Neues Sprachalarmierungssystem für das Oktoberfest

Sprachalarmierung: Linienstrahler auf der Wiesn

Die Sicherheit von Großveranstaltungen steht in vielerlei Hinsicht im Fokus der Planungen – auch bezüglich der Sprachalarmierung. Selbst bei hohem Geräusch- (um nicht zu sagen Lärm-)pegel muss gewährleistet sein, dass die Besucher jederzeit die Durchsagen hören und den gegebenen Anweisungen Folge leisten können. Auch das Oktoberfest (2017 mit über 6 Millionen Besuchern) bildet hier keine Ausnahme. Erstmalig kam ein neu geplantes und installiertes Sprachalarmierungssystem zum Einsatz: Mehrfach redundant, flexibel und an vorhandenen Masten montierbar.

Sprachalarmierung - neues System auf dem Oktoberfest 2017
Einsatzgebiete die Beschallungsanlage sollte sowohl für normale Ablaufsteuerungen als auch für Warn-, Entwarn- und Räumungsansagen eingesetzt werden (Bild: Nico Schwarz)

Ein neues Sprachalarmierungssystem sollte als flexibles und mehrfach redundantes Räumungs- und Durchsagesystem auf dem gesamten Festgelände eine optimale Beschallung der Massen gewährleisten. Das Baureferat der Landeshauptstadt München gab es im Rahmen eines erweiterten Sicherheitskonzepts in Auftrag. Mit der Planung des Systems (und der anschließenden Bauleitung) war Dipl.-Ing. Thomas zur Lage von LWPI beauftragt. Auch wenn LWPI ein noch vergleichsweise junges Planungsbüro ist, so verfügt Thomas zur Lage über jahrzehntelange Erfahrung als Fachplaner für Tonund Medientechnik und war somit der richtige Ansprechpartner, um das Projekt in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit zu planen. Der Auftrag zur technischen Umsetzung und zur anschließenden Betreuung der Systeme während der Wiesn ging nach einer europaweiten Ausschreibung schließlich an die Firma Wilhelm & Willhalm event technology (WWVT) aus Aschheim bei München – ebenfalls ein Unternehmen mit umfangreicher Erfahrung und Kompetenz.

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Dritter Partner im Bunde war schließlich die Firma Fohhn Audio AG aus dem schwäbischen Nürtingen, deren Lautsprecher die gestellten Anforderungen erfüllten (und die auch bei der TÜV-Abnahme keinerlei Schwachstellen aufwiesen).

Linienstrahler für kritische Zonen

Über das gesamte Gelände verteilt kamen 115 Linea LC-220 Lautsprecher zum Einsatz – schlanke Linienstrahler in einem wetterfesten Aluminiumgehäuse. In den Hauptwegen wurden außerdem insgesamt 16 Focus-Modular-Zeilen von Fohhn, bestehend aus jeweils einem Tief- und Mitteltonmodul FM-400 und einem Hochtonmodul FM-110, installiert. Schalldurchlässige Regenhüllen sorgten für entsprechenden Schutz. Beide Systeme verfügen über Beam Steering Technologie, so dass eine effiziente Beschallung der kritischen Bereiche auch bei hohem Störschall gewährleistet ist. Installiert wurde somit ein weltweit einzigartiges Gesamtsystem, das nicht nur äußerst flexibel ist, sondern natürlich auch vielfach redundant ausgelegt, wobei es keine geringe Herausforderung war, diese Redundanz und Flexibilität über die unterschiedlichsten Zonen hinweg zu gewährleisten.

Außerdem sollten die Lautsprecher über ein vergleichsweise geringes Gewicht verfügen, da kein Extra-Rigging o. Ä. für die Lautsprecher aufgebaut werden konnte, sondern diese vielmehr an auf dem Gelände bereits existenten Masten installiert werden mussten – inklusive der notwendigen USVs. Die Systeme sollten letztlich optisch so unauffällig wie nur irgend möglich sein, um das Gesamtbild des Oktoberfests nicht zu stören.

