Lichtdesigner Martin Kuhn: Showroom trifft Theater
von Detlef Hoepfner, Martin Kuhn,
Zwei Welten, ein Raum: Wie gelingt es, einen Showroom für moderne Lichttechnik mit einem vollwertigen Veranstaltungsraum zu kombinieren – ohne Kompromisse bei Funktionalität, Ästhetik oder Technik? Vor dieser Herausforderung stand der Berliner Lichtdesigner Martin Kuhn im neuen Headquarter von Golden Sea in China, dem weltweit größten Hersteller von Event-Lichttechnik, hier vor allem bekannt durch seine Marke Ayrton.
(Bild: Martin Kuhn)
Die Freundschaft zwischen Martin Kuhn und dem Golden Sea-CEO – Herrn Jiang Wei Kai – begann vor rund zehn Jahren bei einem Shootout in China. Aus dem ersten Kontakt entwickelte sich über die Jahre eine enge Verbindung – geprägt von gegenseitigem Respekt und einer gemeinsamen Leidenschaft für Design, Präzision und Innovation. Herr Jiang Wei Kai, ein Mann mit künstlerischer Ader und unternehmerischer Weitsicht, führt sein Unternehmen auf eine Weise, die unter börsennotierten Konzernen eher selten ist: mit viel persönlichem Engagement, Sinn für Ästhetik und Tradition sowie einer Produktionsqualität, die dem Klischee vom „Billig-China“ diametral widersprechen soll. Im Oktober 2023 lud Herr Jiang den deutschen Designer ein, sich den Neubau der Produktionsstätte in Panyu, einem Bezirk von Guangzhou, anzusehen. Ein visionäres Gebäude: 13 Etagen hoch, über 200 Meter lang, hoch automatisiert, mit lichtdurchfluteten Arbeitsplätzen, Bibliothek, Gym und erstklassiger Kantine – eher Silicon Valley als chinesische Fabrik. Komplett für die Fertigung von Event Technologie ausgelegt. Ganz oben: ein 60 × 40 Meter großer Raum mit fast 20 Metern Höhe – der zukünftige Showroom.
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Herausforderung Wie verwandelt man so einen Rohbau zur Event- und Demo-Location? (Bild: Martin Kuhn)
Beim Abendessen stellte Herr Jiang überraschend die Frage, ob Martin nicht den Showroom und die Show darin gestalten wollte? Eher ungewöhnlich für einen chinesischen Hersteller, da üblicherweise lokale Designer beauftragt werden, um den Geschmack der zu 80% chinesischen Besucher zu treffen. Kuhn, mit fast zwei Jahrzehnten Projekterfahrung in China, sah jedoch die Chance, eine interkulturelle Brücke zu bauen – in Form einer Show, die chinesische Tradition und internationale Ästhetik vereint. (Unser Interview mit Herrn Jiang zu seiner Firmen-Strategie “Vision Beyond OEM” findet sich hier).
Showrooms: eine ganz eigene Herausforderung
Zwar verfügt nahezu jedes Lichttechnik-Unternehmen über einen Showroom, jedoch kaum in dieser Größenordnung. Übliche Showrooms in der Lichtbranche folgen einem klaren Muster: kompakte Räume, randvoll mit Scheinwerfern. Ein typischer Showroom misst vielleicht 20 × 12 Meter bei 10 Metern Höhe – wie der alte Showroom in Golden Seas bisheriger Produktionsstätte. Dort waren 480 Moving Lights auf engem Raum verbaut. Hier werden die neuesten Produkte gezeigt, in aller Regel in einer sechs- bis zehnminütigen Timecodeshow, untermalt von zumeist recht heftiger Musik. Alle zwei bis drei Jahre, wenn es neue Produkte gibt, wird dann umgebaut. Martin Kuhn, der die meisten Showrooms schon einmal gesehen hat: „Man hat meist keine Zeit, sich auf irgendwas zu konzentrieren. Ein visueller Overload, der meist eher an einen High-Tech Club auf Vollgas erinnert.“
Realisierung in-house mit ganz viel Kommunikation via Translation Tools und per WeChat zu Martin Kuhn (Bild: Martin Kuhn)
Abgesehen davon, dass dies nicht der Stil von Martin ist – diese Herangehensweise ließ sich nicht einfach auf den neuen, riesigen Showroom übertragen. Vor allem auch Angesichts den erweiterten Anforderungen: Der Raum sollte nicht nur Showroom, sondern auch vollwertiges „Performing Arts Center“ sein – nutzbar für Konferenzen, Schulungen, Konzerte, Theater. Das Konzept sah eine klassische Prozeniumsbühne (20 × 10 Meter), Tageslichttauglichkeit, gu- te Akustik und Wandelbarkeit vor. Der typische „Black Box“- Showroom-Ansatz war hier unbrauchbar.
