Digital-Mischpult

Test: Avid Venue S6L

Avid S6L
Master-Live-Module: alles im Überblick und im direkten Zugriff (Bild: Daniel Schindler)

Bereits seit elf Jahren arbeitet die Avid-Venue-treue Technikergemeinde mit den Profile/D-Show-Mischpulten. Dieses etablierte System wird nach wie vor vielseitig eingesetzt, man empfindet aber sowohl dessen limitierte Kanal- und Busanzahl, als auch die durch 48 kHz und das TDM-System definierte Audioqualität nicht mehr als zeitgemäß. Mit dem S6L – wenn auch nicht unbedingt als direktem Nachfolger geplant – startete Avid in seine technologische Zukunft, und nach dem Festivalsommer 2016 haben wir uns nun angesehen, wie gut sich das System in der Produktionspraxis schlägt.

Einen Vorgeschmack, wohin die digitale Mischpultreise bei Avid gehen könnte, gab es bereits mit dem Mischpult S3L, und bei der Vorstellung der neuen S6L im Frühjahr 2015 waren die Erwartungen entsprechend hoch. Während man anfangs noch von (für ein neues Produkt nicht ungewöhnlichen) Kinderkrankheiten hörte, wurde während der Festivalsaison 2016 deutlich, dass die S6L nun bei vielen Produktionen das Mittel der Wahl ist. So zeigte sich unter anderem sowohl bei Deichkind, als auch bei den Fantastischen Vier und Parkway Drive, dass das S6L Mischpult klangliche Maßstäbe zu setzen weiß. Auch die Kinderkrankheiten scheinen der Vergangenheit anzugehören. Grund genug, sich dieses System nun genauer anzusehen.

Anzeige

Die wichtigsten Avid Venue S6L Neuerungen – hier auf einen Blick

Avid-Neuland

Als Wichtigstes zu Beginn: Man betritt mit der Venue S6L zukunftsorientiertes, technologisches Neuland. Auf Grund des Fortschritts, den dieser Schritt mit sich bringt, muss man sich auf einen Schnitt (möglicherweise auch bei der Kompatibilität eigener, vorhandener Hardware) gefasst machen. Technische Neuerung sind die Umstellung auf AVB, die interne Samplerate von 96 kHz sowie die Verwendung von 64 Bit AAX DSP-Plug-ins sowie ein völlig neues Bedienkonzept der Oberfläche (unter weitgehendster Beibehaltung der bekannten Softwarestruktur). Auch die Rechenleistung der neuen Engines wurde mächtig aufgestockt. Wir betrachten das System daher aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln und liefern die jeweils wichtigen Informationen und Einordnungen auf Basis der persönlichen Erfahrungen: Für die bestehende Nutzergruppe als Fortsetzung der Avid Venue, aber auch als völlig neues Produkt (für erstmalige Avid-Nutzer). Die pure Wiedergabe der Systemfakten erfüllt die Avid-Herstellerwebsite ja bereits ganz vorzüglich.

Avid S6L 32 mit Engine
Avid Venue S6L 32 mit Engine, externem Monitor und I/Os (Bild: Avid)

Avid-Systemkomponenten: S6L-Oberflächen

Das Avid S6L-System wartet mit drei neuen Oberflächen auf, die jeweils mit beiden Varianten der zugehörigen Engines betrieben werden können: Die größte Oberfläche (S6L 32D) verfügt über vier 12,1″-Touchscreens, 32+2 Fader sowie 96 Encoder. In der mittleren Größenordnung (S6L 24D) stehen drei Touchscreens, 24+2 Fader und 64 Encoder zur Verfügung. Die kleinste Oberfläche (S6L 24) bietet einen Touchscreen, 24+2 Fader und 64 Encoder.