Linienlautsprecher dicht an die Masten angeschmiegt
Linienlautsprecher die Entscheidung für die Linienlautsprecher ergab sich aus der Idee und Notwendigkeit, die Lasten möglichst dicht an die Masten anzuschmiegen (Bild: Nico Schwarz)

Sprachalarmierung in Theorie und Praxis

Dass das neue Sprachalarmierungssystem nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis funktioniert, konnte es bei einer ersten großen Bewährungsprobe unter Beweis stellen: Während eines schweren Gewitters inklusive Blitzeinschlag in eines der Festzelte konnten alle relevanten Durchsagen zuverlässig übertragen und von den Besuchern gut verstanden werden. Niemand kam zu Schaden. So war man nach überstandener Wiesn schließlich auch bei der Stadt München und in allen beteiligten Unternehmen zufrieden, die Systeme installiert zu haben.


Interview mit Thomas zur Lage (Fachplaner LWPI) sowie Christian Pötsch (Projektleiter Wilhelm & Wilhalm) und Oli Merz (Vertrieb Fohhn Audio AG)

Herr zur Lage, als Planer waren Sie verantwortlich für die Sprachbeschallung des Oktoberfests. Was waren die besonderen Herausforderungen und Ansprüche bei diesem Projekt? Und wie kam es überhaupt dazu? Bisher kam das Oktoberfest doch immer ohne eine spezielle Sprachbeschallung aus. Was sollte das auszuschreibende System können, was waren die geplanten Einsatzgebiete?

Thomas zur Lage: Nachdem es 2016 bei mehreren öffentlichen Veranstaltungen – ich denke an den Breitscheidplatz in Berlin oder Nizza – terroristische Anschläge gegeben hatte, haben das Kreisverwaltungsreferat München als Genehmigungsbehörde und die Polizei eine Fortschreibung der Sicherheitsmaßnahmen gefordert. Die Beschallungsanlage war als explizite Anforderung formuliert; das Sicherheitskonzept mit all den verbesserten und neu entwickelten Maßnahmen musste vom Veranstalter selbst, dem Referat für Arbeit und Wirtschaft (RAW), erstellt und den Behörden zur Prüfung und Freigabe vorgelegt werden. Das RAW hat sich dann stadtintern Unterstützung beim Baureferat Hochbau, Fachbereich Elektro (H6) geholt, da H6 ja bei allen öffentlichen Bauten wie Schulen, Betriebsbauten etc. als technischer Dienstleister auftritt und unter anderem für die Betreuung von Planung und Ausführung der Evakuierungsanlagen, seien es jetzt Elektroakustische Notfallwarnsysteme nach DIN EN 60849 oder Sprachalarmierungsanlagen nach DIN VDE 0833-4, zuständig ist. Anfang Februar fand eine Planerausschreibung und die Beauftragung an uns statt. Die Eile im Projekt kann man daran erkennen, dass wir bereits wenige Stunden nach der Präsentation, gegen 20:00 Uhr am Abend, den Anruf bekamen, dass wir den Auftrag bekommen sollen und es so schnell wie möglich losgehen müsse.

Die Beschallungsanlage sollte sowohl für normale Ablaufsteuerungen als auch für Warn-, Entwarn- und Räumungsansagen eingesetzt werden. Normale Ablaufsteuerung hieß vor allem, an den Eingangsbereichen die wartenden Besucher informieren zu können: Seit 2016 gibt es auf der Wiesn ein Taschenverbot für Taschen und Rucksäcke ab drei Liter Fassungsvermögen sowie Taschenkontrollen für die zulässigen Handtaschen und Ähnliches. An den sieben größeren Zugängen ist hierfür Sicherheitspersonal vor Ort – dieses Jahr waren es mehrere hundert Mitarbeiter. Trotzdem kommt es zu bestimmten Zeiten, gerade am Wochenende, zu Wartezeiten und mit der Beschallung wurden die Wartenden an die anderen Eingänge mit kürzeren Wartezeiten gelenkt. Hinweise auf das Taschenverbot sollten deeskalierend wirken, damit niemand nach längerer Wartezeit zurückgeschickt werden muss, sondern gleich seine Tasche beim Service abgeben konnte.

