Kommentar zur Arbeit mit Stagehands

ISDV: Pack it up and tear it down

Als vor Jahren die ersten Fälle von scheinselbstständiger Beschäftigung in der Veranstaltungsbranche durch die Deutsche Rentenversicherung festgestellt wurden, betraf das vor allem die Stagehands. Das Risiko der Beschäftigung selbstständiger Helfercrews schien für die Veranstalter nicht mehr tragbar und die Lösung sollte Zeitarbeit sein. Durch das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) würden die technisch versierten und motivierten Helfer der Veranstaltungsbranche verloren gehen, versicherte die Gegenseite. Ein Kommentar des ISDV.

ISDV-Logo(Bild: ISDV e.V.)

Die Prognosen: abgesichert, vereinfacht, besser …

Die Nutznießer der AÜ hingegen behaupteten: Helfer würden nun endlich gut bezahlt werden, hätten soziale Absicherung und geregelte Arbeitszeiten. Das Thema Scheinselbstständigkeit wäre für die Gruppe der Auftraggeber vom Tisch und die Veranstalter hätten erheblich weniger Aufwand, da ein Anruf beim Disponenten der Personaldienstleistungsfirma ausreichend wäre.

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Bis die Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik 1998 eingeführt wurde, ging der typische Weg zum Techniker über die Tätigkeit als Stagehand. Für das technische Verständnis und die Lust am Job wurden da die Grundsteine gelegt. Im Rock’n’Roll zu arbeiten galt als Lebensentwurf und glich mehr einer Berufung als einem Beruf. Wer heutzutage verstehen möchte, wie dieser Lebensentwurf vor 15 oder 20 Jahren aussah, dem sei der Dokumentarfilm Roadcrew von Olaf Held ans Herz gelegt.

Die „klassische“ Stagehandcrew gibt es nur noch selten. Die Tätigkeit als Helfer ist häufig Nebenerwerb für Studenten oder dient der Überbrückung von Arbeitslosigkeit. Jede Tourneeproduktion freut sich über engagierte Hands, die Freude an ihrem Job haben. Und jede Tourneeproduktion ist frustriert, wenn Helfer ohne jedes Verständnis für die Branche und unmotiviert auf der Arbeit erscheinen.

Der Reality Check: unqualifiziert, unterbesetzt, übermüdet …

Die Realität zeigt, dass das AÜG nicht für die Veranstaltungsbranche geeignet ist. Die Idee hinter der Arbeitnehmerüberlassung ist, Industriebetrieben in Zeiten erhöhten Produktionsaufkommens Zeitarbeitnehmer über Wochen oder Monate zur Verfügung zu stellen. Die kürzlich beschlossene und lang diskutierte Änderung des AÜG mit einer Befristung auf 18 Monate zum Beispiel ist für die Branche völlig irrelevant. Industrie- und bautypische Produktionsspitzen über einen derartig langen Zeitraum gibt es in der Veranstaltungsbranche nicht. Hier wird Zusatzpersonal nur tageweise benötigt. Folglich findet auch nur schwer eine Integration der Helfer in die Arbeitsorganisation des Auftraggebers statt. Schlimmer noch: All die positiven Prognosen verkehren sich regelmäßig ins Gegenteil.

Es wird dem Entleiher empfohlen, Firmen auszuwählen, die mit der Branche vertraut sind und spezifische Tätigkeiten ausführen können. Doch scheinen die Verleiher selbst oftmals kein passendes Personal dafür zu finden. Viele Tourneeproduktionen wird es mittlerweile leider nicht mehr überraschen, wenn morgens zum Load In 15 Erntehelfer in weißen Oberhemden mehr oder weniger einsatzbereit zur Verfügung stehen.

Tourneealltag – ein aktuelles Beispiel

Seit gut einem Jahr sind wir mit einer mittelgroßen Produktion in Deutschland unterwegs. Die Tournee umfasst 150 Shows und bespielt nahezu sämtliche deutsche Hallen mit Kapazitäten von 3.000 bis 15.000 Zuschauern. Wir haben annähernd jeden Tag Mehraufwand durch nichtfunktionierende Helfercrews. Das Beispiel mit den 15 Erntehelfern ist leider keine Überspitzung, sondern eine der täglichen Herausforderungen, die es mit viel Geduld zu meistern gilt.

Häufig ist das erste Problem zu Arbeitsbeginn: fehlende Helfer. Von 24 Helfern haben sich zwei krankgemeldet. Also muss umstrukturiert werden. Der Staplerfahrer und der Crewchef arbeiten mit und können dadurch die ihnen ursprünglich zugedachten Aufgaben nur mangelhaft ausführen. Leider kommt die Crew mitnichten ausgeschlafen aus einer angemessenen Ruhezeit. Uns wird mitgeteilt, dass noch bis 3:30 Uhr eine andere Produktion abgebaut wurde. Die 200 km Anfahrtsweg werden ebenfalls von der Ruhezeit abgezogen. Die Tourneemannschaft trifft auf eine übermüdete und unvollständige Helfergruppe.

Und schnell kommt es zu nächsten Problemen: Acht haben das noch nie gemacht und neun sprechen weder Deutsch noch Englisch – respektive beides. Bei vier weiteren Helfern fehlt selbst die Basisausstattung an persönlicher Schutzausrüstung, wie Sicherheitsschuhe und Handschuhe. Schnell verschwinden die ersten zum Rauchen oder müssen sich ausruhen. Der Staplerfahrer fährt trotz wiederholten Stopp-Rufen mit den Gabeln in die Wand, weil er vor Müdigkeit nicht mehr reagieren kann. Und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Der Fahrer wird ausgecheckt. Aus Sicht des Arbeits- und Gesundheitsschutzes bewegen wir uns mehr und mehr auf nichttragbare Zustände zu.