Avid S6L Fader
Jeder Kanalzug verfügt über Zweikanal-Meter, Gain-Reduction- und Gate-Status-Meter; die Farbgebung (z. B. für Instrumentengruppen) kann der Nutzer selbst festlegen (Bild: Daniel Schindler)

Die größte Mischpultversion S6L 32D besteht aus drei mit beliebigen Kanalzügen belegbaren Bänken, die jeweils über einen Touchscreen, 32 Encoder sowie acht Fader verfügen und dementsprechend pro Sektion/Screen eine 8er-Sektion bedienen. Zur Zeit können über den Touchscreen einzelne Features der Kanalzüge angewählt werden, die zugehörigen Parameter werden auf den Encodern darunter bedient und in farblicher Abstimmung dargestellt. Die S6L 24D verfügt über zwei Bank-Touchscreens, bei der S6L 24 wird auf die Bank-Touchscreens verzichtet. In der Master-Sektion findet der Anwender bei allen Oberflächen einen Master-Touchscreen, über den alle Inputs und Outputs direkt angewählt werden können. Die Master-Sektion verfügt ebenfalls über acht (+2) Fader. Avid tauft ihre Master-Sektion „Master Live Module“, und bietet in diesem Bereich umfassende Kontrolle über weitgehend alle wichtigen Funktionen des Mischpultes, die im Live-Betrieb bedient werden wollen. So finden sich hier die Layer-Kontrolle, Automation, Function Keys, zwei Flex-Fader sowie eine Transportkontrolle für die integrierte ProTools-Anbindung. Freunde der Potis werden beim S6L voll auf ihre Kosten kommen: Die 32 multifunktionalen Encoder pro 8er-Input-Sektion bieten einen schnellen Zugriff auf alle erdenklichen Parameter. Eine saubere Farbstruktur soll es ermöglichen, auch bei Zugriff auf mehrere unterschiedliche Features einen guten Überblick zu behalten. Die Touchbildschirme dienen lediglich der Auswahl der Parameter, die Bearbeitung erfolgt derzeit nur über die Encoder. Jeder Encoder verfügt ebenfalls über eine Push-Funktion und wird von zwei Buttons flankiert. Somit kommt eine ordentliche Anzahl an bedienbaren Parametern zusammen, die erst einmal alle im Auge behalten werden wollen.

Layer-Umschaltung
Layer-Umschaltung, Mutes und Function-Keys werden nun auch in Displays mit zugehörigen Hardware-Buttons im „Master-Live-Module“ dargestellt (Bild: Daniel Schindler)

In der Master-Sektion steht neben dem dedizierten Master-Fader Mains nun auch ein weiterer Fader bereit, der durch die Attention-Funktion jeden beliebigen Faderwert direkt widerspiegeln kann. Hierfür müssen sich Fader nicht auf dem aktuellen Layer befinden, eine Auswahl kann auch in der Gesamtübersicht im Master-Screen erfolgen. Zwei weitere Screens mit entsprechenden Hardware-Buttons dienen zur Übersicht der ‚„Global Controls“ (Mute Gruppen) und der Function Keys. Zusätzlich verfügenden die Oberflächen über acht analoge und acht AES/EBU Ein- und Ausgänge. Leider verfügt die Engine über keine weiteren analog- oder AES/EBU-I/Os, womit Freunde des Outboards ohne zusätzliches Stagerack am Mischpult schnell ihre Grenzen erreichen. Hier besteht die Möglichkeit der Anbindung von weiterem Outboard über die MADI-Karte (unter Verwendung der entsprechenden Wandler) der Engine. Die traditionell von der Venue-Serie bekannte Software befindet sich nun nicht mehr in der Oberfläche integriert, sondern auf einem externen, angedockten Touchscreen. Durch die neue „Attention“-Funktion wird neben dem traditionellen „Select“, welches nun auf die Auswahl innerhalb einer Bank beschränkt wurde, eine weitere Möglichkeit geschaffen, Kanalzüge global im Auge zu behalten. So können über „select“ Parameter eines Kanalzuges auf die Encoder zugewiesen werden, während zeitgleich ein weiterer Kanalzug auf den „Attention“-Fader und dem externen Screen zugewiesen bleibt. Jede Bank verfügt über ihren eigen select, somit kann auf mehreren Bänken unabhängig selektiert werden.

