Portal-Beschallung der Staatsoper Wien

Die Staatsoper Wien besitzt in ihrem großen Saal eine Portalbeschallung, die über eine Besonderheit verfügt: Über mehrere Lautsprecherpositionen im Portal wird Einfluss auf die Klanggestaltung genommen. 2016 wurde die Beschallung erneuert.

Die Staatsoper Wien besitzt in ihrem großen Saal eine Portalbeschallung, die über eine Besonderheit verfügt: Über mehrere Lautsprecherpositionen im Portal wird Einfluss auf die Klanggestaltung genommen.
Die Staatsoper Wien besitzt in ihrem großen Saal eine Portalbeschallung, die über eine Besonderheit verfügt: Über mehrere Lautsprecherpositionen im Portal wird Einfluss auf die Klanggestaltung genommen.

Die Ansprüche an die Audiowiedergabe im großen Saal des Opernhauses der Wiener Staatsoper sind typisch für Beschallungsanlagen in großen oder kleinen Theatern. Es gibt einmal neben der einfachen Sprachbeschallung die herkömmliche L/R-Musikbeschallung, in Wien hauptsächlich symphonische Musik oder Oper. Ebenfalls Theater- oder auch Musical-typisch ist die Erzeugung von akustischen Effekten, entweder von ortbaren Geräuschen, allgemein von Atmos oder der räumlichen Verhallung. Ungewöhnlich dagegen ist, dass in diesem Haus seit vielen Jahren dafür eine recht aufwändige Beschallungsanlage installiert war, die eine große Variationsmöglichkeit in der Bespielung des Raums zulässt. Diese Installation galt es 2016 zu erneuern.

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Wichtig bei der Lautsprecherauswahl waren für Cheftonmeister Athanasios Rovakis künstlerische Vorgaben, die eineorganische Einbettung von Vocal- oder Instrumentalsolisten oder auch einem Chor in einen gegebenen Originalklang fordern. Gewünscht wird außerdem eine bestimmte Richtungsund Abstandsempfindung für diese Klänge sowie allgemein ein bestimmter Soundcharakter. Er bedient sich gerne einer Signalstruktur in Anlehnung an die A/B-Routings in vielen Musicals, in denen relativ stark korrelierende Mikrofonsignale wie z. B. Chorstützen auf unabhängige Lautsprecher geführt werden. Athanasios Rovakis mischt dazu mehrkanalige Quellen diskret auf mehrere Lautsprecher einer Gruppe: Sein Ziel dabei: Kein Phasing und eine Mischung der Signale durch die Raumakustik an sich.

Bei der Auswahl einer neuen Beschallung orientierte sich das Team, das nur drei Monate Vorlauf hatte, an akustischen und baubedingten Kriterien. In der Wiener Staatsoper herrscht zudem ein reger Betrieb: Es ist nicht einfach, zwischen den laufenden Vorstellungen Termine oder Umbauten einzuplanen, denn an rund 300 Abenden im Jahr wird aus 60 unterschiedlichen Produktionen aufgeführt. Zu den regulären Proben kommen noch die Arbeiten für um die sechs Neuproduktionen pro Jahr. Entsprechend ausgelastet ist auch die Ton- und Videoabteilung, die in Wien aus acht Mitarbeitern besteht – vier Meistern und vier Technikern, geleitet von Cheftonmeister Athanasios Rovakis.

Natürlich musste ein Ersatz für das in die Jahre gekommene Vorgängersystem klanglich bei den anspruchsvollen Signalen wie Operngesang, akustischen Instrumenten und symphonischer Musik überzeugen – hier müssen viele Theater zum aktuellen Stand der Technik aufschließen. Darüber hinaus war dann gefragt, dass es die nötigen Varianten in der Abstrahlung gibt und dass die Struktur der bisherigen Anlage nachgebildet werden kann: Mit mehreren Punktquellen pro Seite, deren Gestaltungsspielraum sich bewährt hatte. Eine „Rückwärtskompatibilität“ zur bisherigen Anlage war sowieso selbstverständlich: Das Audio-Team hat rund 100 programmierte Vorstellungen im Repertoire, die ohne Soundcheck weitergespielt werden müssen. Die bereits vorhandene Verkabelung musste man weiter nutzen, so dass eine Lösung mit abgesetzten Amps angestrebt wurde. Nicht zuletztmusste natürlich alles auch in das gegebene Betonportal – ca. 80 cm breit und 60 cm tief – passen.

