Jennifer Rostock Tour 2017

Jennifer Rostock: Array-Processing und Stromgitarren live

Gute Mädchen kommen (vielleicht) in den Himmel, böse Mädchen (ganz sicher) überall hin – zum Beispiel begleitet von diversen Schnäpsen auf die Bühne des Palladiums. Sowohl Sängerin Jennifer Weist als auch ihre Band und die Audio-Crew ließen es im Frühjahr 2017 in der Kölner Konzerthalle in einem sehr positiven Sinn „richtig krachen“, und dank einer leistungsstarken, kompetent bedienten Beschallungsanlage gab es kräftig etwas auf die Öhrchen. Eine sympathische, seichteren Pop-Gefilden sporadisch nicht abgeneigte Rock´n´Roll-Krawallkapelle war live in ihrem natürlichen Habitat zu erleben.

Jennifer Rostock Beschallung mit d&b Array-Processing im ausverkauften Kölner Palladium
Jennifer Rostock Beschallung mit d&b Array-Processing im ausverkauften Kölner Palladium (Bild: Jörg Küster)

Jennifer Rostock, deutschsprachige Rockformation mit klarer politische Kante, machte im Rahmen einer größtenteils ausverkauften Tour am 3. Februar 2017 im Kölner Palladium Station. Die jüngst enorm gewachsene Popularität, die auch mit Hochverlegungen in größere Hallen einherging, dürfte der Band nicht zuletzt durch die aktuelle Single „Hengstin“ („So viele Männer, so wenige Eier …“) beschert worden sein, in deren Video sich Sängerin Jennifer Weist splitterfasernackt zeigt. Jenseits des engagierten Textes befeuerte die freizügig offengelegte Tattoo-Landschaft eine Berichterstattung in den Mainstream-Medien und sorgte für reichlich Aufmerksamkeit jenseits der angestammten Hörerschaft.

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Beschallung

Im Kölner Palladium wurde die Beschallung mit Komponenten von d&b audiotechnik realisiert, welche aus den Beständen der Berliner TSE AG kamen. Als Main-Arrays wurden pro Seite zwölf Lautsprecher aus der V-Serie geflogen, genauer gesagt acht V8 und vier darunter befestigte V12. Zur Beschallung der Seitenbereiche hatte die Audiocrew im Palladium auf Hochständern links und rechts der Bühne je drei d&b T10 an Cluster-Bügeln montiert – im Publikumsbereich war auf diesen Lautsprechern der komplette Mix zu vernehmen, während die T10 in anderen Hallen unterstützend zu den direkt von der Bühne kommenden Signalanteilen genutzt wurden. Die vordersten Gästereihen wurden in Köln mit vier querliegenden d&b V12 versorgt.

Jakob Bernhart verantwortete den FOH-Sound bei Jennifer Rostock im Palladium Köln.
Jakob Bernhart verantwortete den FOH-Sound bei Jennifer Rostock im Palladium Köln. (Bild: Jörg Küster)

Die tiefen Frequenzen wurden sehr ansprechend von 6 × 2 J-SUB wiedergeben, welche Unterstützung durch zwei J-INFRA erhielten – die J-INFRA sind in diesem Zusammenhang als eine Art ultratiefes Add-on zu verstehen, das zu einer insgesamt sehr entspannt wirkenden, angenehm voluminösen Basswiedergabe in der Halle beitrug. Die Tieftöner wurden vom FOH-Platz mit einem separaten Feed angesteuert und erfüllten somit eine LFE-Funktion; die Bässe wurden mit geeigneten Delay-Zeiten in einem ARC-Setup betrieben. Mit Gedanken an die Gewichtsbegrenzung der Hängepunkte in den von der Band bespielten Hallen und Clubs wurde auf geflogene Bässe verzichtet. „In Venues mit Tiefen von 30 oder 40 Meter finde ich bei Rockmusik als ARC gestellte Bässe optimal für eine gleichmäßige horizontale Verteilung, zumal man sich bei zusätzlich geflogenen Subs leicht Phasenprobleme einhandeln kann. Das V-System läuft zudem im Fullrange-Modus und bietet im Zusammenspiel mit dem CPL Array EQ im D80 Verstärker ausreichend Reserven im oberen Bassbereich. Bei größeren Distanzen sollte man sicher geflogene Bässe ergänzen, um die ersten Zuschauerreihen nicht mit dem benötigten Pegel zu erschlagen, der dann aus der größeren Distanz resultiert“, kommentierte System-Engineer Alexander Lewin, der vom FOH-Pult vier Feeds (links/rechts/Sub plus Frontfill je nach Location) als digitale AES/EBU-Signale erhielt.

