ESC 2021: Audio

Sound für Live und Broadcast

Da der ESC ja eigentlich ein Song-, und kein Visuals-Contest ist, kommt dem Audiokonzept eine wichtige Rolle für die TV-Streams und dem Publikum vor Ort zu – umgesetzt unter der Leitung von Jeroen ten Brinke (Head of Live Sound) und Thijs Peters (Head of Broadcast Sound).

ESC Sound(Bild: Nathan Reinds)

Trotz weiterhin grassierender Pandemie und hoher Inzidenzzahlen in den Niederlanden fand der Eurovision Song Contest 2021 mit Publikum statt: Sowohl während der drei Live-Shows als auch bei sechs öffentlichen Proben war die Anwesenheit von jeweils 3.500 Gästen mit negativem Corona-Testzertifikat in der „Rotterdam Ahoy“-Arena erlaubt. Es galt somit, nicht nur die Zuschauer an den heimischen TV-Geräten, sondern auch die in der Halle anwesenden ESC-Fans mit bestmöglichem Klang zu begeistern. Für die audiotechnische Ausstattung der Großproduktion war die Ampco Flashlight Group verantwortlich; für das Broadcast-Segment waren NEP und EMG zuständig.

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Übersicht:

Hallenbeschallung: Ohne Delay-Lines, aber mit Dusche von oben

Drahtlostechnik mit Matroschka-System: Alles so schön bunt hier

Shure Axient Digital für maximale Betriebssicherheit

Broadcast-Sound: Ein Lied geht hinaus in die Welt

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Hallenbeschallung: Ohne Delay-Lines, aber mit Dusche von oben

Jeroen ten Brinke, Head of Live Sound, äußerte sich während der Proben zufrieden über die akustischen Gegebenheiten in der „Rotterdam Ahoy“-Arena, die zu den größten Mehrzweckhallen in den Niederlanden gehört. Auf dem Parkett vor der Bühne war Publikum beim ESC 2021 nicht zugelassen ‒ stattdessen befand sich im Innenraum der Halle der großflächig ausgedehnte Greenroom, in dem sich die am ESC beteiligten Künstler sowie die zu ihrem Land gehörenden Delegationen niederließen. Die Zuschauer verteilten sich in der „Rotterdam Ahoy“-Arena auf den Rängen, welche in normalen Zeiten Platz für wesentlich mehr als 3.500 Personen bieten.

Lautsprecher und Endstufen stammten größtenteils aus dem Portfolio von L-Acoustics; lediglich zwischen den Sitzgelegenheiten der Delegationen im Greenroom sowie als Monitoring-Lösung waren diverse Synco-Lautsprecher zu entdecken. Die Amp-Cities wurden beim ESC 2021 in luftiger Höhe geflogen: „Unterhalb der Hallendecke haben wir zwei Inseln eingerichtet, auf denen sich die Verstärker befinden“, erklärte Jeroen ten Brinke. „Das geschieht zum einen, damit niemand unbefugt an der Technik herumspielen kann und zum anderen, um die Leitungslängen zwischen Endstufen und Lautsprechern möglichst gering zu halten.“ Bei der Veranstaltung kamen 84 Hochleistungs-Systemverstärker L-Acoustics LA12X zum Einsatz.

Die PA setzte sich aus sechs Main-Arrays (L-Acoustics K1 plus KS28) zusammen, welche die mit Publikum besetzten Ränge auf jeder Seite der Halle beschallten. Drei Infills waren aus KARA-Units zusammengesetzt. Künstler und Delegationen in der Greenroom-Area wurden mit sechs Line-Arrays (L-Acoustics K2) von oben beschallt, wofür Jeroen ten Brinke den unmittelbar einsichtigen Begriff „Shower-PA“ verwendete. Auf Delay-Lines wurde angesichts der besonderen Gegebenheiten verzichtet, was laut ten Brinke ohne Probleme möglich war.