Ablaufsteuerung
Ablaufsteuerung im besten Falle wird die Anlage nur für die normale Ablaufsteuerung – z. B. Durchsagen im Eingangsbereich – benötigt (Bild: Nico Schwarz)

An den Zugängen hatten die dortigen Security-Schichtleiter die Möglichkeit, über Touchpanels automatische Hinweistexte zyklisch ablaufen zu lassen – sicherlich nicht immer zur Freude der Anwohner – und auch individuelle Texte über Funkmikrofone zu sprechen.

Für übergeordnete Durchsagen wurden zwei zentrale Sprechstellen eingesetzt. Per Touchpanel kann die Wiesn dann als Ganzes oder in Abschnitten beschallt werden. Es braucht nur wenig Fantasie, um sich vorzustellen, was passiert, wenn eine Gesamträumung angeordnet wird. Daher war das Konzept, zonenweise zu räumen, von vornherein eingeplant. Jeder Lautsprecher konnte individuell einer Zone zugeordnet werden. Die endgültige Zonenaufteilung kam mit der letzten, freigegebenen Version des Sicherheitskonzepts etwa zehn Tage vor Beginn des Oktoberfests.

Für die Sicherheit der Besucher und Beschäftigten, aber auch und gerade für das Sicherheitsgefühl waren insbesondere auch Hinweise und Entwarnungsansagen konzipiert und vorbereitet. Damit beim Böllern zur Eröffnung oder zur Siegerehrung der Schützen niemand in Panik ausbricht, wurde dies vorher angekündigt. Für den Fall, dass in einem Imbissstand eine Gasflasche laut explodiert wäre oder Ähnliches, wäre auch eine entsprechende Durchsage erfolgt.


»Mit großen Line-Arrays in den Straßen oder an Kreuzungen wären die Wege sowohl für Liefer- und Behördenfahrzeuge als auch für die Besucherströme zu eng geworden.«

Thomas zur Lage | Dipl.-Ing. bei LWPI


Auch hinsichtlich der physischen Installation vor Ort waren sicherlich einige Punkte zu beachten: etwa in Sachen Hängepunkte für die Systeme, aber auch im Hinblick auf die Verkabelung. Wie wurden etwa die Themen Redundanz oder Stromversorgung gelöst?

Thomas zur Lage: Einfach wäre es natürlich gewesen, einen oder wenige Türme aufzustellen und mit Mega-Line-Arrays in alle Himmelsrichtungen zu beschallen. Die Größe des Platzes mit ca. 42 ha hätte da allerdings Probleme mit Pegeln und Laufzeiten aufgeworfen, zum anderen wäre ein derartig zentralisiertes System auch stör- und beschädigungsanfälliger gewesen. Eine zonale Beschallung hätte da auch nicht wirklich funktioniert. Dafür wären die Störpegel in der Nachbarschaft bedeutsam gewesen. Mit großen Line-Arrays in den Straßen oder an Kreuzungen wären die Wege sowohl für Liefer- und Behördenfahrzeuge als auch für die Besucherströme zu eng geworden, wenn man die notwendigen Betonfundamente bedenkt.

Theresienwiese
Theresienwiese ca. 42 ha Veranstaltungsfläche musste das neue Sprachalarmierungssystem beschallen können (Bild: Nico Schwarz)

Das sind ja insgesamt schon recht spezifische Anforderungen – was kam denn letztendlich an Material zum Einsatz? Wo genau sind die Lautsprecher zu finden? Im Freien oder auch in den Zelten?

Thomas zur Lage: Letztlich blieb für die Lautsprechermontage nur die Befestigung an den Laternen der Straßenbeleuchtung. Die waren mit ca. 35 m Abstand zueinander einigermaßen geeignet platziert und bezüglich der Lasten noch begrenzt aufnahmefähig. Damit schieden auch kompakte Line-Arrays aus, insbesondere wegen der Momentenlasten, die durch die meist weit auskragende Halterung entsteht. Konventionelle Lautsprecher, also Punktquellen, kamen wegen der zu geringen Wurfweite, des größeren Pegelabfalls über die Distanz und der größeren Störschallproblematik ebenfalls nicht in Frage.

