine Stimme, die von der akustischen Ortung im Raum mit dem Sprecher mitwandern sollte. Bestandteil war natürlich ein Mono-Subwoofer-Kanal, angelegt eher als Effekt-Kanal. Ihn hier wegzulassen hätte die gesamte Wirkung deutlich geschmälert. Subwoofer – für eine Sprachwiedergabe eher hinderlich – braucht man bei Industriejobs also eher für Emotion während der Film- und Musikeinspielungen. Nicht zuletzt hat dies Einfluss auf die aktuellen Festinstallationen, wie beispielsweise in der Lanxess-Arena: Die Anzahl der jetzt dort fest ein – gebrachten Subwoofer von TW Audio wäre früher eher untypisch gewesen, unterstützt aber jetzt wie selbstverständlich die vielen Einspielungen, z. B. bei Sportveranstaltungen und bietet dem Besucher ein Erlebnis, das dessen Erwartungen erfüllt, wenn nicht übersteigt.

 

Tiefton in Konferenzanwendungen

Für die klassischen Konferenzanwendungen plant man dagegen eigentlich nie Subwoofer. Bereits die Mikrofone werden mit einem Lowcut versehen, der die tiefen Frequenzen ausblendet: um dadurch Griff- und Trittgeräusche zu reduzieren, die Rückkopplungsanfälligkeit zu mindern, die Sprachverständlichkeit zu verbessern. Bei Lavalier-Mikrofonen kann so ein Lowcut bei 170 Hz oder noch höher liegen. Manchmal setzt man einen weiteren Lowcut in den Summen- oder Bus-EQ, um die Flankensteilheit des Filters zu erhöhen. Bei solchen Anwendungen ist klar, dass ich keinen Sub brauche! Was passiert aber, wenn der Referent einen Film einspielen möchte, der mächtige Soundeffekte hat? Oder es in der Dramaturgie eine Auftrittsmusik geben soll? In diesen Fällen macht ein AUX-Konzept Sinn: Die Mikrofone gehen nur über die hochpass-gefilterten Topteile, Musik und Zuspielungen werden über den AUX-Weg auch einem Subwoofer zugeführt.

"Sakrale" Akustik im Rathaus Hannover
Vortrag in „sakraler Akustik“, wo man bestimmt keinen Bass benötigt (Rathaus Hannover, Eröffnung Wissenschaftsmonat) (Bild: Ingmar Vater)

Je nach Größenordnung der Veranstaltung gleichen die Bass-Konzepte dann denen aus dem Rock’n‘Roll. Ich habe zwar noch nie ein spektakuläres Bass-Array bei einer Tagung aufgebaut. Für ein Plenum in einer Messehalle mit 1.000 Teilnehmern oder die Kongressparty am Abend kann ein Cardioid-Array genauso hilfreich sein (und durch die Richtwirkung raumakustische Probleme minimieren) wie bei einem Konzert. Man muss allerdings etwas „unauffälliger“ arbeiten oder kleinere Boxen auswählen. Dafür braucht man aber auch nicht ganz die Energie wie beim Rock’n’Roll. Hierin unterscheidet sich der Rock’n’Roll ganz sicher von der Industrie.

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