ETC Cobalt 20 im Test

Cobalt 20: Pult-Konzept von ETC

„Cobalt“ nennt sich die Konsolen-Familie aus dem Hause ETC. Sie erhebt den Anspruch, als Schnittstelle zwischen Mensch & Design nahezu „unsichtbar“ zu sein, Licht für den Operator „spürbar“ zu machen – so die Umschreibung des Herstellers für eine Kombination aus umfangreicher Funktionalität, innovativem Bedienkonzept und einfacher Kommandostruktur.

cobalt monitors_vertical_300cmyk
(Bild: Stefan Junker, ETC (1) )

Ein englischer Ford Focus hat alle Features eines deutschen Ford Focus – und trotzdem wird beim Fahren in Deutschland alles ein bisschen komplizierter, so die bildliche Umschreibung von ETC-Produktmanagerin Sarah Clausen auf die Frage nach dem Grund für die Einführung der neuen Serie: Nicht alle Lichtpulte seien für alle Anwendungen geeignet, so ist man bei ETC überzeugt, insbesondere aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen und Tätigkeitsbereiche der Menschen vor den Konsolen. Wie verschieden diese Bereiche sein können, zeigt sich nicht nur in den Begrifflichkeiten wie Stellwerker, Lichtsetzer oder Operator, sondern letztlich auch in der antrainierten Syntax zwischen Mensch und Maschine.

Anzeige

Genau hier soll nun die Cobalt-Serie ansetzen, bisherige Strukturen aufbrechen und sich von Multi-Layer-Organisation und komplexen Kommandozeilen verabschieden. die neuen Konsolen sollen vor allem eines: kreative Ideen direkt in technische Befehle umwandeln, ohne dabei auf um – fangreiche Funktionalität zu verzichten. Im Gegenteil, Cobalt bietet darüber hinaus noch ein Plus an Neuerungen in Verwaltung und Programmierung komplexer Lightshows.

Bekannte Hardware mit neuer Playback-Zone

Die Verwandtschaft zwischen den bereits seit einiger Zeit am Markt befindlichen EOS-Pulten im aktuellen Designkleid und der neuen Cobalt-Serie ist deutlich spürbar, sowohl in Aufbau als auch in der Optik.

Unter der Haube sind viele Komponenten wie Netzteil und Motherboard sinnvollerweise identisch, in beiden Maschinen arbeitet ein i7-Prozessor mit 8 GB RAM. In der Cobalt 20 arbeitet eine 64-bit Windows 7 Embedded-Umgebung, die Datenspeicherung erfolgt auf einer erschütterungsresistenten, 64 GB großen SSD-Festplatte. Dementsprechend ist auch die Rückseite der Konsolen bezüglich Art und Anzahl der Anschlüsse identisch und bietet einen Kaltgeräteeingang sowie drei Ausgänge zur Stromversorgung von Pult und bis zu drei optionalen, externen (Multi)Touchscreens oder Monitoren, den dazu gehörigen Display-Ports und elf universellen USB-Anschlüssen.

Zwei getrennt konfigurierbare PoE-fähige Ethernet-Ports, MIDI-In/OutBuchsen, ein Sub-D-Anschluss für analoge Schaltkontakte und zwei physikalische DMX/RDM-Ausgänge als Schnittstellen zur Welt des Lichtes ermöglichen die Ansteuerung von 5.000 Kreisen über ArtNet, ETCNet2 oder ACN/sACN/Net3-Protokoll – in der größten, per 512-Parameter-Upgrade erweiterten Ausbaustufe mit bis zu 16.382 Kanälen.

