Streaming und CG am Mac

Hands-on: mimoLive

Videoproduktionen für Livestreams und Recordings werden unseren Berufsalltag nicht mehr verlassen. Auf der Suche nach Software für Live-Produktionen findet man auch zu mimoLive: Ein Underdog mit vielen Features und interessantem Bedienkonzept für macOS.

(Bild: Alexander Heber)

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Die Entwicklerschmiede Boinx Software wurde 1996 von Achim und Oliver Breitenbach in der Nähe von München gegründet. Programmiert wird für MacOS, iOS und tvOS. Animiertes Grafikdesign mit Quartz Composer gehörte zu den frühen Stärken der deutschen Entwickler. Mit diesen Fähigkeiten sammelte das Team Erfahrungen in der Erstellung von Bauchbinden und Grafikanimationen für TV-Stationen.

Die Workflows und Anforderungen dieser Branche waren also von Anfang an bekannt: Die Entwickler wollten die Möglichkeiten eines Fernsehstudios in einen Rechner packen und so einfach bedienbar machen wie die Knöpfe bei Stefan Raab in TV Total. Ziel war es, Bildsignale, Content und Grafiken auf dem Rechner zu mischen und auf Projektionen, LED-Wände und Displays auszuspielen.

Screenshot Quellenstrukturierung
Übersichtlich organisiert Quellen lassen sich in Ordnern strukturieren und per Drag and Drop in Layern platzieren (Bild: Alexander Heber)

2015 wurde die Software, die bis dato BoinxTV hieß, in mimoLive umbenannt und mit einer neuen Bedienoberfläche und RTMP-Streaming ausgestattet. MimoLive steht für „Multiple In Multiple Out Live Video Engine“. Was die Engine kann, schauen wir uns kurz und kompakt an.

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Interface von mimoLive

Wie üblich bei Software, haben auch die Entwickler von Boinx TV eine eigene Bedienphilosophie ins Leben gerufen. Die Entscheidung gegen eine Steuerung nach dem Preview/Programm-Prinzip mit T-Bar erfolgte sehr bewusst. Das Interface ist schnell verstanden und erlernt. Es teilt sich in drei grundlegende Bereiche: Quellen, Layer und Outputs.

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Strukturierte Quellenverwaltung

Quellen, die im „Sources“-Tab angelegt werden, stehen anschließend für den Einsatz in Layern zur Verfügung. Nicht alle Inhalte müssen als Quelle angelegt werden. In den Quellen finden wir unter „Video“ unsere Kameras. Hierbei kann man innerhalb einer Kameraquelle festlegen, welches Signal beherbergt werden soll. Man kann also eine Show mit mehreren Kameras vorbereiten und programmieren und zur Show die Kameras einfach zuweisen.

Den Kameraquellen lassen sich eigene Audiospuren zuweisen, welche auch für automatische Sprechermarkierungen in Bild-in-Bild-Szenen genutzt werden können. Slideshows, Playlisten, Mediendateien, Screencaptures und QR-Codes werden mit wenigen Klicks programmiert und für die anschließende Weiterverarbeitung in den Layern bereitgestellt. Die Media-Playlist kann Videos und Audiodateien abspielen. Hier wäre das Feature, Bilder einzubinden und mit einer Anzeigedauer zu versehen, noch eine gern gesehene Funktion. Darüber hinaus gibt es optionale, kostenlose Hintergrundanimationen, Textgeneratoren, Testcharts, einen Synctest für Audio und Video, NDI, IP-basiertes Video und Syphon.

Screenshot Ebenendesign
Design in Ebenen Die Reihenfolge der Layer gibt vor, welche Elemente sich über anderen befinden. Die einzelnen Layer bieten unterschiedliche Einstellungen zu Animation, Größe, Position und Content (Bild: Alexander Heber)

Der integrierte Browser lässt sich nicht nur anzeigen, sondern auch navigieren, womit man dem DSGVO-Pop-Up-Chaos entspannt begegnen kann. Für die Integration von Social-Media-Daten können mehrere Accounts verknüpft werden. So lassen sich Kommentare und Chats einbinden. Beispiele hierfür sind Facebook, Youtube, Twitter und Twitch.

Platzhalter und Daten von Sport-Teams werden ebenfalls im Sources-Tab verwaltet. Die Platzhalter dienen besonders dem Anlegen von Multiviews oder helfen bei dem Design von Überblendungen und Animationen.