Beschallungszonen
Beschallungszonen durch den Abstand der Beleuchtungsmasten von jeweils ca. 35 Metern sowie dem Abstrahlwinkel der Lautsprecher ergaben sich kleinere Beschallungszonen, die auch sukzessive Teilräumungen möglich gemacht hätten (Bild: Nico Schwarz)

Die Überlegung zu den Linienlautsprechern ergab sich aus der Idee und Notwendigkeit, die Lasten möglichst dicht an die Masten anzuschmiegen. Beschallt wurden damit alle Wege, Straßen und Plätze auf dem Festgelände. Durch die systembedingt breiten Abstrahlwinkel von ca. 90–110° wurden auch die an den Straßen stehenden Buden und Stände mitversorgt. Die Zelte und die größeren, geschlossenen Schaustellerbetriebe haben eh eigene Lautsprecheranlagen mit oftmals aufwendigem Systemdesign und in Top-Qualität.

Die hätten wir in jedem Falle stummschalten müssen für wirksame Ansagepegel und Sprachverständlichkeit. Daher haben wir sie einfach mit einer Vorrangschaltung mitgenutzt. Kleinere, lokale PA-Systeme – ich sage mal z. B. am Kinderkarussell – wurden mit einer Stummschaltung ausgestattet, die bei zentralen Durchsagen automatisch abschaltet.

Der Geräuschpegel auf der Wiesn ist während der Stoßzeiten doch sicherlich enorm. Wie kommen die Lautsprecher da noch mit einer ordentlichen Sprachverständlichkeit und ohne gesundheitsschädliche Pegel drüber?

Thomas zur Lage: Durch die Stummschaltung senkt sich der Geräuschpegel natürlich erst einmal deutlich. Das und das „Aufmerksamkeitssignal“ lassen den einen oder anderen Besucher aufhorchen. Und letztlich war in der Planung und Ausschreibung vorgegeben, dass auf 35 m Distanz die Lautsprecher 100 bzw. 105 dB erreichen mussten und damit um 10 dB über den erwarteten Störschallpegeln liegen. Pegelmessungen aus den Vorjahren hat es für die Straßen keine gegeben; aber durch die Pegellimitierung in den großen Festzelten auf 85 dB tagsüber und 90 dB abends, deren Einhaltung permanent geprüft wird. Somit wurden Störschallpegel von 95 dB in der Wirtsbudenstraße und 90 dB auf den anderen Wegen und Straßen angesetzt. In den Abendstunden um ca. 22:00 Uhr unter der Woche war der gemessene Pegel auf den Straßen aber deutlich unter 85 dB – wir hatten also durchaus Headroom.

Bei Durchsagen konnte der Pegel in bestimmten Bereichen eingestellt werden, so dass eine spätabendliche Unwetterwarnung bei wenigen Besuchern an einem Montagabend nicht deutlich unter 105 dB hätte fahren können.

Anbringung an der vorhandenen Straßenbeleuchtung
Anbringung um zusätzliche und platzintensive Rigging-Bauten zu vermeiden, blieb für die gewünschte Beschallung nur die Möglichkeit der Befestigung an den Masten der Straßenbeleuchtung (Bild: Nico Schwarz)

Es wurde produktneutral ausgeschrieben? Welche Kriterien waren zentral, und wie kam es schließlich zu der Zusammenarbeit mit Fohhn?

Thomas zur Lage: Es war mit technischen Spezifikationen ausgeschrieben: Bauform Schallzeile oder schmales Line-Array mit maximaler Größe, max. Gewicht, Frequenzgang, Kennschalldruck, Pegel bei 35 m, Wetterfestigkeit etc. – also alles, was man bei einer Ausschreibung erwartet. Um in der kurzen Bieterfrist überhaupt zu Angeboten zu kommen, hatten wir allerdings Produkte als Hinweis genannt – selbstverständlich mit dem vergaberechtlich relevanten „Fabrikat der Planung“ und „oder gleichwertig“. Nach meinen Erfahrungen ist es in unserer Branche mit einem überquellenden Angebot an Systemen nämlich ein Ding der Unmöglichkeit, aus dem riesigen Produktspektrum anhand der technischen Daten ein geeignetes Produkt „herauszuraten“. Und wenn die Bieter für jede der 200 Positionen nur 30 min recherchieren müssen, kann ich sicher sein, keines oder nur zu wenige Angebote oder eben welche mit einem geschätzten, hohen Preis für ein noch nicht spezifiziertes Produkt zu erhalten. Wenn aber mal ein Produkt angegeben ist, dann hat jeder Anbieter in seinen Hirnschubladen vergleichbare Produkte parat.

