Mit Designs Räume schaffen

Magische Konzertmomente und grüne Veranstaltungstechnik: Opus-Preisträger Christian Glatthor im Interview

Im Interview spricht Opus-Preisträger Christian „Rocketchris“ Glatthor über magische Konzertmomente, grüne Veranstaltungstechnik, eine „Überdigitalisierung“ – und den gesunden Menschenverstand.

(Bild: Christian Rocketchris Glatthor)

Christian „Rocketchris“ Glatthor erhielt den Opus 2017 für das Showdesign der Open-Air-Tournee „Let’s Get Loud“ des irischen Sängers Rea Garvey: Ein wohltuend andersartiges Bühnendesign, mutig und experimentell. Mit mehreren Kilometern farbiger Neonschnüre und raffinierter Beleuchtung schuf er im Bühnenraum ein großes organisches Gebilde in Anlehnung an einen Baum sowie flexible Räume. Gleichzeitig grenzte er den Bühnenraum der Open-Air-Bühne konsequent ab.

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PRODUCTION PARTNER traf Christian Glatthor, ein Kind des Ruhrgebiets, in Essen, sprach über seinen persönlichen Werdegang in einer Branche, die er als zunehmend überreguliert empfindet, über magische Konzertmomente, grüne Veranstaltungstechnik, Überdigitalisierung – und gesunden Menschenverstand. Dabei ist er nicht nur als Showdesigner immer gefragter, sondern auch als Fotograf und Fotokünstler: Während er mit seinen Bühnenbildern besondere Momente für Konzerte unterstützt, konserviert er mit seiner Konzert-Fotografie diese Augenblicke – auch von Konzerten, die er nicht eigenhändig betreut. The Heart of Rock’n’Roll is still beatin’!

Das Interview

Christian Glatthor (Bild: B. Küpper)

Wie führte dein Weg in diese Branche und dann zum Lichtdesign?

Die ersten Schritte zum Lichtdesigner habe ich tatsächlich schon während meiner Schulzeit gemacht – und zwar mit 13 oder 14 Jahren. Mein Vater hatte sich eine dieser damals sehr populären Dreikanal-Licht – orgeln selbst gebaut. Die war eben immer am Start, wenn es um Feiern ging. Kurz darauf habe ich zusammen mit Freunden begonnen, Partys in einem Gesellschaftsraum einer Gaststätte zu organisieren. Das fing mit einer Oberstufen-Party an, die dem Betreiber des Lokals wohl gefallen haben muss. Denn er bot uns an, seine Räumlichkeiten regelmäßig zu nutzen. Als ich 16 wurde, haben wir dann regelmäßig für ca. 1.000 Gäste Partys organisiert. Nebenbei habe ich in einem Schallplattengeschäft gearbeitet, lernte dort den damaligen „Light Jockey“ aus der Königsburg in Krefeld kennen. Das war damals schon einer der angesagten Clubs in der Region. Kurz darauf habe ich an den Wochenenden dort gearbeitet und bin zwischen Plattenteller und Lichtpult hin und her gewechselt. Sicherlich eine prägende Zeit. Die Organisation der Partys lief zeitgleich weiter. Es lief gut, aber zu Lasten meines Abiturs. Nach einem Praktikum sollte mich der Weg zur FH Gelsenkirchen bringen, ich wollte dort BWL mit dem Schwerpunkt Veranstaltungsmarketing studieren – also die organisatorische Seite des Geschäfts, denn ich hatte bislang doch mehr die eher technische Seite bedient. Dort war ich auch immer schon glücklich angesiedelt. (lacht) So weit der Plan.

