Produkt: d&b D20 im Test
d&b D20 im Test
Mit der D20 erweitert d&b Audiotechnik sein Portfolio. Von außen ist die D20 sozusagen eine D80, allerdings mit weniger Leistung und etwas budgetfreundlicher.
Sounddesign

Sounddesign der Freilichtspiele Schwäbisch Hall: Drei Monate Outdoor-Theater auf der Treppe

Seit 1925 finden in Schwäbisch Hall Freilichtspiele statt. Zur Beschallung des flachen, breiten Platzes setzt Titus Härich (verantwortlich für das Sounddesign) mit seiner Yourevent-Group auf Kling & Freitag Vida-Linienstrahler mit BeamSteering – um das Bühnenbild nicht zu stören. Eine weitere Herausforderung für die gesamte Bühnentechnik stellte der dreimonatige Outdoor-Einsatz dar

Sounddesign bei den Freilichtspielen Schwäbisch Hall(Bild: Nicolay Ketterer)

Zum Erfolg gäbe es keinen Lift, man müsse die Treppe benutzen – jene Weisheit des Schweizer Schriftstellers und Verlegers Emil Oesch gilt im Baden-Württembergischen Schwäbisch Hall wörtlich: Seit 1925 findet auf den 54 Stufen der Freitreppe der Stadtkirche St. Michael –„Große Treppe“ genannt – eines der ältesten Freilichtspiele Deutschlands statt. Der Ort lässt Gemeinde wie Bewohner solvent erscheinen – große, gepflegte Bauten säumen die Straßen, behutsam renoviertes Fachwerk bildet ein ideales Touristen-Panorama auf dem Marktplatz, dazu blitzsaubere Wege. Die gleichnamige Bausparkasse ist ein großer Sponsor der Freilichtspiele. Die Saison läuft Mitte Mai bis August, mit unterschiedlichen Stücken – dieses Jahr etwa dem Musical „Saturday Night Fever“, dem Schauspiel „Wilhelm Tell“ oder der aktuellen Musical-Produktion „In der Bar zum Krokodil“ – einer Lieder-Revue, die in den 1920er und 30er Jahren angesiedelt ist. Anfang 2019 wird zudem der Neubau des Globe-Theaters eingeweiht. Am Vortag war die Premiere, mit Live-Band aus sieben Musikern sowie acht Gesangsstimmen auf der Bühne. „Wir spielen teilweise Stücke im Wechsel, meist in Blöcken“, erklärt Titus Härich, der mit seiner Yourevent-Group aus Marl (am nördlichen Rand des Ruhrgebiets) Tontechnik und Beschallungskonzept der Treppe übernimmt. „Zu Spitzenzeiten waren wir zu sechst vor Ort, normalerweise sind wir im Showbetrieb zu zweit.“ Härich, selbst Meister für Veranstaltungstechnik, übernimmt FoH und Sounddesign, sein Kollege kümmert sich um Bühne und Monitoring. Neben der „Großen Treppe“ existieren zusätzliche Spielstätten in der Stadt. Insgesamt sind über 300 Leute bei den Freilichtspielen beschäftigt, so Härich.

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Titus Härich am FOH mit Yamaha QL5
Titus Härich am FOH mit Yamaha QL5: ließ sich früher in Clubs Kniffe zeigen ließ und hält heute Workshops über Musical-Programmierung (Bild: Nicolay Ketterer)

„Bei saisonbedingten Freilichttheatern besteht oft die Problematik wechselnder Dienstleister. Früher hatte ein Tontechniker in einer Saison einen Ansatz, im nächsten Jahr favorisierte ein anderer genau das Gegenteil.“ Dadurch sei technisch keine sinnvolle Konstanz möglich, erklärt Härich. Er übernimmt mit seiner Firma die Beschallung seit 2015. „Beschallungsanlagen wurden schon Ende der 1980er Jahre eingesetzt, allerdings eher für Zuspieler.“ Als er anfing, sei das Setup aus verschiedenen Gegebenheiten zusammengewürfelt gewesen. „Es ist über die Jahre gewachsen, aber man ist teilweise nicht mit der Zeit gegangen. Das Publikum hat mittlerweile sehr hohe Ansprüche an Musicals aufgrund der eigenen Hörgewohnheiten. Selbst bei Handykopfhörern gibt es Gehörganganpassung. Die Leute erwarten CD-Sound – zurecht!“