Damit entfiel zwar die übliche „Technik-Wand“ an der Stirnseite. Die Verbindung aus Showroom und Veranstaltungsstätte erforderte nun aber ein komplettes Umdenken: Während einer Veranstaltung musste der Raum aufgeräumt und neutral wirken, gleichzeitig jedoch über eine vollwertige Bühnenbeleuchtung verfügen. Für die eigentliche Show wiederum sollte die Bühne „verschwinden“ und Platz für spektakuläre Lichtinstallationen bieten.
FOH-Position (Bild: Martin Kuhn)
Nach einigen Überlegungen kam dann ein radikaler Lösungsansatz von Martin: eine halbtransparente, 20 Meter breite LED-Wand mit 10 mm Pixel Pitch, die als beweglicher Vorhang dient. Sie lässt sich segmentweise öffnen oder ganz vor die Bühne fahren und steht technisch nicht wirklich im Vordergrund – man ist ja kein LED-Wall-Hersteller. Ergänzt wird sie durch eine zweite, hochauflösende LED-Wand (13 × 7 Meter) im Bühnenhintergrund und ein vollständig kinetisches Rigg mit 75 C1-Zügen, das nicht nur für die Show viele neue Möglichkeiten ergab, sondern im „Theaterbetrieb“ vollständig nach oben gefahren werden kann. Verfahrbare Züge auf der Bühne ermöglichen die Platzierung von Scheinwerfern hinter der halbtransparenten LED – die durch die Wand hindurch strahlen und eindrucksvolle Effekte erzeugen. Bühne und Technik verschmelzen – oder verschwinden ganz.
Martin Kuhn
Martin Kuhn ist ein in Berlin lebender Lichtdesigner und Projekt-Manager mit nahezu vier Jahrzehnten internationaler Projekterfahrung. Seine Projektliste ist vielfältig und reicht von den Anfängen in Rock and Roll und Techno Festival über Museen, Hotels und Events, jahrelanger Arbeit für die Autoindustrie (u. a. LD für BMW IAA 2013-2017) bis hin zu Festinstallationen wie die medientechnisch anspruchsvolle Show am Maiden’s Tower in Istanbul. Martin ist außerdem Gründer und CEO von TrackingPRO, einer Firma die sich mit automatisierten Trackingsystemen beschäftigt.
›› Wenn du acht Minuten nur Licht flackern lässt, wirkt es wie ein Club – nicht wie eine Geschichte. ‹‹
Martin Kuhn
Storytelling vom „lao wei“
Nachdem dieses gestalterische Grundkonzept nach einigem Hin und Her von allen Beteiligten akzeptiert war, begann die eigentliche Showplanung. O-Ton Martin: „Mir war klar, dass diese Show mehr sein musste als nur blinkende Lichter zu lauter Musik. Als Ausländer – als „lao wei“ – eingeladen zu sein, die erste Ausstellung in diesem unglaublichen Ausstellungsraum zu gestalten, ist natürlich ein Privileg, das ich sehr schätze. Aber auch eine große Herausforderung.“
MA Lighting grandMA3 processing units (Bild: Martin Kuhn)
Kuhn suchte nach einer Geschichte; einem verbindenden, erzählerischen Rahmen mit klarem kulturellem Bezug. Inspiriert von Herrn Jiangs Vorliebe für traditionelle chinesische Kunst – sein Vater war ein Meister der Kalligraphie, Herr Jiang selbst malte die Kalligrafie für die Eröffnung – entschied er sich, die Show mit einem starken traditionellen Element beginnen zu lassen. Die Idee: Eine Reise, die den zeitlosen Geist des alten Chinas einfängt und sich in eine zukunftsorientierte Vision entwickelt. Ein Symbol für das, wofür Golden Sea steht: Harmonie zwischen Tradition und Innovation.
