A Kind of Magic

Technik-Umbau: Cirque du Soleil im Theater am Potsdamer Platz

Ein bestehendes Theater nutzen? Das war für den Cirque du Soleil, der sonst selbst neu baut, echtes Neuland. Seit Oktober 2025 spielt der Cirque du Soleil die Show „Alizé“ im Theater am Potsdamer Platz. Die auf zehn Jahre angelegte Residence-Show bedurfte eines großen Umbaus innerhalb von rund fünf Monaten – der Spagat zwischen Bestand und Neuinstallation stellte nicht zuletzt beim Rigging eine Herausforderung dar.

Cirque-Bühne(Bild: Anne-Marie Forker)

Das Theater am Potsdamer Platz – ein Musical-Theater – teilt sich eine gigantische Dachkonstruktion mit der Spielbank nebenan. Beide Gebäude wirken wie zwei grob gespiegelte Teile einer überdimensionalen Doppelhaushälfte. Kleine Fußgängerbrücken bieten Übergänge über einen vorgelagerten Teich und Besuchende gelangen so in die beiden Gebäude – und damit seit Ende 2025 in die erste feste Show des Cirque du Soleil in Europa.

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Musical-Theater wird langjährige Soleil-Residenz

Das Theater wurde 1998 gebaut, es ist mit 1.754 Plätzen eines der größten Theater in Deutschland. Bislang gastierten dort unter anderem „Der Glöckner von Notre Dame“, das Abba-Musical „Mamma Mia!“, „Cats“ oder die Blue Man Group. Seit Oktober 2025 hält nun der Cirque du Soleil mit seiner Produktion „Alizé“ Einzug – als dauerhafte Residenz, die zunächst auf zehn Jahre angelegt ist, mit einer Mindestspieldauer von drei Jahren. Unter dem Theater befindet sich noch der „Punchline Club“, Comedy und Varieté, ein kleinerer Theatersaal – praktisch ein „Theater im Theater“. Davon abgesehen findet üblicherweise nur „Alizé“ statt. In der Produktion sind 45 Menschen auf der Bühne angestellt, dazu rund 50 im sonstigen Betrieb.

Eingang
Das Theater am Potsdamer Platz, gekoppelt an das Gebäude einer Spielbank (Bild: Nicolay Ketterer)

Das dauerhafte Gastspiel ist die erste europäische Residence-Show des 1984 in Montreal gegründeten Cirque du Soleil, der mit anspruchsvoller Artistik einen entsprechenden Ruf aufgebaut hat. Ansonsten ist der Zirkus mit eigenen Zelt-Shows oder Tour-Produktionen unterwegs, in Las Vegas und Los Angeles wurden eigene Gebäude für Residence-Shows errichtet. „Hier am Potsdamer Platz ist es weltweit das erste Mal, dass Cirque du Soleil ein Bestandsgebäude nutzt“, erklärt Florian Mett-Dienel, der als Projektingenieur für den Berliner Dienstleister BigRig für das Rigging zuständig ist. „In Europa existieren nicht viele Häuser, die dafür infrage kommen, daher hat sich das Theater am Potsdamer Platz angeboten. Normalerweise bauen sie ihre Theater selbst, um sie für ihre Show anzupassen.“ Der Bestand brachte entsprechende Herausforderungen beim Umbau mit sich – dazu gleich mehr.

Magic-Schild
Nicht alles darf fotografiert werden … „Magic“, wie Mett-Dienel augenzwinkernd kundtut – das Thema wird auch im Backstage-Bereich aufgegriffen (Bild: Nicolay Ketterer)

Umbau für die Berlinale

Eine weitere Besonderheit: Der Theaterbetrieb teilt sich seit dem Jahr 2000 das Haus mit der Berlinale. Die Location dient im Februar als Hauptspielstätte für die Internationalen Filmfestspiele Berlin. „Hier existiert eine Spielpause, in der die Berlinale als zweite Show eingebaut wird. Das liegt daran, dass das Theater als Bestandsgebäude für die Stadt wichtig ist.“ In der Folgewoche beginnen sie, auszubauen und die Berlinale einzubauen – und danach wieder umgekehrt. „Das werden wir jedes Jahr machen.“

Zuschauerraum
Zuschauerraum von der Bühne aus der oberste Rang wird nicht bespielt, da er sich für die optisch Wirkung weniger eignet (Bild: Nicolay Ketterer)