Er hat den Schritt zur Digitaltechnik vollzogen, ein Dante-System eingeführt. „Vorher war alles analog, mit teilweise sehr individueller Verkabelung.“ Eine weitere Hürde stellt die Beschallung dar: „Letztes Jahr waren die Lautsprecher oben neben der Kirche links und rechts aufgestellt. Das war damals ein Politikum, weil kein Equipment auf den Treppenstufen – der Bühne selbst – stehen sollte und gleichzeitig eine Stereoabdeckung gewünscht war. Das Ergebnis kam unten bei den Zuschauern leider mit deutlichen Laufzeiten an.“ Dieses Jahr setzt er erstmals Kling & Freitag Vida-Linienstrahler mit Beam-Steering ein, die er im Seitenbereich auf der Treppe platzieren konnte. „Wir können aufgrund der Sichtverbindungslinien nicht weiter in die Mitte rücken, was ich gerne würde. Bei dem aktuellen System habe ich ein Vida-L-Element, das passive Vida-C-Bassreflex-System und ein kardioides Modul Nomos XLC-Subwoofer pro Seite.“ Der Bereich vor der Treppe umfasst rund 1.500 Sitzplätze. Am Premierenwochenende sind 1.000 Sitze aufgebaut, rechts bleibt eine Teilfläche frei. „Der Platz ist eher breit als tief, die Stühle werden weit rausgezogen. Nach einem Vergleich mit einem L-Acoustics Kara als konventionellem Line-Array gefiel mir die Schallabdeckung durch das Vida-System besser. Mit den Vidas kommen wir recht weich an die Seiten raus, und erreichen die Plätze am Rand noch sehr gut – für das Einsatzgebiet wunderbar. Dazu gefällt mir die Musikalität: Ältere Beam-Steering-Systeme waren für Sprachverständlichkeit einwandfrei, die Musikalität war allerdings noch nicht auf dem gleichen Niveau.“

Kling & Freitag Vida L/C-Linienstrahler mit Beam-Steering plus kardioider Subwoofer Nomos XLC für den breit und flach ausfallenden Zuschauerbereich vor einer reflektierenden Häuserwand
Statisch berechnet Linienstrahler und Subwoofer sind verschraubt und stehen auf einer gemeinsamen Bodenplatte, zusätzlich mit einem Spanngurt gesichert

Er erwähnt die großen Reflexionsflächen durch das gegenüberliegende Rathaus und weitere Gebäude, sowie die Rückseite der Treppe. „Ich selbst war hin und weg, wie gut das mit Beam-Steering gelöst werden konnte.“ Dazu gefällt ihm die Möglichkeit, das Lautsprechersystem nahezu in Echtzeit steuern zu können. „Über das Steuerprotokoll, das über die Dante-Leitungen läuft, kann ich den Beam einstellen.“ Sie verwenden auf dem Platz die normale statt der Superniere, weil das Ergebnis akustisch besser für sie funktioniert, auch mit den Reflexionen. Er führt die Anlage vor, spielt ein orientalisches Stück. Der Bass ist präsent, „schiebt“ aber nicht künstlich wie bei manchem Subwoofer. „Das Instrument muss natürlich klingen. Die Töne laufen gleichmäßig durch, keine Bassnote fällt stark heraus. Mir hat ein Gast mal gesagt, dass die Beschallung so schön klinge wie auf seiner Hi-Fi-Anlage. Das sehe ich auch so! Du kannst entspannt zuhören, dich nervt nichts.“ Auf der Summe setzt er lediglich eine leichte Höhenanhebung ein.

Wetter auf der Treppe

Auf der Treppe sind vier kleine Bühnenflächen installiert. „Die Bühnenelemente sollen den Industrielook der 1920erund 30er-Jahre verdeutlichen. Auf der Treppe selbst wird getanzt, die Frauen agieren auch mit High Heels, das ist wirklich irre!“, erklärt Härich. „Die Schauspieler kennen die Bühne sozusagen ‚blind‘. Seit ich hier arbeite, ist zum Glück noch nichts ernsthaft passiert. Dieses Jahr hat sich eine Schauspielerin den Fuß umgeknickt und gebrochen – das passierte allerdings auf dem Heimweg.“ Es handelt sich durchweg um professionelle Darsteller, Doppelbesetzung gibt es allerdings keine. „Das ist ein Luxus, den sich ein großes Haus leisten kann.“

"Große Treppe" in Schwäbisch Hall
„Große Treppe“ in Schwäbisch Hall: „In der Bar zum Krokodil“ ist als Lieder-Revue in den 1920er und 30er Jahren angesiedel, die Bühnenelemente sollen den Industrie-Look verdeutlichen (Bild: Nicolay Ketterer)