In dieser Zeit fingen wir an, regelmäßig bei TDA die zusätzlich benötigte Veranstaltungstechnik zu mieten. Irgendwann habe ich dann auch mal zwei, drei Jobs für TDA gemacht und kam mit dem TDA-Geschäftsführer Steve Todeskino ins Gespräch. Das was 1999 gegen Ende des Praktikums, das mich ja zur FH bringen sollte. Steve fragte mich, was ich jetzt machen würde und bot mir eine Ausbildungsstelle als Veranstaltungstechniker an – das sei ein ganz neuer Ausbildungsweg. So kam es, dass ich im ersten Abschlussjahrgang, den es an der Berufsschule Mühlheim gab, meine Prüfung erfolgreich absolvierte. Ich war – das kann ich rück – blickend sagen – zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle. Schon während meiner Ausbildung bei TDA war ich viel unterwegs, sammelte viele Erfahrungen bei lokalen Konzerten, meist im E-Werk und im Palladium, bei diversen Festivals und auf Tourneen mit namhaften Größen wie H.I.M, New Model Army und anderen Bands. Hinzu kam, dass die meisten Burschen damals eher eine Audioaffinität hatten und ich sehr schnell – aber auch sehr unbewusst – plötzlich Chef im Ring war, wenn es um das Thema Licht ging. Ich habe damals jede freie Minute genutzt, um mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Habe Pult und Scanner mit nach Hause genommen und probiert, was das Zeug hält. Alles aus Eigeninitiative, und TDA hat mich sehr unterstützt und gefördert. Damals habe ich auch erste Erfahrungen gesammelt, wie man Fernsehlicht bei Konzerten setzt – das war bei einem Beck-Konzert für VIVA.

Wenn man so will, war ich drei Jahre auf der Straße und habe daher viel in der Berufsschule gefehlt – aber immer entschuldigt durch TDA. Die Praxis war für mich die beste Schule. Theorie und Vorschriften, gut und schön – aber wir bewegen uns in einer Branche, wo gesunder Menschenverstand wichtiger ist als eine Vorschrift – finde ich. Aber die Einhaltung einer Vorschrift rettet dich im Falle des Falls vor einer Strafe. Der gesunde Menschenverstand sollte dir aber vorher schon sagen: Was du da vorhast, ist nicht gut! In dieser Zeit habe ich sauviel gelernt und auch schon eine Menge interessante Leute kennengelernt. Direkt nach der Ausbildung habe ich mich dann 2002 selbstständig gemacht – das war damals noch gängige Praxis. Ich wurde fester freier Mitarbeiter bei TDA und durfte das, was ich in meiner Ausbildung gemacht hatte, weiter fortführen. Bis circa 2007 oder 2008 habe ich dann fast alle großen Produktionen, die aus dem Hause TDA auf die Straße gingen, in der Vorbereitung und auch in der Durchführung betreut. Viele Tourneen habe ich als Techniker begleitet und immer häufiger das Licht der jeweiligen Support Band gesteuert. In der Ausbildung hatte ich ja reichlich Erfahrung gesammelt, u. a. hatte mich damals die New Model Army als Ersatz für ihren Operator gebucht. Diese Band habe ich drei oder vier Jahre auf ihren Weihnachtstourneen durch Europa begleitet.

Einfach weg: 2,5 km Neon-Schnüre wurden gekonnt weggeleuchtet (Bild: Christian Rocketchris Glatthor)

Während deiner Zusammenarbeit mit Blue Leach warst du von seiner Art und Weise, mit Video- und Live-Content zu arbeiten, sehr begeistert?

