Risikogruppe 2 oder 3?

Blaulicht-Gefährdung: „Da steigt ja kein Mensch mehr durch.“

Vorträge und Podiumsdiskussionen der leat con weisen auf die Gefahren durch hohe Strahldichten hin. Die anschließenden Diskussionen zeigen, dass bei der „Blaulicht“-Thematik weiter Unklarheit besteht. Fabian Oving, wissenschaftlicher Mitarbeiter Lichtlabor der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, zeigt Schwachpunkte in der Produktanwendung auf.

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ESC 2026 (Bild: Vivien Grott)

leat magazine: Zur Einschätzung einer Blaulichtgefährdung arbeitet das Lichtlabor der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg) mit einem Eye-Tracking-System. Warum?

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Fabian Oving: Auf der leat con haben wir über die vereinfachte Berechnungsformel der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) zur Beurteilung der Blaulichtgefährdung gesprochen. Man muss natürlich unterscheiden, dass diese Formel nur für die photochemische Gefährdung gilt, nicht für die fotothermische Gefährdung. Diese Formel wird in der Praxis auch in Theatern eingesetzt und liefert den Anwendern maximale Expositionszeiten wie „18 Sekunden“.

Aber was fange ich mit diesen 18 Sekunden an? Die Gefährdung tritt ein, wenn derselbe Rezeptor auf der Netzhaut über 18 Sekunden innerhalb eines Arbeitstages von dem betreffenden Scheinwerfer beleuchtet wird. Aber wie lange schaut man in dieselbe Richtung, wie lange ist die Einwirkzeit auf den Rezeptor, aus demselben Winkel, aus derselben Position, in der Praxis? Das ist sehr schwer greifbar. Wir hatten früher bereits Versuche mit Eye-tracking in Hamburg durchgeführt, aber da ging es primär darum, wo die Leute überhaupt hinschauen.

Jetzt geht es uns darum: Wie lange blicken die Menschen an ein und dieselbe Stelle aus einem möglichst gleichen Winkel? Ziel ist es, greifbare Zahlen zu erhalten. Das ist nicht ganz trivial, da es eine unendliche Anzahl verschiedenster Bühnenbeleuchtungssituationen gibt. Alleine in der Theater-Sparte gibt es die unterschiedlichen Formen wie Sprechtheater, Tanztheater usw. Wir wollen uns einige Szenen heraussuchen, um dann zu sehen, wie lange ein Darsteller an ein und dieselbe Stelle schaut. Dazu benötigen wir aber auch erst einmal ein Theater, das bereit ist, an so einem Projekt mitzuarbeiten. Zurzeit werden mit einigen interessierten Theatern Gespräche geführt.

Fabian Oving
Fabian Oving, geboren 1986 in Hamburg, ist seit 2005 in der Veranstaltungsbranche tätig. Er absolvierte ein Bachelorstudium der Medientechnik (Bachelor of Science) und verfügt über vielseitige technische sowie praktische Erfahrungen als Techniker, Operator und Projektleiter in diesem Bereich. Seit 2015 ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HAW Hamburg im Lichtlabor tätig, wo er sich neben der Lehre auch intensiv mit lichttechnischen Fragestellungen in der Forschung beschäftigt. (Bild: Fabian Oving)

leat magazine: Am einfachsten wäre es doch bei einem Fernsehmoderator, der ständig auf den Telepromter schaut?

Fabian Oving: Genau, da kann man davon ausgehen, dass die Position der Protagonisten unverändert ist. Aber auch hier ist es schwierig, ein Eye-Tracking durchzuführen. Das hatten wir vor Jahren einmal aus anderen Gründen durchgeführt. Es ist nicht ganz so simpel, an realistische Situationen heranzukommen, da die Nachrichtensprecher:innen ihre Sendung nicht komplett durchproben. Es wird gleich live gesendet und der Sender möchte nicht, dass der Moderator dann so eine Brille trägt.

leat magazine: Wäre es eine Option, die Studiosituation einfach mit Studenten durchzuspielen?

Fabian Oving: Ja, aber Studenten sitzen dann nicht so ruhig und trainiert in ihren Abläufen wie die professionellen Moderatoren. Für uns ist es jetzt erst mal ein Anfang mit dem Theater, um dort mit Zahlen etwas greifbar an die Hand zu bekommen, um den Anwendern einen realistischen Anhaltspunkt zu geben. Es ist ja super, dass die Beleuchter:innen anfangen, die Formel der BAUA zu nutzen und jetzt die Expositionszeiten herausbekommen. Aber das sagt ja denen noch nichts, was fängt man damit an?

