Besonderer Bühnenbau beim Musiktheater Wir aus Glas

Die Umsetzung außergewöhnlicher szenischer Ideen muss nicht zwangsläufig an limitierten Rahmenbedingungen scheitern. Die Inszenierung des Musiktheaterstückes Wir aus Glas für die diesjährige Münchner Biennale zeigt die Machbarkeit von Besonderem innerhalb eng gesteckter Grenzen. Matthias Fuchs hat sich den besonderen Bühnenbau einmal angesehen.

Blick auf die Bühne während des Musiktheaters Wir aus Glas.
Musiktheater Wir aus Glas. Die Bühnen befindet sich zwischen zwei verfahrbaren Zuschauertribünen (Bild: P.Roth-Lipkow)

Schon der Handlungsentwurf von „Wir aus Glas“ birgt Außergewöhnliches: Es soll eine weitgehend ereignisarme Alltäglichkeit inszeniert werden, die vom Publikum nur ausschnittsweise „wie durch es Fenster“ betrachtet werden kann. Ort der Handlung ist eine angedeutete Wohnung, in der sich die elf Akteure – Schauspieler wie Musiker – bewegen, abgeschottet vom „Draußen“ ihren gleichförmigen Tagesablauf zelebrieren und dabei schrittweise ihre Ängste und Nöte offenbaren.

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Regisseur David Hermann und Bühnen-/Licht-Designer Jo Schramm entwickelten schon im Februar 2017 erste Konzepte zur Realisierung des Stückes in den Räumlichkeiten der Münchner Muffathalle und der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin – Säle von ca. 38 × 25 bzw. 31 × 23 Metern Größe. Zentrale Problemstellung: Wie erzeugt man mit überschaubarem technischen Aufwand die verschiedenen Wahrnehmungsoptionen und Blickwinkel zwischen „Draußen“ (dem Publikum) und „Drinnen“ (der Bühne)? Dazu mussten im Austausch mit den technischen Direktionen und Leitungen der Aufführungsorte Lösungen erarbeitet werden, in denen Budget und Räumlichkeiten sowie die Sicherheit für Zuschauer und Akteure berücksichtigt werden konnten. Die Idee, das Publikum während der Vorstellung umher laufen zu lassen, wurde vor allem aus akustischen Gründen bald wieder verworfen.


Szene aus dem Musiktheater Wir aus Glas
Die gleichmäßige und klare Beleuchtung sorgte für eine sehr grafische Bildwirkung (Bild: Eike Walkenhorst)

Musiktheater: Wir aus Glas

Wir aus Glas ist ein 75-minütiges Musiktheater von Yasutaki Inamori für vier Sänger, sechs Instrumentalisten (Opera Lab Berlin) und einen Schauspieler.

Es zeigt den mechanisch anmutenden Alltagsablauf der Akteure in einer offenbar selbst gewählten Isolationssituation. Inamoris Komposition entspricht in ihrem polyphonen Geflecht musikalischer Formen und Motive den parallel verlaufenden Handlungen der Akteure. Das Stück wird ohne Dirigent aufgeführt, die Instrumentalisten spielen ohne Partituren und sind Teil des Geschehens. Wir aus Glas wurde nach vierwöchigen Proben im Juni 2018 in München und Berlin insgesamt 10 Mal erfolgreich aufgeführt.

 


Die ausschnitthafte Wahrnehmung von parallel ablaufenden Geschehnissen erzielte man schließlich durch das Bewegen des Publikums. Erste Entwürfe für den Bau einer beweglichen Zuschauertribüne wurden aus Budgetgründen zunächst jedoch wieder verworfen.

Rendering für den Bühnenbau des Musiktheaters Wir aus Glas
Rendering für den Bühnenbau, erstellt von Bühnen/Licht-Designer Jo Schramm. Man erkennt die mittige Bühne und die beiden, über eine Strecke von 16 Metern längsseitig verfahrbaren. Sitztribünen für jeweils 60 Personen. Das Publikum sieht je nach Tribünenposition nur einen bestimmten Bühnenausschnitt, der übrige Teil der Bühne ist durch Vorhänge nur begrenzt einsehbar (Bild: Jo Schramm)

Der entscheidende Schritt zur erfolgreichen Realisierung vollzog sich mit dem Zusammentreffen von Jo Schramm und Peter Roth-Lipkow (Schoko Pro) auf der Stage|Set|Scenery in Berlin. Schoko Pro ist auf die Realisation von verschiedensten Events in nahezu allen Größenordnungen und Genres spezialisiert. Peter RothLipkow, Entwickler von Systemlösungen bei Schoko Pro, konnte die Herstellung verfahrbarer Zuschauertribünen unter Verwendung von preisgünstigen, weil wieder verwertbaren System-Bühnenbauelementen anbieten. Damit ließen sich sämtliche aufgetretenen Probleme auf ein tragbares Maß bringen: Dank der Verwendung von vorhandenen Systemkomponenten wurden die Kosten für zwei bewegliche Zuschauertribünen so weit reduziert, dass die Produktion angegangen werden konnte. Peter Roth-Lipkow: „Wir nutzen Systemlösungen und vermieten professionelle Produkte für ganze Spielzeiten. Dadurch können wir sehr effiziente und kostengünstige Lösungen anbieten.“ Auch Nachhaltigkeit ist für Peter Roth-Lipkow ein wichtiger Aspekt: „Die eingesetzten Komponenten werden nach Ende der Spielzeit nicht weggeworfen sondern erweitern den Materialbestand und stehen somit für weitere Einsätze zur Verfügung. Das reduziert nicht nur die Kosten, sondern erlaubt nachhaltige Konzepte, von deren Leistung und Sinn wir absolut überzeugt sind.“


