ESC 2021: Produktionsablauf und Video

Vom Design zum Content

Der Eurovision Song Contest ist seit jeher eine gigantische Show-Produktion der Extra-Klasse. „Höher, schneller, weiter“ gilt dabei wohl auch in der 65. Ausgabe noch immer. Im Video-Gewerk gipfelte das inoffizielle Motto in 1.028 LED-Panelen (insgesamt 508 m²) allein für die Hauptwand! Aber nicht nur Superlative führen den ESC zu dem, was er ist – vor allem auch kluge Lösungen und das Einbinden besonderer Tools machen die hohe Qualität des Endergebnisses aus.

Aufmacher_NATHANREINDS-ESF-Opbouw-HR-35(Bild: Nathan Reinds)

Willkommen beim Eurovision Song Contest 2021 in der Ahoy Arena, Rotterdam. Bevor wir auf das Video-Setup eingehen, wollen wir zunächst einen groben Überblick über die Szenenfläche geben.

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Übersicht: 

Vom Design zum Content

Vom Design zur technischen Ausstattung: „Whatever gets the Job done“

Von der Show zum Sendebild: Augmented Reality, Tracking & Broadcast

Verschmelzung der Systeme

>>Hier finden Sie die weiteren Artikel aus der ESC 2021-Reihe<<


Für die Show sind hauptsächlich zwei Bühnen vorgesehen:

  • Stage A ist die große Hauptbühne vor der 50 m breiten LED-Wand mit aufklappbaren Flügeln in der Mitte. Der Boden der trapezförmigen Bühne ist ebenfalls mit LED gebaut. Ein Steg verbindet Stage A mit Stage B.
  • Stage B ist eine kleinere Satelliten-Bühne inmitten des „Greenroom“ (s. unten). Stage B verfügt ebenfalls über LED-Boden. Eine halbtransparente LED-Wand verläuft parallel zum Steg von Stage A bis zu Stage B. Diese LED-Wand ist verfahrbar und wird nicht zu jeder Zeit genutzt.

Die COVID-Situation lässt die typische Party-Atmosphäre
im Saal nicht zu, so wurde die Publikumsfläche zum Greenroom für die Delegationen umfunktioniert. Das Publikum findet dafür auf den Rängen der Halle Platz. Ein wenig Abstand zu diesem beeindruckenden Bühnensetup kann sicher auch nicht schaden, wenn man alles in sich aufnehmen möchte.

Trotzdem stehen weitere acht LED-Wände für die Zuschauer bereit. Diese zeigen das Sendebild inklusive Augmented Reality, was dem Publikum sonst verwehrt bliebe. Die LED-Wände dienen darüber hinaus auch zur Barrierefreiheit und zeigen Untertitel, Beschreibungen und Gebärdensprachdolmetschen.

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Vom Design zum Content

Man muss schon ein wenig schmunzeln, wenn man Stagedesigner Florian Wieder von Einfachheit und Understatement als Inspirationen für diese monumentale Bühne reden hört. Doch man kann sehen, wovon er spricht: Gerade Linien, flache Grafiken, alles ist schick, organisiert und klar. Dennoch gilt es, diese großen Flächen, Pyro und unzählige Lampen richtig in Szene zu setzen. Einzelne Komponenten aus der Entstehung einer solchen Show herauszupicken und für sich zu betrachten ist schwierig, da immer wieder alle Gewerke, Designer, Planer und Operatoren zusammenfinden, um die Show anzupassen und den Visionen näher zu bringen. Um den ESC technisch durchdringen zu können, hilft es aber zu verstehen, wie sich Ideen entwickeln und vom Konzept zur Show heranwachsen.

Hans Cromheecke
Hans Cromheecke ist zum achten Mal als Projektleiter für das Gewerk Video beim ESC tätig (Bild: Nathan Reinds)

Während vor 10 Jahren die Teilnehmerländer noch so gut wie gar keinen Einfluss auf den Content und die Gestaltung der Show nehmen konnten, so hat sich diese Tür in den letzten Jahren immer weiter geöffnet. Das führt auch zu diplomatischen Herausforderungen, denn je mehr ein Land für sich entscheiden kann, desto wahrscheinlicher sind sich wiederholende Looks und eine größere Entfernung zum eigentlichen Haus-Look der Veranstaltung, der natürlich gewahrt werden will. Einfacher ist es für die Entertainment Acts zwischendurch, und Intros und Outros. Hierfür lässt sich der Content lange im Vorfeld planen und finalisieren. Das ist auch notwendig, denn in den Wochen vor der Show brauchen die Acts der Teilnehmerländer die volle Aufmerksamkeit.