ESC Sound
Sechs Main-Arrays: L-Acoustics K1 plus KS28 beschallten die mit Publikum besetzten Ränge auf jeder Seite der Halle. Drei Infills waren aus KARA-Units zusammengesetzt. Künstler und Delegationen in der Greenroom-Area wurden mit sechs Line-Arrays (L-Acoustics K2) von oben beschallt. (Bild: Nathan Reinds)

Den FOH-Platz hatte die Crew auf der Tribüne mittig am oberen Ende des ersten Rangs eingerichtet, da der Innenraum der Arena durch Bühne und Greenroom belegt war: „Das funktioniert großartig — wir erhalten an unserem Platz von der PA einen kräftigen In-your-Face-Sound“, sagte Jeroen ten Brinke über die ungewöhnlich große Entfernung zur Bühne.

Als Pult für den Hallensound wurde ein DiGiCo Quantum 7 (256 Input-Channels, 128 Aux/Subgroup-Busse, 48×48 Full- Processing-Matrix, 256 Einheiten Nodal Processing) eingesetzt, das durch eine weitere Konsole des gleichen Typs als Backup ergänzt wurde: „Wir haben also eigentlich vier Desks — einen Main-Desk und drei Backups“, merkte Jeroen ten Brinke in Anspielung auf die „dual redundant engines“ des Quantum 7 an. Die Pulte und die zugehörigen DiGiCo Racks waren in zwei Glasfaserringen (Redundanz) miteinander verbunden.

Erwartungsgemäß waren im Pult zahlreiche Snapshots für die perfekt choreografierten Auftritte hinterlegt. Dennoch hatte Jeroen ten Brinke während der Shows durchgängig seine Finger an den Fadern, um die Gesangssignale zu pegeln und jederzeit auf Unvorhergesehenes reagieren zu können. Der Monitorplatz war ebenfalls mit zwei DiGiCo Quantum 7 ausgestattet und hatte für die Musikzuspielung Zugriff auf Multitrack-Playbacks mit bis zu zwölf Stems, so dass auf individuelle Künstler-Klangwünsche eingegangen werden konnte. Für den Hallensound verwendete Jeroen ten Brinke als Musikzuspielung Halbplayback-Mixes ohne Vocals.

Zu Eigenheiten des ESC befragt, äußerte sich Jeroen ten Brinke wie folgt: „Der ESC ist eine besondere Veranstaltung, und die Künstler stehen in ihren Heimatländern unter besonderer Beobachtung ‒ sie verspüren einen immensen Druck, da eine absolut perfekte Performance von ihnen erwartet wird. Gelegentlich sind einzelne Personen wirklich sehr nervös, und man überlegt als Tonverantwortlicher daher mitunter sehr genau, in welcher Form man sich äußert und wie man sich in bestimmten Situationen verhält.“

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Drahtlostechnik mit Matroschka-System: Alles so schön bunt hier

Schon in normalen Zeiten ist die Organisation der Drahtlostechnik bei einer TV-Großveranstaltung wie dem ESC eine Herausforderung: Pro Act müssen bis zu sechs Sänger:innen mit Handsendern (oder Taschensendern samt Headset) ausgestattet werden. Der fliegende Equipment-Wechsel früherer Jahre war im Jahr 2021 pandemiebedingt keine Option, und Hygienemaßnahmen wurde besondere Aufmerksamkeit zuteil: So waren zwei Crew-Mitglieder als „Covid Cleaner“ berufen worden und durchgehend damit beschäftigt, Beltpacks und Handsender nach jeder Probe und jedem Auftritt gründlich zu desinfizieren.