Am Ende entstand eine Geschichte in acht Akten (die Ziffer 8 steht für die Unendlichkeit und Glück), die Martin „A Journey through the Night“ nannte– und sich damit radikal von den sonstigen Ansätzen solcher Shows unterscheidet. Martin entschied sich bewusst gegen eine rein funktionale Abfolge von Lichtbildern. „Wenn du acht Minuten nur Licht flackern lässt, wirkt es wie ein Club – nicht wie eine Geschichte“, sagt er. Deshalb schuf er ein dramaturgisches Gerüst, das nicht nur kulturelle Referenzen aufgreift, sondern auch einen Spannungsbogen erzählt: Eine Reise durch die Nacht – vom alten China bis in den Sonnenaufgang, mit dem wir im „hier und jetzt“ ankommen.
Mit jeder Szene verändert sich das Licht, das Tempo, die Musik – und die Bilder und Videos auf der LED-Wand. Einzelne Fixture-Typen treten in den Vordergrund – in speziell choreografierten Passagen, die ihre technischen Stärken inszenieren. Es wird nicht wild durchgewechselt, sondern kuratiert. Ein wichtiges Element der Show war die Idee, in den einzelnen Szenen bestimmte Fixture-Typen und deren Eigenschaften zu featuren. Aus den 24 verschiedenen Fixture-Typen werden gezielt Features hervorgehoben.
Show-Struktur, Grenzen ausloten
Als erster Akt wurde eine Hommage an die Chinesische Kultur gestaltet. Der Einstieg ist leise, fast meditativ: Eine chinesische Kiefer und der Mond, der „Jade Palast“ erscheinen auf der LED-Wand. Beide Symbole sind tief in der chinesischen Kultur verwurzelt – sie stehen für Beständigkeit, Weisheit, Spiritualität. Dazu wird ein klassisches Gedicht eingeblendet, handschriftlich von Herrn Jiang gemalt. Ein Soundteppich aus Klavier und dezenten ethnischen Motiven begleitet die erste Szene. Bodennebel füllt den Raum – atmosphärisch dicht und meditativ.
Es folgen sechs Szenen, die einer metaphorischen Nacht-Reise gleichen – Nordlichter, Galaxien, Chaos und Harmonie, eine Supernova. Am Ende: „A New Day“ – die Ankunft im Jetzt.
Der visuelle Stil bleibt zurückhaltend, fast poetisch – eine bewusste Entscheidung gegen den sonst üblichen „Flash & Trash“-Ansatz. So kommen in der „Northern Light“ Szene ausschließlich Zonda 3 und 9 FX Washlights zum Einsatz, während in anderen Szenen lineare Strobes oder Kyalami Laser Fixtures dominieren.
Ganz am Anfang stand die Entscheidung, die besonderen Eigenschaften spezifischer Fixture-Typen hervorzuheben – z. B. das kontinuierliche Pan & Tilt bei den Ayrton Veloce, oder der „Liquid Effekt“ beim Zonda 9 FX Washlight. Letzterer benötigt pro Fixture nicht weniger als vier DMX-Universen für den Effekt, daher kam dann auch ein System aus Arkas Media Server und Mad- Mapper Software zum Einsatz, um diese, aber auch viele andere Fixtures und deren Effekte zu steuern.