Gijs Vos
Gijs Vos ist Head of Broadcast beim Eurovision Song Contest 2021 (Bild: Nathan Reinds)

Federführend für diese Prozesse ist Gravity: Die Hamburger Content Agentur um Falk Rosenthal betreut den ESC bereits zum 8. Mal. Mit über 200 Projekten im Jahr und Produktionen für American Idol, Britans Got Talent, DSDS und vielen mehr, gehört Gravity zu den weltweit renommiertesten Agenturen für Showcontent dieser Art. Die enge Zusammenarbeit mit Bühnendesigner Florian Wieder hat in den letzten Jahren maßgeblich zu der Findung beigetragen, was überhaupt mit Content auf solchen Bühnen möglich ist.

Ca. 2-3 Monate vor der Veranstaltung gibt es eine Deadline zur Abgabe der Songs durch die Länder. Dazu werden Konzepte eingereicht, wie Licht und Content sein sollen, und ob Inhalte evtl. durch die Länder selbst produziert werden. Diese Guidelines können sehr ausgefeilt oder auch nur einen Satz lang sein. In den darauffolgenden vier Wochen wird Content produziert und programmiert, um ein Playback zu kreieren, in dem die Wünsche der Acts erkennbar werden.

>> Mit dem starken Aufkommen von AR und XR hat unsere Branche und auch Unreal so viel investiert, dass es einfach einen riesigen Sprung gemacht hat und man an Unreal gar nicht mehr vorbeikommt. <<
Falk Rosenthal (Gravity), Verantwortlicher für den Content beim ESC 2021 

Während der Content-Produktion wird das Ergebnis immer wieder im 3D-Modell hinterfragt und visualisiert. Da der Content für Augmented Reality in der Unreal Engine produziert wurde, wurde die Halle inklusive aller Szenenflächen in der 3D-Engine visualisiert und der Content für die LED-Flächen, der in After Effects, Photoshop und Cinema 4D entstand, eingebettet. Diese erste Produktionsphase findet bereits in enger Absprache mit dem Licht statt: Was ist wann im Fokus? Welche Farben werden genutzt? Entspricht es dem Konzept? Diese und ähnliche Fragen tragen die Programmierung zum ersten „Mockup“. Die Entwürfe werden den Teilnehmerländern zur Verfügung gestellt und spätestens 4 Wochen nach der Konzeptabgabe haben alle eine etwaige Vorstellung davon, wie es aussehen wird.

Frank Rosenthal
Frank Rosenthal: „Der ESC ist eine der wenigen Produktionen, die wir nicht aus dem Büro heraus operieren. Das gehört auch zum Flair dazu, mit 39 Nationen vor Ort zusammen zu arbeiten.“ Falk Rosenthal ist der Verantwortliche für den Bereich Content beim ESC 2021. (Bild: Nathan Reinds)

In den 2-3 Wochen danach werden Content und Licht verfeinert und die Multicam-Programmierung steigt in den Prozess ein. Beim Erstellen des Contents wird natürlich schon an den Kameraschnitt gedacht: hier spielt Erfahrung eine enorm wichtige Rolle. Am Ende dieser zweiten Programmierphase bekommen die Länder einen Take, mit dem man schon aus Kameraschnitt-Perspektive einen Eindruck von der Show bekommt.

Nachdem die Länder ihren Take kennen, stellen sich die Künstler zu den Proben damit auf die Bühne und haben dann die Möglichkeit, an dem Konzept zu feilen und Inhalte, Licht und Schnitt in Korrekturschleifen zu schicken und zu finalisieren. Das passiert parallel zu den Proben in den letzten 2-3 Wochen vor der Veranstaltung.

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Besondere Tools und ihre Rolle beim ESC 2021

CuePilot übernimmt mehrere Rollen während der Show, die Inputs am Mischer werden geschaltet, Kamerafahrten und AR-Szenen gertriggert ...
... und gleichzeitig stellt es den Ablaufplan für die einzelnen Showpositionen bereit. Alle sind immer an der gleichen Stelle im gerade laufenden Act.