Um sich in Ruhe mit der drahtlosen Mikrofonierung befassen zu können und das ebenfalls kabellos ausgeführte In-Ear-Monitoring zu testen, wurde von den Künstlern nach ihrer Ankunft in einem ersten Schritt ein so genannter Soundcheck-Room weitab des allgegenwärtigen ESC-Trubels aufgesucht. Individuelle Klangwünsche konnten dort gegenüber dem anwesenden Toningenieur zum Ausdruck gebracht werden, der die von den Künstlern präferierten Einstellungen als Snapshots in einer DiGiCo Quantum 7 speicherte — die gemeinsam erarbeiteten Settings wurden später per USB-Stick auf die für den Monitorsound verantwortlichen Mischpulte übertragen. Im Soundcheck-Room wurden die Drahtlossysteme auf anderen Frequenzen betrieben, als es später in der Halle der Fall war; ansonsten könnte man die Technik umgangssprachlich als „abgespeckten Klon“ der späteren Auftrittssituation bezeichnen.

ESC Sound
„Matroschka-System“: persönlich zugeordnetes Drahtlos-Material (Aart Heus, Senior Wireless Transmission Manager Ampco Flashlight) (Bild: Nathan Reinds)

Das jedem Bühnenakteur persönlich zugeordnete Drahtlos-Equipment wurde für Proben und Auftritte in einem Fitting-Room („Wireless Plaza“) gelagert. Dort stand in einem großen Regal für jedes teilnehmende Land eine eigene Kunststoff-Containerbox bereit. In Letzterer wurden die den einzelnen Künstlern fest zugewiesenen Komponenten (Handsender-Kapselkörbe, Headsets, In-Ear-Hörer) wiederum in bis zu sechs separaten Behältern gelagert, weshalb vor Ort das Bonmot vom „Matroschka-Prinzip“ die Runde machte.

Ausgabe der Drahtlostechnik
Ausgabe der Drahtlostechnik mit farbig markierten Warteplätzen für die Künstler (Bild: Nathan Reinds)

Um Konfusion im Fitting-Raum sowie auf dem Weg zur Bühne zu vermeiden, wurde in Rotterdam ein konsequent zu beachtendes Kennzeichnungssystem verwendet, dessen Farbcodierung (rot = Lead-Vocalist etc.) sich auch in Bodenmarkierungen wiederfand, welche auf die erforderlichen Abstände hinwiesen. Zwei den Künstlergruppen zur Seite gestellte Begleiter („Tour Guides“) trugen Sorge dafür, dass trotz Lampenfieber niemand die Markierungen ignorierte.

Die Radio-World am FOH war ebenso wie der Soundcheck-Raum mit einem großen Display ausgestattet, auf dem die relevanten Informationen von RF-Pegel über Audio-Level bis zur verbleibenden Batterielaufzeit mithilfe der Shure Wireless Workbench Software angezeigt wurden. Insgesamt waren beim ESC 2021 laut Aussage von Ampco Flashlight Wireless-Chef Aart Heus inklusive der Kommunikationskanäle 250 Frequenzen zu koordinieren. Die Drahtlosfrequenzen für die auftretenden Künstler waren in Gruppen organisiert. Als Beispiel: Während A1 bis A6 auf der Bühne waren, wurden B1 bis B6 desinfiziert und die im Fitting-Raum auf ihren Auftritt wartenden Künstler mit C1 bis C6 ausgerüstet.


ESC 2021 – Audio-Crew (Auszug)

Audio Designer: Jeroen ten Brinke
Project Manager Ampco Flashlight: Remco Verhoek
Monitor Engineers: MON1 Ron Peeters, MON2 Peter Velthuijzen
FOH Engineers: FOH1 Tom Gelissen, FOH2 Ronald Koster
Playback Engineers: Playback 1 Willem de Bruin, Playback 2 Robert Jansen
RF Engineers: RF1 Aart Heus, RF2 Johalee Glastra
RF Crew: Evert Smit, Sharon Harte, Femke Diemer
PA Systec: Jurriën Hildebrand
OB Broadcast Music Engineers: Tijmen Zinkhaan, Marcel Korfage
OB Program Sound Engineers: Andre Swart, Patrick Geurts
OB System Sound Engineer: Daaf van Voorden