Artisten-Show fast ohne Worte

Worum geht es in der Show? Alizé, die verträumte Hauptfigur, blättert sich durch ein Bilderbuch und entdeckt die Welt neugierig über verschiedenen Stationen. „Es geht viel um Wind, Leichtigkeit und Magie“, erklärt Florian Mett-Dienel. Das bilde einen losen Rahmen für die einzelnen Auftritte der Artisten. „Es ist kein Theaterstück, sondern eine Zirkus-Show, die technisch auf Steroide gepackt wurde und mit höchstem Perfektionismus ausgeführt wird. Es gibt eine Pre-Show; eine Harfe und eine Sängerin spielen an verschiedenen Punkten im Raum. Es geht dezent los, dann kommt ein Clown rein, weitere Tricks – „das geht plänkelnd los, auf einmal ist die Show da. Der Clown sagt als einziger drei, vier Worte und hat dazu ein Ansteckmikrofon. Ansonsten kommt die Show ohne gesprochenes Wort aus. Ein Singsang von zwei Feen findet statt. Ansonsten ist es eine Show, die von der Bildsprache leben will.“ Die vorproduzierte Musik mit Soundeffekten, komponiert für die Show, ist auch ohne Gesang gehalten, erzählt er. „Selbst wenn bei Cirque-Shows Gesang vorhanden ist, sind das immer Fantasieworte, um es universell und international zu halten.“

Maschinenraum
Neu organisierter Maschinenraum über der Bühne Die ursprünglichen Winden-Positionen und Umlenkrollen passten für die Show nicht (Bild: Nicolay Ketterer)

Bestand bis ans Limit ausgereizt

Die Show wurde an das Bestandsgebäude angepasst, aber nicht herunterskaliert. „Das hat uns als technische Planer vor Herausforderungen gestellt, weil wir das Gebäude bis ans Limit ausreizen wollten, was etwa die Lastkapazitäten im Dach angeht. Letzte Woche hat beispielsweise der Statiker angerufen und gefragt, wie es mit der Schneelast auf dem Dach aussieht. Es ist alles im grünen Bereich, aber wir sind schon an der Grenze des Möglichen“, so Florian Mett-Dienel.

Sein Kollege Willem Catianis, der als Production Rigging Manager im Berliner Theater für Cirque du Soleil arbeitet, spricht den Bestand an: Die alten Stahlträger seien natürlich benutzbar, aber für die Anforderungen nur bedingt geeignet. „Wir hatten viele Meetings und im Vorfeld alles geplant. Aber wenn du dann reinkommst, gibt es Herausforderungen, die keiner auf dem Schirm hatte.“ Mett-Dienel erwähnt etwa Bestandswinden auf dem Schnürboden, die auch weiter genutzt werden sollen. „Sie wurden überholt. Das hat Cirque bislang nie vorher gemacht – sonst bauen sie immer ihre eigenen ein.“ Das gelte ebenso für Umbauten: „Wenn sie etwas an der Wand brauchen, setzten sie bei Cirque normalerweise Dübel. Hier mussten wir erstmal nachdenken: Können wir dort Dübel setzen? Funktioniert das für den Bestand? Interessanterweise hatten wir den ursprünglichen Statiker des Gebäudes zur Verfügung, und haben noch einen weiteren Statiker dazugeholt.“

Dass das Gebäude recht „jung“ ist, sei einer der Gründe für die Entscheidung bei Cirque du Soleil für den Standort gewesen, gibt Willem Catianis zu bedenken: „Mit einem älteren Theater wie dem Londoner West End hätte das nie funktioniert. Wir sind darauf angewiesen, dass wir eine vernünftige Stahlkonstruktion haben, Sachen hängen und Personenflug realisieren können, verbunden mit den Kräften, die dort auftreten.“ Bei Artistik träten üblicherweise Dynamikfaktoren von 3 bis 7 auf – sprich, Eigengewicht der Darsteller mal den entsprechenden Faktor, erklärt er.

„Donut“ durch ein breites, innen beschichtetes Stahlrohr wird ein Tuch an einem Seil nach oben gezogen (Bild: Nicolay Ketterer)

