Wahrnehmungspsychologie

Bässe wirken mit Beiwerk noch besser

Okay, der Film „Selena“ mit der jungen Jennifer Lopez in der Hauptrolle ist schon etwas speziell. Aber wer sich vergewissern will, wie Bässe auf Menschenmassen wirken, der sollte sich den Film ruhig einmal gönnen: Da steht Selenas Vater, der zugleich ihr Manager ist, gleich zu Anfang des Films bei einem Konzert hinter dem Mischpult und macht den Tontechnikern klare Ansagen: „I want to feel the bass drum!“ Danach geht die Musik so richtig ab – und der begeisterte Zuschauer auch.

Subwoofer-Array
(Bild: Marcel Courth)

Tiefe Töne spielen für die menschliche Psyche eine wichtige Rolle: Sie beeinflussen Stimmungen und vermitteln emotionale Eindrücke, nicht nur in der Musik. Von einem Manager oder einem Politiker erwartet man unbewusst, dass er mit fester und sonorer Stimme spricht. Eine Führungsperson mit Fistelstimme – egal ob Mann oder Frau – dürfte einige Schwierigkeiten haben, so richtig ernst genommen zu werden, denn es fehlt ihr an akustischem Gewicht. Eine tiefe Stimmlage wirkt dominant und ehrfurchtgebietend, aber auch vertrauenseinflößend – und manchmal sexy. Zumindest sagen das die weiblichen Fans des Sängers Barry White, obwohl sein Bauch am Ende schon einen beängstigend großen Resonanzkörper gebildet hatte. Aber in der Musik muss das so sein. Ein dünner Pavarotti wäre ebenso ungewohnt wie eine schlanke Joy Fleming. Wer die tiefen Töne treffen will, braucht neben Gefühl auch Volumen. Auch umgekehrt klingt es ausgesprochen komisch, wenn Erwachsene ihre tiefe Stimme künstlich erhöhen, etwa mit Helium aus einem Ballon: Die kleinen Chipmunks lassen dann herzlich grüßen.

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Die auditive Wahrnehmung ist wie alle menschlichen Fähigkeiten vor dem Hintergrund der Evolution zu sehen. Wir sind auf bestimmte Hörbereiche programmiert und biologisch entsprechend ausgestattet. Unser äußeres Ohr filtert Frequenzen außerhalb des Hörbereichs von 20 Hertz bis etwa 16.000 Hz bereits weitgehend weg. Gut hören wir im Bereich um 3.000 Hz. Töne unterhalb von 1.000 Hz fordern die Fähigkeiten des Gehörs dagegen besonders: Bei der Lokalisation der Schallquelle muss sich das Gehirn anstrengen, um Laufzeitdifferenzen zwischen linkem und rechtem Ohr zu errechnen. Insofern ist es wohl nicht ganz unerheblich, wo im Raum Subwoofer positioniert werden, weil auch sie mit etwas Konzentration geortet werden können. Allerdings fällt es dem Menschen bei tieferen Frequenzen schwer, das Klangbild zu differenzieren: Musik wird von Bässen daher auch zumeist nur begleitet, während die Melodie auf höheren Frequenzen gestaltet wird. „Matschig“ oder dröhnend sollte der Sound dennoch nicht sein, denn sonst bedankt sich der Hörer für einen Brummschädel, den diffuse Miss- und Nachklänge bereiten können.

Wie die Wirkung tiefer Frequenzen gefühlsmäßig erlebt wird, macht auch die Sprache deutlich: Der Sound klingt dann „fett“, die Beats haben „Power“ und gehen voll „in den Bauch“ und – bei Tanzmusik – hoffentlich auch „in die Beine“. Musikalische Empfindungen bekommen in der Sprache mithin eine sichtbare Gestalt. Ein Bass muss physischen Druck haben, damit auch die menschliche Motorik angeregt wird. Schon in den 80er Jahren waren Ghettoblaster beliebte Krawallbrüder, mit denen man die Beats auf die Straße bringen konnte. Heute sorgt so manche „Boombox“ auf dem Balkon dafür, dass Bässe nicht nur über das Ohr aufgenommen werden, sondern auch über unzählige Mechanorezeptoren, die im ganzen Körper verteilt sind. Schall ist bewegte Luft.

Und dieser Luftdruck bewirkt, dass wir den Takt und den Rhythmus spüren, der zumeist von den tiefen Tönen vorgegeben wird. Wer schon einmal Partyurlaub auf Mallorca gemacht hat, der wird das Wummern der Bässe spätestens dann verflucht haben, wenn er spätnachts in seinem Hotelbett liegt und nicht schlafen kann, weil die tiefen Frequenzen die Zimmerwände auch über größere Entfernung hinweg noch beben lassen.