In „Sports Team Data“ pflegt man die Teilnehmerdaten von Sportveranstaltung ein. Die Daten lassen sich anschließend auf unterschiedliche Art verwenden und ausspielen. Das Sportmodul ist jedoch eine eigene Lizenz im Abo und kostet den Non-Profit-Sportverein mehr als die Software an sich.

Externe Zuschalten können mit mimoCall umgesetzt werden. Das System basiert auf WebRTC und funktioniert über den Browser auf Desktops oder mobilen Endgeräten. Die neue Beta-Version für Mobilgeräte funktionierte mit einem iPhone gut und ließ sich bequem bedienen, mit der separaten App „mimoReporter“ konnten wir in unserem Fall keine Verbindung zu mimoLive herstellen.

Jeder Quelle können Effekte zugewiesen werden. Neben Farbbearbeitung, Chromakeying und vielen weiteren, existiert auch ein Facetracking, welches für Schalten mit Porträt-Kacheln nützlich sein kann, aber auch Prozessorleistung einfordert. Nicht alles, was man im Quellenbereich vermuten würde, ist auch dort zu finden. Viele Funktionen, insbesondere dynamische Inhalte, werden mit individuellen Layern gesteuert.

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Layer Stack – Where the magic happens

Am Besten wird man mit den Funktionen vertraut, indem man die lange Liste möglicher Layer öffnet und einfach ausprobiert, was sie zu bieten haben. Die Funktionen zum Bearbeiten, rechts neben dem Layer Stack, sind in fast allen Fällen selbsterklärend und wenn nicht, wird über ein kleines Fragezeichen neben dem Layer-Namen auf das entsprechende Kapitel in der Onlinehilfe verlinkt.

Die Layer sind nicht nach ihren technischen Eigenschaften sortiert, sondern nach ihrer Intention. Ein Beispiel soll deutlich machen was das bedeutet: Der Layer „Annotation“ ist eine kleine Karte mit einer kurzen Botschaft darauf. Man kann alle Parameter der Karte beeinflussen: Farbverlauf, Farben, Text, Position usw. Das gleiche ließe sich auch mit dem Textlayer erzeugen, allerdings hat die Annotation-Karte die Möglichkeit für abgerundete Ecken und eine zusätzliche Animation für das Ein- und Ausblenden. Man kommt mit den spezialisierten Layern schnell zu einem guten Ergebnis, sollte sich aber trotzdem mit allen Möglichkeiten auseinandersetzen und hinterfragen, wozu man die Layer noch benutzen kann.

Screenshot Layer Stacks
Layer Stacks erlauben das Speichern von Snapshots, welche Layer gerade aktiv sind – die Momentaufnahmen lassen sich ändern und aktualisieren (Bild: Alexander Heber)

Aus dem Lower Third lässt sich zum Beispiel auch eine Stinger-Animation bauen. Eine Art „Master-Layer“ für Grafiken und Text, mit dem man Zugriff auf alle möglichen Animationseinstellungen hat, wäre trotzdem wünschenswert für alle, die mit einem gänzlich leeren Blatt ihre Programmierung beginnen wollen. Wer neu in der Welt der Videoproduktion ist, findet sich mit der vorhandenen Struktur der Layer aber sicher schneller zurecht.

In unserem Hands-On konnten wir auch das Set für Lower Thirds, welches für 55 Euro zusätzlich erworben werden kann, ausprobieren. Dieses ist ansprechend designt und einen Blick wert.

Für die einzelnen Layer lassen sich Varianten festlegen. Innerhalb eines Bauchbinden-Layers sind so zum Beispiel die einzelnen Namen und Beschreibungen hinterlegt und können per Knopfdruck abgespielt werden. Gleiches gilt für Splitscreen-Layouts, Tabellen und alle anderen Layer. So fällt es leichter, den Stapel zu organisieren.

Was uns noch fehlt ist eine Option zum Resetten einzelner Parameter. Ein zurücksetzender Doppelklick auf Einstellräder oder Reset per Shift-Klick auf Eingabefelder wären hier eine Hilfe.

Das Mischen mehrerer Quellen erfolgt mit einem Video-Switcher-Layer. Zumindest für diesen Layer wäre auch eine Preview/Programm-Option wünschenswert – und sei es optional. Die Zuweisung von Quellen in Layern kann per Dropdownmenü in den Layer-Eigenschaften oder einfach per Drag and Drop erfolgen.

