Bühnenbau für LED-Walls

Outdoor-Bühnen und LED-Walls: Sicher vor Sturm

Menschen und Material durch proaktive Planung der LED-Videowalls besser schützen: Das ist nicht nur eine Diskussionsanregung von Roger Rinke / Screen Visions, sondern auch Titel des gleichlautenden Panels auf der LEaT con 23 mit Alexandra von Samson (Meisterin für Veranstaltungstechnik), Malte Jäger (Geschäftsführender Gesellschafter BigRig Berlin GmbH), Kevin Jonas (Geschäftsführer High Rise GmbH), Dipl.-Ing. Norbert Tripp (Technical Director Area4Industries). Roger Rinke nimmt hier eine Standortbestimmung vor und beschreibt einen ersten Maßnahmenkatalog.

(Bild: picture alliance/dpa)

Nachdem Corona über fast zwei Jahre das Feiern unmöglich machte, war seit letztem Sommer die Party Time bei den Open-Air-Festivals wieder voll im Gange. Im Sommer 2023 waren wieder viele Festivals und Freiluftkonzerte nationaler und internationaler Künstlern auf dem Veranstaltungskalender zu finden. Für die Eventbranche und damit für die Bühnenbauer, Eventtechnikvermieter und weiteren Dienstleister rund um diese Veranstaltungen eine positive Entwicklung nach den nicht ganz einfachen Coronajahren.

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Gleichzeitig fehlen aber an vielen Stellen das Fachpersonal und die Fachplaner, um das Volumen an Veranstaltungen zu stemmen. Auch, um es fachgerecht und mit einem hohen Maß an Sicherheit durchzuführen. Zusätzliche behördliche Auflagen, Verteuerungen von Personal und Technik erschweren die Durchführung der geplanten Veranstaltungen. Und auch der Ticketverkauf fand nicht überall in geplanter Höhe statt.


Diskussions-Panel „Sicher vor Sturm: Menschen und Material durch proaktive Planung der LED-Videowalls besser schützen“

Auf der LEaT con 23 hat ein Diskussions-Panel mit Roger Rinke (Managing Director Screen Visions), Alexandra von Samson (Meisterin für Veranstaltungstechnik), Malte Jäger (Geschäftsführender Gesellschafter BigRig Berlin GmbH), Kevin Jonas (Geschäftsführer High Rise GmbH) und Dipl.-Ing. Norbert Tripp (Technical Director Area4Industries) stattgefunden, welches sich mit derselben Thematik auseinandergesetzt hat.

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Bühnen-Planungsdruck und Wetterwechsel mit Folgen

Somit dreht sich die Spirale wieder vom Veranstalter zu den Dienstleistern, die dann das mal Geplante über den Haufen werfen und eine reduzierte Kostenvariante erarbeiten. Dass dann möglicherweise auch sicherheitsrelevante Punkte vernachlässigt werden oder ganz wegfallen kommt vor, sollte aber nicht der Fall sein.

Open Airs sind Outdoorveranstaltungen, die Wind und Wetter ausgesetzt sind. Dass sich unser Klima in den letzten Jahren verändert hat, steht außer Frage. Dass schlechte Wetterereignisse in ihrer Heftigkeit und Ausprägung zugenommen haben, ist ebenfalls unbestreitbar. Somit sollten und müssten sich die Veranstalter solcher Open-Air-Veranstaltungen einmal mehr mit dieser Thematik auseinandersetzen und somit auch die Auswirkungen auf die eingesetzte Technik berücksichtigen.

Neben Bühnen, Ton und Licht werden mehr und mehr bei allen Open-Air-Veranstaltungen LED-Videowände aller Größen und Fabrikate eingesetzt. Dass diese Videowände ein besonderes Gefahrenpotential bei schlechtem Wetter darstellen, ist seit dem Unglück beim Marteria-Konzert 2019 in Essen ebenfalls nicht zu bestreiten.

Leider hat aber die Branche aus dem Unglück nur wenig dazugelernt, denn die Unfälle mit Videowänden häufen sich. Erst vor einigen Wochen ist wieder bei einem Konzert in Dänemark eine Videowand nach einem Wettersturz ins Publikum gefallen.

Warum passiert das? Liegt es am eingesetzten Material, an Versäumnissen der Technikfirma, am Sicherheitskonzept, am Veranstalter, an anderen Punkten? Erstaunlicherweise passieren Unfälle bei der Nutzung von PA- oder Lichtanlagen weniger bzw. gar nicht. Das liegt aber auch in der Tatsache, dass sie i.d.R. diesen Wetterereignissen nicht in der Form ausgesetzt sind wie eine Videowand und nicht diese Angriffsflächen zur Verfügung stellen: Wir sprechen hier von sehr großen Windangriffsflächen, die oftmals einfach unterschätzt werden.

LED-Wall-Hersteller vs. Vermieter vs. Veranstalter

Videowände werden bei Veranstaltungen in unterschiedlicher Größe, Form und Technik eingesetzt. LED-Wände werden fast immer aus Modulen zusammengesetzt. Alle Module zusammen ergeben die Videowandfläche. Diese kann 1 m² groß sein, aber auch 1.000 m². Die LED-Hersteller selbst verkaufen diese Module – aber keine Videowände.