Auch frontseitig ähnelt die Cobalt 20 der EOS-Ti auf den ersten Blick: Bei beiden bilden zwei dominante, aufklappbare 17,3″ große Multitouch-LC-Displays das Kernelement der Oberfläche und füllen die gesamte obere Hälfte der Konsole. Der klassische Aufbau im unteren Teil, mit Playbacksektion links sowie Programmiersektion inklusive hinterleuchteter Tasten, Nummernblock, vier Encodern, Intensity-Wheel, Master-Playback und integriertem TastaturEinschub rechts zeigt aber bereits deutliche Unterschiede. Vor allem die völlig neu gestaltete Playbackzone mit zusätzlichen, vollfarbigen Displays über den motorischen Masterfadern sowie 20 weiteren Tasten mit dazugehörigen, gleichermaßen mystisch wie elegant leuchtenden EndlosEncodern fangen den Blick des Betrachters ein.

Abb. 1
Klassische Hauptansicht, um die zentrale Ansicht für Master-Playback und Live-View sind angeordnet: „Direct Selects Dock“ oben, „Browserdock“ links, „Device Selects Dock“ unten und kontextabhängige Softkeys am rechten Bildschirmrand (Bild: Stefan Junker, ETC (1) )

Mit gut 1 m Breite, 67 cm Tiefe und knapp 45 kg Gewicht ohne Case bietet die Cobalt 20 bereits eine gute Balance zwischen praxisorientierter Haptik und benötigtem Platzbedarf – wem das noch zu viel ist, kann mit der Cobalt 10 auf eine verkleinerte Version mit 12,1″-Monitoren und halbierten Playbacks oder sogar die bewährte Congo jr. („powered by Cobalt“) zurückgreifen.

Abb. 2b
Über das „Device Selects Dock“ werden sowohl Moving Lights (0ben) als auch die analog verwalteten Effekte (unten) editiert (Bild: Stefan Junker, ETC (1) )

Ein Cobalt Light Server in 19″-Version für Playback-Controlling oder Backup-Einsatz sowie die computerbasierte Lichtsteuersoftware Nomad als Offline-Editor, Haupt-, Backup- oder Client-Gerät runden – unbenommen des restlichen ETC-Netzwerkzubehörs – die Cobalt-Familie ab.

Software – neuer Ansatz ohne Programmer

Aber es ist nicht die optisch ansprechende und hochwertig verarbeitete Hardware, sondern die Software, in der sich die Besonderheiten der Cobalt 20 verstecken. Bemerkenswert ist dabei nicht das Vorhandene, sondern das, was im Vergleich zu anderen Konsolen nicht (mehr) findet. Beispielsweise arbeitet das Pult komplett Modeless, also ohne eigene Ebenen für Setup, Programming oder Playback – alles passiert gleichzeitig und ohne jegliche hierarchische Struktur. So ist es möglich, im laufenden Betrieb an Patch und Showfile zu arbeiten, indem lediglich die dafür benötigten Fenster bei Bedarf über Hardkey, Softkey oder zentrale Browseransicht geöffnet und wieder geschlossen werden.

Abb. 3
„Direct Selects Dock“ – eine vom User definierte Zusammenstellung an Touch-Buttons für die direkte Anwahl von Gruppen, Paletten, Effekten usw. (Bild: Stefan Junker, ETC (1) )

Weiterhin sucht man vergebens nach einem Programmer – Cobalt arbeitet aktuelle Änderungen direkt und live in aktive Elemente ein. Ermöglicht wird dies da – durch, dass es sich bei der Cobalt nicht um eine klassische Tracking-Konsole handelt. Aufeinander folgende Lichtstimmungen werden hier lediglich mit „Tracking-Tendenz“ in Listen gespeichert, das heißt Attributwerte mehrkanaliger Devices bleiben zwar bis zur nächsten Änderung bestehen, Intensitäten hingegen müssen klassisch „non-tracking“ in jedem Schritt neu gesetzt werden. Tatsächlich muss man sich als Programmer-orientierter User in der Regel erst an die Arbeitsweise der Maschine gewöhnen – hat man dies aber einmal verinnerlicht, ist es erstaunlich, wie schnell die Konsole Änderungen ohne zeitraubendes Aufrufen, Anwählen und Bestätigen von Menüs oder Listen verarbeiten kann.