Ja! Nun, das war offen gestanden wohl eher dem Zufall geschuldet. Eines Tages – ich kam gerade von einer Deep Purple-Tournee nach Hause – ging das Telefon und die Stimme auf der anderen Seite der Leitung suchte für den nächsten Tag einen Catalyst-Operator für die Grönemeyer-Tour in Leipzig. Klar, ich war sicherlich nicht der Erste auf der Telefonliste, aber keiner der Angerufenen hatte wohl so spontan Zeit. Mike Redmer wusste, ich hab den Catalyst schon mal gesehen … (lacht) Er hat mich wohl empfohlen. Ich bin also am nächsten Morgen los und habe am Tag der Generalprobe die Produktion und auch Blue Leach kennengelernt. Der drückte mir freundlich ein Buch mit handgezeichneten Skizzen und kurzen Anweisungen in die Hand und sagte: Schau mal, das sind 24 Songs, die möchten wir alle neu. Leach war als Creative Video Director natürlich mit einem Stab aus Content-Leuten, Kameramännern usw. unterwegs. Ich hab an diesem Tag nur wenig gegessen und getrunken und habe den Catalyst mit dem neuen Material programmiert. Der Content wurde von seinen Leuten angefertigt. Ich habe die Songs lediglich neu programmiert. Bei der Generalprobe waren aber alle glücklich und zufrieden. Damals habe ich sehr bewusst erleben dürfen, dass da zuerst abseits aller Technik etwas geschaffen wurde; habe begriffen, was kreative Arbeit weit weg von Technik bedeutet. Da war also jemand, der sich mit seinen Ideen vertrauensvoll an seine Techniker wendet! Motto: Macht mal! Die Show war ein sehr beeindruckendes Zusammenspiel von Kreativen: Licht, Video und Bühne! Das war natürlich eine ganz große Produktion ihrer Zeit mit sehr viel Technik – wie etwa einer ca. 16:9 m großen LED-Wand. Aber was dann innerhalb der Show mit ganz wenigen einzelnen Elementen geschaffen wurde, war das wirklich Beeindruckende: Der Laufsteg war mit einem LED-Streifen gesäumt. Alle anderen Lichter waren aus, als Herbert Grönemeyer ein Lied auf der B-Stage sang. Leach schuf durch ein gezieltes Videofeedback einen Raum auf der LED-Wand, den man nicht greifen und begreifen konnte, ein Gänsehaut-Moment. Nur durch diesen einen LED-Streifen! In den Moment dachte ich: Man braucht nicht viel Material, um etwas schaffen zu können. Aber du musst die Kreativität haben. Eine riesige Produktion mit allem Drum und Dran und dann plötzlich dieser Minimalismus! Das hat mich wirklich sehr beeindruckt!

(Bild: Christian Glatthor)

Stichwort „Räume schaffen“: Du hast erzählt, dass du immer zuallererst einen Raum schaffst, in dem die Musiker sich wohlfühlen sollen, um ihre Kreativität voll entfalten zu können. Wie bist du auf diese Arbeitsweise gekommen?

Das war ein langer Prozess. Aber irgendwann, als ich mir eine große Produktion ansah, habe ich mich gefragt: Ist das, was da passiert, ganz im Sinne des Künstlers, der gerade performt? Ob ihm das egal ist? Oder findet er das nur gut, weil es ein Showdesign eines namhaften internationalen Designers ist? Was hat die musikalische Darbietung mit dieser Show zu tun? Wird das, was der Künstler ausdrücken möchte, wirklich vom Raum und dem Licht unterstützt, oder macht der Lichtdesigner seine eigene Show? Das war der Moment, seit dem ich immer versuche, mich in die Künstler und deren Aussagewunsch hineinzudenken. Was will der Künstler!? Wie kann ich seinen Aussagewunsch bestmöglich unterstützen? Streng genommen hat dieser Prozess schon angefangen, als ich in der Diskothek gearbeitet habe. Schon damals habe ich, angeleitet von einem Kollegen, der Musikstudent war, begonnen, die Lichtstimmungen den jeweiligen Situationen anzupassen. Ich habe damals gelernt, einen Spannungsbogen über den ganzen Abend zu legen und die Farben zu den gewünschten Stimmungen zu finden, mit Helligkeiten zu spielen und gezielt auf die Leute einzugehen. Etwa nicht zu hell zu werden, wenn die Tanzfläche zu Beginn der Nacht noch leer ist. Ich habe damals mit 16 eine Menge über Musik lernen dürfen – all das Wissen, was einem fehlt, wenn man nicht selbst ein Instrument spielt, wie mein damaliger Arbeitskollege. Ich habe das damals zwar aufgesogen, aber so richtig bewusst wurde mir das erst später. Es ist ein Unterschied, ob du etwas Licht auf einem Festival für die Show einer Band, die du gar nicht kennst, machst oder ob du dich mit jemandem intensiv aus einandersetzen darfst. Die Möglichkeit, sich selbst weiterzuentwickeln, ist wichtig. Ich habe viele Jahre ausschließlich als Operator und als Vertretung für LDs gearbeitet. Das ist eine gute Möglichkeit, um sich weiterzuentwickeln. Und – vielleicht im besten Fall – einen eigenen Stil zu entwickeln. Allerdings habe ich mir immer auch viele kleine und große Live-Shows abseits meines Tätigkeitsbereiches angesehen. Ich glaube, das hat mich sehr – ja am meisten – geprägt. Ich habe dabei aber nie Lampen gezählt. Was mich immer beeindruckt hat – und immer noch beeindruckt – ist, wie Räume geschaffen werden. Wenn das geschieht, dann holt mich das jedes Mal ab!