Sie hatten bereits im Vorjahr auf dem Platz mit Hitze zu kämpfen, erinnert er sich. „Mein Hauptpult stand unter einem Sonnenschirm und hat seltsame Effekte produziert, ebenso der Plugin-Rechner. Nach einem Neustart ging alles wieder.“ Geräte bekäme man immer ersetzt, im Gegensatz zum Personal, gibt er zu bedenken. „Besonders bei geistiger Arbeit musst du in der Hitze auf deine Leute und dich aufpassen! Das wird oft unterschätzt.“ Sonst produziere man Fehler. Die Freilichtspiele seien „abgehärtet“, erklärt er. „Wir spielen auch, wenn es regnet. Das kann richtiger Starkregen sein! Die Zuschauer können Regencapes kaufen und bleiben recht lange. Die Darsteller spielen auch gerne trotz Regen. Es wird nur gefährlich bei Gewitter – dann wird der Platz geräumt und die Leute können sich in den umliegenden Gebäuden unterstellen.“

Die Subwoofer seien für den Outdoor-Einsatz konzipiert, die Membranen imprägniert. Die Speakon-Anschlüsse wurden mit Stopfen abgedichtet, damit kein Wasser eindringen kann. Die aktiven Linienstrahler müssten hingegen entsprechend geschützt werden. „Wenn ich die Lautsprecher mit einem Kasten oder einer Überdachung zubaue, büße ich klanglich eine Menge ein.“ Er entschied sich für eine Stoffabdeckung, ließ zusammen mit der Schleswig-Holsteiner Firma Expand Cover passgenaue Hüllen entwerfen. „Dazu habe ich lange nach Stoff gesucht, der akustisch möglichst transparent, sowie hitzedurchlässig und wasserdicht ist. Das Material stammt aus der Automobilindustrie und hat sich für Cabrios bewährt.“ Härich ließ die Abdeckung im Labor bei Kling & Freitag messen, um die akustischen Eigenschaften zu überprüfen. „Im Hochtonbereich findet ein leichter Abfall statt, aber der ist für mich vernachlässigbar.“ Die Wasserdichte? Er schüttet zur Demonstration kurzerhand einen Eimer Wasser über dem abgedeckten Lautsprecher aus. Das Wasser perlt ab, einzelne Lachen bleiben auf der Oberseite stehen. An seitlichen Verläufen hat er Abschrägungen einbauen lassen, damit in Übergängen kein Wasser stehenbleibt. Das gesamte Ton- und Licht-Setup bleibt drei Monate stehen, lediglich einzelne Elemente wie die Nearfills bauen sie täglich auf und ab. „Die Hitze bereitete mir bei den Hüllen Kopfzerbrechen: Die schwarzen Lautsprecher stehen die ganze Zeit in der Sonne, als aktives System sind sie auf gute Belüftung angewiesen. Aber sie sind den ganzen Tag an und laufen durch – durch die Hüllen sind keine Probleme entstanden.“

Custom-Abdeckung für die Linienstrahler
Custom-Abdeckung Härich ließ von Expand Covers eine Stoffabdeckung für die Linienstrahler fertigen, um das System auch bei Starkregen sicher einsetzen zu können – sie soll wasserdicht, hitzedurchlässig und akustisch weitgehend transparent sein (Bild: Nicolay Ketterer)

„Als Nearfills waren ursprünglich Kling & Freitag Gravis 12″-Lautsprecher mit einem Widespread von 110° geplant. Ein zentraler Aufbau wurde allerdings abgelehnt, da die Box optisch zu stark im Bühnenbild auffiel. Stattdessen verwenden wir drei Kling & Freitag CA106, die sich bereits im Bestand der Freilichtspiele befanden. Die Lautsprecher waren noch auf 100-Volt-ELA-Technik aufgebaut, daher haben wir die Transformatoren entfernt. Wir haben sie auch mit einem neuen Frontgitter ‚aufgehübscht‘ und die Gehäusefarbe an die Treppe angepasst.“ Sie sind deutlich über Ohrhöhe positioniert auf den Stufen. „Wir kommen damit grob bis in die fünfte Reihe, aber weiter brauchen wir auch nicht zu schießen.“

Nearfills auf der Großen Treppe
Drei Nearfills Kling & Freitag CA106 die sich im Bestand der Freilichtspiele befanden, „wir haben die Gehäusefarbe an die Treppe angepasst“ (Bild: Nicolay Ketterer)