Die Software dient zur Programmierung und Showsteuerung. CuePilot wird am Timecode angebunden und schaltet dann die einzelnen Kameras live. Gleichzeitig spielt der CuePilot Server die Timeline/Cue-Liste an Rechner, iPads und iPods aus und generiert damit einen dynamischen Ablaufplan mit genau den Informationen, die man für die entsprechende Position benötigt.

Capture Visualisation: Die Vorprogrammierung von Licht und Kameraszenen wird durch Capture unterstützt. Kinetik, Videoinhalte, Licht und Kameraperspektiven werden in Capture integriert und die Programmierung aller visuellen Aspekte ist im „What you see is what you get“-Stil realisiert. Marnix Kaart, Multikamera Regisseur beim ESC 2021, vergleicht das Gefühl, mit diesem System zu programmieren, mit dem Spielen eines Videospiels.

NEP Surreal: Die AR-Inhalte werden mit NEP Surreal gerendert und ausgespielt. Das System basiert auf dem Framework der Unreal Engine und ist speziell auf Augmented Reality zugeschnitten.

Stage Precision: Der rapide wachsende Bedarf nach AR- und XR-Anwendungen hat schnell eine Lücke in den Systemen aufgezeigt. 3D-Engines, Media-Server und Hardware haben zwar viele Schnittstellen, aber deshalb kann noch nicht alles nahtlos ineinandergreifen. Stage Precision ist ein Tool zu Auswertung und Übersetzung von Protokollen und Echtzeitdaten. So werden beispielsweise Positionen und Winkel von der Kinetik des LED-Tores aufbereitet und in Datensätze gewandelt, die sich von Unreal oder Disguise interpretieren lassen. Für das Einbinden der Positionsdaten der LED-Tore hat man sich übrigens erst vor Ort entschieden und spontan ermittelt, wie man dieses Ziel erreicht.

NEP Cube: Steuerung, Timing, Design und Animation von Grafiken und Content im Broadcast werden mit Hilfe der NEP Eigenentwicklung „NEP Cube“ programmiert, gesteuert und kontrolliert. Medienquellen werden an einer Stelle zusammengeführt und alle Grafikelemete bleiben auf diese Art auch für kurzfristige Änderungen im Zugriff. Darüber hinaus hat Cube auch Schnittstellen zur Steuerung, wie OSC und ArtNet. Auch die Verknüpfung zum Augmented Reality System kann darüber hergestellt werden.

OMNIS AV Monitoring: Das Überwachungstool für die LED-Prozessoren von Megapixel VR wurde für den ESC um einige Features erweitert. So lassen sich nun neben den hauseigenen HELIOS Prozessoren auch die EVISION Prozessoren von ROE überwachen. Auch die StageSmart C24 Spannungsversorgung wurde in das System integriert und die Überwachung des gesamten LED-Systems fand fortan in nur einer Softwareoberfläche statt. OMNIS hat sehr viele Parameter integriert und weist auf Probleme hin, lange bevor sie sich in flackernden Modulen oder gar Ausfällen manifestieren können.


 

Vom Design zur technischen Ausstattung: „Whatever gets the Job done“

Ein High-End Event mit Technik auszustatten, ist anfangs wie ein Puzzlespiel ohne Teile. Es ist klar, wie es aussehen soll, doch woraus das Endergebnis gebaut wird, muss erst noch ermittelt werden. Zum Designanspruch kommen extrem hohe Anforderungen an Qualität und Ausfallsicherheit hinzu. Diese Bedingungen werden in Ausschreibungen übersetzt. Aber welche Medienserver zum Einsatz kommen, ist beispielsweise nicht vorgeschrieben. Was haben die Anbieter, was wollen die Operatoren? „Whatever gets the Job done“ scheint die Devise. Der Job hat es jedoch in sich. Auf eine invertierte Planung nach dem Motto „Wenn wir diese Geräte nehmen, könnten wir auch noch dies und das ermöglichen“ wird sehr bewusst verzichtet. Sicher, die Luft wird bei dieser Dimension ohnehin dünn und die Auswahl der Produkte rasch kleiner. FABER hat Disguise Server, die Operator wollten Disguise Server und so wurden es Disguise Server für die LED-Flächen. 2×VX4 und 4×GX2C für das Main-System. Alle Server sind mit HDMI 2.0 Karten bestückt und stehen zusammen mit den Bildprozessoren von Barco in der Server City. Die HELIOS und EVISION LED-Controller stehen in Kupferkabel-Distanz zu den Ausspielern, eine Signalübertragung per LWL ist nicht notwendig. Alle Server, Prozessoren und showrelevanten Komponenten sind natürlich komplett redundant im Betrieb.

