Was tun, wenn Hitzestufe 4 auf Veranstaltungen trifft
von Maximilian Neßmann, Artikel aus dem Archiv vom , zuletzt aktualisiert am
Ende Juni 2026 zog die Hitzewelle eine Schneise durch den deutschen Veranstaltungssommer – Hamburg-Halbmarathon, Kessel Festival, Hype Festival: Reihenweise zogen Veranstalter die Reißleine. Was das für die Branche bedeutet, erklären Bernhard Mühr, Wetterexperte, Prof. Dr. Kim Werner und Falco Zanini im Gespräch mit Event Partner.
Besucher:innen auf dem Kessel Festival in Stuttgart im Sprühnebel Abkühlung (Bild: Kessel Festival / Pencz Productions)
Sonntag, 28. Juni 2026, Hamburg: Statt 24.000 Läufer:innen auf der Strecke herrscht Stille. Der Hamburg-Halbmarathon findet nicht statt – zum ersten Mal in seiner Geschichte. Zwei Tage zuvor in Stuttgart: Das Kessel Festival, ein Familienevent auf dem Cannstatter Wasen, bricht nach dem ersten Tag ab. In Köln wird das Hype Festival am Tanzbrunnen komplett gestrichen, noch bevor die erste Bassline läuft. Und auch im niederländischen Biddinghuizen wird das Hardstyle-Festival Defqon.1 kurz nach Anreise tausender Besucher:innen abgesagt.
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Auch wenn viele Veranstaltungen dem Hitzewochenende mit gezielten Maßnahmen dem Wetter trotzen, zeigen diese vier Absagen auf eine neue zu beachtende Sorge für Veranstalter – wie müssen wir in Zukunft mit den zu erwartenden Hitzewellen in Eventkonzepten umgehen? Heiße Tage gibt es in Deutschland jeden Sommer. Neu sind die Hitzerekorde und anhaltende Höchsttemperaturen.
Hitze als neues Muster
„Von einem ‚heißen Tag‘ spricht man definitionsgemäß ab einer Höchsttemperatur von mindestens 30 °C. Das kommt in Deutschland jeden Sommer des Öfteren vor”, ordnet Bernhard Mühr, Geschäftsführer und Diplom-Meteorologe bei der EWB Wetterberatung GmbH, ein. Mühr ist aktuell viel auf Veranstaltungen unterwegs zur Beratung unterwegs. Zu seinen Referenzen von EWB gehören beispielsweise Rock am Ring, das Hurricane oder Deichbrand Festival. Seine Antworten schreibt Mühr, als er grade im Einsatz im Berliner Olympiastadion bei den Shows von Bruno Mars. „Neue Allzeitrekorde der Höchsttemperatur inklusive eines neuen deutschen Hitzerekordes mit Temperaturen um oder sogar über 40 °C sind aber tatsächlich ein extrem seltenes Ereignis, das alle Beteiligten vor große Herausforderungen stellt.”
Immerhin: Für die Planung sind Hitzewellen verhältnismäßig absehbar. „Die Hitzewelle Ende Juni 2026 zeichnete sich bereits eine bis zwei Wochen vor deren Beginn ab”, so Mühr. Die zugrundeliegenden großräumigen Wetterlagen ließen sich von Vorhersagemodellen gut erfassen – anders als etwa Gewitter, bei denen die Vorwarnzeit „manchmal nur eine Stunde oder noch weniger” beträgt. Veranstalter hatten also Zeit zu reagieren.
Eine feste Schwelle für „kritische Hitze” gibt es aus meteorologischer Sicht ohnehin nicht, erklärt Mühr: Entscheidend sind Sonnenexposition, Tageszeit, Windverhältnisse – und der Untergrund. „Eine asphaltierte Fläche erreicht im Sommer zur Mittagszeit und am frühen Nachmittag bei voller Sonneneinstrahlung leicht Temperaturen von 50 bis 60 °C.” Besonders kritisch: das Zeitfenster zwischen 12 und 17 Uhr MESZ – ausgerechnet die übliche Einlasszeit vieler Veranstaltungen, wenn sich schon vor Toröffnung Menschenmengen sammeln.