Auch Peter Gabriels Growing Up Tour war ein prägendes Erlebnis für mich. Das, was Gabriel zusammen mit seinem Designer Robert Lepage geschaffen hat, war einzigartig. Auch hier waren es zum Teil ganz wenige Zutaten, die die großen Momente schufen. Sicherlich: Alles passierte auf einer teuren Drehbühne, aber dennoch oft mit sehr einfachen Requisiten. Man wurde förmlich in eine Geschichte hineingezogen, wollte sofort wissen, wie sie ausgeht, dennoch nichts verpassen, was auf dem Weg dahin noch geschieht! Das Showerlebnis war vergleichbar mit dem Gefühl, das sich einstellt, wenn man ein spannendes Buch liest. Genau dieses „Erzählen einer Geschichte“ ist das, was ich mit meiner Arbeit unterstützen möchte. Und zwar gezielt gerichtet auf die Aussage, die der Künstler beabsichtigt, dem Publikum zu vermitteln. Deutlichkeit! Es geht um die Verdeutlichung eines Songs. Es muss nicht immer die große Technik sein, die dabei unterstützt. Ich sehe mich als kreativen Dienstleister. Meine Arbeit ist ein Teil der Inszenierung. Ich arbeite zu, will die Aufmerksamkeit des Publikums nicht auf das Licht, sondern auf den Künstler und seine Aussage richten. Mit gesundem Selbstbewusstsein im Hintergrund als Teil der Show arbeiten dürfen – ja, das ist es.

Schönes Detail: Beleuchteter Mikrofonständer (Bild: Christian Rocketchris Glatthor)

Wie stehst du zu Pre-Programming, Visualisierung – wie wichtig ist das für deine Entwürfe und Designs?

Ehrlich gesagt ist das der kleinste Teil, der bei mir funktioniert. Es ist oftmals Wunschdenken, dass so viel Zeit zur Verfügung steht, um eine umfangreiche Pre-Programming- Session zu machen. Ich habe im Vorfeld meist mehr mit anderen Dingen zu tun, so dass ich nicht dazu komme, mich um Pre-Programming zu kümmern. Vielleicht ist das auch gut so, vielleicht ist das auch schade, dass es bei mir nicht so ausgeprägt ist. Ich bin der Überzeugung, dass man kreativer und offener ist, wenn man mit einer nicht zu eingefahrenen festgelegten Show auf die Straße geht. Klar, ab einer bestimmten Größenordnung ist das natürlich schwierig. Aber für meinen Bereich halte ich ausgiebiges Pre-Programming nicht für so wichtig. Der Künstler und seine Show entwickeln sich während der Show weiter. Und es kommen Ideen und auch Kritik aus dem Umfeld, auf die es offen zu reagieren gilt. Es ist doch spannend, sich immer weiter entwickeln zu dürfen. Die Let’s Get Loud Tour mit Rea Garvey wurde noch am letzten Show-Tag immer weiter verfeinert.

