Studie

Restart-19: Endlich mehr Wissenschaft im Bereich Großveranstaltungen

Trotz eines seit Monaten existierenden Verbots von (Groß-)Veranstaltungen fehlen bis heute konkrete Fakten zu den Risiken einer SARS-CoV-2-Infektion bei temporären Menschenansammlungen. Unter dem Namen RESTART-19 lief ein am 22. August 2020 in der Arena Leipzig durchgeführtes Experiment der Universitätsmedizin Halle (Saale), das nun diese dringend benötigten, wissenschaftlich belastbaren Zahlen und Daten liefern soll.

Restart-19, Studie, Tim Bendzko
RESTART-19-Konzert mit Tim Bendzko In einem der drei Szenarien wurde neben jedem Sitzplatz ein Platz leer gelassen, die jeweilige Reihe dahinter entsprechend versetzt belegt (Bild: Stefan Junker)

»Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.«
Bertolt Brecht

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… Die im Dunkeln sieht man nicht – hier liegt wohl leider das Problem: Wie soll man eine Branche wahrnehmen, die faktisch seit März im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln agieren, die „Showbeleuchtung“ quasi ausgeschaltet bleiben muss? Wäre die Situation nicht so dramatisch, sie wäre fast schon grotesk komisch. Neben Amazon, Scheidungsanwälten und Klopapierproduzenten als klaren Corona-Gewinnern, den Todesfällen und Intensivpatienten als tragischen Verlierern und all den unerträglichen Schreihälsen, die aus Wut und Verzweiflung über unsere „deutsche Diktatur“ am liebsten ins freiheitliche Nordkorea auswandern würden, dürfte die Mehrheit der Menschen – von den allgemein bekannten Einschränkungen einmal abgesehen – zumindest beruflich kaum relevant betroffen gewesen sein und fordert daher nun „endlich“ eine Rückkehr zur Normalität.

Und irgendwo – am Rand all dieser Ereignisse – sitzt die Veranstaltungsbranche als eine der Top-Ten-Wirtschaftszweige Deutschlands nach wie vor erschreckend still „im Dunkeln“ und wartet auf den nahenden Untergang. Trotz eines bereits mehrmonatigen Berufsverbots hat sich die Situation bis heute praktisch kaum gebessert, die Aussichten und Perspektiven sind deprimierend, die ersten Kollegen mittlerweile zum Postboten, Sicherheitsdienstmitarbeiter oder Kraftfahrer umgeschult.

Dementsprechend positiv war daher die Meldung, dass die Unimedizin Halle (Saale) in Kooperation mit der ZSL Betreibergesellschaft mbH der Quarterback Immobilien Arena Leipzig und unterstützt durch den Handball-Bundesligisten SC DHfK Leipzig am 22. August 2020 ein Großexperiment durchführen würde, um „das Risiko für die Entstehung eines Ausbruchs mit COVID-19 durch eine Hallen-Großveranstaltung zu berechnen und Lösungsmöglichkeiten für die Wiederaufnahme solcher Events aufzuzeigen“ (zitiert aus der offiziellen Pressemitteilung vom 10.7.2020 des Universitätsklinikums Halle/Saale) – somit also der erste Versuch, wissenschaftlich belastbare Zahlen und Daten als Basis für mögliche Lockerungen, ggf. aber auch notwendige Verbote zu generieren.


>> Einen umfassenden Vor-Ort-Bericht des Konzerts am 22. August und der Restart-19-Studie gibt es in der Ausgabe PRODUCTION PARTNER 8-2020, die ihr ab 16. Oktober hier bekommt. <<


Fazit unseres Autoren:

Auch wenn die angestrebte Zahl von 4.200 Personen aufgrund von Urlaubszeit, Semesterferien, rigorosen Ausschlusskriterien und nicht zuletzt auch Angst vor einer Infektion aufgrund der zu diesem Zeitpunkt wieder steigenden Fallzahlen nicht erreicht wurde – ein großes Dankeschön gilt all den trotzdem anwesenden Teilnehmern, die als bunter Mix aus Fans von Tim Bendzko und dem Handball-Bundesligisten SC DHfK Leipzig, Event- und Konzertbegeisterten, wissenschaftlich Interessierten und nicht zuletzt Vertretern der Veranstaltungsbranche die erfolgreiche Durchführung dieser Studie erst möglich gemacht haben.
Mehr noch: Neben einer für den angestrebten Erkenntnisgewinn ausreichenden Datenbasis hat man mit der Studie vor allem eines erreicht: Es findet endlich mehr Wissenschaft im Bereich von Großveranstaltungen statt – laut Dr. Moritz gibt es aktuell bereits Anfragen aus Australien, Belgien und Dänemark, die nun ähnliche Studien planen.

Es bleibt also zu hoffen, dass einerseits die Ergebnisse – wenn auch erst frühestens Mitte Oktober 2020 verfügbar – endlich eine evidenzbasierte Grundlage für die Wirksamkeit von Infektionsschutz- und Hygienemaßnahmen bieten sowie als direkte Folge davon die Durchführbarkeit bestimmter Veranstaltungsformate unter klar definierten Bedingungen ermöglichen.

Andererseits scheint mit RESTART-19 auch eine lange überfällige, wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema „Veranstaltung“ in Gang gesetzt worden zu sein, in deren Verlauf eine Sache klar zum Vorschein kommen wird: Eine Pauschalisierung von Veranstaltungen ohne differenzierte Betrachtung der unterschiedlichsten Formate, Anlässe, Darbietungen, räumlichen Gegebenheiten, Besucherzahlen und Publikumszusammensetzungen ist wissenschaftlicher wie auch politischer Unsinn!


>> Einen umfassenden Vor-Ort-Bericht des Konzerts am 22. August und der Restart-19-Studie gibt es in der Ausgabe PRODUCTION PARTNER 8-2020, die ihr ab 16. Oktober hier bekommt. <<


 

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Bericht zum Tim Benzko-Konzert / Leipzig Arena / COVID-19 Feldtest

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  2. ich bin sehr gespannt auf den Bericht. Schön, dass sich jemand wissenschaftlich mit dem Restart unseres Geschäfts befasst,

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  3. Man kann sich diesen Flop auch schönreden wie ihr Autor. Einen signifikanten Informationsgewinn, geschweige den belastbare Daten für zukünftige Veranstaltungen wird es durch diesen 1.000.000 Euro teuren Event definitiv nicht geben. Und ein Sicherheitskonzept, dass auf Corona-Tests basiert, für die die Konzertteilnehmer selbst genommene Abstriche per Post einschicken sollten, finde ich schlichtweg haarsträubend fahrlässig.

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