Der gesamte Signalfluss – von der auf der Bühne platzierten Midas DL251 Stagebox bis in die Endstufen – war vollständig digital. Von der Stagebox gelangten Audiosignale via AES50 (bei der Music Group als SuperMAC bezeichnet) sowohl zum Monitorpult als auch zur FOH-Konsole. Um die Endstufen digital anfahren zu können, wurden die Ausgangssignale der FOH-Konsole zum Monitorpult zurückgespielt – das Pult verfügt über AES/EBU-Ausgänge, mit denen die Midas DL251 Stagebox nicht aufwarten kann. Auf d&b D80-Endstufen wurden die Audiosignale abschließend mithilfe von drei d&b DS10 Audio Network Bridges verteilt, welche sich im konkreten Zusammenhang nicht mit Dante-Daten beschäftigen mussten, sondern als AES/EBU-Splitter fungierten. Pro Bühnenseite kamen zwei System-Ampracks („D80 Touring Rack Assembly“) mit jeweils drei D80-Endstufen für die Subs und die geflogenen Lautsprecher zum Einsatz. Ein fünftes Amprack (zwei aktive Amps plus 1 × Reserve) nahe des Monitorplatzes trieb die Frontfills und die Monitorlautsprecher an.

Monitor

Der Monitorplatz wurde von Jonathan Wolff bedient, der seit vielen Jahren für die TSE AG tätig ist und bei der Berliner Firma auch eine Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik absolviert hat. Für Jennifer Rostock ist Wolff bereits seit 2007 aktiv, wobei er anfangs zunächst als Vertretung für einen Kollegen einsprang. „In meinem ersten Jahr bei Jennifer Rostock hat die Band fast 200 Gigs gespielt“, berichtet Wolff, der zu dieser Zeit FOH und Monitor in Personalunion mit nur einer Konsole bediente und sich gut an die kräfteraubende Tingelei „durch die Kellerlöcher der Nation“ erinnert. Mit zunehmendem Erfolg wurden FOH- und Monitormischung bei Jennifer Rostock ab dem Jahr 2009 getrennt, und seither ist Jonathan Wolff durchgängig am Monitorpult der Band anzutreffen.

Monitormischer Jonathan Wolff
Monitormischer Jonathan Wolff während des Jennifer Rostock Konzerts 2017 in Köln. (Bild: Jörg Küster)

Auf der Tournee von Jennifer Rostock kamen keine konventionellen Bühnenmonitore zum Einsatz; die Musiker wurden durchweg mit In-Ear-Systemen versorgt. Als Drahtloskomponenten befanden sich Produkte aus der Shure PSM 900-Serie sowie passende HA-8089 Helixantennen am Start; der Drummer wurde drahtgebunden versorgt. Alle Musiker und auch Jonathan Wolff nutzten Ultimate Ears UE-11 Pro, so dass bezüglich des IEM-Klangbilds bei Diskussionen von allen Beteiligten über das Gleiche gesprochen wurde. Die von zwei Rode NT5-Kondensatormikrofonen gelieferten Atmo-Signale fuhr Jonathan Wolff dynamisch per Hand.

Das Monitoring gestaltete sich insofern ungewöhnlich, als die Sidefills in Gitter-Stapelbehältern untergebracht waren, welche perfekt zur übrigen Bühnengestaltung passten und gleich auch als Transportlösung genutzt wurden. Zum Einsatz kamen pro Seite zwei d&b V-SUB sowie zwei V7P. Ausgespielt wurde ein Gesamtmix unter besonderer Berücksichtigung der tiefen Frequenzen, welche sich über In-Ear-Hörer nicht ganz so gut transportieren. Wäre eine In-Ear-Strecke ausgefallen, hätten die Musiker außerdem anhand der Sidefills weiterhin eine Orientierung gehabt. Gastsänger, die bei einzelnen Shows Kurzauftritte absolvierten, wurden meist ebenfalls über die Sidefills versorgt. Schlagzeuger Christopher Kohl wurde ergänzend mit einem d&b V-SUB beglückt und konnte seine Kick während der Show vermutlich gut spüren – zumindest sah er auf der Bühne sehr zufrieden aus …