Die Fohhn-Produkte FM und LEN haben es hier auf die Liste geschafft, weil die Kriterien für beide Linien-Lautsprechertypen, nämlich die lauten mit 105 dB und die leisen 100er, erfüllt werden konnten. Für die Druckkammer-Lautsprecher auf der historischen „Oidn Wiesn“ wurden keine Produkte erwähnt; das konnte von verschiedener Seite erfüllt werden. Dort sollte ganz bewusst ein anderes Bild wahrzunehmen sein – schließlich wird die Straßenbeleuchtung und Lautsprecher dort mit Freileitungen und an Holzmasten aufgebaut.

Da war sicherlich einiges an Abstimmung zwischen den Projektbeteiligten bereits im Vorfeld vonnöten. Zumal das zur Verfügung stehende Zeitfenster ja nicht gerade besonders groß war.

Thomas zur Lage: Ja, definitiv. Das Ganze war eine äußerst sportliche Veranstaltung. Ca. neun Wochen nach der Beauftragung hatten wir die LVs für die Rental-Dienstleistungen und die Leitungsinstallation auf dem Markt. Der Zeitraum für die Ausschreibungsverfahren ist ja mit ca. acht Wochen ab LV-Veröffentlichung bis zur Vergabe nicht gerade kurz, obwohl wir alle Möglichkeiten zur Beschleunigung genutzt haben. So konnte zumindest drei Monate vor der Eröffnung der Wiesn der Auftrag Audio erteilt werden.

Das war für Personaldispo, Materialbestellung und Vormontage, Aufbau und Inbetriebnahme nun definitiv kein Luxus. Die Kollegen von WWVT haben das aber mit einer Ruhe und Souveränität durchgezogen, die mich wirklich beeindruckt hat. Die Verkabelungsarbeiten wurden schon vier Wochen vor der Beauftragung Audio gestartet, das heißt, wir haben das komplette Kabelnetz vorab geplant und strukturiert und von einer Kabelbau-Firma errichten lassen. Aus Zeitgründen war das der einzige mögliche Weg, denn die Leitungen mussten vor dem Beginn des Zeltaufbaus und dem Anrücken der großen Fahrgeschäfte fertig sein. Logischerweise ist so etwas mit einem gewissen Risiko verbunden, aber wir hatten in beiden LVs die Schnittstellen so spezifiziert, dass es am Ende perfekt gepasst hat.

Im ganzen Projekt gab es eine Menge Schnittstellen mit anderen Beteiligten, insbesondere auch bezüglich der bestehenden Infrastruktur auf dem Oktoberfestgelände, mit der Straßenbeleuchtung, der U-Bahn, der unfassbaren Menge an Materialtransporten und der ganzen Aufbaulogistik, mit der Security, mit dem TÜV als zuständigem beratenden Sachverständigen, der auch die Abnahmeprüfungen durchgeführt hat etc.

Sicherlich auch eine Herausforderung für die Fohhn Audio AG, sowohl logistisch als auch technisch?

Oli Merz: Hinsichtlich der Logistik auf jeden Fall. Technisch war das mit unseren Produkten kein Problem. Aber der kurze Produktionszeitraum zur Hauptferienzeit hat uns schon vor entsprechende Herausforderungen gestellt. Aber dank der flachen Hierarchien und der hervorragenden Kommunikation und der sehr guten innerbetrieblichen Vernetzung in unserem inhabergeführten Unternehmen hat das trotzdem bestens funktioniert. Geschäftsleitung, Einkauf, Produktion und Vertrieb waren in einem steten Austausch und so konnte das alles ermöglicht werden.

Das Planungsbüro hat sich außerdem nicht nur auf Datenblätter verlassen, sondern unsere Produkte bei einer großen Freiluft-Demo auf Herz und Nieren geprüft, also akkurat nachgemessen und sich so von der Leistungsfähigkeit unserer Lautsprecher überzeugt – auch das musste natürlich sehr kurzfristig geplant, organisiert und umgesetzt werden.