Viel Power auf wenig Platz

Das Herzstück des neuen Systems bilden die kompakten HDX-DSP-Engines E6L 192 und E6L 144 auf fünf HE. Die Ziffern 192 und 144 stehen dabei für die bearbeitbaren Input-Kanäle: Die Engine E6L 192 kann 96 Mischbusse + LCR, 32 VCAs, eine 24 × 24 Matrix und 200 Plug-in-Slots bieten. In der E6L144 werden dagegen 64 Busse + LCR, 24 VCAs, eine 16 × 16 Matrix und 125 Plug-in-Slots verarbeitet. Beide Engines verfügen in der Ausgangsabarbeitung über 7-Band-PEQ, Kompressor/Limiter, Delay, vier Plug-in-Inserts und Hardware-Insert in jedem Bus. Zusätzlich stehen 32 grafische EQs bereit. An beide Engines können abhängig von der AVB-Kartenbestückung bis zu drei Stageracks angeschlossen werden. In der Standardkonfiguration ist das S6L Plug-in-Pack enthalten, das alle zurzeit von Avid verfügbaren AAX-DSP Plug-ins enthält. Weiterhin lässt sich die Engine mit bis zu vier MADI-Karten aufrüsten, die somit pro Karte zusätzlich 64 Ins / 64 Outs bei 96 kHz bieten. Während bei den Venue-Systemen die DSP-Karten auch für das Channel-Processing und Routing zuständig waren, wird dieser Job bei der S6L von der RTX-Engine übernommen, somit stehen die HDX-192 komplett für Plug-Ins zur Verfügung.

Avid Venue S6L 24
Anschlussseite einer Avid Venue S6L 24 (Bild: Avid)

Gemeinsame Nutzung der I/Os

Das neue Stagerack Stage 64 bietet 12 I/O-Steckplätze (64 In / 32 Out), arbeitet auf 96 kHz und wird via AVB wahlweise über Ethercon (Kupfer) oder SFP (Glasfaser) an die Engine angebunden. In beiden Varianten handelt es sich über eine redundante Ringtopologie. Die Ein- und Ausgangskarten können in beliebigen Formaten nach Bedarf bestückt werden, unter anderem mit Mic/Line XLR-, AES/EBU-, Dante und ADAT-Konnektivität. Ein dualer MADI-Ausgang bietet direkte Trennung aller 64 Eingänge. Ein eingebauter Kopfhörerausgang ermöglicht das direkte Abhören der Eingangssignale am Stagerack.

Das Avid S6L-System bietet die Möglichkeit, Stageracks gemeinsam zu nutzen. Hierbei erhält das System, welches softwareseitig zuerst mit dem Rack verbunden wird, die Kontrolle über die physikalische Vorverstärkung. Auf „Slave“-Konsolen wird der Pegel automatisch kompensiert und der „virtuelle“ Gain über den normalen Gain-Regler gesetzt. Für den Nutzer an der Slave-Konsole ergeben sich daraus keine Änderungen im Arbeitsablauf. Wird die Slave-Konsole alleine an einem Stagerack betrieben, werden automatisch deren Gain-Einstellungen verwendet und identische Pegel wie im Verbund geliefert.

Standalone Avid Venue Offline-Software

Die Offline-Software ähnelt der bekannten Venue-Software und man findet schnell, wonach man sucht. Wie auch bei der Venue gibt es in der Offline-Version keinen Unterschied zur Online-Version auf dem System. Hier wurde – das Gesamterscheinungsbild ausgenommen – die bestehende Struktur fortgesetzt. Die Software erfordert eine Full-HD-Auflösung, daher lässt sie sich nicht auf allen gängigen Rechnern ausführen. Zu einer Remote-App (z. B. für das iPad) gibt es herstellerseitig noch keine Aussage, ob und wann dies zu erwarten ist. Hier kann man sich jedoch mit einem Workaround über VNC behelfen. Wie auch in der Venue-Software lassen sich zwar Plug-ins in der Offline-Version zuordnen, Parameter der Plug-ins können allerdings nach wie vor nicht editiert werden. Auch die Bearbeitbarkeit der Timecode-Steuerung der Snapshots ist nach wie vor limitiert. Ebenso können Plug-ins in der Offline-Software nicht „installiert“ werden und die verfügbaren Plug-ins werden erst nach Laden einer Show angezeigt. Nach einem „Clear Console“, beispielsweise zum Vorbereiten einer neuen Show, befinden sich keine Plug-ins in der Auswahlliste im Plug-in-Menü, auch nicht die Avid-eigenen Plug-ins. Möchte man eine Show in der Offline-Software „von Null“ vorbereiten und dabei Plug-Ins vorab zuweisen, bleibt keine andere Möglichkeit, als die angebotenen Demo-Shows zu nutzen, in denen bereits unzählige Plug-ins und Busse enthalten sind, die es gegebenenfalls zu entfernen gilt, um dann eine „aufgeräumte“ Show-Struktur zu erhalten.