General ESC:
Eurovision Song Contest Head of Production: Erwin Rintjema
Produziert von Host-Broadcaster NPO/NOS/AVROTROS für EBU


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Shure Axient Digital für maximale Betriebssicherheit

Im aktuellen Jahr zeigte Shure beim ESC massiv Präsenz, das für eine Show dieses Typs unabdingbare Drahtlos-Equipment stammte aus dem Portfolio des US-amerikanischen Herstellers. Produktreihe der Wahl war die digital arbeitende UHF-Serie Axient Digital, deren Sender mit einem automatischen Gain-Ranging (zwei A/D-Wandler mit um 30 dB versetzten Pegelfenstern) arbeiten. Daraus resultieren ein großer Dynamikbereich sowie ein hoher System-Gain. Die HF-Übertragung erfolgt verschlüsselt (AES 256 Bit), was sich jedoch nicht auf die Systemlatenz auswirkt. Axient Digital bietet zwei Betriebsarten: In der Standard-Betriebsart, die beim ESC 2021 genutzt wurde, beträgt die Latenz lediglich zwei Millisekunden. Sind mehr Kanäle gefragt, wird der „High Density Mode“ attraktiv, bei dem der Kanalabstand bis auf 125 kHz reduziert wird.

Zu den normalen AD-Sendern gesellen sich bei Axient Digital die fernsteuerbaren ADX-Sender. Die Kommunikation erfolgt hier über das ZigBee-Protokoll, welches im 2,4-GHz-Bereich arbeitet. Basis der Kommunikationsinfrastruktur ist der AD610 Diversity ShowLink Access Point, der ebenso wie die ADX-Sender mit Diversity arbeitet.

ESC Sound
Shure Wireless Workbench Auf einem großen Display wurden die relevanten Informationen von RF-Pegel über Audio-Level bis zur verbleibenden Batterielaufzeit angezeigt

Die zu Axient Digital gehörenden Empfänger können sowohl mit AD- als auch mit ADX-Sendern betrieben werden. Die Receiver verfügen neben den Analoganschlüssen auch über einen AES3-Audioausgang inklusive Wordclock-Ein-/Ausgang. Zu den besonderen Ausstattungsmerkmalen gehören vier LAN-Ports, von denen standardmäßig je einer als Dante-Primary- und Dante-Secondary-Netzwerkschnittstelle ausgewiesen sind, während die beiden verbleibenden LAN-Ports für Steuerzwecke als Switch geschaltet sind.

Kommt es zu Interferenzen, wird bei Axient Digital zunächst eine Warnung im Display eingeblendet, welche so lange angezeigt bleibt, bis die Kenntnisnahme per Tastendruck quittiert wird. Mit Hilfe der ShowLink-Funktionalität lässt sich dann am Sender oder Empfänger ein Frequenzwechsel für die Strecke vornehmen. Es besteht die Möglichkeit zu einem automatischen Frequenzwechsel, der von der ADX-Serie unterstützt wird; die Funktion muss am Empfänger per Menüeinstellung aktiviert werden. Hierbei tritt als weitere Komponente von Axient Digital der AXT600 Axient Spektrum Manager in Aktion, der über Ethernet in das Netzwerk eingebunden wird.

Drahtlosfrequenzen
Drahtlosfrequenzen für die auftretenden Künstler waren in farbig markierten Gruppen organisiert (Shure Beltpacks) (Bild: Nathan Reinds)

Der AXT600 überwacht permanent den relevanten Frequenzbereich und bietet den Empfängern freie Arbeits- und Backup-Frequenzen an, welche kontinuierlich aktualisiert werden. Sofern eine Interferenz bei einer Strecke auftritt, ändert der Empfänger die Sendefrequenz auf Basis der Backup-Frequenzliste. Der Frequenzwechsel erfolgt innerhalb von 50 Millisekunden mit einer lediglich sehr kurzen Signalunterbrechung.