Die bisherige Anlage, geplant vom damaligen Leiter der Tontechnik Prof. Wolfgang Fritz, bestand aus JBL-Komponenten der HLA-, Array- und Architectural-Serie, angetrieben von über 50 Crown-CTs-Amps (für einzelne Sonderanwendungen bestimmter Stücke gibt es im Saal zusätzliche Lautsprecher). Im Laufe der Jahrzehnte intensiver Nutzung leidet und altert so eine Anlage natürlich, und die heutigen Systeme der gängigen Hersteller mit ihrer optimierten Coverage sind sicher auch ausgewogener (und nicht nur auf einer Achse) zu tunen – besonders wichtig, wenn wie hier eine Menge Raumakustik mit im Spiel ist. Die konzeptionelle Idee war damals, Parkett und Balkone über eigene L/R-Lautsprecherpositionen zu versorgen. Zusätzlich sollten aber einzelne Stimmen und Instrumente unabhängig von dieser Beschallung links und rechts aus dem knapp 9 m hohen Portal aus fünf unterschiedlichen Höhen zu orten sein – so entstand die recht hohe Anzahl einzelner Lautsprecher an sechs Positionen pro Seite. In der neuen Lösung umfasst jede der beiden Portalseiten jetzt erneut sechs Zonen, jeweils bestehend aus einem Paar ARCS (Wide+Wide oder Wide+Focus).

Die Anlage lässt es zu, sowohl einzelne Paare als Punktquellen zu betreiben, oder man nutzt eine Teilmenge daraus für ein L/R-System, welches den gesamten Zuschauerraum homogen abdeckt. Technische Hintergründe und eigene Messungen zur ARCS finden sich auf unserem Online-Portal www.production-partner.de). Die Reihenfolge der Systeme ist dann von oben gezählt:

Subwoofer: SB15m
L/R oben: ARCS Wide + ARCS
Focus Subwoofer: SB15m
FX: ARCS Wide
FX: ARCS Wide
FX: ARCS Wide
FX und unabhängig L/R: ARCS Focus und ARCS Wide
FX: ARCS Wide

Die Idee der Subwoofer ist dabei, durch eine Dipolanordnung eine Auslöschung der Bass-Energie im Orchestergraben zu erhalten. Kombinationen aus ARCS Focus und einer ARCS Wide decken liegend horizontal 90° ab, vertikal erzeugt das Cluster 45° (aus den 30° + 15° von Wide und Focus).

