„Raum bedeutet Macht“

Nike Ostendarp trainiert Teams

Nike Ostendarp, Mediatorin und Konfliktberaterin mit langjähriger Erfahrung im Live-Geschäft, über persönliche Erfahrungen in einer männerdominierten Branche, unsichtbare Machtverhältnisse und die Konflikte, die aus unterschiedlichen Wahrnehmungen entstehen.

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Nike Ostendarp
Nike Ostendarp (Bild: Andreas Hornoff)

An viele Produktionen erinnere ich mich, bei denen ich zwischen fünf Metalbands, einer 50-köpfigen Travelparty und einer komplett männlichen Crew stand und bis zum Einlass die einzige Frau war. Das hat mich nie gestört oder irritiert, es war Normalität.

In die Veranstaltungsbranche gelangte ich vor fast 20 Jahren über ein Praktikum in einer Konzertagentur – und wurde direkt ins kalte Wasser geschubst: Örtliches Konzertgeschäft von der Pike auf, Booking und Produktionen in allen Größenordnungen, Hamburger Clubs und Hallen, tausende Shows. Ich habe diese Welt geliebt: die Dynamik, die Energie, das Teamwork, den Rock’n’Roll. Dieses Gefühl, gemeinsam Dinge möglich zu machen, die eigentlich nicht gehen.


»Wer dominiert das Gespräch? Wem schenke ich meine Aufmerksamkeit? Wer wird mit Kompetenz sichtbar?«


Ich habe in einem sehr männerdominierten Bereich gearbeitet. Im Livegeschäft, speziell im Booking und auf Produktionen waren Frauen selten und eher in zuarbeitenden, „kümmernden“ Rollen unterwegs: Assistenz, Artist Care, Catering. Ich saß oft als einzige Frau in Männerrunden, der Umgang war locker, herzlich, oft derb. Ich habe viele sexistische Sprüche erlebt, viel mitgelacht, ignoriert oder weggelächelt. Wie sehr mein Alltag – und auch ich selbst – von patriarchalen Strukturen geprägt war, habe ich ehrlich gesagt erst Jahre später verstanden.

Ich fühlte mich respektiert, in meiner Expertise gesehen – und gleichzeitig gab es Situationen, die ein komisches Bauchgefühl hinterließen. Vielen Männern ist z. B. nicht bewusst, wie selbstverständlich sie mehr Raum einnehmen im Verhältnis zu Frauen: körperlich, sprachlich, im Redeanteil in Meetings. Wortbeiträge wurden unterbrochen, der Blickkontakt in Gesprächsrunden, in denen es um wichtige Deals und Absprachen ging, vermieden und die Kommunikation an mir vorbei mit den vermeintlichen Entscheidern – also Männern – geführt.

In solchen Momenten fühlte ich mich außen vor, obwohl ich gleichwertiger Teil der Runde war. Ich habe es damals schnell auf mich bezogen, dachte, ich sei zu ruhig, zu feinfühlig, müsse mich mehr durchsetzen. Die Muster dahinter habe ich erst später erkannt.

Heute weiß ich: Raum bedeutet Macht. Grade in diesem Punkt wünsche ich mir mehr Umsicht und Bewusstsein von Männern in der Kommunikation. Wer dominiert das Gespräch? Wem schenke ich meine Aufmerksamkeit? Wer wird mit Kompetenz sichtbar?

Wahrnehmungen unterscheiden sich

Im Diskurs über Geschlechtergerechtigkeit begegnet mir immer wieder ein Phänomen: Viele Männer erleben die Branche anders. Sie sind grundsätzlich dafür, verstehen das Problem aber nicht. Es treffen sehr unterschiedliche Wahrnehmungen und Lebensrealitäten aufeinander. In meiner heutigen Arbeit als Mediatorin erlebe ich genau hier typische Konfliktdynamiken, in denen oft um die „Wahrheit“ gestritten wird: Wer hat recht? Wer übertreibt? Wer ist schuld?

Die einen gehen in einen Verteidigungsmodus, weil strukturelle Kritik als persönlicher Vorwurf ankommt. Die anderen ziehen sich zurück – aus Unsicherheit oder Angst, etwas falsch zu machen. Gleichzeitig wachsen Wut und Frust auf der anderen Seite, wenn Erfahrungen abgesprochen oder kleingeredet werden. Ein Teufelskreis, in dem beide Seiten Empathie und Verständnis voneinander einfordern.

Der Weg hinaus beginnt damit, anzuerkennen, dass wir unterschiedlich auf die gleiche Situation blicken. Es bedeutet, die Strukturen zu verstehen, die uns alle prägen, auch wenn niemand individuell „schuld“ ist. Es bedeutet, sich den eigenen Anteil darin bewusst zu machen und zu hinterfragen. Ich sehe insbesondere Männer in einer wichtigen Rolle – vor allem in Führungspositionen. Gleichzeitig erlebe ich auch Frauen, die Strukturen reproduzieren und sich misogyn verhalten, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Mein Wunsch an Unternehmen: Holt das Thema bewusst auf die Agenda. Schafft konkrete Räume für Austausch, Reflexion und Lernen – für alle. Denn Veränderung entsteht nicht von allein. Ohne den Umgang mit unterschiedlichen Wahrnehmungen und Spannungen bleibt sie stecken. Empathie und Konfliktkompetenz sind für mich essenziell, um Perspektiven zu verbinden und Zusammenarbeit gerechter und zukunftsfähig zu gestalten.

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