Das Screenmanagement von Barco sorgte für Flexibilität bei der Verwaltung der möglichen IP-Live-Schalten und für die Einbindung von Overlays und PiPs zur Barrierefreiheit auf den Zuschauer LED-Wänden
Die LED-Controller in der Server City sind kaum zu übersehen. Im Einsatz sind HELIOS und EVISION Controller. Die Controller sind in das OMNIS AV Monitoring von Megapixel VR eingebunden und liefern Statusinformationen in Echtzeit via Netzwerk

Die LED-Prozessoren arbeiten im Auto-Failover-Modus, lassen sich aber auch manuell von Main- auf Backup-Controller wechseln. Die Master Server, welche die Disguise Systeme in der Server City steuern, stehen im „Tech Deck“ bei den Operatoren. Die Server senden darüber hinaus auch Steuersignale zum Schalten der Barco Geräte. Für die Übertragung von Content- und Steuerdaten steht ein 160Gbit-Netzwerk bereit. Dieses besteht aus zwei 80Gbit Ringen, welche ebenfalls redundant zueinander arbeiten. Server und Rechner in der Server City, welche fernbedient werden müssen, werden über ADDERLink KVM-Extender erreicht.

Der Content aus den Disguise Servern, welcher in NotchLC gerendert wurde, fand auf LED-Wänden von ROE seine Bestimmung. Ben Augenbroe, technischer Leiter von FABER für den Bereich LED, wusste von der Anforderung der Organisatoren zu berichten. „Not a single point of failure.“ … es sollte keinen einzigen Fehlerpunkt im System geben. Mit einem leicht verschmitzten Lächeln gab er zu, nichts tun zu können, sollte der Strom an der LED-Wand ausfallen, aber man könne hier auf Powershop vertrauen, dass das nicht passiert [weitere Hintergrundinfos hierzu gibt’s im Teil „Stromversorgung“].

Overview Video CAD ESC 2021
LED-Setup: In der Draufsicht wird klar, wie die LED­Flächen in der Are­na verteilt sind. Die schiere Größe der Ahoy Arena lässt manche Wände klein wirken. Aber das täuscht … (Bild: FABER)

 

LED Setup 2021
Ein Blick in die Planung sagt mehr als tausend Worte: Die Hauptwand ist riesig: 1.028 LED­ Panele bieten 508 m² Platz für Content. (Bild: FABER)

Ein Grund, warum es den Kollegen von FABER möglich ist, derart viel Vertrauen in die Technik zu setzen, sind die Überwachungsmöglichkeiten, welche teilweise extra für den ESC programmiert wurden. OMNIS von Megapixel VR ist die Software zum Überwachen der eigenen HELIOS Prozessoren. Für den ESC wurden die Möglichkeiten der Software um Controller von ROE erweitert und auch die Spannungsversorgungen von SmartStage eingebunden. Die Menge an Daten, welche überwacht und ausgewertet werden kann, ist beeindruckend. Bis hin zur Dämpfung der Lichtwellenleiter oder Temperatur der SFP Module werden Werte und Warnungen ausgegeben. In einem Fall fielen Datenverluste im System auf, welche noch nicht auf der LED-Wand erkennbar waren. Data Drops führen in vielen Fällen erst einmal zum Tausch von Modulen, Kabeln, oder Receiving-Cards, oft erst dann, wenn ein Modul flackert. Mit Hilfe des OMNIS-Systems wurde jedoch ein überhitztes SFP-Modul als Ursache ausfindig gemacht und das Problem beseitigt, noch bevor der Fehler überhaupt sichtbar werden konnte. Das führt dazu, dass insgesamt viel mehr Fehler auffallen, die man sonst nicht einmal bemerkt hätte — oder wenn doch, vielleicht zu spät und ohne Anhaltspunkt, woher das Problem stammen könnte. Diese Art des Monitoring schafft eine neue Sicherheit beim Betrieb technischer Einrichtungen und bildet die Grundlage dafür in Zukunft noch komplexere Systeme an den Start bringen zu können.