Planungsrealität statt Ausnahmezustand
Für Prof. Dr. Kim Werner von der Hochschule Osnabrück ist die Häufung Ausdruck einer strukturellen Verschiebung des Klimawandels. „Die Betroffenheit der Eventbranche würden wir mittlerweile als mittel bis hoch einschätzen – mit steigender Tendenz”, sagt die Wissenschaftlerin. „Die aktuellen Hitzewellen zeigen sehr deutlich, dass der Klimawandel längst kein Zukunftsszenario mehr ist, sondern bereits heute erhebliche Auswirkungen auf die Planung und Durchführung von Veranstaltungen hat.”
Betroffen sind dabei nicht nur Open-Airs. „Outdoorveranstaltungen sind zwar tendenziell stärker betroffen, aber auch Indoor-Veranstaltungen können beeinträchtigt werden – etwa durch gestörte Lieferketten, Probleme bei der An- und Abreise der Teilnehmenden oder eine unzureichende Kühlung der Veranstaltungsstätten, wenn keine Klimaanlagen vorhanden sind oder deren Leistungsfähigkeit bei extremer Hitze nicht mehr ausreicht.”
Rechtlich bewegen sich Veranstalter dabei auf klarem Terrain. „Veranstalter unterliegen sowohl einer Fürsorge- als auch einer Verkehrssicherungspflicht. Diese erstreckt sich nicht nur auf Besuchende und Teilnehmende, sondern auch auf die eigenen Beschäftigten”, so Werner. Zentrale Referenz ist die neue Arbeitsstättenrichtlinie ASR A5.1, die Arbeitsplätze im Freien und in nicht allseitig umschlossenen Arbeitsstätten regelt.
Die Unsichtbaren hinter der Bühne
Hier setzt Falco Zanini an, Fachplaner für Besuchersicherheit und Fachkraft für Arbeitssicherheit: „Die extreme Hitze belastet und bedroht auch die Beschäftigten in der Veranstaltungsbranche – Bühnen- und Gerüstbauer, Aufbauhelfer, Cateringbeschäftigte, Security und viele mehr, die bei dieser Hitze und Belastung durch Sonnenstrahlung arbeiten müssen.”
Zanini verweist ebenfalls auf die ASR A5.1 und die darin hinterlegten Auslösewerte für verbindliche Maßnahmen. Sein Befund zur damaligen Lage: „Bei einem schnellen Blick in die Tabelle stellen wir fest, dass in den letzten Tagen die Hitzestufe 4 erreicht wurde.” Als konkrete Maßnahmen nennt er unter anderem Verschattung der Arbeitsplätze, Durchlüftung und Kühlung, den Einsatz von Luftduschen und Wasservernebler, die Verlegung schwerer körperlicher Arbeit in kühlere Tageszeiten sowie zusätzliche Pausen in schattigen, kühleren Umgebungen.
Auch Mühr bestätigt: Für die Menschen hinter den Kulissen ist Hitze oft ein größeres Problem als fürs Publikum. „Das betrifft den Aufbau, der sorgfältig und in der Regel zügig und unter Zeitdruck erfolgen muss. Das betrifft aber auch die zahlreichen Security-Mitarbeiter, die vor und während einer Veranstaltung an allen möglichen Zugängen, Ausgängen und anderen Orten für die Sicherheit verantwortlich sind.” Diese Personen seien „oft viele Stunden der prallen Sonne ausgesetzt” – ebenso wie Polizei, Feuerwehr und Sanitätsdienste, ohne deren Einsatz keine Veranstaltung stattfinden kann.
Symptombekämpfung reicht nicht
Cool Zones, Trinkwasserstationen, Sprühnebelanlagen – die Werkzeugkiste gegen akute Hitze ist mittlerweile Standard. Doch Werner mahnt, hier nicht stehen zu bleiben: „Diese Maßnahmen bekämpfen in erster Linie die unmittelbaren Auswirkungen extremer Temperaturen und sind damit eher Formen des Symptommanagements als nachhaltige Lösungen.” Die eigentliche Frage laute, welche Veranstaltungsformate unter den Bedingungen des Klimawandels langfristig noch zukunftsfähig sind – und ob nicht regionalere, kleinere, flexiblere Formate an Bedeutung gewinnen müssen.