Wo schauen wir hin?

leat magazine: Bei einer Theaterszene bewegt sich der Schauspieler, damit verändert sich auch der Auftreffwinkel auf dem Scheinwerferlicht auf die Netzhaut. Somit hat doch das Eye-Tracking nicht so viel Aussagekraft?

Fabian Oving: Das ist richtig. Es ist eine Frage der Auswertung, dort nachzusehen, wo die Leute überhaupt hingucken. Und auch da ist es natürlich ganz stark davon abhängig, was man sich anguckt. Wir haben z. B. die Erfahrungen aus dem Musical, das bei Solos die Darsteller:innen sehr fixiert auf den Dirigenten auf dem Bildschirm schauen. Da verändern sich die Positionen und auch der Blickwinkel nicht. Das ist also eher schon ein ziemlich großes Risiko. Es geht hierbei aber auch wirklich einfach erstmal nur um eine Abschätzung der Zeiträume aus bestimmten Positionen, mit Blick zu bestimmten Zielpunkten. Wir haben einmal die Augenbewegungen, die wir erfassen. Wir erfassen aber auch das Bild, was gesehen wird.

Es geht gar nicht darum, dass die Leute in den Scheinwerfer gucken müssen, sondern nur darum, dass der Winkel, aus dem der Scheinwerfer ins Auge leuchtet, über einen längeren Zeitraum derselbe ist. Er muss nicht aus der Mitte herauskommen, er kann auch aus der Seite herkommen. Auf der Gasse ist es nachher nicht mehr dramatisch, wenn die Leute nach vorne gucken. Fixieren die Darstellerinnen und Darsteller überhaupt längere Zeiträume irgendwo etwas? Oder ist das ein lebendiges Spiel und wechselt häufig?

leat magazine: Diese 18 Sekunden sind ja eine kumulierende Zeit. Das heißt, wenn ich 20 Minuten diesen Rezeptor nicht mehr belaste und anschließend wieder beleuchtet wird, addiert sich die Zeit?

Fabian Oving: Genau, das addiert sich. Man geht davon aus, dass eine Regeneration über die typischen elf Stunden Ruhezeit, die man nach dem Arbeitstag einhalten soll, am Stück ausreichen. Also man muss dann einen längeren Zeitraum regenerieren. Aber wenn ich jetzt innerhalb von einer Stunde Veranstaltung dreimal zehn Minuten auftrete, würde sich das auch summieren.

Für uns ist wichtig, überhaupt mal irgendwo einen Ansatz zu finden.

Zeiten pro Punkt

leat magazine: Wenn man die Augenbewegungen hat: wie erfasst man im Szenenbild die Intensitäten der Scheinwerfer?

Fabian Oving: Für die ersten Versuche geht es uns wirklich nur um Zeiten pro Punkt. Da sind Scheinwerfer eigentlich erstmal gar nicht so relevant. In den Häusern, wo wir aber sind, werden wir dann trotzdem die Scheinwerferpositionen ermitteln und die Beleuchtungsstärken und Farbtemperaturen. Wir müssen jetzt auch erstmal mit den Häusern abstimmen, in welchen Zeiträumen das geht.

Das ganz große Fernziel ist, einen Sensor zu entwickeln, der richtungsabhängig die Gefährdung anzeigt: Dass man in irgendeiner Form beim Einleuchten eine Kugel auf die Bühne stellt, die aus den jeweiligen Richtungen heraus die Intensitäten, Farbtemperaturen und ähnliches misst und interpretiert und mit einer rot-orange-grünen Skala anzeigt: „Pass mal auf, aus dem Winkel 45 Grad vorne, da ist ein bisschen viel. Vielleicht könnt ihr da noch ein bisschen reduzieren.“ Dafür muss man diese Sensorkugel entwickeln, was auch durchaus geht. Aber man muss vorher schon noch ein paar kluge Momente haben.