Content
Der Content wird mit Disguise­Servern zugespielt. Auch Companion darf als Steuertool nicht fehlen. (Bild: Nathan Reinds)

Technik Video: FABER Audiovisuals

LED

Main LED: ROE Visual BQ4, 4.6mm, 508qm
Stage A Bühnenboden: ROE Visual BM4, 4.8mm, 127,1m² Stage B Bühnenboden: ROE Visual BM4, 4.8mm, 27,1m² Stage A Truss Covers: ROE Visual BQ4, 4.6mm, 48m²
Runway Screen: ROE Visual Vanish 8, 8.9mm, 110m² Zuschauer LED-Wände 1 – 6: Unilumin Utile 3.9, 3.9mm, 59m²
Zuschauer LED-Wände 7 – 8: ROE Visual DM2.6, 2.6mm, 7,5 m²
AfroJack DJ Booth: ROE Visual CB5, LED 5.7mm, 3,6m²
Malta Band Extra: ROE Visual ROE Strip, LED 9.3mm, 6.0m

Displays (Arena und Nebensäle, Akkreditierung usw.)

1 × 98″ 4K-UHD Philips BDL9870EU
3 × 55″ Full-HD LG 55LW340C
1 × 55″ Full-HD Sony FWD-S55H2
24 × 65″ 4K-UHD Samsung UE65MU6100
14 × 49″ 4K-UHD Samsung UE49MU6120W
47 × 55″ 4K-UHD Samsung QM55R

Projektoren (Nebensäle, Pressebereich, Catering usw.)

2 × 30K ANSI Lumen UHD Barco UDX-4K32
6 × 10K ANSI Lumen Panasonic PT-RCQ10
1 × 20K ANSI Lumen Panasonic PT-RZ21K

Medienserver und Datenmanagement

2 × Baco e2 Tri-combo 1 × Barco EC-50
8 × Disguise GX2C
4 × Disguise VX4
1 × Synology RS3617RPxs NAS Content Server
3 × Netgear M4300-96X Mainframe


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Von der Show zum Sendebild: Augmented Reality, Tracking & Broadcast

Ist die Performance erst einmal auf die Bühne gebracht, und sind Sound, Licht, Content, Pyro und Choreografie an Ort und Stelle, ist die Show noch immer nicht übertragen. Hier beginnt die letzte und vielleicht wichtigste Ebene des Events: die Aufbereitung für ca. 200 Millionen Zuschauer weltweit.

geöffnete LED-Tore
Mit geöffneten LED-Toren erfährt das Design eine ganz neue Tiefe: ein Drittel der LED-Fläche … einfach aus dem Sichtfeld verschwunden (Bild: Ralph Larman)

Das eigentliche Produkt ist der Broadcast und nicht die Liveshow in der Arena. Auch aus diesem Grund wird das Sendebild auf die Publikums-LED-Wände übertragen. Alle sollen Zeugen der aufwändigen Gestaltung werden. Für NEP galt es 2021, die Grenzen zwischen vorproduzierten Inhalten und dem Livegeschehen auf der Bühne verschwimmen zu lassen. Und tatsächlich: Der Übertritt von vorproduziertem Musikvideo-Content zum Bühnengeschehen war oft nahtlos, wurde dann aber durch den Einsatz der richtigen Kameraperspektiven aufgeklärt und führte so zu Aha-Erlebnissen bei den Zuschauenden.

Broadcast

NEP kooperiert bei diesem Projekt mit EMG. Damit sind zwei der größten TV-Produktionsfirmen der Welt mit dem ESC betraut. Es sind zwei Übertragungswagen für die Produktion im Einsatz. Davon dient ein Truck als Main und einer als Backup. Die Signale liegen in beiden Trucks an und im Falle eines Fehlers kann der andere Wagen übernehmen. Jede Programmierung, Intercom-Anbindung, Einstellung und Kommunikation zwischen Systemen muss parallel in beiden Wagen existieren und zur Show auf dem gleichen Stand sein. Ein enormer Aufwand, den man bei einer Übertragung in über 60 Länder aber durchaus rechtfertigen kann. Es werden 24 Kameras betrieben, fünf davon per Funk, davon zwei Steadicams. Für Augmented Reality werden drei Kamerasysteme getrackt.

