Vielseitig: Ü-B1

Ü-Wagen für Deutschlandradio Kultur

Deutschlandradio Kultur hat mit dem Ü-B1 einen neuen Übertragungswagen. Stefan Haberfeld, Toningenieur bei Deutschlandradio Kultur, zeigt auf, was neu ist am Ü-B1 – und was es bedeutet, bei einer Veranstaltung mit einem solchen Ü-Wagen zusammenzuarbeiten.

Ü-B1
(Bild: Deutschlandradio - Bettina Straub)

Ein Ü-Wagen ist ein Tonstudio auf Rädern, das grundsätzlich so autark wie möglich arbeitet. Lediglich drei Dinge sind immer nötig: Ein geeigneter Standplatz, ein Stromanschluss (bei einem Wagen dieser Größenordnung 32 A CEE) und ein Kabelweg zur Bühne. Den Rest erledigt in der Regel das Ü-Wagen-Team mit dem mitgebrachten Equipment. Natürlich ergeben sich immer wieder Anknüpfungspunkte, an denen eine Zusammenarbeit mit der Technik der eigenen (festen oder mobilen) Produktion sinnvoll oder wünschenswert ist, doch zunächst seien hier der Wagen und seine Ausstattung beschrieben.

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Viel Platz im Ü-B1

Mit einer Länge von etwa zehn Metern, einer Höhe von fast vier Metern und einem Gewicht von über 15 Tonnen ist der Ü-B1 kein unauffälliger Vertreter seiner Art. Seine leuchtend orangene Farbe trägt ihren Teil dazu bei. Im Januar hatte er seinen ersten Einsatz, im Laufe des Jahres 2015 soll er den mittlerweile 14 Jahre alten Ü35 ersetzen. Betritt man den Ü-B1, so fällt gleich auf, dass der Wagen im Vergleich zu seinem Vorgängermodell deutlich geräumiger ist, obwohl die äußeren Abmessungen nur leicht gestiegen sind. Das liegt daran, dass der Innenraum weitestgehend frei von Dingen ist, die man dort nicht braucht: Sämtliche Stative, Kabel, Talkback-Lautsprecher und sonstige Zubehörteile sind gut organisiert in Außenklappen verstaut. Was im Ü35 nur eine Art kleiner Flur mit Schränken und Schubladen war, ist beim Ü-B1 ein echter Vorraum mit Arbeitsplatz, Fenster und nicht zuletzt Kühlschrank plus Kaffeemaschine. Auch der eigentliche Arbeitsraum fällt beim Ü-B1 ein wenig geräumiger aus, drei Arbeitsplätze und ein vierter Sitzplatz machen den Aufenthalt im Wagen komfortabel.

Audio-Infrastruktur

Die Ausstattung des Wagens mit Audiowegen wurde deutlich erweitert, statt bislang einem Glasfaserkabel mit 28 Hin- und vier Rückwegen gibt es nun zwei separate Lichtwellenleiter. Mit je einer großen Stagebox bieten sie jeweils 40 analoge Mikrofonwege, acht analoge Rückwege, eine MADI-Schnittstelle (64 Kanäle) sowie Netzwerk, Video- und Rotlichtverbindungen. Zusätzlich gibt es noch drei (statt bisher vier) analoge Multicores à zehn Wege. Es lassen sich also theoretisch bis zu 238 Signale in den Ü-Wagen einspeisen. Im Wagen werden die Signale von einem Lawo mc2 66 verarbeitet, dem „Hauspult“ öffentlich-rechtlicher Übertragungswagen, das vielen Lesern bekannt sein dürfte. Auch wenn überwiegend Stereo-Produktionen auf dem Programm stehen, ist der Ü-B1 voll surroundfähig. Aufgezeichnet wird auf zwei Sequoia-Systemen mit je 128 Inputs und auf zwei weiteren Rechnern mit DIRA – einer speziellen, in der gesamten ARD verbreiteten Rundfunk- Audiosoftware, die neben einfachen Aufnahme- und Schnittfunktionen vor allem umfangreiche Features zur (Meta-)Datenverwaltung sowie zur Archivierung und zum Austausch von Audiomaterial per Server bietet. Auf den DIRA-Rechnern wird lediglich eine datenreduzierte Stereosumme aufgenommen. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, Automations- und Videodaten aufzuzeichnen. Ersteres ist im Falle einer Nachmischung wertvoll, Zweiteres natürlich vor allem bei Theater- und Opernproduktionen.

Produktions-Anbindung

Bei rein akustischen Veranstaltungen wie beispielsweise klassischen Konzerten arbeitet der Ü-Wagen in der Regel komplett autark – mit Ausnahme des Stromanschlusses und vielleicht des Videosignals einer Saalkamera gibt es keine Verbindung zwischen Wagen und Haus. Sind mehrere Ton-Departments an einer Veranstaltung beteiligt, ändert sich die Situation: Man teilt sich Signale, es müssen Audioquellen gesplittet und/oder hin- und hergeschickt werden. Gerade hier zeigt sich der Ü-B1 besser und vielseitiger ausgerüstet als seine Vorgängermodelle bei Deutschlandradio Kultur. Man kann beispielsweise ein Glasfaserkabel zur Bühne legen und das zweite zum FOH-Platz. Eine entscheidende neue Option ist auch die MADI-Anbindung, die entweder an den großen Stageboxen möglich ist, oder aber an einer kleinen, handlichen Mini-Stagebox, die aus schließlich MADI- und Netzwerkanschlüsse hat. In Zeiten, da immer mehr Häuser und Beschaller mit digitalen Routingsystemen arbeiten, bietet sich so die Möglichkeit, mit nur einem Patchkabel bis zu 64 FOH- oder Recordingkanäle an den Ü-Wagen weiterzugeben – ohne analogen Split und Masseprobleme. Auch in Sachen Kommunikation gibt es neue Möglichkeiten. Per Netzwerk miteinander verbundene Kommandosprechstellen ermöglichen das gezielte Ansprechen jeder Einheit von überall. Auch die Funkkommunikation ist an dieses Netz angebunden. Es lassen sich also Sprechstellen beispielsweise am FOH und an der Bühne postieren, von denen aus sowohl der Toningenieur im Wagen als auch die Funkgeräte der Techniker adressiert werden können. Die Kommandoeinheiten bieten auch eine Auswahl an Abhörpunkten aus dem Ü-Wagen und zeigen Rotlichtsignale. Allgemein lässt sich schon nach kurzer Eingewöhnungszeit sagen, dass bei der Planung des Ü-B1 Vieles richtig gemacht wurde. Durch seine breiten Möglichkeiten und seine durchdachte Ergonomie lässt sich sowohl von Seiten des Ü-Teams als auch von Seiten des Veranstalters gut mit ihm (zusammen-)arbeiten. Der Ü-B1 ist somit ein echtes Flaggschiff und kann problemlos den steigenden Ansprüchen genügen, sowohl in Sachen Quantität als auch in Sachen Qualität. Die Hörer von Deutschlandradio Kultur werden sich viele weitere Jahre an Konzertübertragungen auf höchstem Niveau erfreuen.

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