Es gibt Layer für dynamische Wetterkarten, Liveticker, Untertitel, PTZ-Steuerung, Split-Screens, Sportanimationen, Logos, Syphon (transportiert alle aktiven Layer, die die darunter liegen), Audio, Timer, Uhren und noch einige mehr.

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Komposition in mimoLive

Je weiter unten ein Layer im Stapel ist, desto weiter hinten liegt die Ebene im fertigen Bild – wie bei Photoshop oder After Effects. Man drückt die einzelnen Layer live und stellt so die Komposition zusammen. Wenn man mehrere Layer gleichzeitig bedienen möchte, so kann man mit den „Layer Sets“ Presets für Kombinationen aus Layern festlegen. Damit lassen sich komplexe Übergänge abbilden und auf Knopfdruck überblenden. Für noch genauer getimte Abläufe wurde der Automation-Layer kreiert. Dieser funktioniert aktuell noch mit einer einfachen Skriptsprache. Ein einfacheres grafisches Interface für dieses Makrotool soll folgen, ist jedoch nicht oberste Priorität in Zeiten von M1-Prozessor-Umstellung und dem absehbaren Ende von Quartz Composer.

Die Bedienung kann selbstredend per Maus und Keyboard erfolgen. Für nahezu alle Live-relevanten Parameter lassen sich Hotkeys festlegen. Eine native X-Keys-Unterstützung ermöglicht das Anbinden der USB-Keyboards. Für Companion existiert ebenfalls ein Modul. Companion sollte während der Programmierung nach Möglichkeit am gleichen Rechner laufen, denn aktuell zieht sich das Modul die möglichen Parameter nicht aus mimoLive, sondern es müssen für fast alle Funktionen API-End-Points per Copy-Paste in Companion eingetragen werden. Das geht zwar zügig, aber ist nicht sehr praktisch. Dennoch lassen sich damit auch umfangreichere Abfolgen programmieren und Layer, Layer Sets, Outputs und die Show an sich ein- und ausschalten.

Screenshot System-Performance
Immer im Blick Ein kleines „LED-Meter“ neben dem Projektnamen gibt aktuelle Auskunft über die System-Performance; wer es genau wissen möchte und Ressourcen-hungrige Layer ausfindig machen möchte, erhält auch eine gute Detailansicht (Bild: Alexander Heber)

Die wahre Kraft entfaltet mimoLive aber mit der integrierten Websteuerung „mimoLive Remote Control“. Für jede Show sind mehrere Bedienoberflächen gleichzeitig programmierbar. Entweder greift man per Browser auf die Steuerung zu oder man benutzt die iOS App. Beides ermöglicht eine komfortable Bedienung und schnelle Anpassungen. So kann man eine iPad-Steuerung für die Bauchbinden und Grafikeinblendungen vorbereiten, eine weitere Oberflästartenche kümmert sich um den Schnitt und in der dritten liegen die Videoeinspieler. Es lassen sich auch Layereigenschaften in der Bedienoberfläche anpassen und so auch Bauchbinden „on the fly“ umschreiben. Alle vorhandenen Layer und deren Einstellungen liegen automatisch in der Oberfläche bereit.

Der dritte Weg zur Bedienung ist die Verwendung der hauseigenen Stream-Deck-App. Aber auch hier müssen wieder API-End-Points eingetragen werden, was die Programmierung weniger attraktiv macht.

Ließen sich die erstellten Buttons aus der Remote Control mit schnellen Mitteln, idealerweise dynamisch ausgelesen, per Companion aufrufen und mit Daten füttern, wäre die Steuerung nur schwer einzuholen. Der Hardwareknopf liegt nun mal doch vor dem Touch-Display oder dem Mausklick. Dennoch ist die Steuerung vielen Konkurrenten überlegen und sorgt für Spaß bei der Programmierung und Bedienung.

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Interner und externer Multiview

Es stehen stehen zwei Multiview-Ansichten zur Verfügung, die nach Belieben ein und ausgeblendet werden können. Eine Ansicht öffnet sich direkt in der Bedienoberfläche, die zweite öffnet sich in einem Extra-Fenster und lässt sich auch als Vollbild auf einem zusätzlichen Monitor betreiben. Man kann aus verschiedenen Layouts wählen und wenn die Reihenfolge der dargestellten Quellen mit denen des Video-Switcher-Layers übereinstimmt, lässt sich dieser auch direkt im Multiview bedienen.