Klar, ich hatte mich schon sehr früh mit WYSIWYG beschäftigt. Sofort nach der Ausbildung habe ich mir eine Unlimited-Version gekauft. Inzwischen arbeite ich auch noch mit Vectorworks und SketchUp – ein feines, kleines 3D-Modeling-Programm, das auch als Free Download gut funktioniert. Es gibt aber auch eine professionelle Lizenz. Das organische Zeichnen des Programms ist sehr hilfreich und sehr zeitsparend. Ich habe Rea Garvey auch das Design der Tour mit diesem Programm präsentiert. Und das Schöne ist: Es ist auch noch ein Open-Source-Projekt: Du findest vom Marshall Gitarren-Amp bis zum Tesla S alles in einer freien Library. Derzeit probiere ich das Programm Captured aus. Das allseits beliebte Cinema 4D ist allerdings nicht so mein Ding. In anderen Größenordnungen sind sicherlich auch maßstabsgerechte Bühnenmodelle hilfreich und sinnvoll. Im Theater wird das ja auch erfolgreich praktiziert.

Würde dich die Arbeit für das Theater auch reizen? Und wie sieht es mit Industriearbeiten aus?

Industrieveranstaltungen hab ich bereits viel betreut. Mache ich ab und zu. Ist aber einfach nicht meine Welt! Theater würde mich auf jeden Fall sehr reizen.

Ein s/w Motiv des Fotokünstlers Rocketchris Glatthor (Bild: Christian Rocketchris Glatthor)

Dein Wohnort ist Essen, die Grüne Hauptstadt Europas 2017. Du hast bei dem Opus-prämierten Design auch einen „grünen Daumen“ bewiesen, indem du dank der LED-Technik Truckspace, Strom usw. gespart hast.

Offen gestanden sind solche Dinge das Resultat meines Designs und nicht zielgerichtet umweltbewusst. Das nächste Design für Rea Garvey wird vielleicht genau das Gegenteil, mit vielen Lakas und einer Menge „PAR-Kannen“. Ich denke, es gibt ganz andere Umweltaspekte, die mich stören und mit denen wir uns beschäftigen sollten. Etwa ein Umdenken bei den Tapes. In Skandinavien z. B. verwendet die Branche kurze Zurrbänder und vermeidet jedes Mal einen kleinen Müllberg bzw. Tonnen an Klebe – bändern pro Jahr. Außerdem kann man auf den Bändern noch einen Werbedruck platzieren (lacht): Wenn die geklaut werden, macht der Techniker auf der nächsten Baustelle unfreiwillig Werbung für die Firma. Bei der letzten Tournee mit Rea war es so, dass ich mich am Ende selbst gewundert habe, mit wie wenig Strom bzw. Dimmer-Technik wir ausgekommen sind, nur weil wir konsequent bei LED-Technik geblieben waren. Die Idee war ja auch die Hitzeentwicklung an den elastischen Bändern zu vermeiden, die zwar B1- zertifiziert sind, aber wir wollten kein Risiko. Eine ähnliche Erfahrung hatte ich übrigens schon auf einer Tour mit Andreas Bourani: Da war meine Dimmercity für knapp 30 Lampen ein 4-HE-Rack und 3 × 3-fach-Dosen.

Der Traversenring über dem Schlagzeug Podest, an dem die Banner geschnürt waren (Bild: Harald Heckendorf)

Was steht in naher Zukunft an?

Also ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Rea für die nächste Tournee. Da liegen schon sehr konkrete Pläne vor und ich denke, das wird Old-School-Charakter haben. Wir werden Räume mit PAR-Licht und Kinetik schaffen und wenig Moving Lights benutzen. Vielleicht auch mehr hin zu greifbaren Räumen, d. h. auch zusätzlich Stoffe einsetzen. Ich will einen Schritt weit weg von dem gängigen Material, was man benutzen muss, weil es eben da ist. Einfach mal konsequent: Back To The Roots! Dann steht zuvor eine Tournee mit Yvonne Catterfeld an (Frühjahr 2017, Anm. der Red.). Darauf freue ich mich sehr und bin auch sehr glücklich darüber, dass mein Design sich gegen sehr starke Mitbewerber durchsetzen konnte.

