Live Mixer

Live Mischen lernen: Tipps für einen tollen Sound

Live Mixing
(Bild: Detlef Hoepfner)

Was macht denn ein Livemischer während der Show, also während die Musik spielt? Eigentlich gibt es doch jetzt nichts mehr zu tun, Zeit zum Kaffeetrinken. In Wirklichkeit verhält es sich natürlich hoffentlich ein wenig anders. Gerade die Liveshow bietet die Möglichkeit, durch aktive Mitarbeit kreativ und künstlerisch die Intention des Künstlers bestmöglich zu übersetzen, und stellt für mich den Höhepunkt des Konzerts dar – deshalb nenne ich mich ja Livemischer. Eike Hillenkötter gibt im Buch „Live mischen – Praxiswissen für Tontechniker und Musiker“ Tipps, wie man den Erfolg eines Bandauftritts als Tontechniker optimal unterstützen kann.

Letzte Vorbereitungen

Einige Zeit vor Beginn der Show überprüfe ich meist noch einmal den Aufbau der Bühne, die Ausrichtung der Mikrofone und besonders den Zustand von Stativen, Mikrofonklammern, Kabeln und Steckverbindungen und korrigiere etwaige Unzulänglichkeiten.

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Daraufhin informiere ich den Künstler, dass ich mich für eventuell notwendige letzte Absprachen am Pult befinde.

Dort überprüfe ich vielleicht noch einmal die geladene Szene, schaue in die Kanaleinstellungen der wichtigsten Kanäle, überprüfe die Parametereinstelllungen der Effektgeräte und Kompressoren oder plane, welche Kanäle ich wann und wie entmute. Dies hängt sehr vom jeweiligen Künstler und der Show ab. Spielt sofort die komplette Band, gibt es ein Intro, gibt es eine Ansage, spielen bestimmte Instrumentalisten ein eigenes Intro? Besonderes Augenmerk verdienen hierbei die direkt abgenommenen Instrumente, die frühestens dann freigeschaltet werden, sobald der Künstler diese eingestöpselt hat.

Tipp

Um Situationen unangenehmer Stille zwischen Auftritten zu vermeiden, hilft es, Pausenmusik vorbereitet zu haben, die man dann mit herabgezogenem Fader an einem günstigen Punkt während der Zugabe startet. Natürlich darf diese Musik nicht Pre-Fader auf den Monitoren liegen.

Die Show beginnt

In den ersten Sekunden des Konzerts achte ich darauf, dass man vitale Elemente sofort gut hören kann (sofern ich den Soundcheck mit dem ersten Song der Show abgeschlossen habe, sollten hier hoffentlich keine großartigen Probleme auftreten) und regele eventuell die Gesamtlautstärke nach, welche sich durch die Anwesenheit des Publikums deutlich von der Lautstärke beim Soundcheck unterscheiden kann. Auch achte ich in dieser Phase verstärkt auf Zeichen der Band, was den Monitorsound angeht. Oft stellt sich nämlich jetzt erst heraus, ob man beim Soundcheck richtig »geraten« hat. Stimmen PA- und Monitorsound soweit, gehe ich vermutlich als Nächstes visuell die Kanäle durch, die erfahrungsgemäß in der Hitze des Liveauftritts plötzlich doch erheblich lauter ins Pult kommen, als beim Soundcheck getestet (und dort vielleicht schon vorausschauend kompensiert wurden). Stimmt das Input Gain noch, werden die Kompressoren stimmig angesprochen? Die Augen sollten aber besonders in der Anfangsphase der Konzerts nie zu lange auf dem Pult oder Display ruhen, immer schön vorausschauend fahren und weiter auf Zeichen der Band achten.