Nicht nur Bühnenshow und Content sind Timecode-gesteuert, auch der Kameraschnitt wird vorprogrammiert. Marnix Kaart ist für die Bildgestaltung verantwortlich und programmiert den Schnitt mit CuePilot. In der Vorproduktionsphase wird die Programmierung durch den Einsatz von „Capture“ unterstützt und visualisiert. Es entsteht ein 3D-Liverendering der Show inkl. Licht, Pyro, Content und Kameraschnitt. Für die Liveshow stehen zwei CuePilot-Server im Main Truck und ein Server im Backup Truck zur Verfügung. Damit alle Beteiligten den Überblick behalten und jederzeit wissen, in welchem Teil der Show sie sich befinden, kommen 40 iPads und zehn iPods mit der CueApp zum Einsatz. Die App erlaubt individuelle Einstellungen für jeden einzelnen Nutzer. Somit sehen Kameraleute auch nur Cuts, die für sie wichtig sind, während Lichtoperator ihre Oberfläche anders anpassen können. CuePilot ist Ablaufplan und Show Control zugleich, es kann Steuersignale empfangen und senden.

Für das Einspiel von Grafiken und Videos liegen 60 Ausspielkanäle am Mischpult an. Es gibt noch immer genügend Content und viele Schnitte, die von Hand gedrückt werden. Die Performances der Länder sind dann jedoch ein (fast) unaufhaltsames Vollplayback.


Technik Broadcast

Redundantes System aus zwei Übertragungswagen:
NEP UHD1 & NEP UHD2

24 Kameras (5 × RF, davon 2 × Steadicam)
3 Kameras für Augmented Reality:
Kran mit mechanischem Tracking
Monorail im Dach mit optischem Tracking
Teleskop-Speed-Dolly mit optischem Tracking

130 Videosignale
140 Intercom Panels und 40 Boleros 60 EVS-Kanäle
Eingehende Signale aus 40 Ländern

Details UHD1: Auf der Seite www.live­ production­.tv, die seit kurzem zu unse­rem eigenen Medien­Portfolio gehört, findet ihr eine detaillierte Vorstellung des NEP Sweden UHD1 Ü­-Wagens.


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Augmented Reality

Neben der Broadcastausrüstung werden auch die Ausspielsysteme für Augmented Reality von NEP bereitgestellt. NEP Surreal heißt das System, welches auf dem Framework der Unreal Engine basiert und auf Augmented Anwendungen zugeschnitten worden ist. Insgesamt werden drei Kameras für AR getrackt. Das exakte Tracking und die Ausgabe der Unreal-tauglichen Daten liegt in der Verantwortung der Kölner Spezialisten der TrackMen GmbH. Für das optische Tracking der Railcam im Dach und des Speed Dollys im Greenroom wurden ca. 3.000 Tracking-Punkte platziert. Die Trackingdaten für die Krankamera kommen direkt von dem Kamerakran von OperTec.

Da das AR-Endprodukt auch für die Zuschauer in der Halle zu sehen ist, wird diese Übertragung zur Maßgabe für die Latenz. Vom Livebild bis zur LED-Wand inkl. AR-Inhalten vergehen sieben Frames. Anhand dieses Delays werden die Offsets zum Timecode gesetzt und der Content für die LED-Wände läuft beispielsweise vier Frames später an, um im Sync mit AR zu sein.Während der Aufbau und Probezeiten wurden weitere Elemente getrackt und in das System eingebunden. So sind die Positionen und Öffnungswinkel des großen LED-Tores eher spontan in die Produktion eingeflossen und TrackMen übersetzte die Positionsdaten aus dem Kinetik-System in Protokolle, die weiterverarbeitet werden konnten.

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Special Cranes und Cams

Die Spezialkamerasysteme beim ESC kommen alle aus dem Hause OperTec. Der ukrainische Entwickler und Hersteller für Kamerasupports ist zum vierten Mal der alleinige Zulieferer für „Special Camera Equipment“ beim ESC. OperTec liefert zwei Kräne, von denen einer eine Neuentwicklung speziell für Augmented-Reality-Anwendungen ist. Der „Supertechno 50 plus“ liefert alle relevanten Positionsdaten über eine digitale Schnittstelle. Das sparte ca. 9.000 Tracking-Sticker im Vergleich zu einem optischen Tracking.

