Beschallung in der Höhle

Kultig: German Kultrock Festival in der Balver Höhle

“Old Men rock harder” steht auf den Plakaten der Krautrocklegende jane – im August 2015 konnte man sich im Sauerland vom Wahrheitsgehalt des zweckoptimistischen Slogans überzeugen.

Balver Höhle
Die Balver Höhle: Der Kalkfelsendom wird als „größte Kulturhöhle Europas“ bezeichnet. (Bild: Jörg Küster)

Das German Kultrock Festival trägt seinen Namen nicht ohne Grund, und auch die sechste Auflage am 22. August 2015 verdiente das Attribut „kultig“: Die seit 1970 aktive Hannoveraner Formation jane gab sich beim Festival ebenso die Ehre wie Ex-Scorpions- Gitarrero Uli Jon Roth nebst Band. Kultische Verehrung wird spätestens seit einem bemerkenswerten Auftritt im Tarantino-Film „From Dusk Till Dawn“ auch Tito & Tarantula zuteil, und auf dem Weg zum Kultstatus befindet sich die Münsterländer Rockhoffnung Zodiac, die klingt, als hätte man Led Zeppelin mit Pink Floyd und Thin Lizzy zu einem zeitgemäßen Rocksound vermengt. Die Rolle des Openers fiel 2015 der Osnabrücker Band nowaytonorway zu. Die ausverkaufte Veranstaltung lockte 1.500 Gäste in eine beschauliche Region des Sauerlands. Wie in den Vorjahren fand das German Kultrock Festival in der Balver Höhle statt.

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Der etwa 50 Kilometer südöstlich des Ruhrgebiets gelegene Kalkfelsendom wird als „größte Kulturhöhle Europas“ bezeichnet und soll bereits in der Eiszeit Jägern und Sammlern bei seinerzeit vermutlich als recht angenehm empfundenen 11 Grad Celsius Schutz geboten haben. Die Vorstellung, in einer derartigen Umgebung Konzerte auszurichten, erscheint unter akustischen Erwägungen im ersten Moment bizarr, doch der Genius Loci entfaltet eine mächtige Wirkung – sofern man sich im direkten Abdeckungs – bereich der PA aufhält, sind die Höhlenkonzerte ein vergnügliches Gesamterlebnis; weiter hinten in fast 90 Meter Tiefe sind die Audioerfahrungen dagegen von eher spezieller Natur. Die nächste Möglichkeit zu einem rockigen Nostalgie-Trip besteht in Balve am 16. August 2016, wenn die britischen Schwermetaller UFO und die Berliner Retro-Psychedeliker Kadavar die Karstwände erzittern lassen werden.

Balver Höhle
Blick aus dem hinteren Bereich der Balver Höhle in Richtung Bühne, die sich vor dem von Vorhängen verdeckten Eingang befindet. (Bild: Jörg Küster)

Höhlenbeschallung

Seit 45 Jahren ist Harro Kleffmann (61) in der Branche verhaftet; bekannt ist der Tonmann nicht zuletzt durch seine Tätigkeit für die legendäre Formation Grobschnitt. Seit 1980 leitet Kleffmann in Hagen die Firma hk-showtechnik (www.showare.de), welche laut Aussage des Inhabers etwa 250 Veranstaltungen pro Jahr betreut – bei der überwiegenden Mehrzahl der Aufträge handelt es sich um Konzertveranstaltungen in Nordrhein-Westfalen. Zur Beschallung der Balver Höhle setzte Harro Kleffmann auf Lautsprechersysteme aus eigener Entwicklung. Die mit dem Label shoWare gekennzeichneten Boxen begleiten den Tonmann bereits seit vielen Jahren, werden allerdings nach seinen Worten in regelmäßigen Abständen modifiziert, um weitere Verbesserungen zu erreichen: „Meine Eigenentwicklungen kann ich bei Konzerten regelmäßig testen, und aus den Erfahrungen im Live-Einsatz lerne ich“, so Kleffmann. „Über die Jahre hat sich das Ganze zu einem wirklich guten System entwickelt.“

Ziel der Entwicklung war laut Kleffmann „eine große HiFi-Anlage, die jede Art von Musik mit einer linearen Wiedergabe von 30 Hz bis 20 kHz überzeugend reproduzieren kann.“ In Balve kam ein aktiv angetriebenes Vierwege-System zum Zuge: Die bei 125 Hz getrennten Bässe waren aus Platzgründen unter der Bühne aufgestellt worden; Verwendung fanden insgesamt 16 horngeladene 15″-Speaker von JBL in sechs Doppel- und vier Einzelgehäusen. Das zugehörige Mittel-/Hochtonsystem ist mit einem 12″-Speaker bestückt, zu dem sich ein horngeladener 2″-Treiber und sieben Tweeter gesellen. „Die Tweeter zeigen in unterschiedliche Richtungen; die konstante Abstrahlcharakteristik beträgt 90 × 25 Grad“, erklärt der stolze Entwickler.

shoWare beim German Kultrock Festival
shoWare: Vier Topteile wurden pro Seite geflogen. (Bild: Jörg Küster)

Vier Topteile wurden 2015 pro Seite geflogen. Aus dem digitalen Mischpult wurde eine analoge L/R-Summe einem dbx DriveRack-Prozessor zugeführt, welcher die Endstufen (pro Seite 8 × LD Systems LDDP4950) ansteuerte. Auch die Bühnenmonitore stammten aus der Entwicklung von Harro Kleffmann. Die kompakten Wedge-Gehäuse sind mit einem 12″-Speaker sowie einem 1″- Treiber samt Horn bestückt und sollen hoch belastbar sein; die robuste Konstruktion wird auch den Kletterwünschen von Metal-Posern gerecht. In Balve waren zehn shoWare-Monitore im Einsatz; die Schlagzeuger wurden ergänzend mit einem aktiv betriebenen Zweiwege-Drumfill (2 × Sub + 2 × Top) versorgt. In-Ear-Monitoring stand bei den in der Höhle auftretenden Bands nicht zur Debatte.

