Produkt: Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie Berlin
Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie Berlin
Eine tolle Location für eine anspruchsvolle Show – wenn diese nicht nur aus Marmor, Stahl und einer Rundumverglasung bestehen würde ...
Monitoring bei Herbert Grönemeyer

Christian Orth: Tumult am Monitorpult

Anlässlich eines spätsommerlichen Openair-Konzerts 2019 von Herbert Grönemeyer sprachen wir in der Berliner Waldbühne mit Christian Orth, der die „Tumult“-Tournee als Monitormann begleitete.

Christian Orth vor einem Mischpult
Christian „Chris“ Orth (Bild: Jörg Küster)

Inhalt:
(K)Eine Frage des Charakters
Flexibilität als höchstes Gut
TV-Produktion vs. Rock/Pop-Show
Monitoring-Tipps von Christian Orth
IEM und Wedges
Ambience im In-Ear-Mix

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Auf der höchst erfolgreichen „Tumult“-Tournee 2019 von Herbert Grönemeyer betreute Christian „Chris“ Orth den mit einer Digico-SD7-Konsole ausgestatteten Monitorplatz. Orth ist Geschäftsführer der in Köln ansässigen O-Lab Audio GmbH (www.audioplanung.de) und wird regelmäßig für Produktionsfirmen aktiv, in deren Auftrag er Formate wie „The Voice of Germany“, „Versteckte Kamera“ oder die „DSDS Jury Castings“ begleitet.

Christian Orth hat eine Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik absolviert und schon früh einen Schwerpunkt auf „den guten Ton“ gelegt, ohne sich auf einen bestimmten Teilbereich festzulegen: „Ich bin Sound-Mann, und die in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen gesammelten Erfahrungen von TV bis Live-Tournee kommen meinen Kunden zugute“, lautet sein Credo.

(K)Eine Frage des Charakters

Befragt, ob es für ihn Eigenschaften gibt, die typischerweise den Monitormischer oder den FOH-Kollegen charakterisieren, stellt Christian Orth zunächst heraus, dass er sich als Allrounder versteht. „Ich habe keine Präferenzen für die eine oder andere Aufgabe, und dass ich unter anderem auch als Monitormischer tätig werde, hat sich im Lauf der Zeit einfach so ergeben“, berichtet er.

„Wenn man das öfter macht, wird man in den Köpfen vieler Leute ganz automatisch als Monitormann gespeichert und daher auch immer wieder für entsprechende Jobs angefragt. Selbstverständlich ist es am Monitorplatz von Vorteil, wenn man erkennen kann, worauf die Künstler besonderen Wert legen – im Idealfall wird man vorausschauend agieren, so dass die Musiker nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Pult kommen müssen. Wie überall in unserem Business ist es wichtig, dass man gut mit Menschen umgehen kann.“

Vier Handsender SKM 6000 bereit, bestückt mit Neumann-Mikrofonköpfen KK 204
HG im Display für Herbert Grönemeyer: Für den Sänger standen auf der „Tumult“-Tournee vier Handsender SKM 6000 bereit, bestückt mit Neumann-Mikrofonköpfen KK 204 (Bild: Jörg Küster)

„Entgegen einer landläufigen Meinung würde ich nicht behaupten, dass man als Monitormann tendenziell ein eher ruhiger Typ sein muss – ist man zu still, kann das durchaus hinderlich sein. Andererseits ist natürlich gut, wenn man eine gewisse Ruhe Kompetenz ausstrahlt und dem Team signalisiert, dass man am Monitorplatz alles im Griff hat.“

„Nichtsdestotrotz gibt es Situationen, in denen man als Monitormann nach vorne gehen sollte, um das Geschehen bei Bedarf rasch unter Kontrolle zu bringen, wenn etwas komplett aus dem Ruder läuft – manchmal muss es einfach eine klare Ansage geben! Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass man nicht über das Ziel hinausschießt.“

„Sofern man im geeigneten Moment den richtigen Ton trifft, wird eine klare Ansage durchaus positiv bewertet – es ist mitunter sogar erwünscht, dass jemand ohne pampig zu werden das Zepter in die Hand nimmt und beispielsweise eine strukturierte Anleitung für den Verlauf des Soundchecks liefert.“

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Flexibilität als höchstes Gut

Die Aufgaben des „Kommunikationssignalverwalters“ sind für Christian Orth Teil des Jobs, jedoch werden sie nebenbei erledigt: „Natürlich gibt es am Monitorplatz einen Haufen Talkbacks und jede Menge Leute, die kommunikationstechnisch zu versorgen sind“, erklärt Orth.