Hier wird die Einwirkzeit in der Y-Achse dargestellt sowie die davon abhängige Risikoklasse farbig unterlegt. Man erkennt hierbei deutlich den Einfluss der Farbtemperaturen anhand der Kurven. Über drei Grafiken wird zur genaueren Risikoabschätzung auch der Einfluss der Zoomeinstellung eng, mittel, weit deutlich
Hier wird die Einwirkzeit in der Y-Achse dargestellt sowie die davon abhängige Risikoklasse farbig unterlegt. Man erkennt hierbei deutlich den Einfluss der Farbtemperaturen anhand der Kurven. Über drei Grafiken wird zur genaueren Risikoabschätzung auch der Einfluss der Zoomeinstellung eng, mittel, weit deutlich.
Hier wird die Einwirkzeit in der Y-Achse dargestellt sowie die davon abhängige Risikoklasse farbig unterlegt. Man erkennt hierbei deutlich den Einfluss der Farbtemperaturen anhand der Kurven. Über drei Grafiken wird zur genaueren Risikoabschätzung auch der Einfluss der Zoomeinstellung eng, mittel, weit deutlich

leat magazine: Wir haben momentan die Schwierigkeit: Für Scheinwerfer wird zwar eine Risikoklasse angegeben, aber wir wissen nicht, wie gefährlich sie in welchen Abständen sind.

Fabian Oving: Es gibt auch Hersteller, die Entfernungsplots erstellen: Welche Risikogruppe in welchen Entfernungen, wie lang?. Es schwebt über allem auch noch die enorm große Skalierung der Risikogruppe 2 zwischen 100 und 0,25 Sekunden. Das heißt: Nur weil ein Scheinwerfer Risikogruppe 2 ist, weiß ich nicht, ob das 99 Sekunden oder 0,3 Sekunden reingucken bedeutet.

Es ist gerade ein ziemliches Durcheinander, was Kennzeichnungen und Messverfahren betrifft. Insbesondere: Wie gebe ich was an, mit welchen Normen wird gemessen? Dann gibt es noch eine DIN-Spec, die einfachere Messverfahren erklärt, aber nur für Blaulicht gilt. Hier und da gibt es Äußerungen, nicht den Messabstand von 1m nach der eigentlichen DIN 62471 einzusetzen, sondern einen realistischen Messabstand für diesen Scheinwerfertyp, was die DIN-Spec 62778 für „Stage Lighting Fixtures“ als Messhilfe ermöglicht. Habe ich jetzt also einen Scheinwerfer, der sowieso 12 m Mindestbeleuchtungsabstand hat, könnte der Hersteller theoretisch nach der Norm sagen: man misst halt in zwölf Metern und gibt den Wert an. Und schon sind die Anwender, die das in der Anleitung lesen, völlig verwirrt. Da steigt ja kein Mensch mehr durch.

Ich hörte von der Idee eines Roundtables, wir wollen auch gerne was anschieben und die Hersteller an einen Tisch holen. Es ist für Endanwender super undurchsichtig, was jetzt wirklich Phase ist: Es gibt Hersteller, die schreiben einfach nur „Risikogruppe 3“. Dann gibt es Hersteller, die schreiben „Risikogruppe 3 gemäß der Norm 62471“. Weiter gibt es „Risikogruppe 3 gemäß der Norm 62471 und Risikogruppe 2 unter Berücksichtigung nur der photochemischen Schädigung und Verwendung der DIN-Spec 62778“. Und dann wieder andere: „das Gerät ist Risikogruppe 2, weil wir eine andere Gewichtungsfunktion verwenden“.

Und wie wird überhaupt gemessen? Die eigentliche Norm gibt an: mit einem Doppelmonochromator. Ich würde mal davon ausgehen, dass die wenigsten Hersteller einen haben. Wir auch nicht. Es gibt dann noch die Variante, mit breitbandigen Messgeräten zu messen, usw. Messen die in eigenen Laboren, in externen? Mit was für Messgeräten? Welche Messwerte werden aufgenommen? Ich habe bislang nur ein Messprotokoll eines Herstellers bekommen, die auch auf einem Meter gemessen haben, mit einem für optical Hazard geeigneten Messgerät. Aber das sind dann halt Werte, die dafür sorgen, dass so ein Gerät als Risikogruppe 3 klassifiziert wird. Bei diesem Beispiel handelte es sich um eine Laserlampe. Aber ich habe keine vergleichbaren anderen Messprotokolle,. Das bedeutet, dass man sehr mühsam Anleitungen durchforsten muss. Wenn man dann beim Hersteller anfragt, bekommt man manchmal die Antwort „das R&D gibt diese Werte nicht raus“. Aus was für Gründen auch immer.

Wie wird dokumentiert?