Alle Fixtures wurden grundsätzlich mit den maximalen Möglichkeiten gepatcht, und vor Ort in China wurden diese Features dann auch in langer Feinarbeit in die einzelnen Szenen integriert – etwas, das man in „regulären“ Shows schon aus Zeitgründen oft nicht umsetzen kann.
Co-Designer Marc Marlo Schelesnow (Bild: Martin Kuhn)
Der LED-Screen ist dabei nie als „Bildschirm“ mit seinen Kanten sichtbar – der Content läuft an den Seiten ins Schwarz und dient als visuelle Klammer zwischen Licht und Storyboard. „Das Video soll nicht dominieren, sondern unterstützen“, so Kuhn. Die Inhalte – etwa fremde Galaxien, nordische Lichter oder symbolische Bilder aus der chinesischen Geschichte – wurden in Form eines mehrschichtigen Storyboards realisiert, das sich dramaturgisch eng an die Musik anlehnt. Auch der Content entstand daher komplett innerhalb des Teams.
Auch die Musik spielte eine zentrale Rolle: Kein fertiger Track aus der Konserve, sondern ein achtminütiges, eigens komponiertes Soundscape. Klassische Klänge treffen auf technoide Impulse, überraschende Rhythmen und emotionale Dynamik. So entsteht ein Spannungsbogen, der sowohl emotional als auch technisch überzeugt. Martin arbeitete dabei zum wiederholten Mal mit einem befreundeten Team aus in Berlin lebenden türkischen Musikern zusammen. Man studierte gemeinsam erste Renderings, diskutierte den „Mood“ jeder Szene und welche Akzente wichtig waren, und traf sich wöchentlich zu Sessions, um den Fortschritt zu besprechen. Nach dem ersten Pre-Programming des Lichts gab es dann noch mal eine letzte Überarbeitung, bevor gemastert wurde.
Diese enge Zusammenarbeit war ein Schlüsselelement, um der Lichtprogrammierung eine perfekte Basis zu liefern. Und mit der vor Ort installierten Beschallung und dem aufwändigen Akustik Treatment des Raumes durch einen der besten Akustiker Chinas war der Sound dann auch vor Ort ein ganz prominentes Element der Show, rübergebracht von einem Line Array aus dem Hause d&b.
Kommunikation zur Umsetzung
Während der gesamtem Kreativphase gab es immer wieder diverse Moodboards, um das Ergebnis zu illustrieren. Von Scribbles über erste einfache Animationen mit Wysiwyg bis zum Ergebnis des Previz mit Depence. Nachdem das Ganze dann letztendlich von China abgenickt war, kam die große Herausforderung – die Umsetzung.
Diese war alles andere als trivial. Vom „Mothergrid“ bis zur Bühnenhöhe musste alles geplant, erklärt und teilweise neu gedacht werden, denn Golden Sea wollte die Umsetzung komplett in-house abwickeln. Jedes Detail, jede Hängeposition, jede Kabelführung musste mit Screenshots, Renderings und WeChat-Nachrichten erklärt werden. Hier war Martins langjähriger Erfahrung als technische Leiter gefragt.
Auch die Kommunikation lief nach eigenen Regeln: rund um die Uhr, über AI Translation Tools und ausschließlich über WeChat – dem chinesischen Pendant zu WhatsApp. E-Mails wurden gar nicht mehr verwendet, und Nachrichten kamen oft auch nachts um drei Uhr. „Du denkst immer: Schlafen die nie?“ Entscheidungen wurden immer im Team getroffen – was manchmal recht lange dauerte – oder mussten diplomatisch erkämpft werden. „In China muss man immer schauen, dass man alle Leute einbezieht und ganz viel sprechen. Manchmal half dann aber auch ein klärendes Wort des Chefs …“
Kalligraphie Show-Einstieg mit traditionellen Elementen der Firmenleitung (Bild: Martin Kuhn)
Die Auswahl der Fixtures selbst war ein eigenständiger Prozess mit vielen Abstimmungen – letztendlich kamen nicht weniger als 24 verschiedene Typen zum Einsatz. Von den insgesamt 880 Fixtures waren nur noch 20 mit Entladungslampen bestückt, der Rest hatte LED- oder Laser-Leuchtmittel.