Überhaupt dürfte das zentrale Motto der Cobalt sein, alle Funktionen auf möglichst einfache, schnelle und direkte Art und Weise zu ermöglichen. Komplexe Kommandozeilen mussten daher einer simplen Struktur aus Kurzbefehlen weichen. Etwas gewöhnungsbedürftig ist dabei die umgekehrte polnische Notation, also Befehle mit Operand (Nummer) zu beginnen und mit Operator (Befehl) abzuschließen – was aber die Enter-Taste einspart und somit im Laufe einer Session ein deutliches Plus auf dem Zeitkonto ergibt! Die komplette Syntax des Pultes beschränkt sich auf lediglich vier Kombinationen aus Zahlen und/oder reichlich vorhandenen Befehlstasten:

– Eine Taste alleine bewirkt eine direkte Aktion, wie beispielsweise das Öffnen der Gruppenliste mittels Taste „Group“.

– Dagegen selektiert die Eingabe einer Nummer vor einer Taste, wie etwa „1 Group“ die Gruppe 1.

– Eine Kombination aus zwei Operatoren wie „Record+ Group“ hingegen würde vorher selektierte Kreise als Gruppe speichern.

– Eine wiederum vorangestellte Zahl wie „15 Record+ Group“ legt die Gruppe auf Slot 15 ab. „Alles funktioniert nach diesem Prinzip“ erklärt Sarah Clausen nicht ohne Stolz.

Ein weiteres Highlight ist die Verwaltung der Effekte. Hier beschreitet ETC einen gänzlich anderen Ansatz und erklärt Effekte kurzerhand zu weiteren Devices, deren Editierung analog über das Device Selects Dock erfolgt – eine an die zentralen Fenster-Tabs anzuhängende View zur Anzeige der Scheinwerfer-Parameter.

Zur Verfügung stehen vier Effektarten, die sich in Chase-, Content-, Dynamic- und Image-Effekte unterteilen. Im Gegensatz zu dynamischen Effekten ohne Bezug zu festgelegten Inhalten spielen Content-Effekte dabei eine definierte Serie an Attributpaletten ab, wie etwa eine Abfolge aus Farben oder Positionen. Weiterhin lassen sich in dynamischen und Content-Effekten sehr praxisorientiert sogenannte „Channel Sets“ definieren, also individuelle Scheinwerfer-Reihen, wenn das automatische Grouping keinen Sinn macht, beispielsweise eine Abfolge von 10 ¥ Fronttruss, 8 ¥ Midtruss, 12 ¥ Backtruss und 4 ¥ Floor.

Image-Playbacks schließlich bieten ein Pixelmapping auf vorher zu definierende Matrizen an. Hat man hier den Ansatz des Herstellers einmal verstanden, lassen sich sehr schnell die gewünschten Effekte anwählen, ähnlich einem Moving Light im Control Dock anpassen und mittels Intensity-Wheel „sichtbar“ machen, also den Effekt starten und seine Größe anpassen. Auch das Speichern erfolgt anschließend identisch zu klassischen Devices in Paletten und Presets.

Device-Control mit Gestensteuerung

Noch ein Wort zum Device Selects Dock: Das Fenster listet nicht nur die Attribute der Scheinwerfer auf, sondern unterstützt eine extrem praktikable Gestensteuerung auf dem Touchscreen: Da die gleichzeitig zu editierenden Attribute über die vier physikalischen Encoder begrenzt sind, können die Werte nach Anwahl direkt durch ein Verschieben des Fingers nach oben oder unten verändert werden – ein Feature, das man sogar den Gruppen spendiert hat! Wählt man diese über das Direct Selects Dock an – eine vom User definierte Zusammenstellung an Touch-Buttons für die direkte Anwahl von Gruppen, Paletten, Effekten usw. – so lassen sich auch die Intensitäten der enthaltenen Devices mit dem Finger steuern.