Beurteilung des Sounds für das Publikum

Für alle diese grundlegenden Einstellungen oder Nachführungen nehme ich mir vielleicht den kompletten ersten Song Zeit (wobei hier auch schon etwaige Lautstärkeanpassungen über die Fader der Kanäle geschehen dürfen). Stimmt der Gesamtsound beim zweiten Song immer noch, begebe ich mich meist kurz vom Mischpult weg und überprüfe den Sound an anderen Positionen im Saal. Je nach Location hat man vielleicht schon beim Soundcheck entsprechende Spots festgestellt, die sich als akustisch herausfordernd erweisen können. Diese befinden sich vielleicht in Bühnennähe, nahe von Wänden und Ecken oder auch weit hinter dem FOH-Platz. Entweder habe ich eine Fernbedienung für das Pult dabei oder ich merke mir die vorzunehmenden Änderungen am Summen-EQ oder am EQ oder an der Lautstärke einzelner Kanäle. Hier gilt es häufig, einen annehmbaren Kompromiss zu finden – meist lande ich bei einem Mix, der für den Großteil der interessierten Leute gut funktioniert. Der Mix klingt höchstwahrscheinlich kurz vor der Bühne immer anders als am anderen Ende des Veranstaltungsorts, dies geben die akustischen und physikalischen Gesetze vor, deshalb sollte man hier meiner Meinung nach auch nicht allzu viel um einen überall gleichen Sound kämpfen. Außerdem haben ja schließlich die Leute in der Regel die Möglichkeit, sich ihren Hörplatz selbst auszusuchen – und tun dies möglicherweise auch aus guten Gründen. Kann man einzelne Elemente des Mixes an bestimmten Stellen gar nicht wahrnehmen, so sollte man dies gegebenenfalls korrigieren.

Dramaturgie

Wenn ich ein gutes Gefühl dafür habe, wie der Mix im Raum klingt, nutze ich den Rest des Sets dazu, dynamisch in das Klanggeschehen einzugreifen. Bei Sets, die ich gut kenne, läuft das mehr oder weniger automatisch ab. Je besser man die Songs kennt, umso besser kann man die Fader benutzen, um im Zweifelsfall so detailliert zu arbeiten, dass man einzelne Wörter oder Phrasen anhebt oder absenkt. Bei Künstlern, deren Sets ich weniger kenne, agiere ich etwas defensiver, achte aber ständig darauf, was auf der Bühne passiert. Welches Instrument spielt gerade was, gibt es Soli, gibt es Raum und Notwendigkeit für Effekte etc.

Gerne nutze ich DCAs (also »zusammengefasste Fader«) für bestimmte Instrumentengruppen, um die wechselnde Intensität zwischen Strophe und Refrain herauszuarbeiten. Da es nach oben nicht unbegrenzt Raum gibt, fahre ich zu diesem Zweck häufig Instrumente, die ausschmückende oder begleitende Parts spielen, während der Strophe etwas zurück, um sie für den Refrain wieder hochzufahren. Dies resultiert praktischerweise auch in einer besseren Durchsetzungsfähigkeit des Gesangs.

Tipp

Das Akzentuieren oder Zurückfahren bestimmter Instrumente funktioniert auch über Änderungen des Kanal-EQs. Es gibt vielfältige Möglichkeiten.

Bestimmte Parts oder Songenden kann man auch gut mit dem Masterfader unterstreichen, hierbei gilt natürlich, ein wenig Vorsicht walten zu lassen. Vielleicht legt man sich auch einen Limiter hinter den Masterfader und hat so ein wenig Polster für überambitionierte Betonungen. Generell sollte man sich für die Benutzung des Masterfaders eine gewisse Dramaturgie überlegen. Häufig bringt es Vorteile, den Gesamtpegel für leisere Songs etwas abzusenken, um eine noch deutlichere Steigerungsmöglichkeit für lautere Songs zu haben, auch möchte man vielleicht den Maximalpegel erst gegen Ende der Show erreichen. Ein paar Dezibel in der Hinterhand zu haben, kann sich hier als sehr vorteilhaft erweisen – da eine gleichbleibende Intensität ja doch eher ermüdet und dann als abfallend empfunden werden könnte.

Tipp

Die Stimme vieler Sänger ändert sich im Laufe des Konzerts, und wird häufig etwas schwächer und kratziger. Hier kann man gerne mit etwas mehr Input Gain und einem angepassten EQ nachhelfen, sofern es nötig erscheint.

Live mischen

Live mischen bedeutet weit mehr, als »alles funktioniert«. Gerade das händische Anpassen des Klangbilds in Echtzeit gehört für mich zu den wichtigsten, interessantesten und schönsten Aspekten der Tätigkeit als Mischer. Wenn die Musik gut gespielt in die Mikros kommt, wenn man sich physisch und technisch gut vorbereitet hat, kann man die meisten rationalen Gedanken ganz fallen lassen, um sich ganz auf den Moment einzulassen, wodurch Mixentscheidungen so gut wie automatisch von den Fingern in Handlungen am Mischpult übersetzt werden. Dadurch gerät man im besten Fall in einen Zustand absoluter Konzentration und Versenkung und in einen »Flow«. Am ehesten lässt sich dieser Zustand vielleicht mit dem Spielen eines Instruments vergleichen. Auch hier will man sich schließlich nicht von technischen Fragestellungen oder Schwierigkeiten ablenken lassen, sondern sich ganz auf das Spiel und die Performance konzentrieren. Man kann nicht über das Greifen eines Akkordes nachdenken, wenn man diesen emotional und geschmackvoll gestalten möchte. Auch hier gilt es, gelernte Theorie, alle Fingerübungen niemals bewusst ins Gedächtnis zu rufen oder sie gar nur abzuspulen, sondern darauf zu vertrauen, dass Gefühl, Training und Erfahrung die Darbietung quasi automatisieren. In der Livemusik bekommt man außerdem eine sofortige akustische Rückmeldung aller Entscheidungen und Aktionen, deshalb muss man in dieser Phase eigentlich nicht viel bewusst analysieren. Wenn man sich auf den Moment konzentriert und den eigenen Fähigkeiten vertraut, geschehen alle Handlungen so auch um ein Vielfaches schneller und präziser. Von Zeit zu Zeit sollte man aber aus diesem Zustand heraustreten, um beispielsweise nötige technische Korrekturen vorzunehmen oder sich über die Setlist über anstehende Besonderheiten innerhalb der nächsten Songs zu informieren.

Die Ohren

Sollte ich das Gefühl haben, dass mein eigenes Gehör Ermüdungserscheinungen zeigt, so versuche ich, es im Laufe des Sets so gut es geht neu zu »kalibrieren«. Weiter oben geschilderte Ortswechsel stellen eine Möglichkeit dar, oft höre ich aber auch das Konzert durch meine eigenen In-Ears, wobei ich entweder die Summe oder einzelne Kanäle oder Gruppen im Solo-Modus abhöre. Wenn man dann nach einiger Zeit die In-Ears entfernt, bekommt man einen wertvollen neuen »ersten Eindruck«, wie der Gesamtsound eigentlich klingt. Man gewinnt praktisch die Möglichkeit, das Konzert mit frischen Ohren zu hören. Ich mache von dieser Arbeitsweise recht häufig Gebrauch – auch weil die isolierenden Hörer einen guten Schutz vor zu hohem Schalldruck bieten. Je öfter ich den Eindruck der Summe über die In-Ears mit dem realen Klangeindruck im Zuschauerraum vergleiche, umso besser kann ich auch Mixentscheidungen mit den In-Ears treffen. Gerade Sets, die ich gut kenne, habe ich mit dieser Methode – vor allem bei ungünstigem Aufbau des Pultes wie etwa neben der Bühne – schon teilweise ausschließlich so abgemischt. Generell bevorzuge ich in solchen Situationen aber eigentlich Nahfeldmonitore. Das zwischenzeitliche Abhören der Show über In-Ears bietet aber auch eine gute Möglichkeit, Abstand zum Mix zu gewinnen oder die Ohren zu schonen, ohne etwas zu verpassen. Man hört gewisse Details sogar deutlicher. Alternativ halte ich mir (unauffällig, um den Künstler nicht zu verunsichern oder falsche Signale ans Publikum zu senden) für einige Sekunden die Ohren zu und beurteile das Klangbild danach neu.

Aufmerksamkeit

Generell versuche ich, ständig mit rotierender Aufmerksamkeit zu hören, wenn ich das Klangbild analysiere – also meine Konzentration auf bestimmte Aspekte des Sounds ständig hin- und herwandern zu lassen. Sollte man sich beispielsweise ausschließlich auf den Snaresound konzentrieren, verliert man logischerweise den Überblick über den Gesamtsound und die Wirkung beispielsweise des Verhältnisses zwischen Instrumenten und dem Gesang.

Auch läuft man bei zu viel Fokussierung auf Details eventuell Gefahr, zu viel Zeit und Aufmerksamkeit mit Tweaks an für den Gesamteindruck relativ unerhebliche Kleinigkeiten zu verschwenden. Wichtige Korrekturen sollten sich ohnehin intuitiv ergeben und schnell ausgeführt werden, sofern man dies nicht bereits beim Soundcheck erledigt hat – den ich aus denselben Gründen möglichst schnell abwickle.

Hinweis

Ich möchte aber in keinster Weise von der nachträglichen Veredelung gewisser Sounds abraten. Feinschliff bleibt selbstverständlich erlaubt, aber bitte nicht den Einsatz eines Sängers oder des Keyboardsolos verpassen, weil man gerade ausprobiert, ob eine Handvoll Millisekunden mehr dem Hold des Basskompressors guttun.

Ich finde es insgesamt häufig wichtiger, die Gesamtdramaturgie des Sets sowie meine Mitwirkung beim »Arrangement« der Songs im Auge oder Ohr bzw. unter den Fingern zu behalten.

Ein Teil meiner Aufmerksamkeit gilt außerdem ständig eventuellen Zeichen der Band, welche mir signalisieren, dass sie irgendetwas von mir benötigen. Es kann sich dabei um offensichtliche Zeichen – wie das Zeigen auf das Instrument und das anschließende Deuten zur Zimmerdecke – oder eher subtile handeln. Wenn beispielsweise ein Gitarrist häufig ein Ohr in Richtung PA hält oder sich ständig zu seinem Amp bewegt, kann das darauf hindeuten, dass er sich selbst im Monitor nicht gut hört. Falls bestimmte Musiker ungewöhnliche Schwankungen im Timing haben, brauchen sie vielleicht mehr Schlagzeug im Monitor. Sänger, die einfach zu laut oder gepresst singen oder sich in schwierigen Passagen ein Ohr zuhalten, hören sich vielleicht einfach nicht gut auf der Bühne. Hier hilft es enorm, die Musiker besser zu kennen, um ihre unbewussten Signale sicherer wahrzunehmen und deuten zu können.

 

Mikrofonierungen, Soundcheck, Tools …

Die für die üblichen Rock-Instrumente verwendeten typischen Mikrofonierungsweisen beschreibt Eike Hillenkötter in einem eigenen Beitrag, den Ihr hier im Mikrofon-Workshop findet! Seine Tipps gibt es außerdem zum Soundcheck und den nötigen Tools in der Werkzeugkiste!

Ausschnitt aus dem Buch „Live mischen – Praxiswissen für Tontechniker und Musiker“ von Eike Hillenkötter.
Erschienen im mitp-Verlag, zu beziehen – wie viele weitere Bücher zum Thema Veranstaltungstechnik – hier in unserem PRODUCTION PARTNER Shop!

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Großartig: Der Kollege hat 100% recht. So läuft das bei denen, die Musik lieben, Musiker kennen , verstehen und auch was für das Publikum tun wollen. Klasse geschrieben !

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    1. Danke für die netten Worte 🙂

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  1. Live Sound Soundcheck › Production Partner

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