Theoretisch planen, praktisch überprüfen

Die insgesamt 28 anzutreibenden Schallquellen werden über sieben Systemverstärker LA4X versorgt. Die zentrale Verwaltung der eingebundenen Verstärker erfolgt über den LA Network Manager – wobei sich Athanasios Rovakis die augenzwinkernde Bemerkung nicht ersparen kann, dass noch ein zusätzlicher Computer in der täglichen Arbeit ja eigentlich nervt … Die neue Installation wurde durch Martin Rode vom L-Acoustics Application Support in der L-Acoustics Simulationssoftware Soundvision angelegt und von ihm zusammen mit Cheftonmeister Athanasios Rovakis geplant. Diese Art von Planungen gerät natürlich insofern an ihre Grenzen, als der Raum an sich genau dazu gebaut wurde, durch eigene raumakustische Eigenschaften den Klang zu formen und zu beeinflussen – diese Eigenarten bleiben bei einer Direktschallsimulation natürlich alle außen vor. Und die Effektlautsprecher im Portal dienen jetzt auch nicht dazu, den berühmten Helikopter um das Publikum kreisen zu lassen, sondern den Raumklang auf unterschiedlichste Art anzuregen und so einen Beitrag zur Klanggestaltung zu liefern. Einen besonderen Anteil an den Reflexionen haben beispielsweise die vielen Brüstungen rundum. Hier bieten die scharfen Coverage-Grenzen der ARCS-Lautsprecher die Möglichkeit, das Publikum „trockener“ zu erreichen. Insgesamt war es dabei nicht einfach, von den gegebenen Positionen aus den ganzen Zuschauerraum homogen zu erwischen. Alle Lautsprecher, da einzeln angesteuert, werden individuell über FIR-Filter abgestimmt. Aber Messtechnik hin oder her: Ein wunderbares Prüfinstrument ist dem Menschen ja in Form zweier Ohren gegeben, die dann auch in Wien in sehr dynamischer Form zum Einsatz kamen. Athanasios Rovakis ist offenbar nicht der Typ Tonmeister, der im Kämmerlein stoisch Dienst nach Vorschriftschiebt: Um lückenlos die vertikale Abstrahlung und die angestrebte Homogenität der vielen Punktquellen zu überprü- fen, seilte er sich mit einer PSA von der Saaldecke vor den Balkonen ab.

Hier in der Staatsoper wurde übrigens 1991 das erste digitale TOA-Mischpult ix9000 installiert, seine Feuertaufe erlebte es mit einer Aufführung von Verdis Don Carlos. Prof. Wolfgang Fritz hatte damals die Möglichkeiten, in einer Ausschreibung die gängigen Hersteller um ein passendes digitales Mischpultkonzept zu bitten, das folgende Kriterien erfüllen sollte: Die vollständige Abspeicherbarkeit sämtlicher Systemparameter, sowohl statischer als auch dynamischer Art und für damalige Verhältnisse spektakuläre 256 Ein-/Ausgänge. Die Kanäle konnten über 32 Motorfader in mehreren Layern bedient werden. Die Mischpulteinstellungen erfolgen über zwei Plasmabildschirme, Tastenreihen und zwei Endlos-Dials, gespeichert wird auf 3,5″-Disketten. Auf die Beine gestellt wurde das ambitionierte Projekt dann von den Ingenieuren bei TOA und Sumetzberger in Wien, einem Unternehmen für Gebäudeausstattungen. 2001 wurde dieses erste Exemplar durch eine Installation des Nachfolgemodells von TOA ersetzt.

Mut zu Mutes

Künftig angedacht ist noch eine Lösung, die Verstärker über den Network Manager an das Mischpult für Mutes anzubinden. Eine Idee, die erst einmal Stirnrunzeln hervorruft: Ob ich ein Signal im Mischpult mute oder danach – wo ist da der kreative Mehrwert? Auch dies ist ein Rückbezug auf die originale Konzeption aus analogen Zeiten: Prof. Fritz wollte damals vermeiden, dass analoge Störgeräusche aus nicht aktiven Lautsprecherwegen – und davon gab es ja viele – den audiophilen Genuss schmälern konnten. Den Lautsprechern ist daher noch eine aufwändige, Relais-basierte Matrix vorgeschaltet, die szenenabhängig über einen Ausgangsfaderkontakt immer nur die Lautsprecherquellen freigibt, die gerade aktiv bespielt werden. Außerdem eine aufwändige Statusüberwachung, Aussteuerungsanzeige und Abschalt- und Isolationsmöglichkeiten. Die bewährten Features möchte man einerseits bewahren, überlegt aber, ob die Relais-Konstruktion, die im Laufe der Jahre sicher auch nicht besser wird, durch eine alternative Lösung zu ersetzen, die dann direkt die Mutes in den Amps aktiviert. Die Störabstände und Intelligenz heutiger Amps sollte auf jeden Fall ausreichen, um auf eine ausgangsseitige Abschaltung verzichten zu können.

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