Autor: Thomas Jendrosch
Thomas Jendrosch ist musikinteressierter Medien-, Konsum- und Verhaltensforscher. Er lehrt Wirtschaftspsychologie an der FH Westküste in Heide. (Bild: Thomas Jendrosch)

 Die Dosis macht das Gift

Für Ingenieure ist es ein bekanntes Phänomen, dass niederfrequente Wellen sogar Brücken und Häuser zum Einsturz bringen können. Damit ein Bauwerk nicht zum Schwingen gebracht wird, ist gute Dämpfung gefragt. Ärzte berichten, dass sogar Menschen in Gefahr geraten können, wenn sie niedrigen Frequenzen bei zu starkem Schalldruck ausgesetzt sind: Dann droht der Pneumothorax, also das Zerbersten der Atemgefäße. Für Hersteller von Musikabspielgeräten wurden, zumindest was die Gesamtlautstärke betrifft, bereits Höchstgrenzen zwischen 85 und 100 dBb(A) (entspricht einem Presslufthammer in etwa einem Meter Entfernung) zum Schutz der Konsumenten gefordert. Diskotheken- und Konzertbesucher kommen locker auf 100 dB(A) und noch mehr, wobei gerade die tiefen Frequenzen sprichwörtlich in den Bauch gehen. Herbert Grönemeyer hat diesen Effekt in einem älteren Song von 1983 einmal anschaulich beschrieben: „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist. Das ist alles, was sie hört. Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist, wenn sie ihr in den Magen fährt.“ Das Lied handelt von einem tauben Menschen, der aber durchaus in der Lage ist, Musik auch über tieftönenden Körperschall wahrzunehmen.

Gerade in der elektronischen Tanzmusik sind tiefe Töne ein erwünschtes Stilmittel. Durch Synthesizer und Equalizer lassen sich Frequenzspektren und neuartige Wellenformen erzeugen, die den Reiz dieser Musikrichtung ausmachen. Es war zu erwarten, dass sich auch das Militär den technischen Möglichkeiten der Klangerzeugung annimmt. Auf Konzerten sind es Tieftöner, die mit ihren großen Membranen die Beats zu den Massen bringen. In modifizierter Form können sie aber auch als gefährliche Schallkanone dienen. Der Gegner erleidet durch extrem tiefe Töne, d. h. durch Infraschall, ein Gefühl von Übelkeit, Schwindel und Panik. Wie in der Medizin gilt auch in der Musik: Die Dosis macht das Gift, damit Hörer nicht vergrault werden. Fans der Hörspiel- bzw. Buchreihe „Die drei Fragezeichen“ können sich in diesem Zusammenhang wahrscheinlich sofort an die Folge mit dem „Gespensterschloss“ erinnern. In der Geschichte versucht ein Schlossbesitzer, unliebsame Besucher in die Flucht zu schlagen. Und zwar durch tiefe Orgeltöne, die unterhalb der menschlichen Hörschwelle liegen. Es ist eine Art Flimmergrenze, ähnlich dem Vorbewussten in der Tiefenpsychologie, die das bewusste Hören vom intuitiven Spüren scheidet. Dass die drei Fragezeichen der Sache mit dem Infraschall schnell auf die Spur kamen, versteht sich von selbst.

Auch im Kino ist der Einsatz sehr tiefer Frequenzen ein bewährtes Mittel zur emotionalen Beeinflussung. Sounddesigner wie Hans Zimmer in Hollywood lassen aus der geschickten Verbindung von Bild und passendem Ton, der gerne auch im 20-Hertz-Bereich angesiedelt sein kann, bewegende Blockbuster entstehen. Der Sound bestimmt die Wirkung des Films maßgeblich mit, was zur Folge hat, dass kein Kino heute ohne ein fettes Surround-System auskommt, das die Sitze der Besucher sprichwörtlich erbeben lässt. In manche Polster werden sogar Motoren eingebaut, damit sich ein echtes, zum Tiefton passendes Vibrationsbild einstellt. Ähnlich konstruierte Armbänder für Klangfans sind erhältlich, die sich per Funk mit einer Musikanlage synchronisieren, um den Eindruck der Bässe direkt auf die Haut des Hörers zu übertragen. Musik bewegt, und tiefe Frequenzen besonders: Genau darauf beruht das berühmte Gänsehaut-Feeling, also ein akustisch ausgelöste Grundgefühl. An dieser Stelle sei noch einmal an den Musikfilm „Selena“ erinnert: Gesang, Gefühl, eine göttliche Jennifer Lopez in großer Arena – hier kommt einfach alles zusammen 😉

Bässe beim Seaside am Baldeneysee
Ein Bass muss physischen Druck haben, damit auch die menschliche Motorik angeregt wird (Bild: Detlef Hoepfner)