„Das läuft aber nebenbei, denn in den heute verfügbaren Digitalpulten gibt es wirklich nützliche Funktionen, mit deren Hilfe man beispielsweise Makros programmieren kann, die mit nur einem Knopfdruck das Umschalten des kompletten Kommunikationsprogramms von der Show- auf eine Probensituation erlauben.“

Das ideale Monitorpult bietet laut Christian Orth jenseits exzellenter Klangeigenschaften „Flexibilität als höchstes Gut“, und er findet es äußerst hilfreich, eine Konsole passend zu seinen persönlichen Vorlieben einrichten zu können. „Jede Produktion besitzt ein paar sehr spezifische Anforderungen, und ich mag es einfach nicht, für meine Arbeit durch die Konsole einen festen Rahmen gesetzt zu bekommen“, sagt Orth. „Viel lieber passe ich die Pultoberfläche flexibel an meine Bedürfnisse an, und wenn es mir sinnvoll erscheint, baue ich auch einfach einmal einen VCA an eine ergonomisch günstige Stelle in das Layer ein.“

Monitorplatz seitlich der Bühne
Monitorplatz seitlich der Bühne (Bild: Jörg Küster)

Christian Orth verweist auf sein Faible für Digico-Konsolen: „Bei großen Produktionen komme ich immer wieder auf die Pulte dieses Herstellers zurück“, stellt er fest. „Die Verteilung von Inputs und Outputs kann ich frei wählen, und die Makrofunktion ist für meine Arbeit extrem wichtig – ich finde es klasse, wenn komplette Arbeitsabläufe auf Knopfdruck abrufbar sind! Entscheidend für mich ist auch die Automation, mit der ich sowohl absolute als auch relative Änderungen einfach bewerkstelligen und Modifikationen nachträglich einfügen kann.“

„Ich bin mit Digico-Konsolen gewachsen und entsprechend vertraut mit ihrer Bedienung – jedes Mal, wenn ich vor dem Produkt eines anderen Herstellers stehe, frage ich mich, warum es eine bestimmte Funktion dort nicht gibt oder sie nur sehr umständlich zu erreichen ist. Man muss sich dann erst einmal auf eine andere Denkweise einlassen.“

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TV-Produktion vs. Rock/Pop-Show

Nennenswerte Differenzen zwischen den Monitoring-Aufgaben bei TV- und Rock/Pop-Shows sieht Christian Orth nicht: „Es gibt schon Unterschiede, die allerdings weniger mit dem Genre, sondern mehr mit der jeweiligen Band zusammenhängen.“

„Es macht einfach einen Unterschied, wenn Musiker bei „The Voice of Germany“ im Rahmen der Vorbereitungen für eine Blind Audition weit über 100 Songs von jeweils eineinhalb Minuten Dauer in nur wenigen Tagen proben, während bei einer Rocktournee möglicherweise Musiker auf der Bühne stehen, die seit mehr als zwei Jahrzehnten die gleichen Songs spielen und bei denen die Setlist lediglich sporadisch um ein paar neue Titel erweitert wird. Die Probensituationen  gestalten sich dann vollkommen anders, wobei es rein technisch betrachtet keine nennenswerten Unterschiede gibt.“

Zur mutmaßlich im Vergleich mit einer Tournee recht komfortablen Arbeitssituation im TV-Studio befragt, antwortet Orth: „Die akustischen Gegebenheiten in einem Fernsehstudio sind auch nicht immer das Gelbe vom Ei, und man findet ebenso wie in Konzerthallen oder bei Openair-Auftritten nicht durchgängig optimale Bedingungen vor.“

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Monitoring-Tipps von Christian Orth: Das Ziel vor Ohren haben!

„Mit konkreten Tipps für die Arbeit am Monitorplatz tue ich mich schwer, denn nach meinem Dafürhalten gibt es kein richtig oder falsch“, sagt Christian Orth. „Wenn für mich auf der Grönemeyer-Tour Richtrohre als Atmo-Mics funktionieren, heißt das nicht, dass dieser Ansatz in jedem anderen Kontext ebenso gut ist. Ganz allgemein gilt, dass man immer genau hinhören, eine konkrete Vorstellung von seinem Mix haben und überlegen sollte, mit welchen Werkzeugen das Ziel erreichbar ist. Je länger ich den Monitorjob mache, desto mehr tendiere ich zu einer Weniger-ist mehr-Philosophie – allerdings sollte man keine Angst haben, mit den verfügbaren Tools auch einmal beherzt einzugreifen, sofern es erforderlich sein sollte. Generell ist es immer sinnvoll, mit der Arbeit ganz vorne im Signalfluss zu beginnen, was auch die Wahl geeigneter Mikrofone beinhaltet. Und wie immer gilt es, offen für Neues sein und als Monitor-Dienstleister keine Egotrips zu schieben!“

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IEM und Wedges

Bei den Shows von Herbert Grönemeyer verwendeten alle Bühnenakteure drahtlose In-Ear-Systeme (SR 2050 IEM Doppelsender und EK 2000 IEM Bodypack-Empfänger) von Sennheiser. Wer genau hinschaute, konnte zwei Wedges an der Bühnenfront und einen weiteren Wedge nahe des von Herbert Grönemeyer häufig genutzten Pianos entdecken.