Herr Pötsch, das Oktoberfest dauert ja gerade einmal gut zwei Wochen. Wenn man die Auf- und Abbauzeiten noch berücksichtigt, ist das Material ca. vier bis fünf Wochen auf der Wiesn im Einsatz. Was passiert während des restlichen Jahres damit?

Christian Pötsch: Der Aufbau dauert aufgrund der Gegebenheiten schon etwas länger. Aber Sie haben schon recht, da ist noch etwas Zeit übrig. Teile des Materials sind sehr speziell und lassen sich schwierig für andere Projekte vermieten, während sich andere Geräte gut vermieten lassen. Diese und noch weitere Faktoren wurden bei der Kalkulation berücksichtigt.

Wie sind Ihre Erfahrungen nach der ersten Wiesn mit Sprachbeschallung? Haben die Systeme die Erwartungen erfüllt?

Christian Pötsch: Wir arbeiten sonst hauptsächlich mit „konventionellen“ Lautsprechersystemen. Schallzeilen, und vor allen diejenigen, die für Sprachbeschallungen optimiert wurden, neigen gerne dazu für Musikübertragung nicht brauchbar zu sein und auch für Sprache kein schönes Klangbild ab zu geben. Entsprechend überrascht waren wir über die Klangeigenschaften der hier eingesetzten Komponenten. Die Systeme lassen sich dadurch auch im Rental-Bereich vielseitig einsetzen.

Herr Merz, Sie waren da sicherlich deutlich weniger überrascht?

Oli Merz: Definitiv (lacht). Bei der Beam-Steering-Technologie ist das in etwa so wie damals beim Übergang von analogen zu digitalen Mischpulten. Auch da hat es ja eine Weile gedauert, bis sich Digitalpulte etablieren konnten und auch auf den entsprechenden Tech Ridern nachgefragt wurden. Heute ist diese Technologie praktisch überall Standard. In ca. zehn Jahren wird das mit der Beam-SteeringTechnologie genauso sein, weil sie eben erhebliche Vorteile mit sich bringt – auch und gerade in akustisch schwierigen Situationen oder hinsichtlich der Logistik.


»In ca. zehn Jahren wird die Beam-Steering-Technologie Standard sein, weil sie erhebliche Vorteile mit sich bringt. Auch und gerade in akustisch schwierigen Situationen.«

Oli Merz | Fohhn Audio AG, Vertrieb


Leider wird mit der Beam-Steering-Technologie jedoch auch viel Halbwissen auf dem Markt verbreitet, deshalb ist für uns erhebliche Aufklärungsarbeit, Beweisführung und Motivation bei den Usern anzubringen. Dies erfordert eine hohe Produktkompetenz und Spezialisten auch im Vertrieb. Ähnlich wie bei den Digitalpulten muss der Anwender bereit sein, anders zu denken, was jedoch in keinster Weise in der Praxis kompliziert ist. Alle User, die es richtig anwenden und verstehen, sind begeistert von den neuen Möglichkeiten. Unsere Software mit Echtzeitsteuerung wird von Usern für User gemacht. Ein weiterer Fakt ist auch, dass Beam Steering immer mit „nur für Sprache geeignet“ in Verbindung gebracht wird. Mit unserem neuen großen Focus Venue Beam Steering Array können durch unsere innovative Technologie jedoch auch große Konzerte beschallt werden. Wir sind bereits in der Leistungsklasse Doppel-10″-Array angekommen. Der Entwicklungsaufwand für eine wirklich seriöse Funktion in dieser Leistungsklasse ist jedoch enorm und kann nicht durch ein paar zugekaufte externe OEM-Entwickler erfolgen. In diesem Prozess ist die Zusammenarbeit zwischen Elektronik-, Akustik- und Software-Entwicklung das Maß aller Dinge.

Ich möchte aber auch unterstreichen, dass wir sehr viel Leidenschaft und Motivation für diese Innovationstechnologie in unserem schwäbischen Unternehmen haben.