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Flexibel dank Output-Vielfalt

Neben der Vollbildausgabe auf einem oder mehreren angeschlossenen Displays lassen sich so viele Streaming anlegen, wie der Rechner eben schafft. Als Protokoll dient RTMP. SRT-Output und -Input stünden auf der Liste kommender Updates, jedoch nicht an oberster Stelle.

File Recordings sind ebenfalls verfügbar und bieten H.264, HEVC und Apple-ProRes-Codecs für den Mitschnitt. Mit einem kostenlosen Plugin erweitert man die Outputs noch um die virtuelle Kamera und kann den Output in Konferenztools verfügbar machen. Das eigene Projekt lässt sich auch direkt mit einem mimoCall eines anderen Projektes verbinden. Für die Audioüberwachung lassen sich AUX-Wege mit eigenen Mixen erstellen.

Screenshot Ausspielwege
Automatisch oder einzeln Die Ausspielwege lassen sich an Show-Start und Show-Ende koppeln; alternativ kann man Recording, Streaming, NDI Output & Co. auch separat starten. (Bild: Alexander Heber)

Zu guter Letzt wären da noch NDI und das direkte Ausspiel über Grafikkarten von Blackmagic Design. NDI wird mit Alphakanal übertragen und für die Blackmagic-Karten wird die Option Key & Fill unterstützt. Das Programm wird somit auch eine interessante CG-Lösung. Bauchbinden, Newsticker, Logos, Calls – all das lässt sich schnell und simpel in ansprechende Designs verwandeln und über Key & Fill oder NDI mit Alpha in andere Setups einbinden. Von dem Keying von PowerPoint-Bauchbinden und umständlichen Bauen von Alphamasken kann man sich getrost verabschieden.

Für alle Videooutputs lassen sich entweder der Programmfeed oder aber eine der Quellen aus dem Sources-Tab auswählen. Wenn dies noch immer nicht die Bedürfnisse stillen sollte, so lässt sich eine weitere Instanz von mimoLive öffnen und beispielsweise per Syphon nur ein Teil des Layer- Stacks an die neue Instanz übergeben – Timer und individuellen Textlayer hinzufügt: Fertig ist der Output für das Vorschaudisplay.

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Einsatz im Event

Wir haben mimoLive als Underdog bezeichnet. Ein Blick auf die Kundenliste zeigt, dass das so nicht ganz stimmt. Die Software ist in unserem Bereich nur nicht so populär, da der Fokus weniger auf dem AV-Bereich und zusätzlich noch auf dem US-amerikanischen Markt liegt.

Es sollte uns aber nicht schwerfallen, Einsatzgebiete für die macOS-Software zu finden. Auch wenn wir Abläufe vielleicht nicht komplett über ein Computersystem realisieren möchten, so sorgen die einfachen Optionen für schöne Designs schnell für ein probates Mittel Grafiken und Overlays einzuspielen. Das Handbuch für das Programm ist nur auf Englisch verfügbar, aber sehr verständlich und klar geschrieben. Die Lernkurve ist flach und man kommt rasch zu Ergebnissen.

Screenshot Netzwerkfernsteuerung
Netzwerkfernsteuerung Ob per App oder Browser: Erstellte Bedienoberflächen sind im gleichen Netzwerk erreichbar und ermöglichen eine Arbeitsteilung und schnelle Programmierung. Die Live-Vorschau im Interface bietet genügend Frames pro Sekunde, um Bauchbinden sicher ein- und ausblenden zu können (Bild: Alexander Heber)

Es existieren drei Lizenzmodelle: Non-profit, Studio und Broadcast für 22 Euro, 79 Euro und 225 Euro pro Monat. Die Studio-Lizenz für 79 Euro entspricht dem Einsatzgebiet der Veranstaltungstechnikdienstleister. Im eigenen mimoLive-Forum gewinnt man einen Eindruck von der Nähe zwischen Entwicklern und Kunden.

Ein Abo-Modell ist nur reizvoll, wenn die Entwicklung kontinuierlich weitergeht und das Projekt auch die entsprechende Priorität bei den Entwicklern hat. In dieser Hinsicht kann sich Boinx nichts vorwerfen lassen. Die Community arbeitet engagiert mit den Entwicklern zusammen. Wer herausfinden möchte, ob mimoLive Potential für die eigenen Workflows bietet, kann die Software zwei Wochen vollumfänglich testen.

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