Der Bühnenraum: an drei Seiten strikt abgegrenzt mit schwarzen Vorhängen (Bild: Christian Rocketchris Glatthor)

Was wäre dein Tipp für junge Menschen, die in die Branche möchten oder hier gerade angekommen sind?

Es ist wichtig, eine riesige Portion Leidenschaft mitzubringen und sich diese auch zu erhalten. Eigeninitiative und Beharrlichkeit zahlen sich aus. Überdies denke ich, dass man in kleinen Betrieben, die nicht unbedingt immer das neuste und beste Material besitzen, mehr lernen kann als in manch großen Betrieben. Da muss man schon mal improvisieren und eine Lampe vor Ort reparieren und kann nicht per Handy einen Kurier mit Ersatz bestellen. Das ist zwar bequem, aber nicht lehrreich. Ansonsten denke ich, dass die Überdigitalisierung, die ohne Zweifel Einzug gehalten hat, einfach zu viele Möglichkeiten bietet und manche Entscheidungen viel zu schwer macht. Das lenkt zu sehr vom Wesentlichen ab – finde ich. Die Basics – die unsere Branche immer ausgemacht haben – verschwinden zunehmend hinter den unzähligen Möglichkeiten, die uns die digitalen Techniken bieten.

(Bild: Harald Heckendorf)

Letzte Frage: Was ist aus deiner Sicht im Rückblick auf die letzten 20 Jahre die nervigste Veränderung in der Branche?

Dieser Smartphone-Wahnsinn bei Konzerten: Die Leute gucken auf kleine Displays und posten, weil es ja geil ist, dass man dabei ist. Aber dabei ist man nicht, sondern nur da! Den Moment bei den Konzerten im Hier und Jetzt genießen, das ist anscheinend verloren gegangen … glaube ich zumindest. Wenn man einen schönen Moment vom Konzert genießen möchte, können sie meine Fotoseite besuchen. (lacht)

Aber mal ehrlich. Die Auswirkungen der gesetzlichen Änderungen bei der Arbeitnehmerüberlassung sind wirklich übel. Es gibt leider die guten alten Helfer – die Roadies – die mit Leidenschaft und Spaß bei der Sache waren, nicht oder kaum mehr. Stattdessen erklärt man oft immer wieder – manchmal drei, vier Mal am Tag – was wie zu machen ist! Das kostet unnötig Zeit in einem Arbeitsfeld, das oftmals enge Zeitfenster bzw. lange Anreisen aufweist, um die nächste Show pünktlich und sorgfältig vorzubereiten. Hier würde ich mir zum Wohle der Produktionen sinnvollere Grundlagen wünschen. Durch diese ganzen Vorschriften verliert die Branche an Flair! Und noch viel schlimmer: Der gesunde Menschenverstand – der doch viel wichtiger ist als das stumpfe Befolgen von Vorschriften, deren Sinn ich oft gar nicht mehr erkenne – geht verloren. Mancher kennt den Hintergrund der Vorschrift gar nicht und kann daher auch nicht mehr begreifen, warum dies oder jenes so zu machen ist. Ich finde: Wir sollten oder müssten doch in der Lage sein, Gefahren mit unserem Verstand zu erkennen. Stattdessen wird auf Vorschriften gepocht. Wenn du vorwiegend Vorschriften lernst, wie willst du dann erfahren, wo die wirk – lichen Grenzen sind? Der Mensch kommt doch auf die Welt und testet seine Grenzen bereits in der ersten Lebensphase aus – und das zieht sich doch durchs ganze Leben. Gerade in unserer Branche ist doch Testen und Ausloten wichtig, finde ich zumindest! Also, ich bin ganz viel ins kalte Wasser gesprungen und hatte eine schon harte Schule, und das möchte ich nicht vermissen. Dadurch lernt man. Wenn man keine Fehler machen darf, dann kann man auch nicht lernen.

LED-Wände flankierten das Bühnengeschehen (Bild: Christian Rocketchris Glatthor)

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