Es gibt zudem einen Zielkonflikt, den Werner offen anspricht: Wer Hitze vor allem mit energieintensiven Klimaanlagen bekämpft, erhöht den Energieverbrauch und womöglich die Emissionen. Nachhaltiger seien Verschattung durch Bäume oder temporäre Begrünung, helle Oberflächen oder eine von vornherein angepasste Veranstaltungsplanung.
Der Preis der Vorsorge
Dass Hitzeschutz auch eine Kostenfrage ist, zeigt der Blick auf den Hamburg-Halbmarathon: Die Veranstalter planten sieben statt der üblichen drei bis vier Wasserstellen, mehr als 100.000 Liter Trinkwasser, kalte Duschen und Wasserwannen – und sagten trotzdem ab, weil das Risiko für die Rettungs- und Einsatzdienste am Ende zu hoch blieb.
Werner sieht diese Entwicklung als Vorboten eines strukturellen Wandels: „Wetter- und Klimarisiken werden künftig Versicherungen und auch die Budgetplanung von Veranstaltungen stärker beeinflussen.” Höhere Prämien, veränderte Versicherungsbedingungen, höhere Selbstbehalte – all das sei zu erwarten, wenn Extremwetterereignisse häufiger auftreten. Hinzu kämen Investitionen in Wettermonitoring, Notfallplanung und klimaresiliente Infrastruktur sowie höhere Personalkosten durch angepasste Arbeitsabläufe. „Man sollte diese zusätzlichen Ausgaben aber nicht ausschließlich als Kosten verstehen. Viele Anpassungsmaßnahmen sind Investitionen in die Resilienz einer Veranstaltung.”
Einen rechtlichen Rahmen für diese Transformation liefert seit Juli 2024 das Klimaanpassungsgesetz, das Kommunen und andere Akteure zur systematischen Stärkung ihrer Widerstandsfähigkeit verpflichtet. Auch die ISO 20121 fordert mittlerweile explizit, klimabedingte Risiken ins Nachhaltigkeitsmanagement von Veranstaltungen zu integrieren.
Was jetzt zählt
Auf die Frage, worauf es jetzt ankommt, sind sich alle drei Expert:innen einig: Kommunikation. „In den letzten Jahren kommt der Kommunikation der Veranstaltungsleitung mit den Besuchern eine immer größere Bedeutung zu”, so Mühr. Frühzeitige, klare Hinweise auf zu erwartende Bedingungen könnten viel zur Entlastung beitragen – ohne dass dafür große Budgets nötig wären.
Auch Zanini plädiert für eine geteilte Verantwortung zwischen Veranstalter und Auftraggeber: „Vor allem muss sich mit dem Auftraggeber zusammengesetzt und Maßnahmen abgestimmt werden.” Sein Fazit ist dabei eine Handlungsaufforderung an die gesamte Branche: „Im Interesse aller Beteiligten sollte diesen und wahrscheinlich die nächsten Sommer das Wohlergehen der Beschäftigten liegen. Denn ohne die fleißigen Menschen gibt es keine Veranstaltung. Dazu werden wir uns in vielerlei Hinsicht anpassen müssen.”
Praxishilfen für klimaresiliente Events
Wer sich systematisch mit Hitze-, Sturm- und Starkregen-Risiken bei Veranstaltungen auseinandersetzen will, findet unter klima-event.info eine umfangreiche Sammlung an Anpassungsmaßnahmen – von niederschwelligen Sofortlösungen bis zu langfristigen strukturellen Maßnahmen. Das Projekt wurde von der Hochschule Osnabrück, der Universität Osnabrück und der Gemeinde Bad Essen im Landkreis Osnabrück durchgeführt. Beteiligt waren zudem der Landkreis Osnabrück, das Regionalmanagement Wittlager Land und das GCB German Convention Bureau.