Weihnachtsmarkt-Hütte als FOH

Der FOH ist dieses Jahr in einer kleinen Holzhütte vom Weihnachtsmarkt der Stadt untergebracht – die Optik stand für die Organisatoren im Vordergrund. Titus Härich schließt den FOH-Stand auf, innen melden sich beim Sprechen die typischen Erstreflexionen eines kleinen Raums. Er öffnet die beiden Fensterläden. „Du hast ein kleines Guckloch und siehst, was auf der Bühne passiert.“ Härich hat als Monitore Neumann K120A installiert. „Auf dem Platz klingt es natürlich anders, aber ich habe eine relativ gute Orientierung, was Kompression und Referenzpunkte angeht.“ Als FOH-Pult dient ein Yamaha QL5. „Alle Signale der Band gehen aus dem DanteNetzwerk direkt in einen Plugin-PC, auf dem Waves Multirack läuft, sowie Smaart EQ. „Einzelne Signale kommen teilweise vom Pult ins Multirack zurück, für Summenkomprimierung, EQ und Hall.“

Weihnachtsmarkthütte als Zuhause für das FOH
FOH-Hütte vor dem Rathaus gegenüber der Treppe sie entstammt dem städtischen Weihnachtsmarkt (Bild: Nicolay Ketterer)

Zudem nutzt er Cubase auf einem Macbook Pro, macht Mitschnitte, kann sich Material zurückspielen. „Ich möchte dem Schlagzeuger nicht zumuten müssen, 30.000 Mal die Bassdrum in derselben Lautstärke zu treten, oder einem Sänger, den Übergang viermal für meine Programmierung singen zu lassen. Ich muss auch priorisieren: Wenn die Violine noch nicht optimal klingt, spiele ich sie später zurück. Damit kann ich relativ gut arbeiten.“

Das Dante-System? „Wir haben ein Primary- und Secondary-Netzwerk sowie eine Kabelredundanz. Zusätzlich sind analoge Inputs geschaltet: Falls bei der DanteLeitung Probleme aufkommen sollten, wird automatisch umgeschaltet. Die Reserve haben wir zum Glück noch nicht gebraucht.“ Sie haben mehrere Sommer Multicore-Kabel verlegt, „über das zwei Mal CAT7, dazu zwei analoge Strippen und Strom läuft.“ Dazu kommen separate Subwoofer-Kabel. Ein Vorteil des Setups: „Jede Box hat einen eigenen RCD [Fehlerstrom-Schutzeinrichtung, d. Red.]. Im Fehlerfall fällt nur eine Box aus. Das schöne: Wenn du eine Box verlierst, macht die andere automatisch ihren Spread auf und deckt den Bereich mit ab. Du kannst zwar nicht mehr Vollgas fahren, aber die Show geht weiter. Wenn bei einem konventionellen Line-Array ein Element oder Verstärkerkanal ausfällt, ist die Show gegessen.“

Die Software Wavetool begeistert ihn zur Fehlerkontrolle der Mikrofonsignale: „Das Programm analysiert das Audiomaterial und zeigt Warnmeldungen an.“ Neben dem Mischpult hängt ein iPad, auf dem ein Client für Wavetool läuft. Dort sind die Mikrofonsignale im Dante-System mit Pegelausschlägen sichtbar. „Du siehst beispielsweise, ob Knackser stattfinden. Das wird automatisch analysiert und eine Warnmeldung angezeigt. Du kannst in die Signale reinhören. In der Garderobe bei der Kirche steht das Wavetool-Master-Macbook, an dem ein Kollege mit In-Ears die Signale kontrolliert. Wenn etwas knackt, wechselt er die Mikros, und ich bekomme am FoH lediglich eine Meldung über den eingebauten Chat.“

Wavetool Display
Wavetool zur Status-Kommunikation zwischen den Kollegen, Mikrofonsignale lassen sich vorhören, Fehler werden angezeigt (Bild: Nicolay Ketterer)

Als Audiozuspieler verwendet er einen Windows-Rechner mit SCS-Software. „Über MIDI triggern wir einzelne Zuspieler ein. Am Anfang läuft eine Bahnhofsatmosphäre, mit vielen DampflokSounds und Pferdekutschen, die auf die Lautsprecher verteilt sind – 78 Einzel-Events, die getriggert werden. Parallel läuft eine Zeitspur, die den Darstellern mitteilt, dass die Atmo startet, und das in einer Minute der erste Auftritt ist.“ MIDI läuft ebenfalls über WLan, über einen Bomebox-MIDI-Router. „Wir haben mehrere W-Lan-Netze, die alle miteinander verbunden sind – ein Stage-Router am FOH und am Bühnenarbeitsplatz. Über die BomeBox triggere ich auch einzelne Lichtstimmungen im Rathaus oder Nebel auf der Bühne. Wir verwenden 5- und 2,4-GHzAntennen. Über 2,4 läuft nur die BomeBox. Der Marktplatz ist ohnehin ‚voll‘ mit 2,4 GHz – in der Stadt existiert ein freies W-Lan, was richtig stark ist, auch Kassensysteme laufen auf der Frequenz.