»Die Herstellung der verfahrbaren Zuschauertribünen konnte preisgünstig angeboten werden, da mit wiederverwertbaren System-Bühnenbauelementen gearbeitet wurde. Nachhaltigkeit ist für uns ein wichtiger Aspekt.«

Peter Roth-Lipkow | Entwickler von Systemlösungen bei Schoko Pro


Bühnenbau und Beleuchtung

Die beiden beweglichen Zuschauertribünen entstanden auf je einem Bühnenwagen (Gitterrost aus Standard-Zargen-Elementen, System 140) und darauf montierter Sitztribüne sowie den Traversentischen. Der Antrieb erfolgte über je drei im Bühnenwagen verbauten Drehscheiben-Antriebseinheiten mit einer Winkelprofilführung und manueller Steuerung über Handbedienflaschen. Seitlich an den Tribünen befinden sich je zwei Podeste für den Bediener und den beobachtenden Zustimmer (optische Absicherung des Fahrweges nach dem Vier-AugenPrinzip). Sie erhalten ihre Start/Stop-Anweisungen von einem in einer stirnseitigen Traverse befindlichen Beobachter, der anhand von Bodenmarkierungen und einer Szenenliste die Fahrwege bestimmt. Neben den beiden Tribünen für je 60 Zuschauer und der etwa 25 Meter langen und 4 Meter breiten Bühne komplettierte den Aufbau ein geflogener Traversenrahmen mit untergehängtem Vorhangschienensystem (Gerriets King). Der bewegliche Vorhang wird durch Mitnehmer von den fahrenden Tribünen mitgeschleppt und gibt den Blick auf das entsprechende Bühnensegment frei. So entstand durch den neuen Bühnenbau ein abgeschlossener und gemeinsamer Raum für Akteure und Zuschauer.

Fahrbare Sitztribüne beim Musiktheater Wir aus Glas
Eine der beiden verfahrbaren Sitztribünen. Grundgerüst (11 × 4m) und Tribüne bestehen aus Standard-Zargenelementen (Hoac GmbH System 140), darüber Geländer (Hoac-Tribünenprogramm) und Traversentisch mit transluzenter Stoffverkleidung. Das vier Tonnen schwere Gefährt bewegt sich mit einer  Geschwindigkeit von 0,1 m/sek auf 52 Bockrollen, drei Antriebsrädern und sechs geführten Doppelspurkranzrädern. An der Stirnseite erkennt man links den Platz des Bedieners und rechts das Powerpack/die Leistungselektronik. (Bild: P.Roth-Lipkow)

»Das Musiktheater Wir aus Glas beweist, dass auch innerhalb eng gesteckter Grenzen etwas ganz Besonderes entstehen kann.«


Auf den Traversen ist zudem die Bühnenbeleuchtung montiert: 48 Stück PAR64 CP 62 erzeugten laut Bühnen- und Licht-Designer Jo Schramm ein „klares, grafisches Bild“. Tatsächlich verhinderte die lückenlose und gleichmäßige Ausleuchtung der Bühne jede Intimität und steigerte so den gewünschten Eindruck des „beobachtet werdens“ innerhalb einer Versuchsanordnung. Das verwendete Baukastenprinzip der Tribünen ermöglichte zudem eine einfache, werkzeugfreie Montage und den Transport (zwei Packstücke) zwischen den Proben- und Spielstätten mit nur einem Trailer. Die Bühne selbst fand Platz in einem 7,5-Tonner. Der gesamte Aufbau vor Ort konnte von 10 bis 15 Mitarbeitern in nur zwei Tagen bewältigt werden.

Blick von oben auf die Bühne und den Traversenrahmen beim Musiktheater Wir aus Glas
Der Blick von oben zeigt den umlaufenden Traversenrahmen mit dem Schienensystem (Gerriets King) für den beweglichen Vorhang (Bild: P.Roth-Lipkow)

Ein Besuch der Vorstellung zeigte die rundum gelungene Umsetzung der Ideen und thematischen Vorgaben: Während Musik und Dialoge den Zuschauer jederzeit in vollem Umfang von weit auseinander gezogenen Ereignissen erreichten, wurde der Blick dagegen einer gezielten Lenkung und Fokussierung unterzogen. Somit ergab sich die gewünschte Verschränktheit von akustischer und visueller Wahrnehmung. Man betrachtete die Akteure und die gegenübersitzenden Zuschauer, von denen man wiederum selbst beim Betrachten beobachtet werden konnte.

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