Systemspezialist Alexander Lewin während des Jennifer Rostock Konzerts 2017 im Palladium Köln.
Systemspezialist Alexander Lewin während des Jennifer Rostock Konzerts 2017 im Palladium Köln. (Bild: Jörg Küster)

Die Mikrofonierung der Rockband zeigte keine Besonderheiten; ins Auge sprang lediglich das Equipment eines der beiden Gitarristen: Der Musiker verwendete zwei Amps, von denen einer ausschließlich mit cleanen Sounds betrieben wurde, während der andere für das Thema Distortion zuständig war. Der Clean-Channel war immer aktiv, und der Distortion-Channel wurde je nach musikalischem Kontext zugeschaltet. Eine von vier angeschlossenen Orange-Gitarrenboxen wurde mit einem Audio-Technica Artist Elite AE3000 Kondensatormikro (mit Pad und Hochpassfilter) abgenommen, während sich vor einer zweiten Box ein Shure SM57 und ein Audio-Technica AE3000 befanden. Der zusätzliche Aufwand resultierte in einem Klangbild, das man mit dem Adjektiv „dreidimensional“ umschreiben kann, zumal auf den betreffenden Pultkanälen kreativ mit Zeiten und Panning gearbeitet wurde.

Shout, shout, let it all out …

Sängerin Jennifer Weist ist auf der Bühne ein Erlebnis, für das die absolut positiv gemeinte Fachvokabel „Rampensau“ wie geschaffen scheint – so stellt man sich die Frontfrau einer Rockband vor! Ein gerütteltes Maß an Emotion brach sich auch beim Kölner Konzert Bahn, und man ahnt, dass es aus tontechnischer Perspektive nicht immer ganz einfach war, die Lead-Vocals im Zaum zu halten. Es überraschte nicht, dass der Sängerin eine eigene Signalkette zugewiesen war, die sich aus analogen Komponenten mit eigenständigen Klangtexturen zusammensetzte: Das Mikrofonsignal (Shure Beta58 an Shure-Handsender) wurde zunächst in einen Avedis Audio MA5-Preamp geführt, von wo es per Y-Adapter auf einen Exciter (BBE SM500 Sonic Maximizer) und einen Aphex EX-BB 500 „Big Bottom“ verteilt wurde – die drei 500er-Module waren in einen Juicebox3-Trägerrahmen von SM Pro Audio eingebaut.

d&b T10 an Cluster-Bügeln
Beschallung der Seitenbereiche im Palladium auf Hochständern links und rechts der Bühne je drei d&b T10 an Cluster-Bügeln (Bild: Jörg Küster)

Das Ausgangssignal des Aphex EX-BB wurde in einen Empirical Labs Distressor EL8-X geführt, während der Output des BBE SM500 mit einem UAD 1176LN Classic Limiting Amplifier komprimiert wurde: 2 × Jennifer Weists Gesang, klassisch und modern sozusagen, für die weitere Bearbeitung am Pult. Dem Vernehmen nach konnte sich die Sängerin früher nicht wirklich mit den Auswirkungen der Kompression auf ihre Gesangsperformance anfreunden und empfand die dynamische Begrenzung wohl als eine Art „Bremse“, was dazu führte, dass sie beim Singen noch mehr Gas gab – für die Stimmbänder während einer Tournee fraglos keine gute Verfahrensweise. Der 1176LN mag als Kompressor insofern eine gute Wahl sein, als er trotz Pegelkontrolle tendenziell dezent ins Geschehen eingreift und die Regeltätigkeit nicht aufdringlich wirkt: „Sie liebt den 1176“, war aus dem Produktionsumfeld zu vernehmen. Die analogen Vocal-Chains fanden in einer Midas DL251 Stagebox bei einer Abtastrate von 96 kHz den Weg auf die digitale Ebene.