Sounddesign : Zuschauerempfindungen

„Bei dem aktuellen Stück fällt meine Programmierung im Pult mit 97 Szenen überschaubar aus. Bei komplexeren Stücken komme ich schnell auf 250. Die Programmierung ist sehr genau, auch mit Fade-Zeiten. Mir ist gute Reproduzierbarkeit wichtig – dass der Mix kein Zufallsergebnis ist – und grundlegende Ausfallsicherheit. Jemand könnte anhand der Notation ohne Ahnung von Technik die Show im Notfall sicher durchkriegen. Natürlich wird nicht jede Feinheit perfekt sein, aber es würde laufen. Manche Mischer verstehen sich als Künstler, ich sehe mich eher als Dienstleister – ein Umwandler, der dafür sorgt, dass die Sprache gut zu verstehen ist, und die Stimmung des Stücks gut transportiert wird. Hier schaue ich, dass das Stück zwar einen Vintage-Charakter transportiert, aber gleichzeitig modern klingt: Ich verwende am Schlagzeug nur zwei Mikrofone – eines vor der Bassdrum und ein Mono-Overhead – arbeite aber trotzdem mit deutlicher Komprimierung.“ Er wolle den Charakter früher Aufnahmen vermitteln, wo Instrumente entsprechend im Raum verteilt waren. „Den Ansatz habe ich dem Regisseur vorgeschlagen: Das lauteste Instrument – Schlagzeug – sollte akustisch am weitesten weg wirken. Das Schlagzeug befindet sich im Mix relativ weit hinten, mit viel Effekt-Raumanteil, während der Gesang fast trocken erscheint. Dadurch entsteht der Eindruck eines räumlich gestaffelten Mixes. Ich bin klarer Verfechter einer Mono-Mischung. Stereo funktioniert lediglich kurzzeitig als Effekt: In einem Übergang beginnt im Stück thematisch die Nazi-Zeit. Wir haben zusätzlich zwei JBL-Lautsprecher MS112 im Rathaus gegenüber der Treppe, eine KME VL210D in einem naheliegenden Gebäude, sowie eine JBL MS112 im Torbogen der Kirche positioniert, die sich im Bestand der Freilichtspiele befanden und als Bezugspunkte genutzt werden. Bei einer A-CappellaNummer auf der normalen Anlage gehen die Gesänge in sehr starken Hall über, und aus dem Rathaus erklingt ein Präludium, das von den Nazis in der Wochenschau benutzt wurde. Das tönt über den gesamten Marktplatz. Anschließend kommt die Band in sphärischen Hallräumen, die teilweise immer größer werden. Im Mix herrscht grobe Links-Rechts-Anordnung, das Schlagzeug kommt nur aus dem Torbogen. Alles wird in eine absurde Klangwelt getaucht.“

Marktplatz mit Bestuhlung
Marktplatz mit Bestuhlung für die Freilichtspiele Schwäbisch Hall (Bild: Nicolay Ketterer)

»Mir sind Reproduzierbarkeit und Ausfallsicherheit wichtig, deshalb programmiere ich viele Szenen. So könnte jemand anhand der Notation ohne Ahnung von Technik die Show im Notfall durchkriegen.«

Titus Härich | Sounddesign und FOH


Titus Härich wirkt begeisterungsfähig, an Musicals schätzt er besonders die inhaltliche Vielseitigkeit und die Erzählung einer Geschichte. Er setzt im Mix auf ausgeprägte Dynamik, erzählt er: „Ein gutes Beispiel ist ‚Jesus Christ Superstar‘: Ein Stück mit einer Geschichte, die jeder kennt. Das muss dich ergreifen und mitnehmen. An einer Stelle begreift Judas, was er getan hat – dass er Jesus verraten hat – und bringt sich um. Die Stelle kann nicht so dahinfließen, sondern muss sich bis zur Unerträglichkeit steigern, sodass es fast akustisch wehtut, um die Tragweite zu vermitteln. Das ist für mich sehr wichtig – zu schauen, was der musikalische Leiter und der Regisseur wollen, und wie ich das hinbekomme.“ Es gebe nur wenige Musical-Sounddesigner, die modern mischen und Reproduzierbarkeit gewährleisten. Gerade finde ein Generationswechsel in der Theaterwelt statt. „Dazu sollte auch der Technologiesprung stattfinden. Ich bin sehr froh, dass die Freilichtspiele das Vertrauen aufgebracht haben.“