Supertechno 50 Plus
Beim Abbau Der Supertechno 50 Plus ist ein Teleskop­-Kamerkran von OperTec mit Schnittstelle zum Abgriff von Positionsdaten für Augmented Reality. (Bild: Nathan Reinds)

 

2D Flyline
Die 2D Flyline kommt von OperTec und ist in diesem Jahr diagonal über die Szenen­ fläche gespannt. Der stabilisierte Kopf „MAGNA“ erlaubt PAN, TILT und Rotation (Bild: Nathan Reinds)

Diagonal über die Szenenfläche gespannt, findet die 2D- Cablecam fantastische Perspektiven und generiert dynamische Bildwechsel zwischen den beiden Bühnen. Für den ESC 2018 in Lissabon wurde ein Dolly mit zwei Teleskoparmen gefordert. Mit diesem System lässt sich ein Shot aus zwei Perspektiven gleichzeitig einfangen. Seither ist dieser „Doppeldolly“ beim ESC im Einsatz. Die Kameras der Kräne, Dollies und Flyline sind in stabilisierten 3D- oder 4D-Remoteheads von OperTec montiert.

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Greenroom-Lösungen für Delegationen, die nicht vor Ort sein können

Der ESC 2021 war auf vielen Ebenen durch COVID-19 herausgefordert. Es war unklar, ob die Firmen und Dienstleister noch existieren, ob Geräte verfügbar sein würden, ob es Publikum geben darf oder nicht. Was auf jeden Fall nötig wurde, war eine Lösung, Delegationen einzubinden, die nicht vor Ort sein können. Sei es aufgrund von Reisebeschränkungen oder Quarantäne-Verordnungen. Prioritäten waren eine möglichst geringe Latenz und eine einfache Bedienung für die Übertragungen zu schaffen. Man entschied sich deshalb für einen eigenen WebRCT Server, dessen Grundgerüst auf einer Open-Source-Lösung beruht. Die IT-Sicherheit und der Zugriff auf den Server waren so immer unter Kontrolle.

3D Stage-Design ESC 2021
Gut in der Visualisierung zu erkennen: der Greenroom inmitten der Arena. Für alle, die nicht vor Ort sein konnten, wurden indes WebRCT basierte Anbindungen geschaffen (Bild: Sightline Productions)

Die Delegationen erhielten Banner für den Hintergrund, womit der generelle ESC-Look gewahrt werden konnte. Der Greenroom von Australien wurde auf diese Weise angebunden, aber nachdem das System so tadellos funktionierte, wurde es auch für andere Dinge genutzt. So war die IP-Schalte auch das Mittel der Wahl, um Moderatorinnen und Moderatoren, die sich in Anreise-Quarantäne befanden, in die Proben einzubinden und mitwirken zu lassen. SNG-Übertragungen wären hier definitiv zu langsam gewesen. Das System war für die Möglichkeit gewappnet, alle Teilnehmerländer als entfernten Greenroom einzubinden. Die Lösung per WebRCT ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Pandemie unsere Branche beeinflusst hat. Vor 2-3 Jahren wäre diese Lösung vermutlich noch nicht einmal in Erwägung gezogen worden ‒ jetzt ist sie die beste Wahl.

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Verschmelzung der Systeme

Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie Großproduktionen auf Herausforderungen reagieren. Im Falle des ESC 2021 sind gewiss auch gute Voraussetzungen geschaffen: Ein professionelles Team in einem professionellen Land und genügend Zeit für Planung, Aufbau und Proben führen zu diesem Showcase technischer Möglichkeiten. Der „Höher- Schneller-Weiter-Trend“ wird Schritt für Schritt begangen und es wird mit viel Sorgfalt entschieden, welche Optionen man für das kommende Event hinzufügt.

Paralleler Einsatz der Haupt­LED und der Vanish­LED.
Paralleler Einsatz der Haupt­LED und der Vanish­LED. (Bild: Ralph Larman)

Ein Trend lässt sich jedoch nicht mehr aufhalten: Die stetig wachsende Verschmelzung der Systeme. Ob AR, Monitoring oder Playback. Immer mehr Geräte sind miteinander verknüpft und tauschen Daten, Steuersignale und Informationen miteinander aus. Was noch nicht miteinander sprechen kann, wird mit individueller Software, die zum Teil am lebenden Objekt getestet wird, zur Kommunikation überredet. Hier herrscht eine unglaubliche Dynamik und die Zeiten, in denen man nur das getan hat, was lang erprobt war, sind vorbei. Es braucht Mut und Vertrauen in Fertigkeiten und Technik, wenn man mit der rasanten Entwicklung Schritt halten möchte.

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>>Hier geht es zu den weiteren Artikeln aus der ESC 2021-Reihe<<

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