Abb. 4
Der Organizer ermöglicht nicht nur ein einfaches Umstrukturieren von Daten innerhalb eines Showfiles mittels Drag & Drop, sondern auf gleiche Weise auch den Import unterschiedlichster Daten aus anderen Shows (Bild: Stefan Junker, ETC (1) )

Aber es wird noch besser: Immerhin bleibt nach all den Software-Highlights immer noch die Frage nach der Funktion der 20 ungewöhnlichen Endlos-Encoder im PlaybackBereich. Diese dienen zusammen mit dem darunter liegenden Button erst einmal per Default als Playback-Erweiterung für 20 weitere Master.

Aber schaltet man per Tastendruck auf „Device Mode“, so legt man alle Attribute eines Scheinwerfers auf die Encoder. Dies bedeutet, man bekommt in Kombination mit den vier Rädern der Programmiersektion und dem Intensity-Wheel gleichzeitig Zugriff auf 25 physikalische Encoder, ohne auch nur eine einzige Seite wechseln zu müssen. Nimmt man nun auch noch das oben erwähnte Device Selects Dock mit seinen touch- sensitiven Attributfeldern hinzu, dürften alle Funktionen eines Scheinwerfers im Schnellzugriff abgedeckt sein.

Selektierte Effekt-Playbacks, die ja ebenfalls als Devices verwaltet werden, können entsprechend im Device-Modus editiert werden, wofür die Encoder jedoch eingerichtet werden müssen. Die Konsole bietet verschiedene „Fader Mode“-Möglichkeiten, die neben den gewünschten „Expanded Effects“ auch „Expanded Sequences“ und „Expanded Masters“ ermöglichen und die jeweilige Selektion ähnlich einer Audiokonsole auf einen physikalischen „Kanalzug“ legen. Auch lässt sich die Konsole hier als Reminiszenz auf frühere Zeiten auf ein klassisches Zwei-Szenen-Pult umschalten, wobei die obere Reihe „Blind“, die untere „Live“ geschaltet ist und sich so Kreise, Submaster oder Effekte per Crossfade überblenden lassen.

Nicht unerwähnt bleiben sollen zum Schluss auch durchaus gelungene Software-Implementierungen, beispielsweise das „Dezimal-Patching“ moderner Multi-Cell-Devices wie LED-Washlights oder -Rampen aus einer umfangreichen Library, wodurch das Handling komplexer Scheinwerfer enorm vereinfacht wird, sowie ein mächtiges „Organizer“-Tool zum Import/ Export diverser Showdaten von Paletten bis hin zu Dimmerkurven.

Fazit

Wie gewonnen, so zerronnen … die Tracking-Funktionalität einer EOS Ti ist mit der Cobalt-Serie wieder dahin, bietet aber dadurch die Basis für einige extrem interessante Features! Neben einem ansprechenden, wertig aussehenden Design und angenehm sensitiven Touchscreens ist es vor allem der Wegfall einer komplizierten Kommandozeile. An ihre Stelle tritt eine einfache und direkte Syntax, die – nach einiger Eingewöhnungszeit – zu gefallen weiß. Aber auch der Playback-Bereich mit den zusätzlichen Displays und erweiterten Bedienelementen glänzt durch multifunktionale Zugriffsmöglichkeiten auf Master, Devices oder Effekte. Eine äußerst umfangreiche FX-Engine mit neuartiger und durchdachter Verwaltung rundet die insgesamt sehr überzeugende Konsole ab.

Erwähnenswert ist auch die nicht selbstverständliche Tatsache, dass ETC kostenlose Trainings und Schulungen für diese Produkte anbietet, wie auch ganz allgemein Service und Support ein hoher Stellenwert eingeräumt werden.

Die „ETC Cobalt 20“ ist in den verschiedenen Ausbaustufen – sprich freigeschalteten DMX-Kanälen – ab einem Listenpreis von 36.000 €, die kleinere Version „Cobalt 10“ für 19.000 € netto zu beziehen.

Kommentar zu diesem Artikel

Pingbacks

  1. Lichterbrücke in Portland › KommunikationsRaum.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: