WLAN-Mischpult

Wireless Mixer: Preview Midas MR18 und MR12

Midas MR12 und MR18
Midas MR12 und MR18 (Bild: Detlef Hoepfner)

Mit dem MR18 und MR12 bringt Midas zwei neue Mischpulte auf den Markt, die in ihrer Bedienung radikal auf eine Bedienung via Tablet, Smartphone oder Laptop setzen – wir haben Ende 2016 Mischpult Eindrücke aus einem ersten Midas-Beta-Testprogramm gesammelt

Ein Mischpult: Da denkt man traditionell ein „Pult“, das analoge oder digitale Signale ein- und ausgibt, also im Zentrum einer Signalmatrix steht – und dort auch bedient wird. Das mit ihm verbundene „Spinnennetz“ rund um das Mischpult besteht wiederum nicht nur aus den diversen Kabeln und Multicores,  sondern auch abgesetzten Stageboxen oder externen DSP-Einheiten, Netzteilen usw. Also einer Menge verteilter Gerätschaften, die ihre Position auf und neben der Bühne sowie in der Zuschauerfläche finden müssen! Daran änderte sich auch nicht viel, seitdem Teile der Mischpultbedienung per Laptop oder WLAN gesteuert werden konnten.

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Mit den seit ca. 2014 aufgekommenen kompakten Wireless-Mixern aber verwandelte sich dieses Mischpult Setup in der Live-Sound-Praxis plötzlich drastischer, als man es nur in seiner Vorstellung vermuten würde: Man steuert nicht „nur“ mit einem Tablet oder Laptop den Mix – das Mischpult an sich „verschwindet“ komplett! Natürlich rein technisch gesehen nicht wirklich, aber in der Bühnenpraxis erlebt man ein ganz neues Aufbaugefühl, denn man platziert und verkabelt nur noch eine kleine Stagebox, die irgendwo in der Deko verschwindet, mit Ins und Outs. Dazu einen Stromanschluss, WLAN-Antenne  hochklappen – das war es. Kein Multicore durch den Saal, keine Leitung zu einer seitlichen Kneipenecke, wo dann ein kleines Pult auf wackligem Stuhl Platz findet … alle Kabelwege beschränken sich auf die Bühne und die Wege zur Beschallung.

Midas MR Wireless Mixer zwischen der Deko
Das Mischpult verschwindet perfekt auf der Bühne oder in der Deko (Bild: Detlef Hoepfner)

Zwei der erfolgreichen WLAN-Mischpulte baute bisher bereits Behringer. Als Basis diente dabei die technische Plattform, die mit dem X32 (hier unsere Hintergrund-Story zum X32) gegründet wurde. Was man bei dessen Markteinführung nicht gedacht hätte: Nicht nur, dass Behringer das Mischpult entgegen manchem Geraune zur Marktreife bekam – es wurde seitdem kontinuierlich softwareseitig gepflegt, weiterentwickelt, um ergänzende Hardware erweitert, durch diverse Apps und Software-Editoren unterstützt und wurde so zum Urahn einer ganzen Familie digitaler Produkte rund um das Thema digitales Audio Mixing. Einen zweiten Familienzweig brachte die Mutterfirma unter der Marke Midas auf den Weg. Die jeweiligen Midas-Derivate sehen zwar unvermeidbar ihren Behringer-Entsprechungen ähnlich, sind aber hardwareseitig ein wenig gepimpt. Das traf bereits auf die Modelle X32 (Behringer) bzw. M32 (Midas) zu; PRODUCTION PARTNER hat diese Unterschiede in Testberichten dokumentiert. Ende 2016 gingen nun auch in der Hardware erweiterte Midas-Versionen der im eigenen Hause bereits bestehenden zwei Drahtlos-Mixer als erste Preproduction-Samples in den Markt.

Hardware Midas MR18 und MR12

Der Midas MR12 bzw. MR18 unterscheiden sich untereinander vor allem in der Zahl der Ein-/Ausgänge. Deutlich überarbeitet wurden gegenüber den Behringer-Varianten die Ein- und Ausgangsstufen, in dem Zusammenhang ist auch der maximale Ausgangslevel angehoben worden. Wie aus dem R&D in Willich zu erfahren war, das sich nach wie vor zusammen mit dem R&D in UK um die Produktentwicklung kümmert, war es eine Herausforderung, diesen zusätzlichen Hardwareaufwand überhaupt rein mechanisch in dem superkompakten Gehäuse unterzubringen – also hier passiert deutlich mehr, als Kosmetik gegenüber den Behringer X-AIR. Der MR18 fällt gegenüber dem MR12 „größer“ aus, ist dabei aber natürlich immer noch nicht voluminöser als ein Schuhkarton. Bedingt ist dies nicht nur durch die 18 statt 12 Eingänge und die durchgängige XLR- bzw. XLR-/Klinken-Kombi-Ausstattung (Neutrik), sondern auch die Reihe mit sechs XLR-Aux-Outs statt zwei Aux auf Klinke. Der MR18 ist außerdem an das P16-Monitorsystem anbindbar. Eine weitere Differenzierung betrifft die USB-Anbindung: Der größere MR18 ist auf mehrkanalige Audioströme zur DAW ausgelegt (bidirektional 18 x 18). Der kleine Bruder erlaubt dagegen nur das Recording / Playback auf einen USB-Stick, und das auch nur im WAV-Format derjenigen Samplerate, auf der gerade der Mischer betrieben wird (also 48 oder 44,1 kHz). Einfach mal ein paar MP3 als Pausenmusik vom USB-Stick einzuspielen ist also (bei beiden Modellen) Fehlanzeige.

Midas MR18 von innen
Vier Platinen plus Netzteil im Midas MR18 (Bild: Detlef Hoepfner)

Also schon einige deutliche Unterschiede, die sich auch merkbar im Preis der Geräte niederschlagen: Bei Markteinführung angestrebt wurden für das größere Modell rund 900 US-$, also positioniert zwischen Mackie DL1608 und QSC TouchMix-16. Der kleine Bruder dagegen soll mit ca. 350 US-$ noch unter der Hälfte des MR18 liegen.

Die extreme Packungsdichte aus Buchsen, Ein-/Ausgangsstufen, DSP und Netzteil erfordert natürlich Maßnahmen zur Wärmeabfuhr, zwei seitliche Öffnungen sollen für einen Luftstrom durch das lüfterlose Gehäuse sorgen. Dennoch erwärmte sich der Mischer bei einigen Live-Einsätzen spürbar. Im Hochsommer sollte man ihn vielleicht nicht unbedingt in der prallen Sonne parken oder hochkant auf die Luftschlitze stellen. Über seitliche Gummikanten stehen die Mischer schön sicher und stabil auf ihrem Platz. Die silbernen Griffe schützen auch etwas die Front und die einklappbare und abnehmbare Antenne.

Platinen im Midas MR18
Vier eng gepackte Platinen im Midas MR18 (Preproduction Sample) (Bild: Detlef Hoepfner)

Wenn man dann beginnt, Ein- und Ausgänge zu verkabeln, verschwindet die schwarze Stahlbox langsam unter einem Berg von Kabeln, also Vorsicht mit dem Netzkabel, dass es nicht versehentlich aus der Buchse rutscht. Alternativ kann man die seitlichen Gummikanten auch abnehmen und beigelegte Winkel montieren. Die Mischer finden dann ihren Platz in einem Rack – eine Montageart, die dem Charmes des Konzeptes, dass der Mischer quasi in einer Art Bühnenunterverteilung verschwindet, allerdings etwas entgegensteht.

WLAN und X Air Software

An die Steuerung angebunden werden die Mischer entweder via RJ-45-Buchse oder – wohl meistens – via Wi-Fi. Beide Mischer Midas MR12 und MR18 sind dazu in zwei verschiedenen WLAN-Modi zu betreiben: Entweder setzt sich der Mischer als Client auf ein bestehendes WLAN, oder er sendet als Access Point eine eigene Kennung, über die Wireless-Devices mit dem Mischer verbunden werden. Beim Marktstart Anfang 2017 verfügbar sind zwei Software-Lösungen: „M Air“ für iOS (iPad, nicht iPhone) und eine X-Air PC-Software für Windows, Mac, Linux und Raspberry Pi 2. Für Smartphones ist die Monitoring-App „M Air Q“ noch in Entwicklung, unter Android kann auf die Software Mixing Station von David Schurmann zurückgegriffen werden.

Midas-Bedienung auf Tablet und Laptop
Auch parallel nutzbar: Steuerung des Mischers über Tablet und Laptop (Bild: Detlef Hoepfner)