Ein Missverständnis laut Härich: „Das Publikum hört den Inhalt zum ersten Mal. Als Sounddesigner und Mischer hat man den Text vor sich, hat das Stück 30 Mal gehört und weiß, was passiert. Da kann es passieren, dass man die Sprache zu leise mischt. Gerade im Musical ist es weniger wichtig, ob jede Nuance der Band rüberkommt, aber wenn Sprache nicht mehr verstanden wird, ist das dramatisch.“ Interessant sei auch das Phänomen fremdsprachlicher Musicals: „Psychologisch nehmen Menschen ihre Muttersprache um rund drei Dezibel lauter wahr als eine Fremdsprache, auch wenn sie diese perfekt beherrschen. Bei einem englischen Musical in Deutschland mische ich die Sprache daher drei Dezibel lauter.“


»Psychologisch nehmen Menschen ihre Muttersprache rund 3 dB lauter wahr. Bei einem englischen Musical im deutschsprachigen Raum mische ich Sprache daher lauter.«

Titus Härich | Sounddesign und FOH


Wenn viele Mikrofone offen sind, verwendet er gerne den im Pult integrierten Dugan-Automixer. „Dort habe ich eine einstellbare Prioritätshierarchie: Bei einer Talkshow zum Beispiel hätte der Moderator eine stärkere Gewichtung, sobald er spricht. Der Algorithmus hilft mir, die Sprachverständlichkeit zu erhöhen, wenn Schauspieler eng beieinanderstehen. Bei nur zwei Akteuren mit großem Abstand nutze ich es weniger, weil man den Algorithmus arbeiten hört. Was beim Sounddesign wichtig ist: Du hilfst, eine Geschichte zu erzählen. Das kommt teilweise von der Regie, aber du musst gewichten, welcher Inhalt gerade Priorität hat. Da sind wir wieder beim ersten Höreindruck: Ich setze viele Elemente plakativ ein, gerade Hallräume. Beim zweiten, dritten Mal hören denke ich, vielleicht übertreibe ich, aber das ist gerade bei Szenenwechseln wichtig.“ Er kommt auf das erwähnte „Jesus Christ Superstar“ zurück, das er früher gemischt hat: „Eine Szene spielt im Palast. Draußen demonstriert das Volk. Das schaltet akustisch recht schnell hin und her. Da nutzt es mir nichts, wenn der Raumhall alles einbettet, aber als solcher nicht wahrgenommen wird. In einem Palast hat jeder eine Vorstellung vom Klangbild. Dann nutze ich viel Hall, um dem Zuschauer zu zeigen, wo wir gerade sind. Wenn’s mir zu viel scheint – immer noch mal nachfühlen: Was hört der Zuhörer beim ersten Mal?“

Bühnen-Arbeitsplatz

Der Bühnen-Arbeitsplatz befindet sich oben neben der Kirche, hinter dem „Bandpodest“. Über dem Arbeitsplatz ist eine rudimentäre Belüftungskonstruktion durch ein Baurohr mit Löchern installiert, sie kann im Winkel verstellt werden. „Die Hütte müssen wir aufgrund der Optik nutzen. Sie lässt sich nicht klimatisieren, weil sie unverfugt ist. Wir überlegen, einen Container im nächsten Jahr zu verwenden, der klimatisiert ist und außen einen Holz-Look bekommt.“

Bandpodest neben der Kirche. Hinter den Fenstern wird dirigiert
Bandpodest neben der Kirche (Bild: Nicolay Ketterer)

Bei der Stromversorgung verwendet man einen Drei-Säulen-Trockentransformator, der alle Stromanschlüsse phasengleich versorgt. „Das kommt aus dem Filmbereich, wo man früher sicherstellen wollte, dass alles gleich pulst. Dadurch entstehen keine Brummschleifen. Wir sind zwar viel digital unterwegs, haben aber natürlich noch analoge Komponenten – etwa die Endstufen für die Nearfills.“ Hier ist ein weiteres Yamaha QL5 aufgebaut, für die Darstellermikrofone und In-Ear-Mixe, die die Musical-Darsteller allesamt verwenden. Die In-Ear-Sender werden über zwei Helix-Antennen versorgt: „Eine ist auf die Treppe ausgerichtet, eine Backstage. Über ein T-Stück werden beide gleichzeitig versorgt. Der Backstage-Bereich befindet sich in einer verschalten Gerüstbaukonstruktion. Sonst wären Dropouts unvermeidlich.“ Früher wurde konventionelles Monitoring auf der Bühne eingesetzt. „Dabei entstanden teilweise enorme Laufzeiten für die Darsteller, je nachdem, wo sie standen.“ Die Schauspieler hätten noch nie mit In-Ear gearbeitet, fühlten sich damit aber wohl, meint er. Manchen markieren sie die Lautstärkeeinstellung, damit gleichbleibende Einstellungen gewährleistet sind. „Egal, ob bei uns die Hütte brennt und wir den Fehler nicht kennen: Ich sage meinen Leuten, wir sollen nach außen Ruhe ausstrahlen und den Schauspielern das Gefühl vermitteln, dass wir die Situation im Griff haben.“ Sonst würden sie in ihrer Performance verunsichert. Verwendet werden je zwei Lavalier-Mikrofone AKG LC82 für die Darsteller, als A/B-Mikrofonierung. „Bei Problemen schalte ich um.“ Er freut sich, dass er Windschütze verwenden kann. „Manche Freilichttheater verzichten erstaunlicherweise darauf. Optisch ist das natürlich schön, aber bei dem kleinsten Lüftchen entstehen Windgeräusche.“