Von Terbly – der chinesischen „Hausmarke“ – kamen u. A. die dort sehr populären LED-Hybridlampen sowie bewegliche LED Flächen/Strobes und lineare Effekt Fixtures und einige nur für den Bühnenbetrieb relevante Fixtures. „Von Ayrton ist so ziemlich alles dabei, was bei denen gerade aktuell ist“, fasst Kuhn zusammen. Veloce Profile und Wash, Cobra und Mamba, Zonda FX und natürlich Kyalami – nicht weniger als 123 Stück.
SGM steuerte eine lineare Leuchte bei, die mit 140 laufenden Metern an den sechs langen Traversen verbaut wurde: ein videofähiges schwarz gefrostetes Striplight, über Medienserver im 16-Bit-Modus angesteuert. Mit sehr coolen Möglichkeiten. „Auch wieder völlig verrückt – aber wenn man die nötigen Parameter verwalten kann, dann macht sowas Sinn“, so Kuhn.
Infinity (Bild: Martin Kuhn)
Von GS ARC, der Architekturlicht-Sparte von Golden Sea, wurde ein Leuchtentyp integriert: „Dots“ – sehr kleine, runde RGBW-Leuchten, von denen etwa 120 Stück unregelmäßig im Rig verteilt wurden. Über Pixelmapping angesteuert, simulierten sie eine Art Sternenhimmel, der im Hintergrund subtil flackerte und funkelte. Eine kleine Geste – mit großer Wirkung.
Ein echter Hingucker des Showrooms ist die „Supernova“. Deren ursprünglicher Codename war „Deathstar“ und sie ist klar von einschlägigen Science-Fiction Filmen inspiriert. Eine Halbkugel mit einem Durchmesser von 250 cm – dicht an dicht gespickt mit 123 Ayrton Kyalami Laser Fixtures. Das ganze kinetisch verfahrbar, mit innen montierten Nebelmaschinen und Blindern (SGM P3).
Eine zentrale Rolle in der Umsetzung spielte Lichtoperator und „Co-Designer“ Marc Marlo Schelesnow, ein junger Programmierer aus der Berliner Region, mit dem Martin bereits mehrere Projekte umsetzte. Kuhn beschreibt ihn als außergewöhnlich talentiert, technisch versiert und kreativ mitdenkend – weit über das hinaus, was übliche Operator- Rollen sind.
Bild: Martin Kuhn
Constellations
Bild: Martin Kuhn
From Chaos to Harmony
Bild: Golden Sea
Typische Zweitverwendung Die Location muss auch für Events nutzbar sein – wie hier bei der Eröffnung mit internationaler Branchen-Prominenz
Programmiert wurde auf einer GrandMA3 mit 3er-Software, inklusive vollständiger Medienserver-Anbindung. Knapp 200.000 Parameter mussten dabei verwaltet werden. Marc brachte sich nicht nur während Planung und Vorprogrammierung in Berlin ein, sondern auch vor Ort in China – mit einem besonderen Gespür für Detail, Timing und Rhythmus. „Deshalb habe ich ihn ganz bewusst als Co genannt – weil er nicht nur ausgeführt, sondern mitentwickelt hat“, so Kuhn. Nach einer frühen Vorprogrammierung in Berlin ging es dann für zehn Tage nach China, um dort die Show final zu programmieren. Viele Details ließen sich erst dort entscheiden.
Supernova (Bild: Martin Kuhn)
Auch der Arbeitsalltag dort folgte eigenen Regeln. Die Werk-Kantine von Golden Sea ist bekannt für ihre Qualität – bio (!), vielfältig, frisch. Doch die ausgedehnten Mahlzeiten unterbrachen den Projektfluss massiv. „Mittag- und Abendessen dauerten je mindestens anderthalb Stunden – mit zehn Leuten am Tisch, langen Gesprächen und Etikette“, erzählt Kuhn. Die Lösung: chinesisches Fastfood. In 15 Minuten vor Ort gegessen, ohne Small Talk, danach direkt zurück ans Pult.
Das chinesische Team war fassungslos. „Sie haben Fotos gemacht, wie wir Fastfood aus Pappboxen essen“, lacht Kuhn. Diese Entscheidung brachte am Ende entscheidende Stunden für die Lichtprogrammierung – besonders in den Tagen vor der Eröffnung, als die Zeit knapp wurde.
Startschuss als Multifunktions-Venue
Auch die Eröffnungszeremonie – bei dem der Raum zum ersten Mal zeigen musste, was er neben „Showmode“ noch so konnte – musste letztendlich noch mit betreut werden. Die lokalen Techniker seien schlicht „durch gewesen“, so Kuhn. Also unterstützte das Kernteam kurzerhand auch die finale Inszenierung der Veranstaltung selbst.
Zur feierlichen Eröffnung am 20. Mai – aus Jubiläums-Gründen bewusst auf dieses Datum gelegt – reisten 1200 prominente Vertreter der Branche aus aller Welt an. Der Raum bewährte sich sofort als Multifunktions-Venue: Nach der Show und einem kurzen Umbau der Bestuhlung folgten diverse Reden, Präsentationen und eine traditionelle Chinesische Opernaufführung – diese mit eigener Lichtcrew. Fixtures für Gassenlicht und Bühnenausleuchtung waren für solche Anwendungen schon eigens mit eingebaut – im „Showroom-Modus“ selbst werden sie nur teilsweise verwendet. Das Konzept ging perfekt auf das Design und die Technik meisterten die Anforderungen mit Bravour.
Die Show läuft seither bei jedem Besucher-Rundgang. „So wie ich damals die Firma besuchte – so bekommen jetzt auch andere nach einem Rundgang durch die Fabrik die Show zu sehen“, sagt Kuhn. Die Show schließt mit einem filmischen Abspann: Der LED-Screen öffnet sich und gibt den Blick auf die Bühne frei, auf der hinteren LED laufen dann die Show-Credits und die Vorstellung der Fixtures als „Darsteller“ – jede mit kurzer Lichtsequenz. Danach: Freies Erkunden.
Oper: Eine erste Inszenierung nutzte direkt alle Möglichkeiten des auf der Bühne installieren Lichts (Bild: Martin Kuhn)
Fazit: Zwischen Kunst, Technik und interkulturellem Spagat
Der neue Showroom/Performing Arts Center: ein Raum, der nicht nur mit Zahlen beeindruckt, sondern vor allem mit einer gestalterischen Vision, die weit über das Übliche hinausgeht. Martin Kuhn hat mit seinem Team eine immersive Lichtinszenierung geschaffen, die nicht nur Produkte zeigt, sondern ein kulturelles Erlebnis bietet. Die Kombination aus technischer Finesse, dramaturgischer Tiefe und interkultureller Sensibilität macht dieses Projekt einzigartig.
Die Installation zeigt beispielhaft, wie moderne Lichttechnik emotional, poetisch und erzählend eingesetzt werden kann. Anstatt einer schnellen, lärmenden Abfolge von Effekten erleben Besucher eine Reise durch Räume, Zeiten und Stimmungen – eine Geschichte, die berührt, begeistert und im Gedächtnis bleibt. Die Herausforderungen auf diesem Weg waren zahlreich: kulturelle Unterschiede, technische Komplexität, sprachliche Barrieren und der immense organisatorische Aufwand. Doch genau darin liegt auch die besondere Leistung des Projekts: Es zeigt, wie kreative Zusammenarbeit über Kontinente hinweg funktionieren kann – wenn das Ziel nicht nur Technik, sondern Ausdruck ist.
„Wir alle haben dabei viel gelernt, Geduld, Hingabe und interkulturelle Kommunikation waren der Schlüssel“, resümiert Martin Kuhn.