Per Quereinstieg zum „Stunt Rigging“

Willem Catianis kam als Quereinsteiger aus dem Event-Bereich in die Branche. Er begann 2008 mit dem Musical „Tarzan“, hat sich seitdem auf Personenflug, ‚Stunt Rigging‘, spezialisiert, im Laufe der Zeit das IRATA Level 3 erworben – die Qualifikation für seilunterstützte Höhenzugangstechniker – und seinen Meister in Veranstaltungstechnik gemacht. „In Hamburg hatte ich schonmal eine Cirque-Show gemacht und dadurch gute Kontakte – über einen Freund wurde ich dann im Sommer 2024 für die Show hier angefragt. Im Dezember 2024 begann die Planung der Show. Ich war zwei Monate in Montreal, habe dort die Show mit entwickelt und designt, in einem Team aus 55 Leuten. Das Headquarter besteht aus mehreren riesigen Hallen außerhalb von Montreal, mit einem Hotelbereich für Künstler und Techniker, dazu riesige Werkstätten für alles – dort können die Big-Top-Zelte aufgebaut werden“, erzählt er begeistert. „Seit April 2025 war ich hier fest im Haus.“

Cart
Projektor-Cart als Stahl-Sonderbau, die per Pin-Verriegelung immer an derselben Stelle auf der Bühne platziert werden können (Bild: Nicolay Ketterer)

„Wir wussten nicht, was uns erwartet.“

Sein Kollege Florian Mett-Dienel machte ursprünglich eine Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik. „Irgendwann dachte ich mir: Das kann’s noch nicht gewesen sein – und entschied mich, den Ingenieur für Veranstaltungstechnik zu studieren. Während des Studiums bin ich bei BigRig reingerutscht.“ Nach dem Studienabschluss machte er einen Bauingenieurs-Master. „Ich bin praktisch ausgebildeter Statiker und leite die Ingenieursabteilung bei BigRig.“ Zu seinen bisherigen Highlights zählte der European Song Contest 2024 in Malmö, wo er ein digitales, drahtloses Lastmesssystem verwaltete, zudem macht er im Sommer beispielsweise Festivals als Headrigger, etwa „Hurricane“ oder „Highfield“, dazu viele Festinstallationen. 2024 fand eine Helene Fischer-Tour in Zusammenarbeit mit Cirque du Soleil und Live Nation statt. „Cirque war sehr zufrieden mit uns auf dieser Tour.“ Bei der Ausschreibung war Cirque du Soleil interessiert, dass BigRig teilnahm – sie gewannen am Ende auch. „Für uns war das blauäugig – wir wussten absolut nicht, was uns hier erwartet“, meint er schmunzelnd. „Am 1. Juni sind wir hier eingezogen. Das war das anspruchsvollste Projekt, das ich bis jetzt umgesetzt habe, aber auch das, bei dem ich am meisten gelernt habe. Es waren so viele ‚Premieren‘ auch für Cirque – das erste Mal im bestehenden Haus, und so weiter. Da mussten ständig Sonderlösungen gefunden werden.“

Verspiegelte Trampolinwand
Verspiegelte Trampolinwand im Backstage-Bereich – die Artisten springen von oben herunter, laufen dann an der Wand hoch und springen wieder ins Trampolin rein; an den Seiten laufen LED-Scripts (Bild: Nicolay Ketterer)

Individuelle Zirkus-Show

Die Premiere ging am 23. Oktober 2025 über die Bühne, bis zu unserem Treffen im Januar 2026 fanden gut 80 Shows statt. Der oberste Rang bleibt dabei ungenutzt, da die Show im Saal am besten funktioniert, so Willem Catianis. Damit verbleiben rund 1.500 Plätze.

Was macht die einzelnen Darbietungen aus? Willem Catianis: „Du hast viele besondere Talente hier. Bei einem Musical sind die Leute in der Regel austauschbar. Die Hauptdarstellerin oder der Hauptdarsteller existiert drei oder vier Mal. Hier ist das alles auf die einzelnen Leute zugeschnitten. Wir haben einen Hochseil-Artisten – seine Tricks kann nur er machen. Wenn er krank ist, fällt der Teil aus. Hier sind es krasse Einzelbegabungen. Unser Leiter-Artist zum Beispiel.“ Ein Artist brauche beim Cirque du Soleil eine eigene Besonderheit, fasst er zusammen. „Bei einer Show in Las Vegas, die seit 20 Jahren läuft, sind einzelne Artistinnen und Artisten von Anfang an dabei. Sie werden trainiert, auf sie wird aufgepasst, sie werden nicht ‚zerschossen‘. Da wird auf das Menschliche geachtet – ein ganzheitliches System.“

Weltweit sind 4.000 Menschen bei Cirque du Soleil beschäftigt. „Es ist ein großer Konzern, mit entsprechenden Konzernstrukturen“, erklärt Mett-Dienel. „Dadurch brauchen Entscheidungen manchmal länger, als man es in unserer Branche gewohnt ist. Das kann auf den ersten Blick etwas irritierend sein – gleichzeitig wissen sie durch die Erfahrung genau, was sie tun.“ Ein Vorteil der großen Struktur: Es seien sehr viele kreative Köpfe vorhanden, dazu viel Entwicklungs- und Manpower. „Ich habe noch nie erlebt, dass eine Produktion einen so hohen Qualitätsanspruch hatte.“