Das Schlagzeug befindet sich auf dem Bandpodest in einer abgetrennten „Schallkabine“ mit Absorbern, „ohne den Raum tot zu machen.“ Die Signale – Schlagzeug, Kontrabass, Akustikgitarre/Banjo, Klarinette/Saxofon/Flöte, Stage-Piano, Posaune und Violine – laufen über ein Midas M32R. „Das Pult hat eine Dante-Karte und übermittelt alle Bandsignale ins Dante-Netzwerk, parallel werden die Signale auf die Monitor-Mixer der Musiker geschickt.“ Für Bassdrum und Bläsersektion nutzt er je ein Großmembran-Kondensatormikrofon von Aston Origin. Die Bassdrum mikrofoniert er mit rund 30 cm Abstand, „sodass ich keinen Wind mehr bekomme, nur noch Ton.“ Die Kombination mit Mono-Overhead – einem Aston Starlight – funktioniere gut für die Stilistik.

Die Abnahme der Blasinstrumente über ein „Gesamtmikrofon“? „Viele nehmen die Klarinette fälschlicherweise von unten ab – nur wenn alle Klappen geschlossen sind, entsteht dort Klang, ansonsten kommen viele Anteile über die Klappen.“ Querflöte und Saxofon werden fürs Monitoring separat über Shure Beta 98S abgenommen. Die Violine hat er mit einem dpa d:vote 4061 samt Kugelkapsel abgenommen, „um den Gesamtklang besser einzufangen. Beim Kontrabass nutzen wir ein Beta 98S mit einer „getunten“ dpa-Klemme mit Kabelbindern. Direkt geclipt hat die Klemme Schwingungsgeräusche produziert.“ Ein Highlight für ihn: „An der Akustikgitarre verwenden wir als DI-Box eine Rupert Neve Designs RNDI, die runden Sound liefert, ohne dass ich viel im Pult machen muss.“

Musiker-Monitoring: Akkus statt Batterien

Statt „Marken-Voodoo“ schätzt er tatsächlichen Nutzen, erklärt Härich. „Das Midas-Pult am oberen Arbeitsplatz ist für meine Anwendung perfekt, aber es befinden sich beispielsweise auch Behringer Powerplay P16M Personal Mixer im Setup, die einwandfrei funktionieren. Die Musiker können ihren Mix selbst einstellen, Höhen und Bässe justieren.“ Die Band sei mit dem System sehr zufrieden. „Wir hatten letztes Jahr die Verteiler zur P16-Signalversorgung draußen aufgebaut, die sind bei der Hitze immer mal wieder ausgestiegen. Jetzt sind die Verteiler und die Midas-Stagebox im belüfteten Schlagzeuger-Raum untergebracht.“ Zur Kommunikation zwischen FOH, Cast sowie innerhalb der Band dient eine Talkback-Leitung. „Sowohl beim Schlagzeug als auch beim musikalischen Leiter verwende ich ein Optogate PB05 an den Mikrofonen. Die reagieren auf Distanz. Ein klassisches Gate würde zu sehr auf übersprechende ‚Störpegel‘ reagieren.“


»Der Länge nach hätten wir letztes Jahr für eine Produktion 104 Meter Batterien verbraucht!«

Titus Härich | setzt auf Akku-Technik


„Was mir persönlich am Herzen liegt: Wir nutzen nur Akkus, von Fisher Amps. Batterien finde ich ökologisch eine Katastrophe. Die sind immer noch halb voll, und werden weggeworfen! Letztes Jahr wäre allein bei dem Musical ‚Maria, ihm schmeckt’s nicht‘ ein 104 Meter hoher ‚Batterie-Turm‘ entstanden, hätten wir die AA-Batterien der Länge nach gestapelt!“ Dieses Jahr verwenden sie zusätzliche In-Ears und Sender. „Neben Umweltschutz auch ein finanzieller Aspekt – die Akkus haben sich sehr schnell amortisiert, und laufen fehlerfrei.“ Dem Gerücht, Batterien hielten besser, ging er auf den Grund: „Wir haben Vergleichstests gemacht, und die Batterien gingen schneller in die Knie. Jeder Akku läuft definitiv eine Show durch.“