Naturhall

Beim German Kultrock Festival ist Harro Kleffmann regelmäßig anzutreffen, so dass ihm die akustischen Eigenschaften der Balver Höhle bestens vertraut sind. „Die Höhle klingt wie ein sehr gutes Hallgerät!“, scherzt er und weist darauf hin, dass aufgrund der zerklüfteten Wandbeschaffenheit Flatterechos kaum in Erscheinung treten. „Ein wichtiger Faktor ist die Ausrichtung der Lautsprecher, welche direkt auf das Publikum zielen und möglichst nicht auf die Höhlenwände treffen sollen“, so Kleffmann. Bei der ausverkauften Veranstaltung im August 2015 war das tonnenförmige Gewölbe gut besucht ohne überfüllt zu sein, was sich vorteilhaft auf das Klangbild auswirkte: „Die Hälfte des natürlichen Nachhalls ist weg, wenn die Leute drin sind“, weiß der Tontechniker aus Erfahrung. Speziell bei jüngeren Acts registriert Harro Kleffmann oft fragende Blicke, wenn sie die shoWare-Anlage zum ersten Mal sehen: „Ich sage den Musikern dann immer, dass sie sich die Anlage doch erst einmal anhören sollen – die Resonanz ist hinterher immer positiv!“, sagt Kleffmann.

Schlagzeug
Schlagzeuger wurden mit einem aktiv betriebenen Zweiwege-Drumfill (2 × Sub plus 2 × Top) versorgt. (Bild: Jörg Küster)

Beim German Kultrock Festival war der FOH-Platz mit einer digitalen Midas M32-Konsole bestückt; als Monitorpult fand ein Behringer X32 Verwendung. „Im Lager habe ich immer noch Analogpulte, aber bei einem Festival mit fünf Bands ist es einfach sehr praktisch, komplette Pulteinstellungen auf Knopfdruck speichern zu können“, kommentierte Kleffmann, der in Balve die erste Band mischte und während des Abends den FOH-Leuten der auftretenden Formationen zur Seite stand. Die von der Bühne kommenden Signale wurden über einen analogen Splitter auf die beiden Pulte verteilt; die bunt gemischte Mikrofonierung beinhaltete die „üblichen Verdächtigen“.

nowaytonorway

Axel Hoffmann, Gitarrist des OpeningActs nowaytonorway äußerte sich unmittelbar nach dem Auftritt in der Balver Höhle begeistert: „Die Location ist der absolute Oberhammer – wenn man von der Bühne in die beleuchtete Höhle schaut, sieht das einfach großartig aus! Für die Leute am Tonpult mag die Location eine Herausforderung sein, aber für uns als Band war der Auftritt klasse. Wir hatten den Luxus, dass die Bühnen monitore auf fünf Aux-Wege verteilt waren, so dass individuelle Klangwünsche erfüllt werden konnten. Ich habe mich auf der Bühne super gehört und konnte auch alle anderen gut hören. Der klare und kraftvolle Sound hat auf alle Fälle mit dazu beigetragen, dass wir sauber spielen konnten und uns wohlgefühlt haben. Wir hatten Spaß in der Höhle – gerne wieder!“

The Times They Are Changin’

Harro Kleffmann
Harro Kleffmann ist seit 45 Jahren in der Branche verhaftet; bekannt ist der Tonmann nicht zuletzt durch seine Tätigkeit für die legendäre Formation Grobschnitt. (Bild: Jörg Küster)

Harro Kleffmann ist ein Urgestein der deutschen Szene, und auch nach Jahrzehnten im Business ist ihm die ausgeprägte Leidenschaft für guten Sound immer noch deutlich anzumerken. Mit hk-showtechnik hat der erfahrene Tonmann eine Nische gefunden, die für ihn und sein Team funktioniert – dank Empfehlungsmarketing ist die Auftragslage gut. „Wenn ich heute einsteigen würde, wüsste ich nicht, ob ich als selbstständiger Verleiher arbeiten wollte“, merkt Kleffmann nachdenklich an. „Es ist inzwischen sicher schwerer als zu meiner Zeit: Vor 35 Jahren konnte man mit einer vergleichsweise kleinen Anlage bei überschaubaren Investitionen eine Menge Jobs machen, was in dieser Form heute undenkbar ist. Die Zeiten haben sich geändert, die Technik ebenfalls, der Wettbewerb ist sehr hart geworden.“

 

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Ich bitte einmal um Kontaktaufnahme von Jörg Küster. So ein toller bericht, schade dass ich den jetzt eher durch Zufall über Facebook bekomme. Rockige Grüße, Guido Simm

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