Oft findet man in der Anleitung nur: „das Gerät hat Risikogruppe 3“– immer? In welcher Entfernung? Zeitdauer? Dass es auch anders geht, zeigt z. B. Martin Professional mit seiner schönen Darstellungsweise: In der Anleitung ist klar zu sehen, in welchem Entfernungsbereich Risikogruppe 3 gilt, ab wann 2 und irgendwann 0. Aber aktuell ist dies die Ausnahme. Es sind ja noch nicht mal alle Geräte, für die Risikogruppe 2 oder 3gilt, normgerecht mit einem Aufkleber versehen.

Und geben die Hersteller eigentlich Blaulicht- und thermische Gefährdung an – oder nur Blaulichtgefährdung? „Blaulicht“ ist ja auch so ein Allerweltsbegriff. Geben sie dabei die photochemische Gefährdung an, oder photochemisch und thermisch oder den Maximalwert – egal ob thermisch oder photochemisch, aber aus diesen beiden Maximalwert? Wird die Risikogruppe aus dem höheren Wert generiert?

Positiv-Beispiel Martin McViper XIP Der Sprung zur Risikogruppe 3 ist thermischen bedingt. Das ist nicht unbedingt erkennbar, aber dafür gibt es den deutlichen Pfeil. Für den User ist nur der Worst-Case interessant. Auch gut erklärt, dass es Verletzungen an Haut und Augen erzeugt, bevor die natürlichen Reflexe (Blinzeln oder andere Reaktion) sie schützen – und das innerhalb 0,25 Sekunden!

leat magazine: Was empfiehlt du Anwender:innen?

Fabian Oving: Ich würde empfehlen, sich in das Thema ein bisschen reinzuarbeiten. Wir halten als Hochschule auch Vorträge dazu und geben Wissen mit. Grundsätzlich würde ich bei den Herstellern nachfragen: Welche Risikogruppe in welcher Entfernung? Wo sind die Grenzen zwischen RG3, RG2, RG1 und RG0 in Metern; eventuelle noch eine Angabe der Zeit.

Sich in alle Normen einzulesen, alle Querverweise und in welcher Richtlinie welche Gewichtungsfunktion steht, da ist man schon ein bisschen beschäftigt.

Als Anwender:in muss man sich mit den Sicherheitshinweisen beschäftigen. Früher hat man sich über viele Sachen keinen Kopf gemacht. Auf der anderen Seite: wir leben alle noch. Ich bin auch kein Freund davon, Riesenpanik zu schieben. Wir wissen, dass es eine Gefährdung gibt, wir wissen auch, dass es zu Schäden kommen kann, und das ist mit Sicherheit nicht schön. Ich habe einen kleinen Sohn, ich freue mich jeden Tag, wenn ich ihn sehen kann und möchte auch gerne, dass das so bleibt. Aus reiner Schludrigkeit zu sagen, da wird schon nichts passieren, dafür ist mir mein Augenlicht noch ein bisschen zu wichtig. „Es ist eh noch nichts passiert“ ist das eine Extrem, das andere wäre, wir verbieten alle Veranstaltungen. Im Endeffekt ist es gesunder Menschenverstand, darüber nachzudenken, ob ein Gerät für die Anwendung sinnvoll ist, und was sagt der Hersteller zur sinnvollen Verwendung?

Meine persönliche Meinung: Muss es immer so hell sein? Wenn ich auf Konzerte gehe und sehe, wie mit Licht um sich geworfen wird: So viele Geräte – brauche ich sie alle? Gutes Licht lebt von Kontrast, das ist auch mit weniger Helligkeit möglich. Warum nimmst du nicht die Scheinwerfer eine Nummer kleiner?


Praktikable Lösung: Beurteilung der Blaulichtgefährdung

Eine Netzhautgefährdung durch Licht mit hohen Blauanteilen ist bei Bildschirmen oder Allgemeinbeleuchtung nahezu ausgeschlossen. Der Betrieb von Hochleistungsscheinwerfern etwa im Hoch- und Tiefbau, in der Veranstaltungsbranche oder für große Lagerflächen kann hingegen mit einer Blaulichtgefährdung einhergehen. Die im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung dafür häufig notwendige Strahldichtemessung ist anspruchsvoll und aufwändig. Eine vereinfachte Methode mithilfe eines Luxmeters und der Farbtemperatur liefert jedoch vergleichbare Ergebnisse. Eine praktikable Lösung mittels Luxmeter die Blaulichtgefährdung zu beurteilen findet man bei der BAUA unter: www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Bericht-kompakt/Blaulichtgefaehrdung.html

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