Auch beim eigenen Personal setzt er auf Nachhaltigkeit: „Gerade in unserem Business verkaufen sich viele unter Wert und beuten sich selbst aus, mit dem Argument, dass das Thema Musik Spaß macht. Davon kann ich meine Miete nicht zahlen, und das schafft auch keine Zuverlässigkeit: Wenn ich jemandem 100 Euro für einen Live-Mix biete, und der sagt kurzfristig ab, weil ihm ein Job für 500 Euro angeboten wurde, habe ich niemanden. Mit Vertrag würde er sich im Zweifel krankmelden. Ich bin der Meinung – und das ziehe ich auch durch – dass Personal gut bezahlt werden muss.“

Aufführung

Die Lüfter zur Klimaregulierung am FOH hat Härich bei der Aufführung in diesem Super-Sommer ausgeschaltet, sonst würde er bei leisen Stellen nicht mehr viel hören. Die Temperatur steigt im Weihnachtsmarkt-Häuschen abends auf 28 Grad. Während der Veranstaltung sind die Kirchenglocken, der umliegende Marktbrunnen und herkömmliches Architekturlicht auf dem Marktplatz ausgeschaltet. Das Stück beginnt zunächst noch bei Tageslicht. Die Schauspieler tanzen wie angekündigt scheinbar unbedarft über die Treppenstufen, gelegentlich gemeinsam auf den Bühnenelementen. Das Musical wird in angenehm zurückhaltender Gesamtlautstärke transportiert, Härich gewährleistet gute Sprachverständlichkeit, die Anlage klingt im besten Sinne unauffällig. Die Musik der Band erscheint aus einem Guss, ähnlich wie ein gut vorproduziertes Playback. In einem A-Capella-Teil verzichtet er auf Kompression, wie er später erzählt, „weil zu viel Direktschallanteile hörbar sind und Pumpeffekte wahrnehmbar wären.“ In einer Szene, die in einem Opernhaus spielt, verwendet er deutlichen Gesangshall. Stichwort unerwartete Effekte: Für einen Pistolenschuss auf der Bühne wird in einer Ecke oberhalb der Treppe eine Schreckschusspistole abgefeuert. Dadurch entsteht ein unerwarteter wie lauter 3D-Effekt. Am Ende steht ein klanglich angenehm umgesetztes Erlebnis.

Was bleibt? Den Kontakt zum Publikum, sicherzustellen, damit sie das Stück mitbekommen, sei das wichtigste. „Gestern nach der Premiere kamen Leute aus dem Publikum zu mir und haben sich für den tollen Sound bedankt. Wenn mir jemand sagt, er hat alles verstanden, oder der Klang war schön und er konnte alles raushören, ist das für mich die größte Ehre!


Technik für das Sounddesign

FOH/System-Engineer: Titus Härich
1 × Yamaha QL5
2 × Neumann KH120A Abhör-Monitore
1 × Waves Multirack mit Waves-Plugins
1 × Macbook Pro mit Cubase
1 × Wavetool (iPad)
1 × Show Cue System (SCS; Windows)
1 × Smaart-Messsystem
2 × Cisco SG300-28
2 × Cisco SG350-10
1 × Nowsonic-Stagerouter plus Antennen
17 × AKG DMS800

Arbeitsplatz Bühne/Musikerzelt:
1 × Yamaha QL5
1 × Midas M32R
1 × Midas DL32
2 × Behringer P16D
9 × Behringer P16M
1 × DGLink HWC220
1 × Nowsonic-Stagerouter plus Antennen
4 × Shure PSM1000/T
14 × Shure PSM1000/R mit Shure SE215
2 × Shure PA421
2 × Shure HA8089 Helix-Antenne

Mikrofone/DI:
2 × Aston Origin
1 × Aston Starlight
3 × Shure Beta 98S
18 × AKG LC82
2 × AKG D7 Funkmikrofon
1 × DPA 4061
1 × Rupert Neve Designs RNDI DI-Box
1 × Palmer PAN04 DI-Box

PA/Nearfills:
4 × Kling & Freitag Vida L mit Vida C
2 × Kling & Freitag Nomos XLC
3 × Kling & Freitag CA106
2 × Kling & Freitag Systemendstufen FP1000Q mit CD44
2 × Nova XPS3000

Zusatzbeschallung Rathaus/Kirche/Gebäude:
3 × JBL MS112
1 × KME VL210D


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