„Diese Wedges sind lediglich für den unwahrscheinlichen Fall gedacht, dass die drahtlosen In-Ear-Strecken ihren Dienst versagen“, sagt Christian Orth zum Havariekonzept.

Siderack am Monitorpult Sennheiser-Receiver EM 6000 für die Hand- und Taschensender sowie SR 2050 IEM Doppelsender für die IEM-Beltpacks
Siderack am Monitorpult Sennheiser-Receiver EM 6000 für die Hand- und Taschensender sowie SR 2050 IEM Doppelsender für die IEM-Beltpacks (Bild: Jörg Küster)

Christian Orth hat festgestellt, dass Musiker oft andere Ansprüche an ihren In-Ear-Sound stellen als an eine mit Wedges ausgestattete Produktion: „Vielfach wird der Wunsch nach einem möglichst ausgewogenen Mix an mich herangetragen, welche im Idealfall wie eine Studioproduktion klingen soll“, berichtet der Monitormann.

„Normalerweise ist es so, dass ich bei Proben oder in einer Soundcheck-Situation erst einmal einen Mix nach meinem Geschmack anbiete – es kommt nicht selten vor, dass das dann auf Anhieb passt, aber ich erarbeite oft auch gemeinsam mit einzelnen Instrumentalisten einen speziellen Sound, der für ihr Empfinden auf den In-Ear-Hörern besonders gut klingt.“

„Es gibt beim Monitoring kein falsch und kein richtig – alles hat immer auch mit persönlichem Geschmack zu tun. Letztlich geht es darum, dass die Musiker ihren Sound geil finden und auf der Bühne abliefern!“

In TV-Produktionen wie „The Voice of Germany“ sind die Musiker mit kabelgebundenen Kopfhörern ausgestattet, welche an SPL Headphone-Amps mit 120-Volt-Technik betrieben werden. „Natürlich ist das in puncto Sound eine ganz andere Abteilung als die Übertragung per analoger Drahtlosstrecke“, weiß Christian Orth.

„Aber die Anforderungen im Tour-Umfeld sind eben anders, und man mag die Bewegungsfreiheit der Musiker ja nicht durch Kabel einschränken. Die Artefakte, die durch eine analoge Drahtlosübertragung entstehen können, gleiche ich am Monitorplatz nicht bewusst aus – ich achte aber darauf, dass ich dieselbe Abhörkette wie die Musiker verwende und greife derart ein, dass die Musik auf den zum Einsatz kommenden Hörern gut klingt.“

In-Ear-Empfänger
Chris Orth „Ich achte darauf, dass ich dieselbe Abhörkette wie die Musiker verwende.“ (Bild: Jörg Küster)

Dass ältere Musiker eher zu einem Monitoring über Wedges als zu In-Ear-Hörern tendieren, hält Christian Orth für ein Gerücht:  „Die Musiker, die Herbert Grönemeyer auf seiner Tournee begleiten, sind schon seit Jahrzehnten unterwegs und kommen mit In-Ear-Hörern bestens zurecht. Im Gegensatz dazu kenne ich einige junge Musiker, die das Gefühl von In-Ears grundsätzlich nicht mögen und lieber Wedges verwenden.“

Die Ausspielwege ausnahmslos per Brickwall-Limiter oder Multibandkompression zu bearbeiten, hält Christian Orth für keine gute Idee: „Die Musiker müssen auf der Bühne ihre Dynamik und ihre Position im Mix eigenständig einschätzen können und in den Griff bekommen“, lautet seine Meinung zum Thema.

„Ich sehe zu, dass die Mischung generell knackig und laut ausgespielt wird – Wandler klingen einfach besser, wenn die verfügbare Wortbreite so gut wie möglich ausgeschöpft wird.“

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Ambience im In-Ear-Mix

Zum Thema Ambience-Mikrofonierung: Bei den „Tumult“-Konzerten waren an einer Truss über dem vorderen Bühnenrand insgesamt drei Stereo-Richtrohrmikrofone Audio-Technica BP4027 befestigt, die in Richtung des Publikums zeigten; die äußeren Mikrofone wurden als Mono-Mics betrieben. An den Mikros war die „LR Stereo-Narrow“-Einstellung gesetzt.

Christian Orth vor einem Mischpult
Christian „Chris“ Orth betreute auf der erfolgreichen „Tumult“-Tournee von Herbert Grönemeyer den Monitorplatz (Bild: Jörg Küster)

Christian Orth: „Ich will ein Image der kompletten Location bekommen und kann mir durch den Aufbau aussuchen, in welchem Umfang ich Anteile aus der Mitte und von außen verwende. Die Richtrohre sorgen dafür, dass ich den ganzen PA-Noise sowie den Direktschall von der Bühne nicht mit einfange. Die Atmo ist für eine Monitormischung super wichtig: Die Künstler müssen ihre Umgebung und die Reaktionen ihres Publikums im Mix spüren – sie sollen akustisch mitbekommen, was um sie herum los ist!“

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