Beam Steering

Beim Beam Steering handelt es sich um ein Verfahren, das ursprünglich aus der Antennentechnik stammt und dort für steuerbare Antennen-Arrays verwendet wird. Im Audiobereich bezeichnet der Begriff (nach der Definition von Fohhn Audio) „die Steuerung der Schallabstrahlung von Lautsprechersystemen mittels Elektronik und Software“. Die zugrunde liegende Physik ist praktisch dieselbe wie in der Antennentechnik, lediglich die Frequenzen – um die es letzten Endes ja geht – unterscheiden sich dann doch deutlich. Im Endeffekt sind die Linienstrahler also „elektronisch steuerbar“, die Lautsprecher müssen – insofern sie einigermaßen sinnvoll platziert sind – nicht mehr physisch justiert werden, vielmehr geschieht dies komfortabel per Software. Die zu nutzende Hörfläche kann sehr gezielt und effektiv abgedeckt werden, ohne dass der Raum (insbesondere Decke und Boden) unnötig angeregt werden.


Was nehmen Sie mit in die nächsten Jahre? Sie sind ja nun um einige Erfahrungen reicher und irgendetwas lässt sich ja immer verbessern oder anders machen.

Christian Pötsch: Wir sind sehr zufrieden mit dem Ablauf des ersten Jahres. Die gewonnenen Erfahrungen und Partnerschaften kann uns keiner nehmen. Natürlich gibt es ein paar Punkte, die noch verbessert werden, aber man darf den straffen Zeitplan für das erste Jahr nicht außer Acht lassen. Unsere Planung ging sehr gut auf und das Wichtigste für so ein Projekt ist, ein großes und sehr gutes Team zu haben.

Herr zur Lage, wie sehen – aus Sicht des Planers – ein Rückblick auf die Wiesn 2017 und der Ausblick in die Zukunft aus?

Thomas zur Lage: Es hat alles geklappt und wir haben die Beschallung bis auf eine Unwetterwarnung nur für Begrüßungen und die Ansagen an den Eingängen gebraucht. Das war meine ganz große Hoffnung – eigentlich ist das ja ein Widerspruch, wenn man als Planer eine Anlage zum Nichtbetrieb plant, aber das ist, glaube ich, für jeden nachvollziehbar. Nach derzeitigem Stand soll das Konzept die nächsten Jahre so betrieben werden wie bisher, aber wir müssen mal sehen, was uns die Zukunft bringt.


»Wir gehen davon aus, dass auch andere Veranstalter – egal um welchen Veranstaltungstyp und um wie viele Besucher es geht – immer aufwendigere Sicherheitskonzepte und Risikoanalysen erstellen werden.«

Dipl.-Ing. Thomas zur Lage | Fachplaner LWPI


Die Sicherheit auf derartigen Großveranstaltungen wird in den nächsten Jahren ein ständig wiederkehrendes Diskussionsthema sein – ob wir zu viel oder zu wenig für die Sicherheit einplanen, ob die Ansätze die richtigen sind oder ob unsere Sicherheitskonzepte eher löchrig bleiben, weil es einen umfassenden Schutz nicht geben kann und wird. Wir gehen davon aus, dass auch andere Veranstalter – egal um welchen Veranstaltungstyp und um wie viele Besucher es geht – immer aufwendigere Sicherheitskonzepte und Risikoanalysen erstellen werden (müssen). Die Entscheidung, welche Schutzmaßnahmen dann im jeweiligen Fall die zielführendsten sind, möchte ich nicht fällen müssen. Die Audio-Branche kann aber sicher mit diversen Anfragen rechnen.

Für uns war es ein sehr interessantes und reizvolles Projekt – einerseits neue Anforderungen, andererseits gewohnte Lösungsansätze mit neuen Facetten. Wenn man als Planer sonst Projektlaufzeiten von oftmals sechs bis zehn Jahren kennt, und hier mal in acht Monaten von null auf hundert und wieder auf null kommt, ist das jedenfalls auch motivierend. Unsere Auftraggeber von der Landeshauptstadt München, Referat für Arbeit und Wirtschaft und Baureferat H6 waren zudem sehr interessiert, offen und extrem schnell, wenn es um Entscheidungen oder Koordination ging. Ohne dies hätte die Wiesn-Eröffnung verschoben werden müssen – kein reizvoller Gedanke!

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