Regie
In der Regie – hier bei der Lichttechnik – sind Backstage-Situationen sichtbar, um gefahrlos Show-Abfolgen zu steuern (Bild: Nicolay Ketterer)

Tägliche Tests

Montags und dienstags herrscht keine Spielzeit, mittwochs bis sonntags finden insgesamt acht Shows statt. „Im Gegensatz zu anderen Theatern haben wir eine ‚Day Shift‘, eine Maintenance-Crew, die sich um die gesamte Wartung kümmert.“ Zum Sicherheitskonzept gehört, dass sie jeden Tag die Maschinen anfahren und den Nullwert überprüfen, erklärt Catianis, „damit die Maschine weiß, wo sie ist.“ Das gesamte Personen-Flugsystem und die Bungee-Gurte werden täglich geprüft werden. Die Seile kontrollieren sie ebenfalls haptisch und visuell, ebenso werden Spleiße, Karabiner und Drehgelenke auf Funktion überprüft und kontrolliert. „Ein riesiger Aufwand, er wird auch dokumentiert, aber sehr wichtig für unsere persönliche Sicherheit. Bei uns ist alles mit einem Seil realisiert, da darf ja nichts schiefgehen.“ Wenn die Künstler über Publikum fliegen, existiert beispielsweise eine doppelte Sicherung per Bungee-Seil. „Obwohl es sehr nach ‚High Risk‘ aussieht, die Leute mit viel Dynamik durch den Saal knallen, ist alles sehr fein austariert. Die Seile sind auch sehr haltbar, obwohl es nur 6-Millimeter-Strippen sind.“

Florian Mett-Dienel (links) und Willem Catianis
BigRig-Ingenieur Florian Mett-Dienel (links) und Willem Catianis, Production Rigging Manager für Cirque du Soleil (Bild: Nicolay Ketterer)

Seilabsicherung ist essenziell

 Auch bei anderen Artistik-Nummern ist die Absicherung per Seil essenziell: „Das sind Dinge, bei denen wirklich etwas passieren könnte – wenn jemand einen Handstand auf einer sechs Meter hohen Leiter macht, könnte auch mal was schief gehen.“ Bei der Show kam das Seil noch nicht „rettend“ zum Einsatz, aber bei den Proben, meint Willem Catianis. „Es gibt durchaus immer mal wieder Verletzungen.“ Das sei unvermeidbar, gibt Mett-Dienel zu bedenken. Das sind Artisten auf höchstem Niveau, die das ‚leben‘ und an ihr absolutes Limit gehen.“ Es sei, „die Gratwanderung, die Cirque so berühmt gemacht hat“ – man gebe sich sehr viel Mühe, ans Limit der Leistungsfähigkeit der Technik und der Leute zu gehen, und dabei trotzdem so viel Sicherheit wie möglich zu bieten. „Cirque schickt die Artisten relativ zeitig in Rente – und auch wenn sie verletzt werden, werden sie ihr ganzes Leben von Cirque versorgt. Gerade für ein kanadisch-amerikanisches Unternehmen ist das nicht selbstverständlich.“

Was die Technik betrifft: Wie sieht ein Sicherheitskonzept konkret bei einem der Kunststücke am Seil aus?. „Wir haben einen Strap-Act, also mit Handschlaufe – zwei Leute, die durch den Saal fliegen. Dazu gehört gleich ein Sicherheitskonzept: Was passiert, wenn der Motor komplett ausfällt, wir keine Bremsenentlüftung mehr machen können und die Leute rausholen müssen? Aus der Handschlaufe müssen sie innerhalb von zwei Minuten befreit werden können. Wenn sie noch bei Bewusstsein sind, können sie sich hochziehen und in die Schlaufe reinsetzen. Wenn sie bewusstlos hängen, wäre das anders. Wir gehen immer vom Worst Case aus – das wird so nicht passieren. Aber trotzdem müssen wir darauf vorbereitet sein. Du kannst im Publikum keine Leiter aufbauen oder mit dem Leiterwagen rein.“ In dem Fall fände die Höhenrettung per Seil und Gurt über eine eigens dafür ausgerüstete Traverse statt.

Lüfter
„Tornado-Lüfter“ zwischen Bühne und Grid für einen kräftigen Wind-Effekt (Bild: Nicolay Ketterer)

Adaption auf die deutsche Rechtslage

Zurück zum Anfang: Wie war das bei der Planung mit Cirque du Soleil und dem Thema Sicherheit in Deutschland? „Als Cirque auf uns zu kam, meinten sie von Anfang an, sie wissen, dass es in Deutschland sehr hohe Sicherheitsstandards gibt“, erklärt der Ingenieur. „Ein Teil des Rigging-Jobs bestand darin, als ‚Moderator‘ zwischen Cirque und den deutschen Sicherheitsstandards zu beraten. Deutschland hat weltweit den höchsten Standard, zumindest über alles gesehen. Cirque hat sich auch zeitig Experten ins Boot geholt, zum Beispiel Oliver Leigers als Sachverständigen für maschinentechnische Einrichtungen. Wir haben am Ende immer passende Kompromisse gefunden, um die Ansprüche entsprechend umzusetzen. Das waren für uns beide die Hauptherausforderungen.“ Als Beispiel nennt er die Safeties – Sicherheits-Stahlseile – an vielen Scheinwerfern, die zwar den kanadischen, aber nicht den deutschen Standards entsprachen. „Hier wurden dann kurzfristig mit unserer Unterstützung hunderte neue Safeties beschafft.“

»Alles wurde unter Nutzung von Seilzugangstechnik installiert – selbst Stangen wurden im Seil hängend gestrichen.«

Florian Mett-Dienel | Projektingenieur BigRig

Eine mindestens ebenso große Herausforderung stellte der Zeitraum von Juni bis Oktober dar, in dem grundlegende Arbeiten im Bestand stattfanden: „Wenn man das mit Musical-Theatern vergleicht, hatten wir viel Zeit“, erklärt Catianis, „aber gemessen daran, was gemacht wurde, war es wenig: Wir haben den gesamten Bühnenboden und die Unterkonstruktion ausgetauscht, Flugsysteme und zwei Lifte – sogenannte Hubpodien – eingebaut, dazu das Portal der Bühne von 18 auf 14 Meter verkleinert. Die gesamte Bebauung ist reingekommen.“

Ein Wermutstropfen: „Zum Einbau ist erstmal der Fahrstuhl ausgefallen – drei Wochen lang“, erinnert sich Mett-Dienel lakonisch – eine geplante Wartung. Eine Besonderheit fand indes beim Einbau statt: „Alles wurde unter Nutzung von Seilzugangstechnik installiert – selbst Stangen wurden im Seil hängend gestrichen.“ Im Theater konnte man keine Gerüste aufbauen – was einen der Dienstleister überraschte, der nicht auf die Arbeit am Seil vorbereitet war. Zu dem eingebauten Equipment zählt auch ein System, das aus 250 fliegenden Lichtern an DMX-Winden im Saal besteht, die verschiedene Farben darstellen können und bis zu zwölf Meter in der Höhe verfahrbar sind. Sie ermöglichen Wellenbewegungen im Licht, so Mett-Dienel.

Beschallungsanlage
Das Main-Array der Beschallungsanlage ist hinter einer Verkleidung angebracht (Bild: Nicolay Ketterer)

Meyer Sound LCR

Hinsichtlich der Beschallung ist für den Berlinale-Betrieb ein Atmos-System nötig. Dazu existierte bereits eine Anlage aus Alcons-Lautsprechern, in der Front kommt nun ein Meyer-Sound-System mit Links-Center-Rechts-Beschallung zum Einsatz, das mit den restlichen Alcons-Lautsprechern als Atmos-System eingemessen und von Cirque du Soleil immersiv genutzt wird. „Auf der Bühne kommt das Main-Array durch eine akustisch transparente Verkleidung, die von Studio Hamburg gebaut wurde“, erläutert Mett-Dienel. „Wir mussten die Lautsprecher sehr exakt positionieren – es ist akustisch nicht ganz so leicht hier drin“, gibt Mett-Dienel zu bedenken. Ursprünglich waren an der gesamten Decke Absorber gehängt, die aus Platzgründen ausgebaut werden mussten. Über eine entsprechend angepasste Positionierung der Lautsprecher sei das gewünschte Ergebnis erreicht worden.

 

»Klar gab es hier Bestandspläne. Die Frage ist allerdings immer, stimmen sie auch zu 100%? Ist alles gerade, was im Plan gerade ist?«

Florian Mett-Dienel

geschlossener Bühnenkasten
Blick auf den geschlossenen Bühnenkasten Die komplette Deko um die Bühne in hellblau wurde für die Show eingebaut (Bild: Nicolay Ketterer)

3D-Modell vom Haus erstellt

Wie sind sie vor dem Einbau der Installationen vorgegangen? Zu Beginn der Arbeiten scannte BigRig das gesamte Haus mit einem 3D-Laserscanner. „Wir haben Cirque das Ergebnis als Modell bereitgestellt, damit sie eine bessere Planungsgrundlage hatten“, erinnert sich Florian Mett-Dienel. „Klar gab es hier Bestandspläne – das Haus ist noch nicht so alt. Die Frage ist allerdings immer, stimmen sie auch zu hundert Prozent? Ist alles gerade, was im Plan gerade ist? Um das zu überprüfen und nachzuweisen, wurde das Geld investiert. Im Nachhinein wurde auch alles, was hier verbaut wurde, vernünftig in der 3D-Software erfasst. Die Datei ist gigantisch groß – jeder ärgert sich immer, weil sie fast zu groß ist, um damit noch zu arbeiten.“

„Die Punktwolke, die ich erzeugt habe, liegt im Terabyte-Bereich. Die Datei, mit der du arbeitest, liegt im 2- bis 5-Gigabyte-Bereich. Das ist viel, weil sie im Arbeitsspeicher vorgehalten werden muss. Für einen Plan, in dem eigentlich nur Striche drin sind, ist das riesig. Da ist Cirque auch sehr modern, das war eine tolle Zusammenarbeit mit allen Online-Tools, die es so gibt, es wurde in der Cloud gearbeitet.“

Cirque du Soleil nutzt beispielsweise Microsoft SharePoint, ergänzt Willem Catianis. „Für die ganze Ordnerstruktur bekommst du einen Lehrgang, sodass alle immer passend ablegen. Die Dokumentation ist sehr gut ausgearbeitet, sodass es aus verschiedenen Teilen der Welt zusammen funktioniert – das habe ich im Theaterwesen bisher so nicht erlebt.“

Wo steht das Konzept des 3D-Scans in der Rigging-Branche? „Es kommt immer mehr. Wir waren, glaube ich, die erste Rigging-Firma in Deutschland, die das so angeboten hat“, so Mett-Dienel. „Wir haben vor der Pandemie den Scanner gekauft und bestimmt 20 bis 30 Hallen in Deutschland gescannt. Wir nutzen es für unsere 3D-Rigging-Planung, und wenn der Kunde ein Gesamtmodell der Halle möchte, bieten wir das als Leistung an. Hier wurde es direkt angefordert – das ist noch nicht so angekommen bei vielen Kunden, weil die Erstellung eines detaillierten Modells sehr aufwändig und kostenintensiv ist – aber es ist im Kommen. Wir haben in Deutschland viel Bestand an Veranstaltungshallen, und auch Industriehallen, die zu Veranstaltungshallen umgenutzt werden, da stimmen oft die Maße nicht in den Plänen. Oder nimm eine Lokhalle aus dem 19. Jahrhundert – da findest du keine Pläne mehr.“

Eng getakteter Betrieb auf der Bühne

Das Rigging auf der Bühne ist eng verbaut. „Wir haben viele Dinge, die aneinander vorbeifahren müssen“, erklärt Catianis und zeigt über der Bühne auf LED-Wände, die dicht nebeneinander gehängt sind. Eine Herausforderung der Show besteht laut Mett-Dienel auch darin, dass Umbauten schnell genug funktionieren. Auf den Seitenbühnen stehen große Deko-Elemente. „Der Unterbau ist Stahlbau von Studio Hamburg, mit einem Druckluftsystem, dadurch sind sie rollbar.“ Das sei typisches für Cirque du Soleil, ergänzt Catianis, weil die Elemente einerseits für die Akrobatik sehr fest stehen müssten, andererseits auch Verfahrbarkeit gewährleistet sein müsse. Er demonstriert das kurze Aufpumpen, bei dem der Unterbau um rund zwei Zentimeter angehoben wird, und anschließend das Ablassen, das mit einem deutlichen Zischen die Luft entweichen lässt.

Maschinenpark unter dem Dach

Weiter oben, unter dem Bühnendach, befindet sich einer der Grid-Böden mit dem Maschinenpark aus Motoren und Seilwinden. Der Boden gibt den Blick auf den rund 26 Meter tiefer liegenden Bühnenboden frei – nur bedingt für Menschen geeignet, die nicht schwindelfrei sind. Die ursprünglichen Winden-Positionen und Umlenkrollen haben für die Show nicht gepasst, rekapituliert Mett-Dienel. „Wir haben wirklich alles geschoben – und jede einzelne Schraubverbindung ausgetauscht. Während des Umbaus hat sich herausgestellt, dass die bisherigen Metallbau-Verbinder nicht mehr zulässig waren. Der Austausch hat viel Geld gekostet und war sehr unangenehm – aber das passiert! Wir haben den Produktingenieur des Stahlbau-Herstellers hergeholt und noch andere Meinungen eingeholt. Dabei haben wir super viel gelernt.“ Insgesamt sind 140 Seilzüge verbaut.

»Wir erzeugen bei einer Nummer einen echten Tornado auf der Bühne. Bis Reihe 15, 16 im Saal spürst du den Wind.«

Willem Catianis | Production Rigging Manager

Lüfter
„Tornado-Lüfter“ zwischen Bühne und Grid für einen kräftigen Wind-Effekt (Bild: Nicolay Ketterer)

„Mikro-Klima“ mit eigenem Tornado

Ein Blick durch das Grid zeigt den „Tornado-Lüfter“, etwa auf halber Höhe zwischen Bühne und Dach: „Wir erzeugen bei einer Nummer einen echten Tornado auf der Bühne. Bis Reihe 15, 16 im Saal spürst du den Wind“, erläutert Willem Catianis. Über Nebel wird der Luftstrom sichtbar gemacht. „Für den Tornado müssen wir sehr genau auf unseren Luftfluss im Haus achten. Deswegen müssen wir die ganzen Türen zu halten.“ Sonst breche der Effekt mitunter zusammen. „Alle Lüfter müssen einen solchen Sog erzeugen, dass sich dieser Tornado bildet. Da haben wir nächtelang programmiert.“

Baum-Deko
Wurzelbereich einer Baum-Deko von Studio Hamburg. Mett-Dienel. „Der Baum steht mitten auf der Bühne – die Zuschauer würden das auf die Entfernung nicht wahrnehmen, wenn er schlechter modelliert wäre – trotzdem war das der Anspruch von Cirque.“ (Bild: Nicolay Ketterer)

„Normalfall“ Sonderbau

 „Alles, was im Dach verbunden ist, ist Stahl-Sonderbau“, gibt Mett-Dienel zu bedenken. Das lasse sich in dem Fall schnell realisieren, weil BigRig Ingenieure angestellt habe, wie er auch einer ist. „Die Seile sind maßgefertigt auf Länge. Ketten, die sich einkürzen ließen, waren nicht gewünscht, weil sie klappern.“ Eine weitere Besonderheit: „Wir haben alle Anschlagmittel mattschwarz lackiert. Im Haus war eine Lackierkabine vorhanden.“ Es gehe darum, dass in dem Bereich über dem Publikum Licht geschluckt werde. „Interessanterweise ist schwarzes Anschlagmaterial beim Rigging selten erhältlich – vermutlich, weil es sich schnell abnutzt. Hier ist es anders, weil es einmal eingebaut wird und dann hängt.“ Dazu fielen viele Kleinigkeiten an – wie der sogenannte „Donut“ beim Maschinenpark: ein breites, innen beschichtetes Stahlrohr, durch das ein Seil durchläuft. „In dem Fall macht ein Künstler Tuchakrobatik, und an dem Seil wird ein Tuch nach oben gezogen.“

Zu den Sonderlösungen auf der Bühne verweist Florian Mett-Dienel auf Projektor-Carts als Stahl-Sonderbau von BigRig. „Es gibt Projektoren, die auf der Bühne immer an derselben Stelle stehen müssen. Dazu haben wir uns die Carts ausgedacht, die eine Pin-Verriegelung haben, mit dem passenden Gegenstück auf der Bühne.“

Breite Kamera-Abdeckung zur Sicherheit

An den Carts befindet sich eine Kamera – eine von vielen hinter der Bühne als Teil eines CCTV-Systems. Der Inspizient, der die Cues gibt, sehe darüber viele Blickwinkel. Es gehe darum, sicherzustellen, dass sich niemand im Gefahrenbereich befindet, sowie um Nachverfolgung, falls ein Unfall passiert. „An den neuralgischen Punkten steht zudem immer jemand und erteilt zusätzlich eine gesprochene Freigabe. Es darf nichts gefahren werden, was nicht gesehen wird.“ Die Show liegt nicht komplett auf einem Timecode – im Gegensatz zu einer Theatershow können sich Abläufe ändern, so Mett-Dienel. „Wenn zum Beispiel ein Sprung beim ersten Mal nicht klappt, wird er nochmal probiert. Dann gibt es wieder ein ‚Go‘. Du kannst auf die Künstler achten, das finde ich spannend: Bevor die etwas Gefährliches machen, bleiben sie immer einmal stehen und atmen einmal durch, und dann legen sie los. Sie haben sich das antrainiert, alles kurz im Kopf durchzugehen, ob alle Voraussetzungen bereit sind. Sie nicken sich auch alle einmal zu, dass alle wissen, es funktioniert für alle, und dann wird erst gesprungen. Das fühlt sich als Zuschauer wie eine Zirkusfamilie an, die Erfahrung in dem Business hat.“

Regie
In der Regie – hier bei der Lichttechnik – sind Backstage-Situationen sichtbar, um gefahrlos Show-Abfolgen zu steuern (Bild: Nicolay Ketterer)

Gemeinschaftsprojekt mit 6-Tage-Woche

Wie fasst er selbst das Arbeiten auf der ungewöhnlichen Baustelle zusammen? „Viel Flexibilität war erforderlich – weniger Arbeiten nach Plan, sondern adaptieren, weil man jeden Tag einen neuen Plan machen musste. Wir haben hier fünf Monate als ‚Familie‘ teils stressige Zeiten durchlebt, das hat zusammengeschweißt und auch Freundschaften sind entstanden.“ Das hat viel Spaß gemacht.“ Ein Nachteil: Catering gab es keins, „das macht Cirque tatsächlich nicht. Stattdessen hat Emily Meyer, die ‘Director of Theatre Integration’ über einen Taco-Truck oder einen Fahrrad-Kaffeeausschank Abhilfe geschaffen und damit erfolgreich die Moral aufrechterhalten.“ Bigrig bestellte einmal die Woche Pizza auf Firmenkosten für die eigene Crew. Sie haben sechs Tage die Woche gearbeitet, im Zwei-Schicht-System. „Das muss man ehrlich sagen: Man hat’s den Leuten am Ende angemerkt. Die Stimmung wurde nicht schlechter, aber angespannter zum Ende hin, weil die Leute emotional ‚aufgekratzt‘ wurden. Wir haben alles gemacht, um das zu vermeiden, aber die Intensität des Projekts hat das nicht immer zugelassen. Dabei haben wir auch probiert, die Leute durchzutauschen. Gerade bei einer Produktion, die so detailverliebt ist, ist das allerdings kontraproduktiv.“ Für das Projekt hat er von vornherein Leute angefordert, die Lust auf das geduldige Arbeiten an dem Standort hatten – während andere beispielsweise die Abwechslung immer neuer Baustellen schätzen. „Für uns war das ein Heimspiel, das haben wir sonst nicht in dem Umfang. Das war auch eine Chance für diejenigen, die junge Familien und Kinder haben – über mehrere Monate einen geregelten Tagesablauf. Das hat vielen gut gefallen.“

»Cirque du Soleil hat uns alle eingeladen, die Show zu sehen – was nicht selbstverständlich ist. Bei Pre-Shows sollten wir unsere Meinung abgeben.«

Florian Mett-Dienel

Ein besonders positives Erlebnis: „Cirque du Soleil hat uns alle eingeladen, die Show zu sehen, was nicht selbstverständlich ist. Sie haben Pre-Shows einen Monat lang vor der Premiere gemacht, wo wir auch unsere Meinung abgeben sollten. Alle, die von uns hier gearbeitet haben, bekamen Freikarten, auch für Partnerinnen und Partner.“

Bewegt habe ihn auch eine Begebenheit in der Crew: „Ein Kollege, der normal etwas ‚rauer‘ unterwegs ist, saß neben mir. Während er die Show gesehen hat, war er verblüfft und begeistert davon, was er hier mit geschaffen hat. Das fand ich beeindruckend – wir haben gemeinsam etwas entstehen lassen, mit einem tollen Ergebnis. Das lässt einen ein bisschen den ‚Schmerz‘ der dauerhaften Sechs-Tage-Wochen vergessen.“

Er erinnert sich auch gerne an die internationale Zusammenarbeit. „Der Head of Light war aus Australien, viele Leute kamen aus England und viele aus Kanada. Die Künstler kommen sowieso aus der ganzen Welt. Die Sprache hier war Englisch, es hat viel Spaß gemacht, weil so viele Mentalitäten aufeinandertrafen.“ Wie lange die Show am Ende laufen wird – ob drei Jahre, zehn oder gar 20, muss die Zeit zeigen. Bislang sieht es gut aus, meint Florian Mett-Dienel: Die bisherigen Shows sind fast alle ausverkauft.

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