WLAN-Mischpult Praxis

Auf mehreren Veranstaltungen eingesetzt haben wir die Wireless Mixer mit der X-Air Software auf einem Macbook und mit einer Betaversion von M Air auf einem älteren iPad (via TestFlight). Die grundsätzlichen Einstellungen wurden vorab grob eingestellt und ausprobiert. Einstellungen speichert man als Szenen einer übergeordneten Show,  kleinere Parametersets können in Presets (z. B. für die Effekte oder EQs) und Snapshots abgelegt werden … und vor Ort war dann doch wieder die Veranstaltungssituation ganz anders, als gespeichert: Also hektisch alles verkabeln, Instrumente checken, es sind doch andere Mikros am Start … schnell die Gains anpassen, die vorher überlegten Mute-Gruppen vergessen usw. – und das alles ganz „nur“ mit dem iPad unterm Arm. Riesiger Vorteil: Man nimmt alle Edits direkt neben dem Instrument oder Mikrofon stehend vor. Phantom Power für die DI vergessen? Kein Problem, ist in einer Sekunde ohne jede Herumrennerei gedrückt. Irgendwas rauscht hier doch … der Mischer? Kurz gecheckt: Nein, der Mischer ist super ruhig, das ist ein Instrument. Also flugs  für die Spielpausen das Gate drauf, mit nur ganz wenig Dämpfung und laaaaangen Zeiten. Den Automix werden wir hier auch nicht brauchen: Bei mehreren offenen Mikrofonen priorisiert er automatisch die besprochenen Mics gegenüber den gerade inaktiven Mikros, ohne dabei die Gesamtverstärkung in eine Feedback-instabile Situation zu fahren. Super für Moderationen und Gesprächsrunden, aber für Vocals nicht geeignet und mit einen Klick auf die Taste im obersten Software-Layer auch ausgeschaltet. Ein Kompressor in jedem Eingangskanal verfügbar zu haben dagegen ist willkommener Luxus, neben einem manuellen Mode gibt es auch die Auto-Einstellung der Zeitparameter und wie in den EQs usw. die Möglichkeit, Einstellungs-Presets abzurufen oder zu speichern. Die vier internen Effekte (vom Reverb über Delays und EQs bis zum De-Esser) können über Auxe angesteuert oder als Insert genutzt werden. Die Funktionsausstattung ist hier wirklich umfassend, Delays auf den Aux-Outs könnte man vielleicht hier und da mal gebrauchen (für abgesetzte Lautsprecher im Raum), sie sind aber noch nicht in der Bedienoberfläche zugänglich.

Kurzer Sync-Verlust
Nerven behalten: Je nach Bühnensituation muss der Mischer bei Verbindungsverlust kurz neu synchronisieren (Bild: Detlef Hoepfner)

Als es dann bei einem unserer Einsätze ohne Soundcheck losgeht, die erste Überraschung: Der Sänger ist nochmal deutlich lauter als gedacht, aber die Preamps stecken das locker weg – wir haben glücklicherweise nicht so hoch ausgesteuert, dass man in Clipping gerät. Auch das geht nur, wenn die Eingangsstufen entsprechend clean sind und man gut Headroom lassen kann. Beim Mix selbst dann merkt man: verflixt, mit der App hätte man sich doch vorher nochmal eine Stunde extra beschäftigen sollen. Auf dem iPad „schiebt“ man manche Regler gelegentlich ohne Reaktion, bei genauerem Hinsehen merkt man später, dass der eigene Finger dann nicht wirklich mit dem Faderknopf „verriegelt“ war und man zu weit unter-/oberhalb angesetzt hatte. Mackie visualisiert das mit einem leichten „Aufglimmen“ des Buttons. Auch bei anderen Parametern läuft die Justage noch nicht so smooth wie mit einem „echten“ Regler, beim Einstellen der Gains über die kleinen Regler hat man schon etwas Sorge im Nacken. Hier wird Midas noch nachrüsten. Auch bei einigen anderen Features verläuft man sich schon mal, aber das ist auch eine Herausforderung, derer sich die Programmierer bewusst sind: In den letzten Jahren ging es darum, die Technik zu entwickeln. Mittlerweile sind z. B. bei einem Behringer X32 um die 13.000 Parameter zu verwalten – es geht nun also darum, alle unnötigen Features auszublenden und dem Anwender genau die Funktionen erkennbar zu machen, die im jeweiligen Arbeitsschritt aus Sinn machen. So gibt es bereits einen Advanced-Knopf, der unter iOS Funktionen reduziert oder komplett einblendet.

Midas Automix
Kanäle 1-4 im Automix-Mode: CH 4 mit Redner (siehe grüner Balken), CH 1-3 entsprechend gedämpft (blaue Balken) (Bild: Detlef Hoepfner)

In einer rappelvollen Kneipe hatten wir keinerlei Verbindungsprobleme. In einem größeren Raum verlor das System öfters den Sync, die Entfernung lag bei vielleicht 10 m durch Publikum – wir hätten den Mischer vermutlich etwas höher oder weiter weg von Tischbeinen aus Metall stellen müssen. Den Sync fand er aber immer wieder, man muss halt kurz die Nerven behalten.

Unser Fazit: Mit den Midas-Varianten MR12 und vor allem MR18 der neuen Gattung extrem kompakter Mixer erhält man stabile, umfangreich und praxisnah ausgestattete Mischpulte für eine Vielzahl von Anwendungen. Einer ihrer Vorzüge ist, dass sie sich auch audioseitig sehr unauffällig verhalten und man auch in hektischen Situationen nicht ständig aufpassen muss, nun haargenau im verfügbaren Headroom zu bleiben. Ihre Stärke spielen sie aus, wenn sehr wenig Platz zur Verfügung steht, ein Aufbau möglichst unauffällig erscheinen soll und man nicht darauf angewiesen ist, eine riesige Anzahl ungezügelter Kanäle zu bändigen – in solchen Fällen fährt man sicher weiter mit einer Hardware-Bedienoberfläche besser.

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