Avid Venue
Vergleich zur bisherigen Oberfläche: Das S6L-System (oben) bietet eine große Vielfalt an Möglichkeiten (Bild: Daniel Schindler)
Avid Venue Übersicht
(Bild: Daniel Schindler)

Neuanlegen einer Show

In unserem Test fiel die Entscheidung, die bestehende Venue-Show nicht zu übernehmen und kompromisslos von vorne zu beginnen: Der nötige Aufwand für das Übertragen der Plug-In-Preset sowie die Suche nach Ersatzlösungen erschienen uns gegenüber dem Zeitaufwand für ein Neuanlegen als überbewerteter Perfektionismus; man weiß ja schließlich, was und wohin man will. Der Zeitaufwand einer 1:1 Übertragung auf eine S6L mit externem Plug-In Server wäre im Changeover eines Festivalbetriebs nicht vertretbar – im speziellen Einsatz als „Festivalpult“ stellt es daher aktuell noch keine Alternative zu den älteren Avid-Modellen dar, gerade die Profile hatte sich in einer Art und Weise etabliert, dass nahezu jeder Engineer eigne Files dabei hat, die nahezu ausnahmslos Waves- oder andere third-party Plug-Ins enthalten. (Weitere Tipps zum Übernehmen von Show haben wir hier parat.) Also – einmal neu:

Das Anlegen der Show braucht wenig Zeit, Patching und Beschriftung sind schnell. Vermisst wurde eine ausgefeiltere Copy/paste-Funktion. Hier sind nach wie vor der Rechtsklick auf einzelne Parameter Parametersektionen (EQ, Comp, Gate, komplett) oder den kompletten Kanalzug die möglichen Optionen. Dadurch sind sehr viele Tasten- und Button-Drücke nötig, um grundlegende Einstellungen (wie LoCut / HiCut aktiv, EQ aktiv, Compressor/Gate aktiv) über alle Kanäle vorzunehmen.

Zwar können Function-Keys mit Copy/paste-Funktionen belegt werden, die aber nicht zwangsläufig den gewünschten Funktionsumfang bieten, dabei wäre ja eine Auswahl mehrerer Parameter eines Kanalzuges über den Touchscreen wunderbar machbar.

Avid S6L
Der gesamte Kanalzug auf einen Blick als alternative Ansicht (Bild: Daniel Schindler)
Avid Venue S6L
Acht Kanalzüge werden im Touchscreen der Input-Sektionen mit allen Parametern übersichtlich dargestellt (Bild: Daniel Schindler)

Die freie Gestaltbarkeit der Layer sowie die Speicherung einer Layer-Belegung in den Snapshots erlaubt eine übersichtliche Anordnung der Kanäle und Busse. Hier kommt besonders der Touch-Screen der Master-Sektion zur Geltung, da hier sehr übersichtlich alle Kanäle und Busse per Touch angewählt werden können, inklusive Flip to Fader und Solo. Ein sehr schnelles und effizientes Feature, besonders für Monitoranwendungen. Am Ziel angekommen, ist die Audioqualität zweifelsohne hervorragend, die internen Kompressoren, EQs und Gates klingen sehr gut, auch die mitgelieferten Plug-ins aus dem S6L-Plug-in Pack legen gegenüber der bekannten TDM-Version einiger enthaltenen Plug-ins gefühlt nochmal eine ganze Ecke zu.