Nachdem zwei Helfer über eine halbe Stunde versucht haben, Bütec-Beine mit den Gummifüßen zuerst in die Befestigungsecken der Platten zu stecken (und gescheitert sind), sollen sie durchnummerierte Lampen auf den Boden stellen. Man ahnt es …

ISDV Stagehands
Tierbilder sollen den Aufbau erleichtern (Bild: ISDV)

Es handelt sich hier nicht um eine Groteske, sondern die bittere Realität. Mittlerweile hat unsere Lichtcrew lustige Tierbilder aufgeklebt, um die Reihenfolge und Position der Lampen nochmals zu vereinfachen (siehe Titelbild). Die Tourneecrew ist genervt und bittet um einen Helfertausch für den Abbau. Aber ob der Crewchef auf die Schnelle noch „frische“ Hands bekommen wird, ist nicht sicher.

Da, wo weder sprachliches noch technisches Verständnis gegeben ist, sinkt natürlich die Motivation. Man kann es ihnen kaum verübeln. Aber sollen wir unsere Tourneecrew nun auch noch nach Fremdsprachenkenntnissen auswählen?

Fazit des ISDV: 450-Euro-Basis, unterversichert, produktionshemmend

Wie hat sich die Helfersituation also seither entwickelt? Weder gute Bezahlung noch eine vernünftige soziale Absicherung haben sich für die Aufbauhelfer eingestellt. Nicht selten sind sie eben nur auf 450-Euro-Basis angestellt und die wenigsten werden mit dieser Grundlage ihren Rentenbeitrag aufstocken können, um im Alter vernünftig abgesichert zu sein. Dieses Arbeitsmodell unterstützt folglich Altersarmut.

Hinzu kommt die Perspektivlosigkeit: Die wenigsten Helfer arbeiten heute mit der Motivation, sich in der Veranstaltungsbranche ein Standbein zu schaffen. Eine Aufstiegsmöglichkeit oder Weiterbildung ist selten möglich. Der alte Werdegang vom Helfer zum Techniker aus Überzeugung und somit auch die emotionale Bindung an Beruf und Branche stellen sich nicht mehr ein. Das Gefühl, ein Teil von etwas zu sein und Spaß bei der Arbeit zu haben, existiert nicht mehr – und das merkt auch die Tourneecrew! Sie muss am Ende die fehlenden Leistungen kompensieren.


»Es gibt sie noch! Personaldienstleistungsfirmen, die ihr Personal verantwortungsbewusst und sozialverträglich einsetzen. Firmen, die ihre Crews regelmäßig fortbilden, unterweisen, mit der benötigten PSA ausstatten und zumindest versuchen, den größten Teil der Helfer in Vollzeitverträgen zu beschäftigen. Aber diese Firmen stehen leider im unfairen Wettbewerb mit jenen, die sämtliche gesetzliche Vorgaben missachten.«

Der ISDV fordert, Tourneeproduktionen durch qualifizierte Stagehands zu unterstützen


Von den Befürwortern der Arbeitnehmerüberlassung wurde stets angeführt, dass die zu geringe Bezahlung der „alten, klassischen“ selbstständigen Stagehands unweigerlich zur Altersarmut führen würde. Die neuen, erzwungenen Lösungen haben lediglich die Situation der prekären Beschäftigungsverhältnisse verschärft. Damit einhergegangen ist eine Kostensteigerung für die Entleiher. Leider kommt dieses Geld nie bei den Beschäftigten an, die in der Regel ihre Tätigkeiten für den Mindestlohn ausführen.

Alles schlecht?

Aber: Es gibt sie noch – Personaldienstleistungsfirmen, die ihr Personal verantwortungsbewusst und sozialverträglich einsetzen. Firmen, die ihre Crews regelmäßig fortbilden, unterweisen, mit der benötigten PSA ausstatten und zumindest versuchen, den größten Teil der Helfer in Vollzeitverträgen zu beschäftigen.

Trifft die Tourneecrew auf eben diese – mittlerweile seltene – Spezies, wird bei abendlichen Gesprächen im Tourbus festgestellt: Wie früher! Ein „normaler“ Arbeitstag auf Tour.

Analog zu anderen Teilen der Branche stehen diese Firmen leider im unfairen Wettbewerb mit jenen, die sämtliche gesetzlichen Vorgaben missachten. Und hier sind vor allem jene gefordert, die Helfer buchen und den Tourneeproduktionen zur Verfügung stellen.

 


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Kommentar zu diesem Artikel

  1. In der Realität sieht es doch wohl eher so aus dass so gut wie niemand an die Altersvorsorgung glaubt und somit eh nur von einer Woche zur nächsten geplant wird. Die wenigsten Firmen/Crews in D. sind fair bezahlt und haben einen vollen und fairen Versicherungsschutz.
    Beim RocknRoll zählt seit jeher Kontinuität, Kampfeswille und niedrige Preise. SO entscheiden die durchschnittlichen Auftraggeber mit wem sie arbeiten wollen. Diese “Scheinselbstständigkeit-Hexenjagt” hat eher einzelnen geschadet als zu helfen. Wenn vorher fähige Arbeitskräfte wenigstens nochn bissl verdient haben bekommen sie jetzt schlicht nichts mehr oder sogar weniger, weil kleine Firmen es sich schlicht nicht leisten können alles und jeden fest anzustellen. Es führt eher dazu dass nur noch Riesenfirmen auf dem Markt rumschwuppern und die Preise unter sich ausmachen.
    Speziell im Osten Deutschlands sind die Preise immernoch extrem im Keller. So funktioniert eine Angleichung der Gehälter niemals…

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