Ein beliebtes Feature bei Axient Digital hört auf die Bezeichnung „Frequenz-Diversity“: Ist diese Funktion am Empfänger aktiviert, werden pro Strecke zwei Funkfrequenzen genutzt. Beim ESC 2021 waren die meisten Sänger:innen mit ADX2FD-Handsendern ausgestattet, die intern über zwei Transmitter verfügen — bei einer Störung wäre automatisch auf die zweite verfügbare Frequenz umgeschaltet worden, ohne dass es zu hörbaren Artefakten gekommen wäre. Probleme, die bei der drahtlosen Audiosignalübertragung in der Halle prinzipiell durch die zahlreichen LED-Flächen und Motoren hätten entstehen können, traten in Rotterdam zur Freude der Crew nicht auf.

Diversity ShowLink Access Point Shure AD610
Diversity ShowLink Access Point Shure AD610 (Bild: Nathan Reinds)

ESC 2021 – Beschallung in der Halle

Audience Area:
76 × L-Acoustics K1
36 × L-Acoustics KARA
4 × L-Acoustics SB18
6 × L-Acoustics X12
18 × L-Acoustics KS28

Under Balcony:
10 × L-Acoustics 5XT

Greenroom:
40 × L-Acoustics K2 56 × Synco TRC81
16 × L-Acoustics KARA

Monitoring:
10 × L-Acoustics KARA
8 × Synco CW152
4 × Synco CW121

Drive:
2 × Outline Newton
10 × Lake LM 44

Controls:
4 × DiGiCo Quantum 7 (FOH & Monitor in LWL-Ring, 1 ×
Main- und 1 × Backup-Loop)
4 × DiGiCo SD-Rack (2 × Main- und 2 × Backup-Loop)
2 × DiGiCo SD-MiNi Rack (1 × Main / 1 × Backup)
4 × DiGiCo Orange Box (2 × Main / 2 × Backup)
2 × Yamaha CL1 (1 × Main /1 × Backup) für Sprachbeiträge
2 × Yamaha Rio1608-D2 (1 × Main / 1 × Backup)
2 × Yamaha Rio3224-2 (1 × Main / 1 × Backup)

Playback:
3 × Mac mini
3 × MADIface XT
1 × DirectOut EXBOX.BLDS MADI-Switcher

ESC 2021 – Wireless-Technik

Main Venue:
20 × Shure Axient AD4Q Vierkanal-Receiver
24 × Shure ADX2FD Handsender
14 × Shure ADX2 Handsender
24 × Shure ADX1 Taschensender
100 × DPA 4088
36 × DPA d:facto Mikro- fonkopf
120 × DPA DUA0710 Vocal Mic Grid

In-Ear:
11 × Shure P10T Stereo- Funksender
70 × Shure P10R IEM- Taschenempfänger
35 × Westone Audio UM Pro20 Hörer
20 × Westone Audio UM
Pro 30 Hörer
60 × Sony MDR-EX15LP Hörer
25 × Shure SE425 Hörer

Verschiedenes:
8 × Shure AD610 Diversity ShowLink Access Point
4 × Shure UA874 aktive Richt- antenne
3 × Shure HA-8091 Helix- Dom-Antenne
4 × Shure UA860SWB Rund- strahlantenne
2 × Shure AXT600 Axient Spektrum Manager

Rehearsal-Room:
3 × Shure Axient AD4Q Vierkanal-Receiver
6 × Shure ADX2 Handsender
6 × Shure ADX1 Taschensender
6 × DPA 4088
6 × DPA d:facto Mikrofonkopf
1 × Shure AD610 Diversity ShowLink Access Point
8 × Shure P10T Stereo-Funksender
16 × Shure P10R IEM-Taschenempfänger

Press Area:
3 × Shure Axient AD4Q Vier- kanal-Receiver
6 × Shure AD2 Handsender
6 × Shure AD1 Taschensender


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Broadcast-Sound: Ein Lied geht hinaus in die Welt

Thijs Peters, Head of Broadcast Sound, hatte sich bereits im Vorfeld der Veranstaltung um das technische Design und die Abstimmung zwischen den Bedürfnissen von Broadcast- und Hallensound gekümmert. Peters war während der Probenzeit nicht nur erster Ansprechpartner für die Crew-Mitglieder und kümmerte sich um deren technische wie menschliche Sorgen, sondern fungierte auch als Anlaufstelle für die Delegationen der einzelnen Länder, was ein gewisses politisches Geschick erfordert haben dürfte: „Selbstverständlich ist jedes Land daran interessiert, dass der Broadcast-Sound des eigenen Beitrags so vorteilhaft wie möglich klingt“, kommentierte Thijs Peters und berichtete über eine nennenswerte Zahl von Wünschen und Anregungen, die an ihn und seine Crew herangetragen wurden.
Jeder Delegation wurde vor Beginn der Proben in einem separaten Raum eine Review-Time von 20 Minuten eingeräumt, um den Broadcast-Sound gezielt anhören und Meinungen äußern zu können. Ein mit einem gerüttelten Maß an Gleichmut gesegneter Kollege von Thijs Peters notierte relevante Rückmeldungen, welche er anschließend an die verantwortlichen Techniker übermittelte.

„Für den Broadcast-Sound verwenden wir Stereo-Halbplaybacks, welche uns die jeweiligen Delegationen liefern“, berichtete Peters. „Da wir die mitgebrachten Mixes einsetzen, erübrigen sich Diskussionen über den Klang von Playbacks oder die Ausgewogenheit der einzelnen Instrumente und Klangeffekte.“

Die Stereomixes wurden von der Playback-World am FOH-Platz geliefert, in der auch Stems und Clicktracks sowie der die gesamte Show mit ihren zahllosen Prozessen dominierende Timecode verwaltet wurden — drei synchronisierte Playback-Rechner (mit RME MADIface XT und DirectOut EXBOX.BLDS MADI-Redundanzumschalter an DiGiCo Orange Box) mit der Möglichkeit zu einer automatischen oder manuellen Umschaltung sorgten für Betriebssicherheit. „Unser Playback-Operator Willem de Bruin ist definitiv der wichtigste Mann beim ganzen ESC“, merkte Thijs Peters schmunzelnd an. „Wenn er nicht zur richtigen Zeit die richtigen Knöpfe drückt, funktioniert hier gar nichts …“

Ü-Wagen von NEP
Ü-Wagen von NEP waren mit Lawo-Pulten mc²56 ausgestattet (Bild: Nathan Reinds)

Auf die Gesangssignale konnte die Broadcast-Crew dank eines Splits unabhängig vom FOH-Platz zugreifen. Aus den Shure Axient-Systemen wurden die Dante-Netzwerksignale von Primary- und Secondary-Port abgegriffen; als Backup fungierte ein MADI-Stream, der mit Hilfe eines Konverters aus den analogen Ausgängen der Shure-Systeme generiert wurde. Sowohl im OB-Van als auch im Backup-Truck konnte wahlweise auf das Dante-Netzwerk oder den MADI-Stream zurückgegriffen werden; im Notfall wäre ein Wechsel clickfrei ohne hörbare Artefakte möglich gewesen. Wie an dieser Stelle bereits deutlich geworden sein sollte, gestaltete sich der Audiosignalfluss beim ESC 2021 vollständig digital; aufgrund der langen, zu überbrückenden Strecken kamen Lichtwellenleiter zum Einsatz.