Einbindung in bestehende Infrastrukturen

Die Einbindung in gängige Infrastrukturen und Systeme ist aktuell (Stand Ende 2016) noch auf unterschiedlichem Fortschritt. Da die MADI-Karten derzeit über keine Samplerate-Converter verfügen, entfällt eine direkte und sofortige Anbindung an Produktionsumgebungen in anderen Samplerates ohne den Einsatz von zusätzlichem Equipment. Eine Dante-Anbindung ist als 16-Kanal-Karte im Stagerack möglich. Man könnte eine 64-kanalige Dante-Anbindung über ein komplettes Stagerack mit vier Dante-Karten realisieren, was aber natürlich praxisfern ist: In der Realität wird man sich hier eines gängigen Formatkonverters Dante/MADI (wie von SSL, Focusrite, Klark-Teknik usw. angeboten) bedienen.  Gleiches gilt für eine Dante-Anbindung am FoH, das Avid-System bewegt sich also deutlich in der AVB-Netzwerkwelt. Die Stageracks bieten die Möglichkeit, alle Inputs auf entweder 1 × 96 kHz MADI oder 2 × 48 kHz MADI auszuspielen, allerdings sind diese Ausgänge nicht an die Wordclock-Eingänge des Stageracks gekoppelt, somit entfällt die Möglichkeit der Anbindung an eine externe Clockquelle für diesen Zweck. Dies ist besonders bei einer Einbindung in Theater- oder TV-Produktionsumgebungen zu beachten – für eine Anbindung an zurzeit gängige Inhouse- oder Ü-Wagen-Systeme ist weitere Hardware nötig, die nicht zum Standardsystem gehört. Aktuell ist daher für die Anbindung an die Mehrzahl der Nicht-AVB-Systeme ein externer Format- oder Sample-Rate Converter auf MADI nötig. Externe AVB-Konverter, die von Avid unterstützt werden, existieren derzeit nicht.

Eine komplette Wiedergabe von Recordings ist einfach über AVB mit einem Mac über dessen Thunderbolt-Anschluss möglich (somit entfallen ProTools HD-Systeme oder die zugehörigen Rechner, soweit es sich um einen älteren MacPro handelt). Sollen mehr als 64 Kanäle über AVB aufgezeichnet/wiedergegeben werden, ist dies über einen aktuellen Mac Pro umsetzbar. Unsere Konzertaufnahmen mussten in 96 kHz konvertiert werden. Hier muss man dann wieder die Augen aufhalten, dass die weitere Systemumgebung dazu passt. In unserem Versuchssetup konnten wir nur 32 Kanäle über die MADI-BNC-Karte des S6L entgegennehmen, ohne Samplerate Converter oder der Möglichkeit, das Mischpult auf 48kHz zu betreiben, entfiel auch eine Anbindung an unser Nexus-System im Test-Studio.

Man muss sich also bewusst werden, dass bei einer so deutlichen technischen Umstellung auf das modernere S6L-System mehr Rahmenbedingungen bedacht werden müssen, als dies bisher bei den in der Venue-Welt einfachen Plug&Play-Systemwechseln der Fall war.

Avid Venue S6L
Alle Parameter eines Kanalzuges werden über farbig sortierte Encoder bedient, gestochen scharfe OLED-Displays garantieren die Lesbarkeit der Funktionen (Bild: Daniel Schindler)

Ergonomie und Look & Feel

Wie man von einem Mischpultsystem dieser Preisklasse erwarten kann, ist die Verarbeitung hochwertig und solide, die Screens und Displays sind hell und gestochen scharf. Die Möglichkeit, defekte Hardware-Komponenten der Oberfläche im laufenden Betrieb tauschen zu können, ist erfreulich. Auch das Metering ist bei hellem Tageslicht gut zu erkennen. Hier hält Avid alle Versprechen. Über den aktuellen Funktionsumfang der Touchscreens in der Input-Sektion kann man sicherlich geteilter Meinung sein: Das alleinige Auswählen von Parametern, welche dann über Encoder editiert werden können, gibt sicherlich noch viel Spielraum für ergonomische Innovationen, sind doch die Grafiken groß genug, um auch direkt mit dem Finger bedient werden zu können. Auch der externe Touch-Screen kann nicht auf den Master-Screen gelegt werden, somit liegen – je nach gewählter Ansicht, Oberfläche und Caselösung – zwischen angewähltem Kanal und voller Darstellung auf dem Bildschirm auch gerne mal 1,5 m Distanz. Wichtige Informationen sind so nicht unmittelbar schnell ersichtlich, während auf der Oberfläche unter Umständen 96 Encoder-Displays Informationen und Bedienmöglichkeiten auf mehreren Ebenen bieten. Die individuelle Schaltbarkeit der Encoder-Sektionen pro Block bringt eine große Flexibilität mit sich, geht aber unter Umständen zu Lasten der Übersichtlichkeit. Generell wird hier das Konzept verfolgt, alles zu zeigen, was man zeigen kann. Allerdings sind es schnell zu viele Informationen und der Weg zum Ziel führt manchmal über den Zwischenstopp: „Wo bin ich gerade?“