„Wir brauchen Bass“: Reize werden multimodal aufgenommen

Eine spontane Assoziation zu tiefen Tönen liefert dem Kenner der Hip-Hop-Szene wohl eher „Das Bo“. Mit seinem Videoclip zum Song „Türlich, türlich (sicher, Dicker)“ sorgte der Hamburger Rapper im Jahr 2000 für den Hingucker des Jahres. Doch der Refrain, „Wir brauchen Bass“, war das eigentliche musikalische Programm. Die im Video aufgetürmten Boxenberge boten den davor drapierten Models ausreichend Gelegenheit zum textilarmen Tanz: ein Meilenstein der Musikgeschichte. Das Auge hört mit, könnte man hier sagen, denn aus der Wahrnehmungspsychologie ist bekannt, dass Reize multimodal, d. h. über mehrere Kanäle aufgenommen und ganzheitlich verarbeitet werden. Wer einen Pudding verzehrt, der gelblich aussieht und schwarze Körnchen enthält, der schmeckt die leckere Vanilleschote förmlich heraus – auch wenn in Wirklichkeit nichts weiter drin ist als Farbe und Kunstaroma. Und wer eine große Lautsprecherbox sieht, bei der die Membran vibriert und die Tänzerin davor rhythmisch wackelt, der wird sich im Wummern, das er hört, auch visuell bestätigt sehen. Man denke hier nur an die Tuning-Szene, die Autos so mit Bass-Boxen aufmotzt, dass am Ende der ganze Wagen vom Boden abhebt, wenn die Anlage aufgedreht wird: tiefe Töne brauchen ordentlich Hub. Aber genau das ist ja auch die gewollte Botschaft. Size matters – auch in der Akustik.

Und hier liegen die Potenziale: Akustische Reize müssen nicht isoliert übertragen werden. Schon die gute alte Lichtorgel aus dem Partykeller begleitete Bässe mit wechselnden Lichtbewegungen. Tatsächlich gibt es Menschen (Synästheten), die von Geburt an Farben „hören“ können. Zuletzt stellte sogar Peugeot ein Auto vor, dessen komplette äußere Lackierung sich auf die Musik einstellt, die aus der Soundanlage kommt. Bei sanften Beats gleitet man z. B. in Rot über den Asphalt, bei Drum ’n’ Bass dann in Dunkelblau. Mood-Paint nennt sich das Verfahren. Gerade die Emotionalität tiefer Töne bietet sich an, sie mit begleitenden Erlebnisreizen aufzuladen. Musikevents könnten von kreativen Kombinationen solcher Art ebenfalls profitieren.

Unter ästhetischen Aspekten sieht die Sache natürlich anders aus. Farben sind Geschmackssache. Und auch große Boxen liefern zwar einen guten Bass, nehmen aber viel Platz weg, sind unhandlich und stören mitunter das gesamte Raumgefüge. Hausfrauen, so wird berichtet, können mit akustischen Ungetümen im Wohnzimmer meist weniger anfangen als ihre audiophilen Ehemänner. Manche Hersteller von Lautsprecherboxen drehen das Prinzip daher um. Sie wollen den Hörer damit überraschen, dass auch kleine Gehäuse gut klingen können. Kritiker bezweifeln das, und sprechen von „Brüllwürfeln“. Damit es mit dem Musikgenuss dennoch klappt, wird aber nicht die Physik überlistet, sondern das Hörverhalten des Menschen genutzt. Dabei geht es weniger um technische Kennzahlen von Boxen und Verstärkern, sondern um das subjektive Klanggefühl, das sich beim Hörer einstellt. Und da der Mensch in seiner Wahrnehmung ohnehin beschränkt ist, kann man psychologisch gesehen durchaus einige Frequenzen betonen und andere weglassen, ohne dass das Hörgefühl leidet. Dieses Soundtuning ist das Ergebnis praktischer Psychologie, wie sie auch das MP3-Format nutzt: manche Töne fehlen eben in der Musik, ohne dass es dem Durchschnittshörer auffällt. Und für Menschen, die den Bass etwas vermissen, gibt es an der Stereoanlage lange schon die Loudness-Taste: Sie gleicht die Pegel an, verstärkt gezielt die tiefen Töne, die beim natürlichen Hören in der Lautheit schon einmal untergehen.

Zitat Thomas Jendrosch
“Beim Hörverhalten des Menschen geht es weniger um technische Kennzahlen von Boxen und Verstärkern, sondern um das subjektive Klanggefühl, das sich beim Hörer einstellt.” (Bild: Detlef Hoepfner)

Im Alltag ist übrigens längst zu beobachten, dass Musik von vielen Menschen nur noch beim Autofahren so richtig intensiv und laut gehört wird. Wenn man sich als Produzent darauf einstellt, und ein Song im Auto gut klingt, dann ist er in der Regel auch frequenztechnisch perfekt abgemischt. Mit physikalischer Korrektheit und tontechnischen Idealen hat das natürlich wenig zu tun. Aber darauf kommt es wahrnehmungspsychologisch auch gar nicht an: Am Ende ist es allein das subjektive Hörerlebnis, das zählt.

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