Mischung

Auf der Tournee kamen zwei Midas Pulte zum Einsatz; den Gain legte Jonathan Wolff an seiner Midas PRO2C fest. An der Konsole schätzt Wolff u. a. den MCA-Modus: „Ich kann damit in einer Weise auf die In-Ear-Systeme mischen, wie es ein FOH-Kollege sonst bei der PA macht“, so Wolff. „Ich kenne kein anderes Pult, das eine solche Funktion zur Verfügung stellt.“ 38 Inputs waren bei den Shows zu verwalten.

Monitoring mit Sidefills
Monitoring mit Sidefills (zwei d&b V-SUB sowie zwei V7P) in Gitter-Stapelbehältern, welche perfekt zur übrigen Bühnengestaltung passten und gleich auch als Transportlösung genutzt wurden (Bild: Jörg Küster)

Jakob Bernhart verantwortete den FOH-Sound und verwendete ein Midas PRO1 Mischpult, das ebenso wie die Monitorkonsole der Firma subport project engineering (Stefan Kolbe, technisch-kreativer Direktor bei Jennifer Rostock) gehört. „Bei der Live-Mischung habe ich freie Hand, aber bezüglich der Klanggestaltung orientiere ich mich in vielen Aspekten schon am Sound der Alben“, erklärte Bernhart in Köln. „Live-Sound ist immer anders als ein Studioalbum, aber auf gewisse Studiosounds möchte man auch bei Konzerten nicht verzichten: Der Keyboarder nutzt live beispielsweise programmierte Arpeggio-Lines, die in ihrer aktuellen Form schlichtweg nicht spielbar sind. In einem Song wird auch eine Vocoder-Stimme verwendet, welche dem Live-Gesang überlagert wird.“ Passend zu dieser Aussage wurde bei den Konzerten von Jennifer Rostock Timecode verwendet, und die Musiker hörten auf Wunsch einen Clicktrack in ihren In-Ear-Systemen. Der Click sorgte nicht nur dafür, dass beispielsweise Arpeggien perfekt im Timing wiedergegeben wurden, sondern stellte auch exakte Tempi bei allen Songs sicher.

3D-Plot in d&b Array-Calc für die Show im Kölner Palladium
3D-Plot in d&b Array-Calc für die Show im Kölner Palladium (Bild: Jörg Küster)

FOH-Mischer Jakob Bernhart verfügt über eine illustre Vita: In jungen Jahren wurde er während eines Schüleraustauschs in den USA als Schlagzeuger einer texanischen Band nachhaltig musikalisch und tontechnisch geprägt. Nach Ende der Schulzeit sowie Wehrdienst in der Luftwaffe erhielt er nach dem Aufbau eines bescheidenen Projektstudios im Jahr 1999 einen Job als Allrounder in einem renommierten Münchner Tonstudio, in welchem er sich vom Teaboy (Zitat: „Lampen wechseln und die Garage aufräumen …“) zum Engineer hocharbeitete und Lehrjahre an einer SSL-Konsole sowie hinter einer Harrison Series 10 verbrachte. Aufgezeichnet wurde seinerzeit auf zwei 48-spurige DASH-Maschinen von Studer sowie zwei analoge Mehrspur-Bandmaschinen, deren Instandhaltung er übernahm. Durch die Vermittlung eines Freundes ergab sich die Möglichkeit, ab 2005 in Berlin als Tontechniker für die Blue Man Group zu arbeiten. In der deutschen Hauptstadt kam über Umwege, eine langjährige Verbindung zu den Emil Bulls respektive zum EXTRAtours Konzertbüro, einen Club-Kontakt mit Sänger/Moderator Alexander Wesselsky (Megaherz/Eisbrecher) sowie weitere Umstände der Kontakt zu Jennifer Rostock zu Stande.

Parallel zu seiner Tätigkeit als freiberuflicher Audio-Engineer arbeitet Jakob Bernhart heute auch für TUI Cruises und betreut als Audio-Supervisor mehrere Kreuzfahrtschiffe. Losgelöst von allen Audio-Aktivitäten fliegt der Berufspilot regelmäßig im Auftrag eines Aircharter-Brokers im In- und Ausland.

Jennifer Rostock: FOH-Platz im Kölner Palladium
Jennifer Rostock: FOH-Platz im Kölner Palladium (Bild: Jörg Küster)

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