In den OB-Fahrzeugen wurde mit Lawo-Konsolen gearbeitet. Die Ü-Wagen UHD1 und UHD2 von NEP waren mit Lawo-Pulten mc²56 (64 Fader, Nova Routing Cores, VSM Broadcast Control System) ausgestattet und in einer Main/Backup-Konfiguration für ein nahtloses Protection-Switching eingerichtet. Zwei weitere mc²56 Mischpulte mit je 48 Fadern sowie Monitoring- und Outboard-Equipment, das von Lawo Rental zur Verfügung gestellt wurde, befanden sich in einem separaten „Music Room“, in welchem Musikproduzent Tijmen Zinkhaan alle Kurzvorstellungen der Künstler sowie die Pausen-Acts mischte.

Während die Broadcast-Audioverbindungen über RAVENNA/AES67 gestreamt wurden, stellten Dante-Karten in den Nova-Routing-Cores Audiosignale für die Arenabeschallung bereit. Zur Vorbereitung der Mischung hatten die Tontechniker Zugriff auf eine Stereo-Referenzmischung sowie auf Multitrack-Stems, so dass sie sich einen detaillierten Eindruck von den Klangvorstellungen der einzelnen Delegationen verschaffen konnten. Virtuelle Soundchecks auf Basis des verfügbaren Materials führten bei den späteren Proben und Auftritten zu Resultaten, die bestmöglich an die Vorgaben der Teilnehmer angeglichen waren. Ein eigener Operator war im so genannten Music-Room bereits vor Beginn der Proben damit beschäftigt, die den Gesangsstimmen zugedachten Effekte originalgetreu zu reproduzieren. Für Effekte jeglicher Art fand in Rotterdam ein Server mit Lizenzen für sämtliche Plug-ins von Universal Audio Verwendung.

FOH-Tonregie
FOH-Tonregie mit DiGiCo-Pult für den Live-Sound (Bild: Nathan Reinds)

Vom Broadcast-Team wurden in der „Rotterdam Ahoy“- Arena eine Stereomischung und ein 5.1-Surroundmix produziert. Die Gesamtmischungen wurden im Lawo-Pult leicht komprimiert. Limiter kamen nicht zum Einsatz, da gemäß Broadcast-Konventionen ohnehin reichlich Headroom bis zur Vollaussteuerung gelassen wurde. „Wir erstellen jeweils einen Clean-Feed und einen Dirty-Feed, da während der Ausstrahlung des Wettbewerbs von Zeit zu Zeit Werbung geschaltet wird, die in einzelnen Ländern nicht gesendet werden darf“, erläuterte Thijs Peters. „Die von uns gemischten Signale übergeben wir an die hier auf dem OB-Compound anwesenden Kollegen der EBU, welche sie ihrerseits an die EBU-Zentrale in Genf weiterleiten ‒ von dort werden dann alle interessierten Fernsehsender entweder über das EBU-Glasfasernetzwerk oder via Satellit versorgt.“

Der ESC konnte 2021 nicht nur in den am Contest teilnehmenden europäischen Ländern, sondern auch in Kanada und Australien im Fernsehen verfolgt werden — der Südhalbkugel-Kontinent ist für seine außergewöhnliche ESC- Begeisterung bekannt und bereits seit der 60. Ausgabe im Jahr 2015 in Corona-freien Zeiten mit musikalischen Beiträgen beim Wettbewerb vertreten.

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Der nachfolgende Textbeitrag stammt von Riedel Communications:

 

Netzwerke für den ESC 2021

Für die 65. Ausgabe des ESC lieferte Riedel Communications eine Struktur, die neben der Intercom- und Signalverteilung auch die Aufgaben der Akkreditierung, Zugangskontrolle, der Kommentarsysteme und einer komplexen IT-Infrastruktur für Crew, Rundfunk und Presse übernahm.

Riedel ESC
Arbeitsplatz zur Steuerung und Überwachung von Interkom-Technik von Riedel (Bild: Nathan Reinds)

Die Übertragung des ESC 2021 aus der Rotterdamer Ahoy- Arena für 183 Millionen Zuschauer konnte auch auf Basis mehrerer neuer Riedel-Lösungen – wie dem digitalen Intercom-Node Artist-1024 und SFP-Lösungen der neuen Medior-Net IP-Produktfamilie – erfolgreich über die Bühne gehen. Neben der Funkkommunikation, der Verteilung der Bilder innerhalb der Ahoy-Arena und der audiovisuellen Signale für Übertragung und Produktion, stattete Riedel auch die Kommentarkabinen aus und betreute die Kommunikation mit den Hauptregieräumen der Teilnehmerländer. Darüber hinaus implementierte Riedel mehrere COVID-19-Präventionsmaßnahmen zum Schutz aller technischen Teammitglieder und zur Minimierung des Infektionsrisikos an Akkreditierungs- und Zugangskontrollpunkten.

Diese ESC-Produktion umfasste 24 Kameras mit 130 Video-Feeds, 140 Intercom-Panels, 75 Mikrofone, fünf mobile Einheiten, eine technische Einsatzzentrale, drei Support-Fahrzeuge und 60 EVS-Kanäle. Der mit diesem Setup produzierte Feed war in ganz Europa, Australien und den USA zu sehen, mit eingehenden Verbindungen aus 40 verschiedenen Ländern. Der Riedel Artist-1024 Intercom Node lieferte die höchstmögliche Intercom-Portdichte und volle AES67-Konformität – eine entscheidende Voraussetzung, da beim ESC 2021 zum ersten Mal ein vollständiges AES67-Audionetzwerk zum Einsatz kam. Komplementär zu einer MediorNet MicroN-Infrastruktur mit knapp 60 Nodes wurde der IP-basierte Signaltransport über Riedels MediorNet MuoN IP Gateway und Processing SFPs sowie den MediorNet FusioN Standalone IP-Konvertern und Multiviewern realisiert.

 

ESC Riedel
Yung Min Lee, Senior Project Manager bei Riedel Communications (Bild: Nathan Reinds)

In der Ahoy-Arena sorgten die MuoN-Module mit MuoN ST-2110/MADI Gateway App für die Überführung von MADI-Signalen in die IP-Welt. MediorNet FusioN fungierte als 16-PiP ST-2110 Multiviewer und ermöglichte die Videoverteilung innerhalb der ESC-Kommentarregie. Weitere Schlüsselelemente von Riedel waren die multifunktionalen SmartPanel User Interfaces der 1200er und 2300er Serie, die mit verschiedenen Software-Apps ausgestattet waren, um zusätzliche Funktionalitäten über ihren primären Zweck als Intercom-Panels hinaus zu bieten. Mit der MediorNet Control App ermöglichten die 2300er-SmartPanels so flexibles Routing und Steuerung der Audio- und Videosignale mithilfe der hochauflösenden und intuitiven Touchscreen-Bedienoberfläche.

Bei der Produktion kamen außerdem 64 Riedel Bolero Intercom Beltpacks zum Einsatz. Um eine sichere Produktionsumgebung zu schaffen, befolgte Riedel strenge Distanzierungs- und Präventionsmaßnahmen innerhalb der Sicherheitsblase und entwickelte ein komplexes Akkreditierungs-Frontend und eine Zugangskontrolle – basierend auf den Ergebnissen der 26.000 COVID- 19-Tests der gesamten Crew. Die RFID-basierte Lösung beinhaltete die automatische Deaktivierung von Akkreditierungen nach 48 Stunden und die Reaktivierung bei Vorlage eines negativen COVID-Testergebnisses.

„Der Eurovision Song Contest ist eine komplexe Produktion, die sich von Jahr zu Jahr weiterentwickelt und bei der sowohl die technischen und operativen Aspekte als auch das Fan-Erlebnis ständig verbessert werden“, so Yung Min Lee, Senior Project Manager bei Riedel Communications. „Die diesjährige Veranstaltung bot eine Reihe neuer Herausforderungen und wir sind absolut begeistert, wie erfolgreich die gesamte Produktion verlaufen ist.“

 


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