Zwar haben die LED-Hersteller, die fast ausschließlich in China sitzen, in der Zwischenzeit teilweise verstanden, dass sie für ihre Produkte verschiedenste Zertifikate und Eignungsprüfungen nach DIN vorweisen müssen. Aber der Bau bzw. das Erstellen einer Videowand erfolgt ausschließloch durch den Vermieter und somit Eigentümer der LED-Elemente. Dieser hat dann die dafür notwendigen Nachweise in Form von Statik oder Baubuch zu führen.

Was sich nun immer mehr herausstellt: Bei Veranstaltungen wird zuerst einmal eine Bühne bzw. ein Bühnenbauer durch den Veranstalter beauftragt. Dem wird dann gesagt, was man in die Bühne an Licht, Ton und Video einbauen will. Es kommen so im ersten Schritt „Cirka-Lasten“ in Form der Traglasten des Daches zustande.

Vor Ort gelingt der Ablauf glatt, wenn alle Sicherheitsfragen zwischen Auftraggeber, Bühnenbauer und Video-Dienstleister zuvor geklärt wurden (Bild: Screen Visions)

Was aber bereits zu diesem Zeitpunkt grundsätzlich versäumt wird: Über die möglichen Windlasten zu sprechen, die über die eingesetzten Videowände in und an der Bühne erzeugt werden und wie diese Lasten in die Bühne eingeleitet werden. Ausschließlich über die Aufhängung der Videowand können diese Kräfte nicht abgeleitet werden! Bei den Lasten werden in der Regel nur die Dachlasten (Vertikallasten) geprüft. Was in der Regel nicht berücksichtigt wird ist die horizontale Lasteinleitung durch den Winddruck auf die LED-Wände. Viele Bauwerke/Bühnen sind für diese horizontale Lasteinleitung nicht ausgelegt.

Hier funktionieren dann keine keine technische, sondern nur organisatorische Maßnahmen. Vorausgesetzt, die Wand ist in sich entsprechen konstruktiv ausgesteift, z. B. Durch einen Windbreaker oder zusätzliche Traversen.

Somit gilt es, einen konstruktiven und statischen Weg zu finden, die Kräfte einzuleiten bzw. entsprechende Schutz- und Sicherungsmaßnahmen bei Wind- und Wettersituationen einzuplanen. Die Bühnenhäuser verfügen über eine Statik / Baubuch, in dem die maximal einzuleitenden Kräfte definiert sind. Werden diese verändert bzw. überschritten, muss ein neuer Nachweis geführt werden. Oder es muss ein neues Baubuch erstellt oder im schlimmsten Fall eine andere Bühne bestellt werden.

LED-Sicherung
Sicherungsmaßnahmen sind möglich, sollten aber bereits in der Planungsphase abgestimmt werden (Bild: Screen Visions)

Diskussion: konkrete Schritte im Bühnenbau

Es hat sich auch in diesem Sommer wieder gezeigt, dass es von großer Wichtigkeit ist, dass sich die Veranstalter der Festivals zusammen mit den Gewerken Bühne und Video über das technische Zusammenspiel sowie über notwendige Sicherungsmaßnahmen frühzeitig austauschen. Es darf nicht erst beim Aufbau der Veranstaltung oder kurz davor zu entsprechenden Diskussionen kommen. Es ist ja bei einer Schlechtwetterwarnung meist nicht möglich, die Technik rechtzeitig abzubauen. Also müssen anderen Maßnahmen greifen und umgesetzt werden – die auch mit Kosten verbunden sind. Je früher aber diese Maßnahmen definiert und budgetiert werden, je beruhigter kann jeder Veranstalter sowie die Technikfirma der nächsten Schlechtwetterfront ins Auge sehen.

Daher wäre für die zukünftige Vorgehensweise folgende Stepps wichtig:

  • Bühnenbauer wird bei der Kosten- und Planungsabfrage durch den Auftraggeber gleich mit den technischen Eckdaten für mögliche Videowände und Videoflächen abgeholt. Er soll diese als Gewicht und auch als Windangriffsfläche mit den entsprechenden Kräfteaufnahmen in seinen Bühnenbau aufnehmen und statisch einkalkulieren bzw. Aussagen treffen, was technisch und statisch möglich ist.
  • Videowand-Supplier soll entsprechende Statiken und Kräftenachweise für die Einleitung in den Bühnenbau vorlegen.
  • Technische Abstimmung und Definition der Möglichkeiten sowie weiterer Maßnahmen in Verbindung mit Aufwand und Kosten gegenüber dem Auftraggeber.

Es hat sich in letzter Zeit gezeigt, dass diese notwendigen Schritte in einem offenen Austausch zwischen Auftraggeber, Bühnenbauer und AV-Firma vollzogen werden müssen. Sonst kommt es vor Ort beim Veranstaltungsaufbau zu Diskussionen und dann müssen ergänzende Maßnahmen vollzogen werden, damit ein sicherer Aufbau und Betrieb durchgeführt werden kann.

 

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