Avid-Support und Updates

Zusätzlich zur regulären Herstellergarantie bietet Avid einen erweiterten Supportvertrag für einen Zeitraum von aktuell drei Jahren nach Systemkauf. Dieser Service ist im Preis enthalten. Innerhalb dieses Supportvertrags bekommen Kunden einen 24/7-Telefonsupport, uneingeschränkten Web-Support, 24-Stunden-Hardwaretausch (Versand) sowie alle Major-Upgrades gratis. Für Kunden, die sich nicht für den Abschluss eines Supportvertrages entscheiden, gibt es zurzeit keine Aussage des Herstellers zu Preisen oder der Handhabung von Updates. Allerdings bezieht sich diese Aussage auf Major-Updates, welche neue Features beinhalten und auch in der Vergangenheit bereits kostenpflichtig waren. Reguläre Systemupdates, die der Stabilitätsverbesserung dienen, sind weiterhin kostenfrei.

Avid Venue S6L Test-Fazit

Neue Nutzer, die keine „Avid-Vergangenheit“ haben, freuen sich über ein schlüssiges und schnelles System mit viel Power unter der Haube. Bisherigen Anwendern kann man die Empfehlung geben, die „Venue-Brille“ abzusetzen und unbeeinflusst an das neue System heranzugehen, und dann auch dementsprechend zu planen. Es ist zwar erfreulich, dass ein Großteil bestehender Venue-Shows übernommen werden kann, aber sicherlich erfordern viele Anwendungen die gleiche Herangehensweise wie bei einem Umstieg auf ein komplett neues System – ein Neuanlagen der Show. Dennoch sollte dies kein Hindernis darstellen. In Fragen der Ergonomie und der Systemanbindung/-Integration bleiben zukünftige Softwareupdates und die angekündigten Hardware-Erweiterungen abzuwarten. So wäre es wünschenswert, Kanal-Processing direkt im Bildschirm per Touch bedienen zu können. Auch eine Waves-Implementierung in der Oberfläche, Dante-Karten für die Engine, Samplerate-Converter auf den MADI-Karten, die Möglichkeit der Taktgebung einer externen Wordclock auf den 48-kHz-MADI-Outputs der Stageracks sowie eine Verfügbarkeit, Zuweisbarkeit und Editierbarkeit von Plug-Ins und deren Parametern in der Offline-Software würden das Leben des bedienenden und planenden Personals deutlich erleichtern.

Der Wechsel auf eine neue (Audio-)Systemarchitektur ist logisch und das Ergebnis spricht für sich. Es wird deutlich, dass Avid hier einen Schritt in die Zukunft wagt, wobei man logischerweise nur bedingt Rücksicht auf bestehende Technologien und Rahmenbedingungen nehmen kann, ohne für die Zukunft bereits jetzt Einbußen hinnehmen zu müssen. Man hat den Eindruck, dass Avid sich bewusst für Zukunftstechnologien entscheiden hat und keine Kompromisse einging, nur um aktuelle oder veraltete Techniken doch noch implementieren zu können. Das Resultat ist ein Arbeitstier in hervorragender Audioqualität. Avid geht mit dem S6L-System einen großen Schritt nach vorne und liefert ein System, dass das Potential besitzt, auch in den kommenden Jahren einen ähnlichen Branchen-Standard zu setzen wie das Venue-System zuvor.

Kommentare zu diesem Artikel

Pingbacks

  1. Avid auf der Tonmeistertagung mit Venue S6L | ProMediaNews
  2. Venue S6L: die wichtigsten Avid-Neuerungen auf einen Blick › Production Partner
  3. Avid Venue Profile-Shows auf die S6L übertragen › Production Partner
  4. Avid auf der Tonmeistertagung mit Venue S6L › Production Partner
  5. Mischpult kaufen: Darauf gilt es zu achten! › Production Partner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: